27.09.2010

DISSIDENTEN„Das Gefängnis war mein Lehrmeister“

Der chinesische Autor Liao Yiwu, 52, ist Gast des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Seine Porträts von Leichenwäschern, Prostituierten, Dorfschullehrern und politischen Aktivisten erschienen 2009: „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser. Chinas Gesellschaft von unten“.
SPIEGEL: Herr Liao, nach 15 Jahren durften Sie erstmals nach Europa kommen: Zeigt das eine Kehrtwende in der chinesischen Kulturpolitik?
Liao: Auch Zensoren haben Gefühle, aber was den Ausschlag gab, mich ausreisen zu lassen und nicht wie im März anlässlich der lit.Cologne wieder aus dem Flugzeug zu holen - wer kann das wirklich wissen? Ich könnte mir vorstellen, dass Angela Merkels Initiative damit zu tun hat.
SPIEGEL: Die Bundeskanzlerin hat sich für Ihre Ausreise eingesetzt. Wie kam es dazu?
Liao: Ich habe ihr im letzten Jahr eine Raubkopie des Films "Das Leben der Anderen" geschickt, mit einem persönlichen Brief: Vergiss diesen Teil Deines Lebens nicht! Geheimdienste folgen offenbar überall auf der Welt denselben Gesetzen. Und ein Teil der deutschen Bevölkerung kann sicher nachvollziehen, was wir in China erleben. Die Ausdauer, der Trotz, das Beharren auf einem freien Leben - das alles verbindet unsere Dissidentenkultur mit dem Land, in dem ich jetzt für sechs Wochen bin.
SPIEGEL: Sie sind ein Kind politisch verfemter Eltern, Sie waren inhaftiert und wurden gefoltert. Was gibt Ihnen die Kraft, immer weiterzumachen?
Liao: Wir Chinesen haben einen tiefen Glauben an eine elementare Bestimmung. Ohne meine Gefängniserfahrung, ohne den Weg in die untersten Schichten der Gesellschaft wäre ich sicher ein anderer Autor geworden. Der Hunger, die Obdachlosigkeit und das Gefängnis waren meine Lehrmeister.
SPIEGEL: Was geschieht, wenn Sie im November nicht zurückdürfen?
Liao: Darüber denke ich nach, wenn es so weit ist. Ich bin ein zäher Charakter. Wenn ich nicht zurückdarf, versuche ich es wieder 15 Jahre lang. Hier hätte ich vermutlich ein komfortables Leben - aber als chinesischer Autor wäre ich arbeitslos.

DER SPIEGEL 39/2010
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