11.10.2010

„Du kannst es - mach es“

Margret Wintermantel, 63, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz, über die Männermacht an den Unis
SPIEGEL: Die Hochschulrektorenkonferenz war lange ein Altherrenclub, Sie sind die erste Frau an der Spitze. Stoßen Sie auf Vorbehalte?
Wintermantel: Nein, in den Hochschulen hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Frauen in die Entscheidungspositionen müssen.
SPIEGEL: Aber die Frauen haben sich nicht durchgesetzt. Sie stellen weniger als ein Fünftel der Professorenschaft.
Wintermantel: Vor zehn Jahren war ich eine von 2 Frauen, die eine deutsche Universität leiteten, heute sind es immerhin 12 Kolleginnen, an den Fachhochschulen 25. Trotzdem haben Sie recht: Es geht zu langsam, und wir analysieren die Gründe, um gezielt etwas zu ändern.
SPIEGEL: Welche Gründe sind das?
Wintermantel: Die Universitäten sind 600 Jahre alt, Frauen noch nicht einmal 100 Jahre dabei. Leider gibt es heute immer noch Berufungskommissionen, in denen Männer schauen, wer dem Bild entspricht, 24 Stunden am Tag nichts als Professor zu sein und sein Privatleben für die Wissenschaft zu opfern. Und dann kommt eben der Mann eher zum Zug …
SPIEGEL: … als eine Frau, die vielleicht nicht nur für die Wissenschaft leben will?
Wintermantel: Das ist ein wichtiger Punkt: Für Frauen ist auch die Familie wichtig.
SPIEGEL: Kennen Sie solche Probleme aus Ihrer eigenen Karriere?
Wintermantel: Oh ja, nach meiner Habilitation sagte mir der Dekan einer anderen Fakultät: Gratulation, aber solange ich hier etwas zu sagen habe, wird sich an meiner Fakultät keine Frau habilitieren. Einer der Gutachter fragte mich damals: Sie sind doch Mutter, können Sie da einen Lehrstuhl übernehmen?
SPIEGEL: Müssen Studentinnen sich auch heute entscheiden: Kinder oder Karriere?
Wintermantel: Wenn Nachwuchswissenschaftlerinnen auf Kinder verzichten, um sich dem Konkurrenzkampf nachts um drei im Labor stellen zu können, oder sagen: "das tue ich mir nicht an, dann mache ich lieber etwas anderes", dann ist das nicht gut - für die Wissenschaft und die Gesellschaft.
SPIEGEL: Tun die Hochschulen genug für eine Verbesserung?
Wintermantel: Sie tun vieles: So gibt es immer mehr Kindertagesstätten mit flexiblen Öffnungszeiten. Aber gesamtgesellschaftlich sind wir noch nicht so weit: Die Hälfte der Studierenden sind Frauen im gebärfähigen Alter - wieso sehen wir so wenige Schwangere und Kinderwagen an den Hochschulen? In den USA etwa sieht das ganz anders aus.
SPIEGEL: Ist Deutschland so rückständig?
Wintermantel: Es gibt Maßnahmen, die schon spürbar gegriffen haben: Heraufsetzen von Altersgrenzen, mehr Frauen in Berufungskommissionen, Kontakt- und Wiedereinstiegsstipendien, Sonderprogramme. Doch in der Exzellenzinitiative haben sich die auswärtigen Gutachter gewundert, wie wenige Frauen in den Spitzenforschungsgruppen arbeiten. Darauf wird reagiert - aber es zeigt, dass wir Nachholbedarf haben.
SPIEGEL: Gibt es in anderen Ländern so viel mehr Professorinnen?
Wintermantel: Ja, in Frankreich, Großbritannien oder den USA sieht es anders aus. Ich kannte einen Professor in Metz, der seine Studentinnen vor dem Kulturschock in Deutschland warnte.
SPIEGEL: Die Studentenspiegel-Umfrage zeigt, dass Studentinnen in vielen Fächern ein niedrigeres Gehalt als ihre Kommilitonen erwarten, selbst wenn sie besser sind. Als Professorin für Sozialpsychologie - wie erklären Sie sich das?
Wintermantel: Nun, die jungen Frauen haben einen klaren Blick für die Fakten: Frauen verdienen tatsächlich weniger. Aber sie trauen sich auch weniger zu. Das sind die alten Stereotype. Jungs wird gesagt: Du musst im Wettbewerb bestehen. Den Mädchen sagt man: Sorge für das Wohl aller. Zur Reaktion auf die Faktenlage kommt dieser anerzogene geringere Ehrgeiz. Das hängt auch mit den Rollenvorbildern zusammen: Es sind Männer, die die dicken Gehälter kassieren. Im Fernsehen redet man von Bankern, nicht von Bankerinnen, in der Wirtschaftspresse sieht man - Krawatten.
SPIEGEL: Was muss die Politik tun?
Wintermantel: Die Benachteiligung von Frauen ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, ihre Bekämpfung eine politische Aufgabe. Die Hochschulen können zur Lösung viel beitragen. Sie müssen Frauenförderung zu einem Bestandteil ihrer Selbststeuerung machen. Für jedes Fach - die Frauenanteile sind ja sehr unterschiedlich - müssen Entwicklungsziele gesetzt werden, deren Erreichen Auswirkungen auf die Mittelverteilung innerhalb der Hochschule hat. Je mehr Frauen Karriere machen, desto mehr neue Rollenvorbilder entstehen. Immerhin haben wir seit fünf Jahren eine Bundeskanzlerin.
SPIEGEL: Aber man kann doch nicht nur auf den Merkel-Effekt bauen.
Wintermantel: Man darf ihn aber auch nicht unterschätzen. Erfolgreiche Wissenschaftlerinnen engagieren sich in Mentoring-Programmen. Ich selbst begleite unter anderem eine Doktorandin. Die hat vor kurzem eine anspruchsvolle Datenanalyse erstellt. Und was sagt der Doktorvater? Das hast du doch nicht selbst gemacht, da hat dir doch bestimmt dein Freund geholfen. Solange so etwas gesagt wird, ist es wichtig, dass man die jungen Frauen immer wieder ermutigt: Du kannst es - mach es doch.
Von Martin Doerry und Markus Verbeet

DER SPIEGEL 41/2010
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