11.10.2010

NATIONALSOZIALISMUSFührer im Kleinformat

In Berlin eröffnet die erste umfassende Hitler-Ausstellung nach 1945. Doch die Kuratoren haben Angst vor der eigenen Courage - sie fürchten jubelnde Neonazis und bittere Proteste.
Das Porträt ist pompös geraten, Öl auf Leinwand, 156 mal 120 Zentimeter, es zeigt Adolf Hitler, so wie ihn seine Nazis und Lieblingskünstler eben besonders gern sahen, in visionärer Herrscherpose vor deutscher Phantasielandschaft.
"Wir hätten es wohl haben können", sagt Hans-Ulrich Thamer. Die U. S. Army, in deren Kunstsammlung das Werk von 1939 lagert, wäre als Leihgeber durchaus ansprechbar. Doch Kurator Thamer wollte nicht. Monumentale Staatskunst aus dem "Dritten Reich" soll nicht noch einmal deutsche Augen blenden. Er zeigt den "Führer" lieber als Reproduktion im Kleinformat: "Das nimmt ihm die Wucht", sagt er.
An diesem Freitag eröffnet im Deutschen Historischen Museum (DHM) von Berlin eine große Ausstellung über den Diktator. Es ist die erste in der deutschen Nachkriegsgeschichte, die das Leben und Wirken von Hitler zum Thema hat. Erheblich ist deshalb die Angst der Ausstellungsmacher: vor der eigenen Courage. Sie fürchten unerwünschten Jubel vom rechten Rand - und bittere Proteste vom Rest der Republik. Weil dem Publikum anscheinend nicht zu trauen ist, soll alles unterlassen werden, was Hitler zum Helden verklären könnte: "Wir dürfen keine Möglichkeiten zur Identifikation bieten", hat Thamer, der die Schau konzipierte, als Parole ausgegeben.
Ausstellungen zum "Dritten Reich" hat es in Deutschland schon unzählige gegeben, sie thematisierten den Holocaust, die Verbrechen der Wehrmacht, der Justiz und der Medizin, die Zwangsarbeit, Konzentrationslager und andere Schrecken der Nazi-Jahre. Um den Mann aber, der das Volk dabei anführte, machten Museumsdirektoren und Kulturpolitiker bislang einen Bogen.
Weil die Deutschen immer noch von ihm verführbar scheinen? Weil sie erneut anfällig für seine Propaganda werden könnten?
Zweifelsohne hat sich das öffentliche Hitler-Bild in den vergangenen Jahren drastisch gewandelt. Es gab den Mann als Nervenwrack im Führerbunker zu sehen ("Der Untergang"), als von Helge Schneider verkörperte Witzfigur ("Mein Führer") sowie als Wachspuppe bei Madame Tussauds in Berlin.
Jedes Mal wurde erregt diskutiert: Darf man das - Hitler so lebensnah zeigen, als Parodie gar oder als Touristenattraktion neben Wachsgestalten wie Heidi Klum? Die Aufregung hat sich meist schnell gelegt (abgesehen vom Attentat eines Berliners, der Hitlers Wachsfigur kurzerhand enthauptete - nun wird sie, mit restauriertem Kopf, hinter Panzerglas gezeigt).
Dennoch gab und gibt es genug Tabus, an die sich die Berliner Kuratoren nicht herantrauen, schon angefangen beim Titel ihrer Ausstellung: Könnte sie nicht einfach "Hitler" heißen? Auf keinen Fall, erklärte eine mit prominenten Historikern besetzte Sachverständigenkommission des DHM bereits 2004, nachdem das Staatsmuseum erstmals seine Idee ins Spiel brachte. Sowohl für konservative Historiker wie Michael Stürmer als auch für linke Kollegen wie Reinhard Rürup war Hitler nicht vorzeigbar.
Unbedingt sollte vermieden werden, dass alte Ausreden der Nachkriegszeit wieder hoffähig würden, vom bösen Verführer und einer so unwissenden wie unschuldigen Bevölkerung. Deshalb bekam die heikle Schau schließlich den Titel "Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen".
Zwar gilt mittlerweile als unstrittig, dass sich die Deutschen in ihrem "Führer" wiedererkannten, dass er jedenfalls bis 1941 die Stimme der breiten Mehrheit war. Natürlich weiß das auch Thamer, der an der Universität Münster Geschichte lehrt. "Das Bild der deutschen Gesellschaft ist immer düsterer geworden", sagt er über den Forschungsstand.
Eine Ausstellung im Zentrum der alten NS-Hauptstadt aber folgt anderen Gesetzen als der akademische Diskurs. Mit großer Vorsicht gingen die Kuratoren deshalb an die Auswahl der Exponate. Viele von Hitlers Uniformen oder andere persönliche Gegenstände sind erhalten und lagern in Moskauer Depots, doch nichts davon soll ans Tageslicht. "Mit solchen Reliquien", sagt Thamer, "wäre die Grenze zur heroisierenden Hommage überschritten." Immer soll es darum gehen, beim Publikum eine kritische Distanz zum größten Verbrecher des 20. Jahrhunderts zu schaffen.
