04.10.2010

Die Marke Nasarbajew

Kasachstan und der Schneeleopard / Von Erich Follath und Christian Neef
Es ist eine dieser sanften, wolkenlosen Nächte in Astana, in denen der Himmel über der angrenzenden Steppe nicht richtig dunkel werden will.
Hinter dem mächtigen Triumphbogen des Öl- und Gasministeriums, im "Park der Liebenden", ist eine Bühne aufgebaut. Kasachstans beste Künstler spielen Szenen aus der Geschichte des Nomadenlandes nach, der italienische Tenor Andrea Boccelli singt, auf der Ehrentribüne klatschen begeistert die Gäste. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew ist gekommen, sein türkischer Kollege Abdullah Gül, der Kronprinz von Abu Dhabi, Mohammed Bin Sajid Al Nahajan, und Jordaniens König Abdullah. Dazu die Staatschefs der Ukraine, Weißrusslands, Armeniens, Kirgisiens und Tadschikistans.
Mittendrin sitzt - rundes Gesicht mit hoher Stirn, den Scheitel sorgfältig gelegt, aber kaum eine Miene verziehend - ein Mann mit dem Outfit eines Sparkassenchefs. Es ist der Präsident: Nursultan Äbischuli Nasarbajew. Er hat in wenigen Stunden Geburtstag, es wird sein 70. sein.
Der älteste Sohn eines Hirten aus tiefster kasachischer Provinz hat es weit gebracht. Er war Metallarbeiter, später Generalsekretär der kasachischen Kommunisten, Staatschef Michail Gorbatschow wollte ihn kurz vor dem überraschenden Ende der Sowjetunion noch zu seinem Vizepräsidenten ernennen. Seit 20 Jahren ist er Staatschef von Kasachstan.
Es ist die Nacht zum 6. Juli. "Khan Shatyr" wird eingeweiht, das größte Zelt der Welt, entworfen vom britischen Stararchitekten Lord Norman Foster.
Fosters Werk ist ein Bau der Superlative: ein 102 Meter hoher und doch filigran wirkender Kegel mit fast durchsichtiger Kunststoffhaut, der eine ellipsenförmige Fläche von etwa 14 Fußballfeldern bedeckt. In ihm steckt, auf mehreren Etagen, ein Vergnügungszentrum, wie es noch kein Kasache gesehen hat: Es gibt karibische Palmen, Swimmingpools mit Sand aus Malaysia, Gärten und Wasserparks, Kinos ebenso wie Wellness-Tempel, eine Kinderwelt samt Karussells, Cafés, Boutiquen und einen Supermarkt.
Welch ein Geburtstagsgeschenk!
Dabei hatte Nursultan Nasarbajew seine Untertanen gewarnt. "Zu meinem Jubiläum gibt es keine Feierlichkeiten", hatte er im März die Akime, die Verwaltungschefs seines Landes, angewiesen: "Das ist ein Befehl; wenn irgendjemand von Ihnen doch etwas unternimmt, entlasse ich ihn." Aber die schlauen Beamten im Reich des Kasachen Nursultan Nasarbajew hatten längst den alljährlichen Feiertag der Hauptstadt Astana auf den 6. Juli gelegt. Und so präsentierten sie ihrem Herrscher auf diesem Weg doch ein Geschenk: das Khan Shatyr.
Nasarbajew hatte sich den 6. Juli natürlich genau so gewünscht - um der Welt einmal mehr vom aufblühenden Kasachstan zu künden und davon, wer dessen Schöpfer sei. "Astana ist zum grandiosesten Megaprojekt des gesamten postsowjetischen Raumes geworden", sagt er an diesem festlichen Abend. Und erinnert daran, dass er es war, der 1997 den Umzug der kasachischen Hauptstadt aus dem südlichen Almaty in die zugige Steppe nach Astana befahl. "Meine Entscheidung traf damals auf Unverständnis und Ablehnung, jetzt aber herrscht Begeisterung", sagt der Präsident: "Fortschrittliche Ideen haben es immer schwer."
Nun rundet sich sein Werk, das Khan Shatyr soll letzte Kritiker des Umzugs zum Schweigen bringen. Denn Astana ist nach Ulan Bator die zweitkälteste Hauptstadt der Welt. Selbst wenn das Thermometer im Winter unter minus 40 Grad fallen wird, können sich in Fosters Zelt 20 000 Menschen unter Palmen tummeln. Khan Shatyr ist der Gegenentwurf zu den Eisbahnen von Dubai.
