27.09.2010

AUTORENZu Besuch in einem Roman

Der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis präsentiert nach 25 Jahren die Fortsetzung seines Achtziger-Jahre-Klassikers „Unter Null“ und verwischt dabei die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit.
Als wäre man hier schon einmal gewesen, so kommt es einem vor in der Art-déco-Eingangshalle des Doheny Plaza, eines Appartement-Hauses an der Grenze zwischen West Hollywood und Beverly Hills. Der Portier hat soeben oben in der Wohnung den Besuch angekündigt. "Mr. Ellis", sagt er, als er den Hörer auflegt, "braucht noch ein paar Minuten. Sie können dort vorne Platz nehmen."
Dann fällt es einem ein. Doheny Plaza, von diesem Haus und sogar von der Eingangshalle hatte man doch gerade noch gelesen. Hier wohnt nämlich nicht nur Bret Easton Ellis, der umstrittene, legendäre, immer etwas merkwürdige Schriftsteller. Hier wohnt auch Clay. Clay ist der Held in Ellis' neuem Roman "Imperial Bedrooms"(*). Und Clay ist auch jene moralisch bankrotte Romanfigur aus Ellis' Roman "Unter Null", mit dem der Schriftsteller vor 25 Jahren berühmt wurde.
Oben, im elften Geschoss des Doheny Plaza, öffnet er die Tür. Er ist barfuß. Sein Gesicht sieht runtergewohnt aus, die Haare unecht. Im Hintergrund huscht ein junger Mann nur in einem Unterhemd durchs Bild, hinein ins Schlafzimmer, wo die Jalousien heruntergelassen sind. Ellis scheint aus dem Bett zu kommen.
"Betont schlicht gehalten, in weichen Beige- und Grautönen, mit Hartholzbö-
den und eingelassenen Lampen, gerade mal 110 Quadratmeter groß - ein Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer, ein ansehnliches Wohnzimmer, das sich zu einer futuristischen, blitzblanken Küche hin öffnet." So steht es in dem Buch, und genauso sieht es hier bei Ellis aus. Der Besucher betritt nicht die Wohnung des Schriftstellers. Er betritt den Roman.
Die Wohnung ist auf 15 Grad heruntergekühlt, es summt die Klimaanlage, der kalte Rauch seiner Marlboro Gold steht in den Räumen. Ellis geht zum Kühlschrank in der "futuristischen, blitzblanken Küche" und holt eine Cola heraus, bietet sie an. Neben der großen Angebercouch lehnt eine Gitarre, Ellis schlägt vor, ins Arbeitszimmer zu gehen.
Interessanterweise haben zwei andere Journalisten, die Ellis in den Wochen zuvor besucht hatten, exakt das Gleiche erlebt, das Warten beim Portier, die nackten Füße, die Cola-Dose, die Gitarre neben dem Sofa, die Kälte in dem Appartement, sogar den Jungen im Unterhemd, der ins Schlafzimmer huscht.
Es scheint, als baute Bret Easton Ellis hier eine Art Geisterbahn für die Journalisten auf, eine Kulisse, die in Wahrheit genauso eine Fiktion ist wie sein Roman.
"Wir können nun das Interview mit dem Schriftsteller beginnen", sagt Ellis in seinem Arbeitszimmer. Er sitzt hinter seinem Apple-Rechner, schaut YouTube-Videos und betont das "mit dem Schriftsteller" fast höhnisch.
Seit dem Erscheinen von "Unter Null", Ellis' Debüt von 1985, stellt sich ja bei Ellis die Frage, wie wirklichkeitsnah seine erschütternden Bücher eigentlich sind: ob sie als Zeugnis einer verrückt gewordenen, kranken Zeit zu lesen sind. Oder ob sie gar das Produkt eines sehr gestörten Gehirns waren, das sich mühelos in einen Psychopathen hineinversetzt und vielleicht sogar gemeingefährlich sein könnte. So war es bei "American Psycho", als Ellis aus der Perspektive des Wall-Street-Investmentbankers und Serienmörders Patrick Bateman ein in der Literatur bis dahin unerhörtes Maß an gleichermaßen gleichgültig wie detailgetreu geschilderten Gewalt- und Sex-Exzessen etablierte. "American Psycho" war zeitweilig in Deutschland indiziert, beide Bücher hat Hollywood verfilmt, "Unter Null" passenderweise mit dem selbst ziemlich drogenaffinen Robert Downey Jr. in einer Hauptrolle.
