18.10.2010

ISLAMISMUSElf Freunde

Anfang 2009 brachen mehrere Islamisten von Hamburg nach Afghanistan auf. Die Reise in den Dschihad begann in der Moschee, in der auch die Attentäter des 11. September verkehrten.
Sie wollten gegen die Besatzer kämpfen, neun wütende Männer und zwei ihrer Ehefrauen. Aber auch der Dschihad ist mühsam, wenn man übergewichtig ist oder verwöhnt von Mama. Voll Eifer zogen sie aus Hamburg los, um die Unterdrücker zu besiegen. Afghanistan wurde dann sehr ungemütlich.
Beim Hamburger Verfassungsschutz heißen die elf Islamisten, die im Frühjahr 2009 Richtung Afghanistan aufbrachen, nur "die Reisegruppe". Einige aus der Gruppe standen lange unter Beobachtung. "Wir kannten sie alle", sagt ein Beamter. Dummerweise hat trotz der Überwachung keiner bemerkt, wie die Gruppe über ihre Reise sprach, auch der Verfassungsschutz nicht.
Die Gruppe gehörte zu den regelmäßigen Besuchern der Hamburger Taiba-Moschee, die früher al-Kuds hieß und in der sich schon die Attentäter des 11. September trafen. Ausgerechnet hier radikalisierte sich offenbar wieder eine Gruppe fanatischer Muslime. Von der Idee bis zur Umsetzung des Trips nach Afghanistan habe es allenfalls Monate, wenn nicht Wochen gedauert, glauben die Behörden.
Die elf aus der Reisegruppe sind berühmt geworden, berüchtigt fast, zumindest das haben sie erreicht. Im Juni und Juli wurden zwei Teilnehmer in Pakistan und Afghanistan festgenommen, zwei weitere sind vor kurzem vermutlich bei einem Raketenangriff getötet worden. Sie waren meistens auf der Flucht. Ihre Irrwege im Kriegsgebiet erzählen mehr über den Dschihad als jedes Video im Internet. Sie stammen aus Afghanistan, Deutschland, Frankreich, Iran, Indonesien, Russland, Kasachstan. Es ist die Geschichte einer bunten Truppe, die aus Hamburg loszog, zum Teil aus ihren Kinderzimmern, Menschen, die sich für große Krieger hielten und am Ende großartig versagten.
Sie kannten sich aus der Taiba-Moschee am Hamburger Steindamm. Sie knieten nach dem Freitagsgebet auf dem abgewetzten Teppich vor einem Mann namens Baschir, der nasale Vorträge hielt über die Reinheit des Glaubens und das Leid der Muslime. Die Moschee wurde im August von der Hamburger Innenbehörde geschlossen. Bis dahin kamen dort etliche Männer zusammen, die den bewaffneten Widerstand in Afghanistan gegen die Truppen des Westens, auch gegen deutsche Soldaten, guthießen. Manchen genügten die Worte aber nicht.
Das jüngste Gruppenmitglied war 21 Jahre alt, das älteste 55. Die meisten besaßen keinen vielversprechenden Lebenslauf. Ein ehemaliger Junkie war darunter, ein gescheiterter Unternehmer mit einem durchgeknallten Bruder, ein krimineller Kiffer, viele arbeitslos. Einen Anführer habe es nicht gegeben, sagt der Verfassungsschutz. Es lässt sich nicht rekonstruieren, wer auf die Idee mit dem Dschihad gekommen ist, aber plötzlich, im Winter 2008, brannten alle vor Begeisterung.
Das Leben ergab jetzt einen Sinn. Sie hatten ein Ziel als Gemeinschaft, sie könnten dort unten Helden werden. Helden in Afghanistan. Die afghanischen Brüder würden sich sicher freuen. Sie teilten sich in vier Grüppchen auf.
Assadullah Muslih, geboren in Kabul, stieg am 4. Februar als Erster ins Flugzeug. Er war Ende der siebziger Jahre aus Afghanistan als Asylbewerber nach Deutschland gekommen und pendelte seit einigen Jahren zwischen Hamburg und Pakistan. Muslih war der Mann mit den Kontakten ins Kampfgebiet. Der Dschihadisten-Schleuser.