Es gibt keinen Staatschef im ehemaligen Sowjetreich, der sich zu Lebzeiten ein Denkmal wie dieses Astana geschaffen hat. Zehn Milliarden Dollar hat der kasachische Herrscher bereits in der Steppe verbaut, um ein bäuerliches Provinznest zum Schaufenster des Landes zu machen - mit einem blendend weißen Präsidentenpalast, gläsernen Wolkenkratzern für die Ministerien, der "Nur-Astana"-Moschee für 5000 Gläubige, einem nagelneuen Diplomatenviertel, endlosen Shopping-Malls und Apartmenthäusern, in denen der Quadratmeter 4000 Dollar kostet.
Er hat es damit Leuten wie dem Komiker Sacha Baron Cohen gezeigt, der Kasachstan vor vier Jahren mit dem amerikanischen Kinohit "Borat" in böse Schlagzeilen brachte - als hinterwäldlerischen Staat, in dem Prostitution, Waffenschieberei und die Diskriminierung von Randgruppen blühten. Frauen würden in Pferdekäfigen gehalten, und das Nationalgetränk sei fermentierter Pferde-Urin, hatte Cohens Held, ein kasachischer Fernsehreporter, im Film gesagt und stolz die Vorzüge seines Heimatdorfes präsentiert: Man sah schlammige Straßen, Autowracks, die von Pferden gezogen werden, und Kinder, die im Kindergarten mit Mini-Schnellfeuergewehren hantieren.
Es war eine Parodie auf die Vorurteile, die der Westen gegenüber Ostblockstaaten noch immer pflegt, aber Kasachstans Präsident hatte das nicht bemerkt, er war so sehr beleidigt, dass er den Film bei sich zu Hause sofort verbot. Denn seine Republik ist die erfolgreichste im ehemaligen asiatischen Hinterhof der Sowjetunion. Nasarbajew, der sie unbeschädigt durch alle postsowjetischen Wirren steuerte, hat Großes mit ihr vor.
Kasachstan ist das neuntgrößte Land der Erde und das größte Binnenland der Welt. Fast 7000 Kilometer lang ist die Grenze zu Russland, im Osten reicht Kasachstan an China heran, im Süden grenzt es an Kirgisien, Usbekistan und Turkmenistan, im Westen ans Kaspische Meer. Kasachstan ist Asien und Europa zugleich, weshalb es im Europäischen Fußballverband Uefa mitspielen darf und derzeit den Vorsitz in der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) innehat. Es besitzt bis zu 7000 Meter hohe Berge und die größte Trockensteppe der Welt, riesige Öl- und Gasfelder, dazu Gold, Mangan, Kohle, und es ist der größte Uranproduzent der Welt.
Nasarbajews Reich hat nur einen Mangel: In seinen Weiten leben lediglich 16 Millionen Einwohner - statistisch gesehen nicht mal 6 Menschen auf einem Quadratkilometer. In Deutschland sind es 230.
Das werde, meint der Präsident, Kasachstan nicht daran hindern, in die Riege der 50 stärksten Länder der Welt vorzustoßen, zu Tigerstaaten wie Singapur oder Malaysia. Singapur sei vor 50 Jahren "eines der ärmsten Länder der Welt" gewesen, jetzt habe sich dessen Pro-Kopf-Einkommen um das 85fache erhöht, hat Nasarbajew seinem Volk erklärt. Ein Tigerstaat könne Kasachstan nicht sein, es habe keine Tiger, Schneeleoparden aber schon, sagte der Präsident und versprach: "Kasachstan wird bis zum Jahr 2030 der zentralasiatische Schneeleopard werden."
Das Land sei "auf dem Weg zur Führerschaft" in der Region, verkünden Plakate allerorts in Astana. Sie erinnern die Einwohner daran, dass dank der reichen Rohstoffvorkommen das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in anderthalb Jahrzehnten von 700 auf 8000 Dollar wuchs.
Es ist aber mehr noch ein Seitenhieb auf die ungeliebten Nachbarstaaten Kasachstans, deren Bevölkerung weder genügend Strom noch genügend zu essen hat und die wegen innerer Machtkämpfe, ethnischer Auseinandersetzungen oder demokratischer Experimente auf dem Weg in die Unabhängigkeit gescheitert sind, wie Nasarbajew meint.
Sie hätten es nicht geschafft, einen funktionierenden Staat aufzubauen, weil sie schwache Führungen hätten, hat er nach den Unruhen im benachbarten Kirgisien gesagt. Damit Kasachstan das nicht passiere, brauche es "einen mächtigen Präsidenten". Einen Mann wie ihn.