Ellis' neuer Roman "Imperial Bedrooms" ist die Fortsetzung von "Unter Null" - und damit ein riskantes Unterfangen. "Unter Null" gilt als eines der wichtigsten literarischen Zeugnisse der achtziger Jahre, das Buch erzählt von ein paar gutgestellten um die 20-Jährigen in Beverly Hills, die ihr Nichteinverstandensein mit der Welt dadurch artikulieren, dass sie sich in einer Mischung aus Erlebnishunger, Leere und Menschenverachtung in ihr verlieren.
Die Gleichgültigkeit, die Kälte dieser Achtziger-Jahre-Jugend und das Schulterzucken, mit dem Ellis all dies schilderte, konnte damals nach den idealistischen siebziger Jahren nur als Kampfansage verstanden werden. Plötzlich war da eine Literatur, die mit beiden Beinen im Präsens stand, die Widersprüche nicht überdecken, schwer Erträgliches nicht beschönigen wollte und die so frei von literarischem Ornament war, dass sie keinen Spielraum für Interpretationen ließ - obwohl natürlich diese Literatur für die meisten Leser nur erträglich wurde, wenn man sie interpretierte. Wenn man sie als Gesellschaftskritik las, die sie nicht war.
"Gesellschaftskritik?", ruft Ellis hinter seinem Schreibtisch. "Clay, das war ich. Ich habe es immer abgestritten, um mich zu schützen. Aber ich habe alle diese Dinge getan. Ich war auf diesen Partys, es waren meine Gewaltphantasien und meine Wut darüber, wie abstoßend ich die Welt fand, in der ich lebte. Gesellschaftskritik? Nein. Kampfansage? Ja."
Diese Kampfansage drückte aus, was ab Mitte der achtziger Jahre eine ganze Generation fühlte. Die Weisheit im Banalen zu erkennen, die Feier des Oberflächlichen, die Vermeidung von klaren Positionen, die Ablehnung emotionaler Verbindlichkeiten - all dies sorgte auch
in Deutschland für einen ganzen Kulturzweig mit Romanen wie "Faserland" von Christian Kracht und all seinen Epigonen sowie Zeitschriften wie "Tempo", die Ellis' eiskalten Blick auf die Welt übernahmen. "Unter Null" wurde in den Kanon der großen Zeitgeistromane einsortiert, "Der große Gatsby" für die zwanziger Jahre, "Der Fänger im Roggen" für die fünfziger, Ellis für die achtziger.
Nun, in "Imperial Bedrooms", tauchen die von Ellis vor über 25 Jahren erfundenen Figuren wieder auf, der Erzähler Clay, die hübsche Blair, der verzweifelte Julian und der Drogendealer Rip, der aber, wie wir bald erfahren, inzwischen nach einigen Schönheitsoperationen aussieht, "als wäre er kurz in ein Säurebad getaucht worden".
Sie sind alle 25 Jahre älter geworden, nicht unbedingt schöner, nicht unbedingt erwachsener, eher ruchloser, und so gelangt "Imperial Bedrooms" zwangsläufig zu einer moralischen Frage: Können Menschen sich ändern? Kann jemand, dem wie Clay in einer der erschütterndsten Passagen von "Unter Null" angesichts der Vergewaltigung einer Zwölfjährigen nicht mehr einfällt, als dass das irgendwie nicht "recht ist", sich ändern? Kann er, der sich immer stärker entgrenzte und entfremdete, mit 45 zurückfinden in funktionierende menschliche Beziehungen, oder bleibt so jemand lebenslang ein Zombie?
In "Imperial Bedrooms" ist der ehemalige Collegestudent Clay nun ein erfolgreicher Drehbuchschreiber, er kommt, wie sein Erfinder Ellis, inzwischen selbst 46 und ebenfalls Drehbuchautor, nach einigen düsteren Jahren in New York zurück nach Los Angeles. Nach und nach trifft er, widerwillig, die alten Freunde aus "Unter Null". Keiner hat sich verändert, abgesehen von ihren operierten Gesichtern.
Clay gönnt sich immer noch zu viele "Grey Goose"-Wodkas, die Drogen kicken ihn nicht mehr, der Sex, der in "Unter Null" schon frei von Gefühl war, ist jetzt nur noch notgeil.
