04.10.2010

AUTOREN„Die Willkür einer Diktatur“

Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli, 53, über seine Festnahme und die Vorwürfe, die die Staatsanwaltschaft in Istanbul gegen ihn erhebt
SPIEGEL: Herr Akhanli, Sie sitzen seit dem 10. August im Gefängnis, bei Ihrer Einreise, aus Deutschland kommend, wurden Sie festgenommen. Nun hat die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben. Was wirft man Ihnen vor?
Akhanli: Ich soll im Jahr 1989 an einem Überfall beteiligt gewesen sein, die Anklage lautet auf "Umsturz der verfassungsmäßigen Ordnung". Die Vorwürfe sind absurd. Schon nach drei Tagen hätte ich freigelassen werden müssen. Aber die Staatsanwaltschaft hat sich entschieden, alle Dokumente und Zeugenaussagen, die mein Anwalt zu meiner Entlastung vorgelegt hat, zu ignorieren.
SPIEGEL: Sie saßen zwischen 1985 und 1987 schon einmal aus politischen Gründen im Gefängnis, seit 18 Jahren leben Sie in Deutschland. Haben Sie mit einer Festnahme gerechnet?
Akhanli: Ich hielt es für unwahrscheinlich. Ich dachte, die Türkei hätte sich gewandelt, ihre Gerichte wären heute unabhängiger als früher. Aber ich habe mich wohl getäuscht. Die Willkür, der ich jetzt ausgesetzt bin, ist die einer Diktatur.
SPIEGEL: Warum?
Akhanli: Die Anklage beruht auf einer Zeugenaussage, die durch Folter erzwungen wurde, wie ein gerichtsmedizinisches Gutachten nachweist. Die Staatsanwaltschaft weiß das.
SPIEGEL: Wie geht es nun weiter?
Akhanli: Wenn ich nicht von einer lebenslangen Haftstrafe bedroht wäre, könnte ich über meine Situation wirklich lachen. Ich komme mir vor wie Franz Kafkas Romanfigur Josef K. - nicht nur, weil ich unschuldig verhaftet worden bin. In der Anklageschrift wird behauptet, ich wäre unter dem Decknamen "Dogan K." Kopf einer illegalen Organisation gewesen. Dabei ist die einzige Organisation, die ich je begründet habe, die Raphael-Lemkin-Bibliothek in Köln. Sie besteht aus einem einzigen Regal - es ist allerdings voller Bücher über den Völkermord an den Armeniern durch die türkische Armee.

DER SPIEGEL 40/2010
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