Am 4. März, einen Monat später, flog eine Fünfergruppe los: Ahmad Sidiqi, ein Deutschafghane, nahm seine Ehefrau und seinen jüngeren Bruder mit. Sidiqi kam Anfang der Neunziger mit seiner Familie aus Kabul nach Hamburg, träumte vom Abitur, von der Uni, von der eigenen Firma, scheiterte jedoch an fast allem. Shahab Dashti, ein Freund Sidiqis, und dessen Frau schlossen sich an. Die fünf Tickets hatte Sidiqi in einem Reisebüro am Hauptbahnhof gekauft. Hamburg-Doha- Peschawar, ohne Rückflug. Er zahlte bar.
Einen Tag später brachen die Teilnehmer sieben und acht auf. Sie reisten vermutlich über die Türkei und Iran auf dem Landweg nach Afghanistan: Naamen Meziche, 38 Jahre alt, geboren in Paris, und Rami M., 23, geboren in Frankfurt am Main. M. war erst wenige Monate zuvor wegen einer Frau, die er im Internet kennengelernt hatte, von Frankfurt nach Hamburg umgezogen. Er ist kein besonders sportlicher Typ, undiszipliniert, übergewichtig. Meziche war das Gegenteil: ein Mann von klarem Verstand und mit tiefen Kenntnissen des Koran. Gern hätte Meziche schon im Irak-Krieg als Widerständler ausgeholfen, er wurde aber leider in Syrien abgefangen. Naamen und Rami, der Fromme und der Dicke, der 38- und der 23-Jährige, zogen los. Die Reise nach Afghanistan dauerte mehrere Wochen. Man muss sie sich als äußerst strapaziös vorstellen, für beide Seiten.
Am 9. März wollten die letzten drei Männer der Gruppe von Hamburg in den Krieg: Michael W., Alexander J. sowie Mohammad M. Der Kasache, der Russe und der Iraner. Sie kamen nicht weit. Polizisten nahmen Mohammad M. schon am Frankfurter Flughafen den Pass ab. Michael W. und Alexander J. wurden in Wien aufgehalten, weil Sicherheitsbeamte einen Zettel mit "Verhaltensregeln für den Dschihad" im Gepäck fanden. Sie durften zwar weiterreisen, mussten aber einsehen, dass es dumm war, diesen Zettel einzupacken, zumal sie sich die Tipps darauf auch so hätten merken können: "Ruhig sein während des Kampfes", "Keine Leichen schänden". In Pakistan wartete schon die Polizei, die W. und J. ins Gefängnis steckte und sie bald zurück nach Hamburg schickte.
Von den elf erreichten diese drei erst gar nicht ihr Ziel. Muslih, der Schleuser, setzte sich spurlos ab. Er war mit 55 Jahren der Älteste, vermutlich wollte er nie kämpfen. Unter den verbliebenen sieben waren zwei Ehefrauen. Sie alle trafen sich wieder in Mir Ali, einer Stadt in Nordwaziristan. Taliban-Land.
Es ist nicht unbedingt so, dass die Islamische Dschihad Union, die Islamische Bewegung Usbekistans oder die anderen Splittergruppen in Afghanistan und Pakistan auf fünf Männer und zwei Frauen aus Hamburg gewartet hätten, auch wenn diese stark motiviert waren. Was lässt sich mit einer Handvoll Jungs anfangen, die in ihren deutschen Wohnungen bequem und träge wurden? Die bettlägerig, fiebrig und von Durchfällen geplagt dem Dschihad zur Last fielen? Nach allem, was Rückkehrer berichten, freuen sich die afghanischen Kommandeure nach der Ankunft neuer Kämpfer vor allem über eines: deren Reisekasse. Gewehre und Granaten müssen die Rekruten selbst bezahlen. Laptops, Ferngläser, warme Jacken werden gern genommen. Und auch sonst laufen die beiderseitigen Erwartungen im Einsatzgebiet stark auseinander.