Was bei einem 20-Jährigen als Suche oder Rebellion durchgehen kann, heißt bei einem 45-Jährigen schlichtweg Verzweiflung. "Imperial Bedrooms" ist deswegen zunächst zutiefst pessimistische Literatur, denn das Menschheitsbild, das ihr zugrunde liegt, verneint jede Fähigkeit zur Entwicklung.
Doch tatsächlich geht es Ellis um diese Frage nur in zweiter Linie. In Wirklichkeit stellt er mit diesem Roman ein Experiment an, das über Literatur hinausgeht.
An diesem Nachmittag im Doheny Plaza präsentiert sich Ellis als ein Schriftsteller, der in der Kulisse seines Romans haust; ein Schriftsteller, der genauso gut seine eigene Romanfigur sein könnte. Er berichtet, weil Schriftsteller das wohl tun, von seinem verstorbenen Vater, der ihn nie akzeptierte - dort drüben, man kann es von hier aus sehen, in dem Hochhaus in Century City, habe der Vater gewohnt, nachdem er die Familie mit seiner Wut und seinem Alkoholismus jahrelang gequält und schließlich verlassen hatte. Er erzählt eine Episode von einem Journalisten, der ihn in Berlin auf der Toilette sexuell befriedigen wollte, und davon, wie er Raymond Chandler las, als er nach Los Angeles zurückzog, und davon Verfolgungswahn bekam.
Ob irgendetwas davon stimmt? Es ist nicht auszumachen, Ellis hat seinen Roman in die Wirklichkeit hinein verlängert. Wenn bisher die Frage an Literatur lautete, wie viel wirklich Erlebtes in der Fiktion steckt, hat Ellis den Datenstrom nun in die andere Richtung geöffnet: Wie viel Fiktion steckt in dieser Welt, die wie hier vor uns sehen?
Zur Verabschiedung sagt der Schriftsteller, am nächsten Abend sei vielleicht eine gute Party in den Hollywood Hills. Ob man dahin wolle, er könne das arrangieren. Er selbst gehe eigentlich nicht mehr auf Partys. "Ich nehme auch keine Drogen mehr. Obwohl neulich in London habe ich wieder ein bisschen …", doch da ist man schon im Fahrstuhl.
Am nächsten Abend meldet sich tatsächlich eine Halbjapanerin "im Auftrag von Bret Ellis", wie sie sagt, und schickt eine Adresse: Blue Jay Way heißt die Straße. Auch diese Adresse kommt einem bekannt vor. George Harrison hat vor über 40 Jahren dort einige Zeit verbracht und ein Lied der Beatles nach dieser Straße benannt, sie ist kaum zu finden, eng, kurz und verschlängelt liegt sie in den Hügeln von Hollywood.
Man muss klingeln, vor der Tür ist es dunkel. Das Haus ist ein U-förmiger Bungalow mit Swimmingpool, die offene Seite gewährt den Blick über die verschwommenen Lichter von Los Angeles. Es ist tatsächlich das Haus, in dem George Harrison "Blue Jay Way" geschrieben hat, heute gehört es angeblich der Schauspielerin Charlize Theron.
Er hüte ein, sagt der Gastgeber, ein gutaufgepumpter, gutgebräunter, gutbetrunkener Mann Ende zwanzig. Gerade sind ein paar Russinnen einmarschiert. Ellis ist nicht da, obwohl er eigentlich mitnotieren müsste, was diese Amerikaner hier, die meisten Mitte zwanzig, großgeworden auf Internaten in Gstaad und seitdem in Langeweile erstarrt, so alles sagen. Bret wolle ja noch kommen, sagt der Gastgeber.
Ein Nebel liege über Los Angeles, heißt es in dem Beatles-Song, den Harrison hier oben geschrieben hat, und die Freunde, die er erwartet, sie haben sich verirrt in den Bergen und im Nebel, und irgendwann im Laufe des Abends, im Nebel und in den Bergen, ist es für Harrison nicht mehr auszumachen, was noch wirklich ist und was ausgedacht.
Bret Easton Ellis ist natürlich nicht gekommen.
(*) Bret Easton Ellis: "Imperial Bedrooms". Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Hedinger. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 224 Seiten; 18,95 Euro.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 39/2010
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