25.10.2010

DIPLOMATENAngriff auf die „Mumien“

Die von Joschka Fischer eingesetzte Historikerkommission zur Geschichte des Auswärtigen Amts legt einen verstörenden Bericht vor. In der Nazi-Zeit war das Amt tief in den Holocaust verstrickt. Später, in der alten Bundesrepublik, behinderten Diplomaten eine Aufklärung nach Kräften.
Es ist eine ungewöhnliche Buchpremiere, denn wenn nichts dazwischenkommt, werden am Donnerstag dieser Woche gleich drei Außenminister die 880 Seiten würdigen. Zurückhaltend am Nachmittag Amtsinhaber Guido Westerwelle (FDP) in seinem Ministerium am Werderschen Markt, wo ihm der Band offiziell überreicht wird. Mit Verve am Abend seine beiden Vorgänger Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Joschka Fischer (Die Grünen) im Haus der Kulturen der Welt in Berlin bei einer Veranstaltung des Blessing Verlags(*).
Alle drei werden über den Holocaust sprechen müssen, über Kriegsverbrechen, Friedensversagen, über häufige Niedertracht und seltenes Heldentum. Und immer wird es um die Angehörigen des Auswärtigen Diensts im "Dritten Reich" gehen.
Das Buch wird von einer Kommission vorgelegt, zu der die deutschen Historiker Eckart Conze und Norbert Frei gehören, der Amerikaner Peter Hayes und der Israeli Moshe Zimmermann. Ihr Bericht behandelt die Geschichte des vornehmsten
Ministeriums in einer düsteren Epoche und die Frage, wie das Amt nach dem Krieg mit dieser Vergangenheit umging.
Das Urteil der Experten ist vernichtend. "Die Diplomaten waren zu jedem Zeitpunkt über die Judenpolitik im Bilde", schreiben sie, und "aktiv an ihr beteiligt". Die Mitwirkung am Massenmord sei "ein Tätigkeitsfeld" von Amtsangehörigen "überall in Europa" gewesen.
Den Auftrag zu der Studie hatte 2005 Fischer erteilt, der eine erregte Debatte um Schuld und Unschuld im eigenen Ministerium befrieden wollte. Vieles spricht dafür, dass dieser Streit nun mit der gleichen Erbitterung fortgeführt wird. Auch Fischer zeigt sich von dem Ergebnis schockiert: "Mir wird immer noch schlecht."
Der Leiter der Kommission Eckart Conze erklärt im SPIEGEL-Gespräch das Auswärtige Amt sogar zur "verbrecherischen Organisation" (siehe Seite 40). Mit diesem Begriff war 1946 die SS im Nürnberger Hauptkriegsverbrechertribunal belegt worden.
Conzes Einschätzung ist zugleich ein Urteil über die adlig-großbürgerliche Oberschicht. In keiner anderen Institution waren so viele bekannte Familien vertreten wie im Auswärtigen Amt: die Weizsäckers, die Bismarcks, die Mackensens.
Doch auch was die Historiker über die alte Bundesrepublik zusammengetragen haben, ist voller Brisanz. Kanzler Konrad Adenauer, 1951 bis 1955 zugleich Außenminister, ließ trotz besseren Wissens alte Seilschaften im Amt gewähren. Belastete Diplomaten wurden auffallend oft im arabischen Raum und in Lateinamerika eingesetzt, weil öffentliche Proteste dort selten waren.
Mit dem Regierungseintritt der SPD 1966 besserte sich die Lage kaum. So hielt der frühere Emigrant Willy Brandt, zunächst Außenminister und dann Kanzler, dem FDP-Politiker Ernst Achenbach die Treue. Der Liberale war während des Krieges hochrangiger Mitarbeiter der Pariser Botschaft und an Deportationen maßgeblich beteiligt, so die Kommission. Bis 1974 blockierte er ein Abkommen mit Paris, das die Bestrafung von NS-Tätern ermöglichen sollte, die in Frankreich Verbrechen begangen hatten.
Und noch in den achtziger Jahren, in der Amtszeit Hans-Dietrich Genschers, stießen Wissenschaftler im Ministeriumsarchiv auf eine Mauer des Schweigens, wenn sie dort belastende Unterlagen einsehen wollten, um die offizielle Version zu widerlegen, das Amt sei ein "Hort des Widerstandes" gewesen.
Für Ex-Minister Steinmeier, heute Fraktionsvorsitzender der SPD, zählen denn auch die Passagen über die Nachkriegsjahre "zu den bedrückendsten Abschnitten" des Kommissionsreports. Er findet es "unglaublich", dass bis zu einer systematischen Aufarbeitung fast 60 Jahre vergangen seien. Und selbst die jetzige Studie kam nur zustande, weil Steinmeiers Vorgänger Fischer mit dem Establishment des Amts aneinandergeraten war.
Ausgangspunkt sei ein "lächerlicher Nachruf in einem mistigen Blättchen" gewesen, sagt Fischer heute. 2003 hatte die Mitarbeiterpostille "intern AA" einen ehrenden Nachruf auf den früheren Generalkonsul Franz Nüßlein veröffentlicht. Der verschwieg, dass Nüßlein als Oberstaatsanwalt im besetzten Prag Hunderte Hinrichtungen mitverantwortet haben soll. Fischer verfügte, Ex-NSDAP-Mitglieder sollten fortan keine Würdigungen mehr erhalten.