Die Besucher werden mit drei fotografischen Porträts empfangen: Hitler als Parteiagitator, als Staatsmann und - eine Fotomontage - als Totenkopf. Hinter den auf eine transparente Leinwand projizierten Bildern aber leuchten Fotos von Arbeitslosen auf, von jubelnden Anhängern und von Soldaten, die an einem brennenden Haus vorbeimarschieren: Der "Führer" soll nicht allein gezeigt werden, sondern stets eingebettet in den sozialen, politischen und militärischen Kontext, in dem er handelte.
Jede Menge Kontext liefert sicherheitshalber auch der begleitende Katalog, in dem Historiker über "den Durchbruch der NSDAP", "die Ikonografie der Volksgemeinschaft" oder "Frauen in der Kriegsgemeinschaft" räsonnieren - und was sonst noch so mit Hitler zu tun hat(**1).
Programmatisch für die gesamte Ausstellung ist ein Essay des britischen Hitler-Biografen Ian Kershaw, der das quasi-religiöse Verhältnis der Anhänger Hitlers zu ihrem Messias beschreibt. "Das ist das Wunder unserer Zeit, dass ihr mich gefunden habt", hatte der Diktator 1936 vor 140 000 erregten Anhängern in Nürnberg erklärt, "dass ihr mich gefunden habt unter so vielen Millionen! Und dass ich euch gefunden habe, das ist Deutschlands Glück!"
Jeder Deutsche habe "im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten": Dieser Ausspruch eines NS-Staatssekretärs gilt Kershaw als gute Erklärung für das Innenleben der Diktatur, für die auch aus eigenem Antrieb funktionierende "Volksgemeinschaft" und ihre Verbrechen.
In der Ausstellung finden sich Belege für diese These, etwa ein Wandteppich, den Mitglieder der Evangelischen Frauenhilfe und der NS-Frauenschaft in Rotenburg an der Fulda stickten: Das Stück zeigt in Form eines Kreuzes angeordnet marschierende Hitlerjungen, SA- und BDM-Formationen, die einer Kirche zustreben. Im halben Kreuzstich fügten die Stickerinnen den Text des Vaterunsers hinzu. Thamer, der aus Rotenburg stammt, hatte das Werk durch Zufall bei einem Heimatbesuch entdeckt.
Hitler-Memorabilia finden sich in der Ausstellung eher versteckt in einer kleinen Vitrine. Das Fotobuch "Hitler wie ihn keiner kennt" seines Lieblingsfotografen Heinrich Hoffmann zum Beispiel oder ein "Führer-Quartett", in dem auch Fotos von Rudolf Heß und anderen NS-Führern auf Spielkarten prangen. Die Objekte werden beinahe wie Pornografie behandelt, wie schlüpfriges Material, das unter musealem Schleier Erregungspotential verlieren soll. Eine Kommode aus Hitlers Neuer Reichskanzlei wird schief aufgehängt, statt einfach auf den Boden gestellt; ein die "Volksgemeinschaft" im Krieg heroisierendes Ölgemälde wird schräg präsentiert.
Was ist die zentrale Erkenntnis, die wichtigste Botschaft für die Ausstellungsbesucher? "Mit Hitler sind wir noch lange nicht fertig", sagt Simone Erpel vom DHM, die die Schau gemeinsam mit Thamer vorbereitet hat, "jede Generation muss ihre eigenen Antworten finden."
46 SPIEGEL-Titel über Hitler und den Nationalsozialismus sind - neben den gefälschten Hitler-Tagebüchern des "Stern" - im letzten Raum der Ausstellung zu sehen. Von dem ersten aus dem Jahr 1964 ("Anatomie eines Diktators") bis zu einem der aktuellsten von 2009 ("Die Komplizen") ist auch an ihnen der Wandel im Geschichtsbild zu erkennen.
Merkwürdig unterbelichtet bleibt bei alldem nur der eigene Standort, das historische Zeughaus Unter den Linden in Berlin, in dem das DHM residiert. Schräg gegenüber auf dem Platz bei der Staatsoper fand im Mai 1933 die Bücherverbrennung statt, der benachbarte Lustgarten wurde zu feierlichen Anlässen mit riesigen Hakenkreuzfahnen beflaggt.
Kein Hinweis darauf in der Ausstellung "Hitler und die Deutschen", nicht einmal über jenen Tag, an dem das Zeughaus selbst Geschichte schrieb: Als Hitler hier am "Heldengedenktag" am 21. März 1943 eine Ausstellung von sowjetischen Beutewaffen besichtigte, hatte Rudolf-Christoph von Gersdorff zwei Haftminen dabei. Der Oberst wollte sich mit Hitler in die Luft sprengen.
Doch nachdem Gersdorff den Zeitzünder des Sprengsatzes bereits eingeschaltet hatte, stürmte Hitler nur kurz durch die Ausstellung und verließ das Haus früher als geplant. Gersdorff konnte in einer Toilette unbemerkt, aber schweißüberströmt die Minen gerade noch entschärfen.
(*1) Am 21. März 1943 kurz vor dem gescheiterten Selbstmordattentat des Obersts Rudolf-Christoph von Gersdorff.
(**2) "Hitler und die Deutschen. Volksgemeinschaft und Verbrechen". Im Auftrag der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin herausgegeben von Hans-Ulrich Thamer und Simone Erpel; Sandstein Verlag, Dresden; 328 Seiten; 25 Euro.
Von Frank Hornig und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 41/2010
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