Nasarbajew hat sich in den vergangenen zehn Jahren zum Alleinherrscher entwickelt", sagt Amirschan Kossanow: "Er ernennt den Premierminister, die Verwaltungschefs aller Gebiete, die Richter bis runter zum Kreis, die Wahlkommission - und führt zudem die Staatspartei ,Nur Otan' (Licht des Vaterlands), die als einzige im Parlament vertreten ist. Unabhängige Zeitungen werden verfolgt, Konkurrenten, die ihm gefährlich werden konnten, hat er aus dem Land gejagt." Die Korruption sei horrend, die Kluft zwischen Arm und Reich unerträglich geworden.
Kossanow, einst Nasarbajews Vizeminister für Jugend und Sport, ist heute Generalsekretär der sozialdemokratischen Partei Asat. Sie hat ihren Sitz in der früheren Hauptstadt Almaty, weil Astana kein Pflaster mehr für Oppositionelle ist. Der Präsident verfolge Andersdenkende, er ziehe die Schrauben an, sagt Kossanow. Nirgendwo ist es leichter, Prominenz aus den liberalen Gründerjahren Kasachstans zu treffen als in der Villa von Asat. Ein ehemaliger Parlamentschef stellt sich vor, ein früherer Vizepremier, gleich mehrere ehemalige Gebietschefs sind da, ein einstiger Generalstaatsanwalt und sogar Kasachstans erster Kosmonaut. Alles Leute, deren sich der Präsident inzwischen entledigt hat und deren Bedeutung heute gegen null tendiert. Weswegen der Staat ihnen eine gewisse Narrenfreiheit einräumt.
Kossanow aber, mit flotter Zunge redend und dabei zufrieden seinen Schnauzer streichend, sieht "250 000" Anhänger hinter sich. "Nasarbajews Zeit ist abgelaufen", sagt er, "sein Regime ist schwach. Warum sonst hätte er akzeptiert, dass ihn sein Parlament jetzt zum ,Führer der Nation' ausgerufen hat, der bis zum Lebensende uneingeschränkt als Präsident wiedergewählt werden darf und der bis zum Tod vor Strafverfolgung geschützt ist?"
"Nasarbajew ist kein Diktator", hält der Politologe Marat Schibutow dagegen, "er hat nur eine ideologische Lücke geschlossen, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus entstanden ist" - besser als seine Amtskollegen in Kirgisien oder Tadschikistan. Er sei die einzige Klammer für dieses Land - und der Garant bescheidenen Wohlstands für einen kleinen Teil der Gesellschaft. "Der Kasache akzeptiert jede Ideologie, solange Geld in seiner Tasche ist."
Deswegen beschränkt sich das Volk darauf, über den Personenkult um den Präsidenten zu Hause, in den Wohnküchen, zu diskutieren. Denn an Nasarbajew kommt niemand vorbei. Seine Porträts schmücken Städte und Fernstraßen, im Fernsehen ist er allabendlich zu sehen. Er trifft sich mit jungen Geigerinnen im neuen Kunstpalast von Astana, er weiht die jüngste Universität der Hauptstadt ein, um ihr den Namen "Nasarbajew" zu verleihen, er besucht Walzwerke und Kohlenminen - und immer sind die Kameras dabei.
Kein Thema ist zu klein für einen internationalen Kongress in Astana, auf dem dann Nasarbajews Rolle als Politiker von Weltmaßstab gewürdigt wird. Auf dem "Wirtschaftsforum Astana", einer Kopie des Weltwirtschaftsgipfels von Davos, fordert der Präsident vor "namhaften ausländischen Gästen" eine neue Weltwährung, auf dem "Internationalen Rohstoffkongress" neue Regeln für die Ölförderung. Er hat es sogar geschafft, dass im Dezember erstmals seit elf Jahren wieder ein OSZE-Gipfel stattfinden wird - in Astana. "Der Name Nursultan Nasarbajew ist zu einem Markennamen in der Welt geworden", schrieb die "Kasachstanskaja prawda", das Zentralblatt Kasachstans.
Sie berichtet, mit ganzseitigem Titelfoto, dass in Ankara ein Denkmal Nasarbajews errichtet worden ist - als Anerkennung für seine Rolle in der turksprachigen Welt - und dass eine "3,5 Kilometer lange" Straße im jordanischen Amman nunmehr "Nursultan Nasarbajew Street" heißt. "Ihre historischen Taten werden jahrhundertelang im Gedächtnis des Volkes bleiben", schrieb die Leserin Gulmira Utegenowa aus der Stadt Turkestan.
