18.10.2010

Mesut und die Wahhabiten

Ortstermin: In München wird ein neues Problembuch vorgestellt, es heißt „Der Untergang der islamischen Welt“.
Am Anfang sagt der Moderator zwei wahre Sätze. "Außer der Fußballnationalmannschaft gibt es zurzeit wohl kein Thema, das die Deutschen so sehr beschäftigt. Das Thema rockt." Das Rock-Thema ist der Islam.
Damit war vor ein paar Monaten nicht unbedingt zu rechnen. Aber es bringt unbestreitbare Vorteile. Als deutscher Politiker muss man im Moment eigentlich nur eines sagen: irgendwas zum Islam. Als deutscher Literaturhaus-Inhaber muss man im Moment eigentlich nur eines organisieren: eine Lesung zum Islam.
In das Literaturhaus in München kommen an diesem Abend knapp 400 Leute, um zu erfahren, warum der Islam bald sterben wird. Die Leute sind überwiegend im Rentenalter, deutsch, gut gekleidet, gutbürgerlich. Vorn auf dem Podium sitzt der Autor - Hamed Abdel-Samad, 38 Jahre alt, Politikwissenschaftler. Abdel-Samad hat ein Buch geschrieben, über das jetzt diskutiert werden soll. Es heißt: "Der Untergang der islamischen Welt".
Das ist kein schlechter Titel, weil mit dem Untergang bisher kaum jemand gerechnet hat. Die Kernthese des Buchs ist, kurz gefasst, folgende: Die islamische Kultur ist schwer erkrankt. Todkrank. Sie findet keine Antworten mehr auf die Fragen des modernen Lebens. Deshalb wird der Islam untergehen.
Die Leute im Publikum schauen Hamed Abdel-Samad interessiert an. Er ist Muslim, geboren und aufgewachsen in Ägypten. Jemand aus dem Herzen der Finsternis. Das Bestseller-Buch von Thilo Sarrazin heißt: "Deutschland schafft sich ab". Aber wenn der Islam jetzt untergeht, in naher Zukunft, muss sich Deutschland vielleicht doch nicht abschaffen. Thilo Sarrazin sieht den Islam im Aufschwung. Hamed Abdel-Samad im Abschwung. Irgendwo dazwischen liegt die große deutsche Islam-Debatte.
Das Problem an der großen deutschen Islam-Debatte ist vor allem die große Verwirrung. Der Deutsche weiß meist nicht viel über den Islam. Der Deutsche weiß meist nicht mal viel über das Christentum. Trotzdem würde der Deutsche gern eine Meinung haben zum Islam. Nur welche?
Vorn, auf dem Podium, sitzen auch Lamya Kaddor, eine Islam-Wissenschaftlerin und Religionspädagogin aus Nordrhein-Westfalen, und Ulrich Kienzle, der früher im ZDF die Sendung "Frontal" moderierte und in den siebziger Jahren Korrespondent im Nahen Osten war. Insgesamt also drei Experten.
Zunächst sprechen sie über die Angst der Deutschen vor dem Islam. Abdel-Samad sagt, die Angst sei nicht unbegründet. Lamya Kaddor sagt, die Gefahren durch den Islamismus würden überschätzt. Ulrich Kienzle sagt, dass sich Europa in einer Islam-Hysterie befinde. "Schauen Sie auf die Wahlergebnisse in Schweden oder den Niederlanden."
Dann spricht er über die Wahhabiten, die Muslim-Bruderschaft und die Unterwanderung des Reform-Islam durch den Wahhabismus. Die Leute im Publikum, weitgehend Islam-frei aufgewachsen, schauen erstaunt. Manche machen Notizen. Die Wahhabiten.
Nach den Wahhabiten sprechen die Diskutanten über den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, das Islam-Bild in den Medien, den Islam in der Diaspora, die Identitätsprobleme türkischer Jugendlicher, die Opferrolle der Muslime, Mesut Özil und über Stuttgart 21. Womöglich hängt alles mit allem zusammen.
Brauchen wir ein muslimisches Bürgertum?, fragt der Moderator. "Wir brauchen eine muslimische Zivilgesellschaft", sagt Abdel-Samad, der Buchautor. Also einen Islam light?, fragt der Moderator. "Nein", sagt Lamya Kaddor, die Wissenschaftlerin. "Es gibt ja auch kein Christentum light." Ulrich Kienzle sagt: "Aber den Islam light gibt es doch längst! 80 Prozent der Muslime in Deutschland besuchen nicht regelmäßig eine Moschee."
Der Islam ist anscheinend schwer zu fassen. Womöglich gibt es überhaupt nur eine Sache, die man über den Islam zurzeit mit Sicherheit sagen kann: Er hat ein ernsthaftes Image-Problem. Der Islam brauchte in Deutschland einen echten Repräsentanten, einen Erklärer. Einen Vermittler auch. Jemand müsste die Lücke füllen, in der nur Sarrazin sitzt oder Seehofer.
Ulrich Kienzle wäre dafür sicher geeignet, ist aber kein Muslim. Hamed Abdel-Samad, der Buchautor, ist klug, aber zu unversöhnlich gegenüber den eigenen Leuten. "Ich bin ein Ketzer", sagt er.
Das Publikum in München stellt noch einige Fragen. Ein Mann zitiert aufgeregt eine Sure aus dem Koran, von der er gehört habe, wonach Bildung verboten sei. "Wie stehen Sie dazu als Pädagogin?", fragt er Lamya Kaddor.
"Es tut mir leid, aber so etwas steht nicht im Koran", sagt sie ruhig.
Dann geht es um den konkreten Zeitrahmen für den Untergang des Islam. Man will wissen, worauf man sich einstellen muss, untergangsmäßig. "In welchen zeitlichen Dimensionen denken Sie beim Titel Ihres Buches?", fragt ein Mann.
"Tja", sagt Hamed Abdel-Samad, der Autor. "In 30 Jahren gibt es in der arabischen Welt kein Erdöl mehr. Das wissen wir. Wenn dann der Klimawandel auch noch viele Strände verschlingt und die Agrarflächen verdorren, dann gibt es gar nichts mehr. Die Staaten werden zerfallen. Der Untergang ist also eine logische Konsequenz."
Es klingt ein bisschen wie bei der Arche Noah, aber das Publikum sieht nicht unzufrieden aus.
Nur 30 Jahre. Eine überschaubare Zeit.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 42/2010
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