27.09.2010

LITERATURDas Sehen üben

Wer du auch seist: am Abend tritt hinaus / aus deiner Stube, drin du alles weißt." Obwohl Moritz von Uslar, 40, sich erst am späten Vormittag seines Reporterlebens befindet, könnten diese Rilke-Zeilen das Motto seiner Reise in die größte denkbare Ferne gewesen sein. Diese Ferne liegt ganz nah, in der coolen Heimatstadt, und sie scheint nur allzu bekannt. Wie oft schon wurde "mit dem dicken Berliner Lifestyle-Stift über das ganze Ost-Elend und die Plattenbauten drübergefahren"? Tristesse, Hartz IV, junge Nazis, alte Verlierer, das alles kennen wir. Gerade das ist die Herausforderung, noch einmal das Sehen zu üben, wo alles schon durch Fertigsätze verstellt ist, sich leer zu machen in einer Art sozialer Meditation. Zu erzählen, was passiert, wenn gar nichts passiert. Wenn man mit Blocky und Rampa und Raoul im bumsvollen Lokal der Schröder-Familie in einer Kleinstadt in Oberhavel, Brandenburg, Biere und Kümmerling-Schnäpse trinkt. Wenn man sich zum ambulanten Einwohner macht, für ein paar Monate, und mit den Jungs von 5 Teeth Less in den Proberaum fährt, und wenn man mit ihnen und dem Rest der adoleszenten Bevölkerung lange Sommernächte an der Aral-Tankstelle übersteht. Wenn man die Scherzkonventionen wie ein Ethnologe beschreibt, der unter Alkohol- und Sympathie-Einfluss allmählich die Distanz verliert. Um sich zu fassen, verbringt Uslar, ein ehemaliger SPIEGEL-Redakteur, kostbare Viertelstunden in eichendorffscher Muße an der trägen Havel, gleich unter der grauen Stadt. Und denkt, ob er will oder nicht, denn eigentlich will er nicht denken, über den sozialen Eigensinn nach, mit dem in einem toten Winkel der Republik die unproduktive Zeit mit Ritualen lebendig wird: viel Neues unter der Sonne. Viel von der andächtigen Ratlosigkeit, mit der, wenn's gutgeht, Verstehen beginnt. Und schließlich eine existentialistische Erzählung mit gleich drei überraschenden Tugenden: Anmut, Ironie, Zärtlichkeit.
Moritz von Uslar: "Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung". Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 384 Seiten; 19,95 Euro.

DER SPIEGEL 39/2010
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