Selbstverständlich gibt es in Astana ein "Museum des ersten Präsidenten Kasachstans". Es zeigt Spinnrad, Suppenschalen und Holzlöffel aus Nasarbajews ärmlichem Elternhaus, seine erste Schreibmaschine (Marke "Erika", DDR), sein erstes Empfangszimmer mit sechs Telefonen und allein zwei Räume, in denen jene Talare vorgeführt werden, die der Staatschef als Ehrendoktor im Ausland bekam.
Nasarbajew pendelt zwischen Bescheidenheit und Größenwahn, aber viele Kasachen finden das sympathisch, es gibt ihnen das Gefühl, dass das früher verlachte Nomadenland seinen Platz in der neuen Welt finden wird. "Der Präsident hat sich wenig Feinde gemacht", räumt sogar Opponent Kossanow ein. Aber es gebe Gefahren für den Nasarbajew-Staat.
Die erste ist Nasarbajews eigene Familie, die andere ein mächtiges Nachbarland: China.
Die zivilisierte Welt wird sich von Ihnen abwenden, Herr Präsident", schrie Kasachstans Botschafter in Österreich ins Telefon, dann brach die Verbindung nach Astana ab. Es war der 23. Mai 2007, und am Hörer in Wien war das schwarze Schaf der Nasarbajew-Familie: Schwiegersohn Rachat Alijew.
Alijew, früher Vizeaußenminister, Vize-geheimdienstchef und Mitbesitzer der damals siebtgrößten Bank Kasachstans, war beim Präsidenten in Ungnade gefallen. Der Schwiegerpapa hatte ihm angelastet, in zwei Entführungen verwickelt zu sein, und ihn nach Europa abgeschoben. Dort gab Alijew im Mai 2007 bekannt, bei der Präsidentenwahl 2012 gegen Nasarbajew antreten zu wollen.
Es war ein unglaublicher Affront, und nun, am Telefon, hatte Alijew den Herrscher von Astana auch noch dafür kritisiert, dass der gerade eine neue Verfassung durchgesetzt habe - mit dem Recht, ewig an der Staatsspitze zu bleiben. "An diesem Tag wurde die Hoffnung auf eine demokratische Entwicklung unseres Landes endgültig begraben", sagt Alijew.
18 Tage nach jenem Telefongespräch kam aus Kasachstan die Faxkopie eines Gerichtsentscheids, in dem stand, dass seine Ehe mit der Nasarbajew-Tochter Dariga geschieden sei. Alijew lebt heute im Exil, aus Angst vor einer Entführung durch den kasachischen Geheimdienst im Untergrund. Von dort aus führt er eine Propagandaschlacht gegen den "finsteren Despoten" Nursultan Nasarbajew.
In seinem Buch "The Godfather-in-law" behauptet er, dass sein Ex-Schwiegervater ein Doppelleben führe und neben seinen drei Töchtern weitere Kinder mit einer jungen Flugbegleiterin sowie einem Model habe; dass er Besitzer von 5000 sündhaft teuren Uhren sei, den Umzug in die Retortenstadt Astana mit "Abermilliarden von gestohlenen Volksgeldern" finanziert und für Ölkonzessionen gewaltige Bestechungsgelder eingesteckt habe. Vor allem von Amerikanern.
Es mag der Rachefeldzug eines Zukurzgekommenen sein, aber die Nasarbajew-Familie erfreut sich daheim tatsächlich keines guten Rufs.
Alijews Ex-Frau Dariga, Nasarbajews älteste Tochter, ist promovierte Politologin, Aktionärin einer großen Bank und war lange Jahre Herrscherin über die wichtigsten landesweiten Medien; ihre Anteile am großen Fernsehsender Chabar soll sie inzwischen verkauft und das Kapital ins Ausland geschafft haben.
Nasarbajews mittlere Tochter Dinara ist Unternehmerin. Das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Forbes" bezifferte ihr Vermögen auf 1,1 Milliarden Dollar. In diesem Jahr hat sie sich am Genfer See eine Villa für die Rekordsumme von umgerechnet 50 Millionen Euro gekauft.
Auch die jüngste Tochter, die Juristin Alija, schätzt gutes Geld. Sie ist Chefin mehrerer Konzerne und Aufsichtsratsvorsitzende des größten kasachischen Immobilienunternehmens, besitzt ein Wellness-Zentrum, ein Restaurant und einen Nachtclub in Almaty.