Die ins Land tröpfelnden europäischen Islamisten sehen in Afghanistan ein unterjochtes Land, das allein mit ihrer Hilfe aus dem Griff der Imperialisten befreit werden kann. Für die Gruppe aus Hamburg, die im Februar und März 2009 loszog, war Afghanistan nichts weniger als das Vorparadies, in dem sich Krieger und Märtyrer bewähren müssen. Und zumindest am Anfang schmeckte der Staub im Mund auch noch nach Abenteuer.
Auf einem Video, das man sich bei YouTube anschauen kann, sitzt Shahab Dashti vor einer Buschlandschaft. Der Film wurde am 3. Oktober 2009 von der Islamischen Bewegung Usbekistans ins Internet gestellt. Für den Dreh hat sich Dashti eine Kalaschnikow in den Schoß gelegt. Seine linke Hand umklammert ein schwarzes Schwert, während er die Vorzüge des bewaffneten Widerstands möglichst blumig zu umschreiben versucht.
"Und ein weiteres Geheimnis im Dschihad ist diese gewaltige, unbeschreibliche, schöne und liebevolle Brüderlichkeit unter den Mudschahidin - Brüder aus den verschiedensten Ländern in einem Schützengraben: aus Russland, Marokko, Tunesien, China, der Türkei, aus Europa, Usbekistan, Tadschikistan und Iran. Allah brachte ihre Herzen zusammen."
Später hüpfen in dem Video Dashtis Mitkämpfer von einem Pick-up-Truck,
fröhliche Männer, die alle offenbar dasselbe neue Modell halbhoher Turnschuhe an den Füßen tragen. Ihre Gewänder sind staubig, aber wenigstens kommen sie mit weißen Schuhen ins Paradies.
Für die fünf Männer und die beiden Frauen wurde das Leben härter und teurer als gedacht. Unterkunft und Essen mussten sie bald selbst bezahlen. Immer häufiger trafen Briefe bei den Eltern ein, bei Verwandten und Freunden. Ob sie nicht 500 Euro schicken könnten?
Der Winter kann sehr kalt werden am Hindukusch. Tagelang, wochenlang gab es kein Fleisch, kein Klo, keine warme Dusche, und man saß mit Usbeken in einer Hütte und verstand kein Wort. In ihren Telefonaten und E-Mails mit der Heimat klangen sie zunehmend lustlos und entmutigt. Rami, der Dicke, beklagte sich über zu lange Märsche mit schweren Waffen auf der Schulter.
Anfang dieses Jahres kapitulierte der Erste, es war der jüngere Bruder von Ahmad Sidiqi, 23 Jahre alt, auch er war, wie Rami, für seine Mitkämpfer kaum zu gebrauchen. Der kleine Bruder reiste nach Hamburg zu seinen Eltern, wo er sich nun von den Strapazen erholt.
Auch andere wollten nach der Mühsal wieder zurück in ihr altes Leben schlüpfen wie in bequeme Hosen. Rami wurde im Juni von pakistanischen Polizisten auf dem Weg zur deutschen Botschaft in Islamabad aufgegriffen. Er war in eine Burka gehüllt, sein linkes Bein war gebrochen. Rami M. sitzt nun in Haft im hessischen Weiterstadt und erzählt deutschen Ermittlern sehr eifrig über den mühsamen Krieg, weil er sich eine mildere Strafe erhofft.
Ahmad Sidiqi wurde im Juli in Kabul von US-Spezialeinheiten aufgegriffen und hat seinen Vernehmern ebenfalls ausführlich berichtet, zum Beispiel über Treffen mit wichtigen Leuten von al-Qaida. Es ist noch nicht klar, ob er nach Deutschland ausgeliefert wird.
Shahab Dashti und Naamen Meziche sind nach Angaben aus Pakistan bei einem Raketenangriff auf Mir Ali vor zwei Wochen ums Leben gekommen. Übriggeblieben sind nur die beiden Frauen. Sie sind schwanger. Sie sind der Rest der Reisegruppe.
Alexander J. und Michael W., die nie bei den Jungs mit den weißen Turnschuhen ankamen, leben immer noch in Hamburg. Wenn Michael W. gefragt wird, ob er über seine Reiseerlebnisse sprechen wolle, sagt er ja. Für eine halbe Million denke er darüber nach.
Von Christoph Scheuermann und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 42/2010
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