27.09.2010

Schlaganfall mit Eselin

Buchkritik: Yann Martel schreibt in seinem neuen Roman über das Unaussprechliche.
Das Scheitern ist der Beginn. Henry, ein sehr erfolgreicher Schriftsteller, hat fünf Jahre an seinem dritten Romanprojekt laboriert, und nun taumelt er durch den Hyde Park: In einem Londoner Nobelrestaurant wurde ihm gerade unmissverständlich bedeutet, dass sein tolles neues Manuskript niemanden überzeugt, weder die geladenen Gäste und erst recht nicht seine Verleger. Die Vorkoster spucken zurück.
Der Kanadier Yann Martel, 2002 berühmt geworden durch seine Parabel "Schiffbruch mit Tiger", erzählt seinen neuen Roman, als wäre er ihm selber geschehen: leicht und unprätentiös, direkt und gewissermaßen von Herz zu Herz. Und er hält sich auch in "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts" (im Original: "Beatrice and Virgil") an mindestens zwei weitere seiner Erfolgsrezepte. An das Gesetz der glücklichen Fabel, das heißt: erst der Abgrund, dann das Glück. Und an das Gesetz des perfekten Plots, der mitreißend und geheimnisvoll ist. Den eher rätselhaften Titel hat, wie schon bei "Schiffbruch mit Tiger" (eigentlich "Life of Pi"), der deutsche Verlag erdacht.
Der erfolglose Schriftsteller Henry fängt gleich nach dem Desaster an Spargelmousse ein neues Leben an. Er zieht mit seiner Familie ins Ausland, kümmert sich in seiner neuen Heimatstadt um den kleinen Sohn, macht bei einer Theatertruppe mit und jobbt in einem Fair-Trade-Café. Vielleicht, tröstet er sich, haben die Experten ja recht. Er hatte die fixe Idee, den Holocaust zu erzählen: Jenseits der Zeugenaussagen, jenseits der autobiografischen Romane von Kertész, Semprún und anderen müsste es doch möglich sein, aus der Geschichte Geschichten zu machen? "Bei historischen Ereignissen", so hat er es den Vorkostern zu erklären versucht, "sollen wir nicht einfach nur Zeugnis ablegen, nicht nur berichten, wie es war, damit die Toten zu ihrem Recht kommen. Neben dem histo-
rischen Wissen brauchen wir auch das Verständnis, das die Kunst liefert. Geschichten bieten Identifikation, sie halten Gruppen zusammen, sie geben einer Sache Bedeutung."
Die tatsächlichen Opfer, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind ohnehin sprachlos geworden; das Trauma hat sie überwältigt. Sind dann nicht gerade Autoren wie er, Henry, berufen, dieses Tabu zu brechen? Gerade weil er nicht einmal Jude ist, gerade weil er nicht traumatisiert, sondern seelisch lebendig ist und sich so mit Sprachkraft und Phantasie dem Unaussprechlichen nähern kann.
Doch was ist eine gute Idee, die niemandem einleuchten will? Henry entscheidet sich gegen den Trotz. "Die Sache war erledigt. Primo Levi und Anne Frank und all die anderen hatten es so gut gemacht, das reichte für alle Zeiten." Von nun an wird er zu jenen gehören, denen der Holocaust die Sprache verschlagen hat.
Wie aber in fabelhaften Geschichten üblich, naht Rettung von unerwarteter Seite. Henry erhält Fanpost von einem Leser, der an einem Manuskript zu ebendem Thema laboriert, an dem er, Henry, gescheitert ist. Nur sind es in dem Theaterstück des Dilettanten Tiere - ein Affe namens Vergil, eine Eselin namens Beatrice -, die sich mit beckettscher Unermüdlichkeit der Frage widmen, wie von dem Schrecken erzählt werden kann, der ihresgleichen zugestoßen ist. Von gewissermaßen willkürlicher Quälerei, von industrieller Schlachtung, von Ausbeutung, von beiläufiger wie planmäßiger Ausrottung.
Die Dialoge der Tiere sind Martels in jedem Sinne fabelhafte Antwort auf die von ihm aufgeworfene Frage, wie das künstlerische Tabu zu umgehen sei, das auf dem Thema Holocaust liegt - in Deutschland heftig diskutiert anlässlich Roberto Begninis Film "Das Leben ist schön" und des Comics "Maus" von Art Spiegelman. Verbietet die Würde der Opfer, wie beispielsweise der Filmemacher ("Shoah") und Autor Claude Lanzmann meint, eine fiktionale Bearbeitung des Geschehens, eine - horribile dictu - nachträgliche "Emotionalisierung" des Absoluten? Oder sind Unternehmen wie die Fernsehserie "Holocaust" nicht einfach notwendig, um die Berge von Akten, wie die von Schuhen und Brillen, zum Sprechen zu bringen?
In einer der eindrucksvollsten Passagen seines Romans denkt der Erzähler über die Sprachlosigkeit der Opfer nach. "Henry hatte eine Statistik im Kopf: Noch nicht einmal zwei Prozent der Holocaust-Überlebenden haben über ihre Qualen geschrieben oder gesprochen. Und das erklärt auch den Ansatz bei denen, die darüber sprechen, so präzise, so sachlich - wie ein Schlaganfallpatient, der wieder neu sprechen lernen muss und mit den einfachsten, klarsten Silben anfängt."
Martels Schlaganfallpatienten, das sind die Eselin Beatrice und der Affe Vergil. Sein Erzähler Henry hingegen schreibt wunderbar fließend, widerstandsarm, professionell. Martel ist ein pädagogischer Schriftsteller und appelliert an einen Leser, der moralisch geweckt und geistig genährt werden will, ohne an Widerständen wie Ekel, Depression und sprachlichem Stacheldraht zu scheitern. Damit steht er in der Tradition Voltaires und Diderots - Autoren, die ihre glattgeschliffenen Boote mit schwerer Fracht beluden. Da sie hervorragend navigierten, kam die Ladung fast immer ans Ziel.
Yann Martel: "Ein Hemd des 20. Jahrhunderts". Aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 224 Seiten; 18,95 Euro.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 39/2010
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