Geschätzte sieben Milliarden Dollar habe der Nasarbajew-Clan in seine Taschen gewirtschaftet, hat das russische Magazin "The New Times" ausgerechnet. Dass die Präsidentenfamilie beim Geldverdienen nicht zimperlich ist, zeigt der Fall Timur Kulibajews, eines weiteren Nasarbajew-Schwiegersohns.
Kulibajew, verheiratet mit Präsidenten-tochter Dinara, ist Vizechef der mächtigen kasachischen Industrie-Staatsholding und soll - wie drei Oppositionsblätter berichteten - millionenschwere Bestechungsgelder eines chinesischen Unternehmens angenommen haben. Die Auflagen aller drei Blätter wurden per Gerichtsbeschluss sofort eingestampft.
Dass die herrschenden Clans beim Wirtschaften besondere Kreativität an den Tag legen, ist den Kasachen nicht neu. Sie bewegt auch weniger, ob die Nasarbajew-Familie sechs oder sieben Milliarden Dollar besitzt. Eines aber beschäftigt sie sehr wohl: "Biologisch" werde sich bald die Nachfolgefrage im Präsidentenpalast stellen, sagt Oppositionsführer Kossanow. Wem aber wird Nasarbajew dann die Macht übergeben?
Viele Kasachen sind überzeugt, dass dies die Familie bestimmt. Dass Dinaras Ehemann zum Zuge kommt. Oder Aisultan Nasarbajew, der 20-jährige Lieblingsenkel des Staatschefs, der gerade an der Royal Military Academy im englischen Sandhurst sein Studium abgeschlossen hat.
Er ist allerdings der Sohn Rachat Alijews, des Staatsfeindes Nummer eins, den Nasarbajew in Abwesenheit zu 40 Jah-ren Freiheitsstrafe verurteilen ließ.
Der Zug Nr. 54 von Astana ins chinesische Ürümqi verkehrt nur einmal pro Woche: jeden Dienstag um 15.05 Uhr; er braucht 25 Stunden für die 1200 Kilometer bis zur Grenze. Dafür bietet er eine Zeitreise durch die kasachische Geschichte: Der Zug zuckelt an zerfallenden Dörfern entlang, in denen die Traktoren verrosten, weil die Bauern in die Städte geflüchtet sind; an den Kohlenminen von Karaganda, die der indische Milliardär Lakshmi Mittal aufgekauft hat, an den Überresten des Gulag, in denen die von Stalin deportierten Wolgadeutschen schuften mussten, und dann am 600 Kilometer langen Nordufer des Balchasch-Sees, der, wie der Aralsee, auszutrocknen droht.
Im Zug Nr. 54 sitzen Kasachen, die zum Einkaufen oder zur medizinischen Behandlung nach Ürümqi fahren, der Hauptstadt der autonomen Uiguren-Region Xinjiang, oder Geschäftsleute, die zwischen beiden Ländern pendeln. Männer wie Duman Chalmet, 45, der es sich in Trainingshose und T-Shirt in Waggon Nr. 4 bequem gemacht hat.
Chalmet ist in China geboren, er hat dort chinesische Sprache studiert, war Meteorologe und später Verwaltungschef eines Gebietes in der Nähe von Ürümqi. Er hat kasachische Vorfahren, die sich einst gegen die russischen Zaren erhoben hatten und dann nach China flüchteten. Chalmet versucht den Sprung nach Kasachstan zurück. "Weil das Land eine Menge Möglichkeiten bietet", sagt er.
2003 hat er in Almaty die Firma "Duman" gegründet, in der er Bauteile für Häuserfassaden produziert, dann ging er nach Astana, hat dort ein Werk für Keramikplatten aus dem Boden gestampft. Er besitzt in Kasachstans Hauptstadt ein Café und eine Reinigung, bald wird er einen Wellness-Salon eröffnen. "Ich habe Nischen gefunden, die bislang kein Kasache besetzt", sagt Chalmet. Er lächelt, fast entschuldigend. Er weiß, wie tief in Kasachstan die Angst vor den Chinesen sitzt.
In Dostyk, der Grenzstation am Fuße des Tianshan, ist sie mit Händen zu greifen. Hier, an der Dsungarischen Pforte, durch die einst Dschingis Khans Reiter nach Westen stürmten und heute die einzige Bahnlinie nach China verläuft, rosten eingegrabene Panzer vor sich hin. Sie erinnern an die blutigen Gefechte, die sich die Sowjets 1969 mit der chinesischen Volksbefreiungsarmee lieferten.