Zum ersten Mal wurde diese Ehrensperre ein Jahr später gegen den verstorbenen Franz Krapf verhängt. Der Nato-Botschafter unter Genscher war sowohl Mitglied der SS (ab 1933) als auch der NSDAP (ab 1936) gewesen.
Die "Mumien", wie sich ehemalige Diplomaten selbstironisch nennen, rebellierten in einem beispiellosen Aufstand, und viele Aktive schlossen sich an. Das Kriterium der Parteimitgliedschaft greife zu kurz. 128 Ehemalige schalteten für den beliebten Krapf eine großformatige Todesanzeige in der "Frankfurter Allgemeinen", um dessen Ansehen zu verteidigen.
Fischer wurde von der Reaktion überrascht, beauftragte die Kommission und triumphiert jetzt angesichts des Ergebnisses: "Das ist der Nachruf, den die Herren verdienen."
Ganz so deutlich ist der Punktsieg Fischers freilich nicht. Denn aus dem Bericht geht eindeutig hervor, dass eine NSDAP-Mitgliedschaft allein über das Ausmaß der Verstrickung nichts aussagt. Vor allem aber zählt das Buch keineswegs zu jenen ausgewogenen Kommissionsberichten, die üblicherweise historische Debatten beschließen.
Immer wieder finden sich Aussagen über "die" Diplomaten, obwohl keineswegs alle Verbrechen begingen, wie der Bericht selbst an anderer Stelle betont. Zudem wird Diplomaten "Verständnis" für die "Endlösung" unterstellt, wenn sie Berichte der mörderischen Einsatzgruppen gelesen hatten und als gelesen abzeichneten. Auch erweckt das Werk den Eindruck, einige Diplomaten seien am Morden beteiligt gewesen, selbst wenn der Nachweis dann nicht geführt wird.
So war Krapf während des Krieges an der Botschaft in Tokio stationiert. Die Historiker schreiben: "Über Krapfs Tätigkeit (in Japan -Red.) ist wenig bekannt, aber klar ist: Selbst im fernen Ostasien waren deutsche Diplomaten mit der ,Endlösung' der Judenfrage befasst." Soll heißen: Irgendwas wird auch Krapf zum Völkermord beigetragen haben.
Doch nicht nur die "Mumien" werden sich aufmerksam über solche Passagen beugen. Mit Kritik müssen die Wissenschaftler auch von jüngeren Diplomaten rechnen, denn den Angehörigen des Amts wird vorgeworfen, noch bis in die neunziger Jahre überkommene apologetische Versionen "kaum in Frage gestellt" zu haben. Das stimme nicht, sagt ein hochrangiger Beamter und verweist auf die lange vorliegenden Studien von Hans-Jürgen Döscher über die Verbrechen von Diplomaten, die man natürlich gelesen habe.
Anders als von der Kommission unterstellt, habe die Behörde schon früher zu einer differenzierten Sicht der eigenen Vergangenheit gefunden. So heißt es etwa in einer offiziellen Broschüre von 1995, es habe im Amt neben "einigen fanatischen Anhängern" eine "erhebliche Zahl von Mitläufern und Gleichgültigen" gegeben.
Für die Amtsspitze ist das Thema dennoch heikel, das zeigt schon die Vorgeschichte der Veranstaltungen dieser Woche. Ursprünglich sollten Fischer, Steinmeier und Westerwelle gemeinsam das Buch vorstellen. Freilich plante der Verlag auch eine Diskussion der drei mit den Historikern. Da sagte Westerwelle ab und macht nun seine eigene Veranstaltung.
Er hatte offenbar das Gefühl, nicht gewinnen zu können. Als Minister, der die Studie nur geerbt hat, wäre er auf den wortgewaltigen Privatier Fischer getroffen, für den die NS-Aufarbeitung ein Lebensthema ist und der sich immer freut, dem "Guuiiidoo" einen mitgeben zu können.
Dabei lobt auch dieser das Buch als ein "gewichtiges Werk" und einen bedeutenden "Beitrag zur Selbstvergewisserung des Amts". Der Liberale will den Wälzer in die Attaché-Ausbildung einbeziehen und nun die Traditionspflege des Hauses überarbeiten. Das Amt plant, Broschüren der Botschaften abzuändern, soweit sie Legenden verbreiten. Zudem sollen die Porträts der Diplomaten überprüft werden, die in der Zentrale und den Außenposten an den Wänden hängen.
Gut möglich, dass man es dann überall so macht wie in London, wo unter dem Konterfei des ehemaligen Botschafters und späteren Amtschefs Konstantin von Neurath (1932 bis 1938) dessen Nazi-Vergangenheit vermerkt ist. Oder dass in Zukunft nur noch Bilder von bundesdeutschen Diplomaten hängen bleiben.
Immerhin hat das Amt mit der Studie schon jetzt in einer Hinsicht mit der Vergangenheit gebrochen. Es hat sich ausnahmsweise an die Spitze der Aufklärung gesetzt. Die anderen Ministerien ignorieren ihre braune Vergangenheit weitgehend bis heute.
(*) Eckart Conze u. a.: "Das Amt und die Vergangenheit". Blessing Verlag, München; 880 Seiten; 34,95 Euro.
Von Jan Friedmann und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 43/2010
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