Dostyk heißt "Freundschaft". Der kleine Ort ist heute wichtigster Warenumschlagplatz zwischen China und Kasachstan. Jährlich 15 Millionen Tonnen werden hier von der chinesischen Normalspur auf die Breitspur der kasachischen Bahn umgeladen: kasachisches Öl und Metall Richtung Osten, chinesische Baumaschinen und Pipelineröhren Richtung Westen. Aber die Grenze ist noch immer ein Hochsicherheitstrakt.
Ja, er habe gehört, wie Präsident Nasarbajew wohlwollend vom chinesischen Angebot gesprochen habe, eine Million Hektar unbewirtschafteten kasachischen Boden zu übernehmen und auf ihnen Soja und Raps anzubauen, sagt Erlan Schakijanow, 41, der quirlige Bürgermeister von Dostyk. Auch von der Empörung, die daraufhin losgebrochen sei - weil dies bedeuten würde, dass fünf Millionen Chinesen ins Land kommen würden. 500 000 chinesische Migranten gebe es aber schon.
"Ich sage immer: Gebt ihnen doch das Land, wir Kasachen können es gar nicht bewirtschaften, und schon gar nicht so billig wie sie", sagt Schakijanow. "Außerdem werden wir dem chinesischen Druck nicht standhalten: Bald werden sie ihre Leute nicht mehr ernähren können und mit Grenzöffnung drohen, wenn wir ihnen nichts von unserem Land abgeben." "Ist das tragisch? Nein", sagt der Akim, Zar Alexander II. habe einst auch Alaska verkauft. Schakijanow fährt alle paar Tage rüber auf die andere Seite der Grenze. Dort, in der Station Ala Shankou, lebten schon jetzt viermal mehr Menschen als in Dostyk. "Sie sind geschickter als wir", lacht er: "Neulich haben wir ihnen eines unserer Stahlwerke verkauft. Sie haben es demontiert und bei sich in China wieder aufgebaut. Wir bekamen 5000 Arbeitslose dadurch, sie aber machten das Geschäft: Wir kaufen ihnen jetzt jene Stahlprodukte ab, die wir früher selbst herstellten."
Neun Milliarden Dollar haben die Chinesen bislang in Nasarbajew-Land investiert, sie fördern bereits mehr als ein Viertel des kasachischen Erdöls und machen dabei jährlich drei Milliarden Dollar Gewinn. Dass die kasachischen Arbeiter wegen der niedrigen Löhne immer wieder gegen ihre chinesischen Bosse streiken, wird nur in Oppositionsblättern erwähnt.
Peking finanziert auch den Bau einer Pipeline, mit der Kasachstan Erdgas erstmals von seinen Feldern im Westen nach China exportieren wird. Und 50 000 Menschen arbeiten an einer Autobahn, die von China nach Europa führen soll - die 2787 Kilometer auf kasachischem Boden werden in drei Jahren fertig sein, sagt der Akim von Dostyk.
Anders als ihm macht die Offensive der Nachbarn vielen Kasachen Angst. Für sie ist es keine Frage mehr, ob die Chinesen kommen, sondern nur noch, wann. "Es ist ein Riesenirrtum zu glauben, Astana könne sich von Peking mit Rohstoffen freikaufen", sagt der China-Forscher Murat Auesow. "Die Chinesen brauchen neue Siedlungsflächen, sie werden sie am leichtesten in Kasachstan mit seinen menschenleeren Steppen finden, und sie bekommen bei uns Zugang zum Kaspischen Meer und nach Iran."
Ob in Astana, Dostyk oder Almaty, überall geht ein Sprichwort um: Willst du das Land verlassen, lerne Englisch, willst du bleiben, lerne Chinesisch, sagt ein Eisenbahner in Dostyk. War es ein Gerücht, was sich die Leute vor Jahren erzählten? Dass Kasachstan zwischen Russland und China aufgeteilt wird?
Sicher. Es gibt aber genügend Leute, die trotzdem daran glauben. Und nicht an den Traum von Kasachstan, dem zentralasiatischen Schneeleoparden, den ihnen Nursultan Nasarbajew nahebringen will.

Im nächsten Heft: Usbekistan

Zentrum der Seidenstraße, Basis der Bundeswehr im Afghanistan-Krieg - und eine Diktatur: Wie soll der Westen umgehen mit diesem Land?
Von Erich Follath und Christian Neef

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