25.10.2010

ROHSTOFFEStaatliche Zwangsarbeit

Jeden Herbst werden in Usbekistan Kinder zur Baumwollernte gezwungen. Auch deutsche Firmen profitieren von dieser Verletzung der Menschenrechte.
Die usbekischen Sommerferien beginnen, wenn die Wärme schwindet, Mitte September. Sie dauern gut zwei Monate, doch viele Schüler sehen ihre Eltern in dieser Zeit kaum. Die Kinder müssen ihrem Land dienen und Baumwolle pflücken.
Zur Erntezeit im Herbst vollzieht sich in der zentralasiatischen Republik ein obskures Ritual sowjetischer Kommandowirtschaft: Präsident Islam Karimow lässt die Massen mobilisieren. Etwa zwei Millionen Schüler werden dann zum Feldeinsatz befohlen, um das "weiße Gold" - wie die Baumwolle schon zu Stalin-Zeiten hieß - zu ernten. Neben Gas und Gold ist sie eine der wichtigsten Devisenquellen für die usbekische Elite. Im Moment ist Baumwolle so teuer wie noch nie seit dem Notierungsbeginn vor 140 Jahren.
Die pflückenden Kinder profitieren davon nicht. Bei ihrem letzten Feldeinsatz im vergangenen Herbst war Nasira elf Jahre alt. Morgens um sieben zog sie mit ihrer Klasse und den Lehrern los, in ein Dorf in der Nähe von Andischan im Osten des Landes. Pflücken mussten sie bis zum frühen Abend, einen Monat lang.
Zehn Kilogramm sollten sie pro Tag zusammenbekommen - "ich hab mit Ach und Krach drei Kilo geschafft", berichtet Nasira. Ihr Lohn: 60 Sum pro Kilo, das sind umgerechnet drei Cent. Nach einem Monat Arbeit gab sie das Geld ihrer Mutter. "Sie hat mir davon eine Wintermütze gekauft, musste aber selbst noch was dazugeben."
Etwas ältere Schüler, die auch in der Gegend eingesetzt waren, kamen noch schlechter weg. Lehrer behielten ihre Monatslöhne einfach ein. Wer die Norm nicht schaffte, wurde auch geschlagen. Die wenigen Eltern, die sich der Zwangsrekrutierung ihrer Kinder widersetzten, wurden von Lehrern bei Hausbesuchen bearbeitet.
Im Oktober 2008 erhängte sich die 17-jährige Studentin Umida Donischewa an einem Baum am Rande eines Baumwollfeldes. Sie habe den Druck ihrer Lehrer, immer mehr Baumwolle zu sammeln, nicht mehr ausgehalten, hieß es in einer neun Zeilen langen Meldung in einem usbekischen Internetdienst.
Was in dem Land geschehe, sei nichts anderes als "Kindersklaverei", sagt Joanna Ewart-James. Sie arbeitet bei "Anti-Slavery International". Zwar unterzeichnete Usbekistan inzwischen die Uno-Konvention gegen Kinderarbeit und bestreitet jedes Fehlverhalten - für die Schüler auf dem Land habe sich jedoch wenig geändert, so Ewart-James.
Vor kurzem besuchte die Aktivistin internationale Baumwollkonferenzen in Texas und Liverpool. Große Händler wie der US-Konzern Cargill, die Schweizer Reinhart-Gruppe oder das Bremer Unternehmen Otto Stadtlander waren vertreten, doch auf Fragen nach Kinderarbeit wurde Ewart-James nur belächelt.
Die gute Stimmung der Branche könnte in dieser Woche etwas getrübt werden: Gegen sieben europäische Baumwollhändler ist Beschwerde bei der OECD eingelegt worden. Die Firmen, so der Vorwurf, verstießen mit ihrem Profit aus usbekischer Kinderarbeit gegen OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen.
In Deutschland klagt das European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) gegen Stadtlander, einen großen europäischen Baumwollhändler mit über hundert Millionen Euro Umsatz. Seit Jahren betreibt das Unternehmen ein Büro in Taschkent und pflegt gute Beziehungen zu Karimows Apparat.
Das ECCHR ist noch relativ jung, es zwang mit einer Klage aber bereits Lidl zum Einlenken - der Discounter hatte mit vermeintlich fairen Produktionsbedingungen geworben. Stadtlander leiste Beihilfe zu Menschenrechtsverletzungen, so die ECCHR-Koordinatorin Miriam Saage-Maaß, dennoch sei der Fall schwierig.
Anders als Lidl hat die Bremer Firma keine Fairness versprochen, außer peinlichen Fragen droht erst mal nicht viel. In den OECD-Richtlinien wimmelt es überdies von Soll-Vorschriften - zahnloses "soft law", wie auch Juristin Saage-Maaß weiß. Diskriminierungen kennt zwar auch das Welthandelsrecht der WTO, aber nur wenn es um Produkte und freien Warenverkehr geht. Unter welchen Bedingungen die Waren entstehen, ist für die Freihandelswächter nicht entscheidend.
Die Beschwerde soll auch diese absurde Rechtslücke vor Augen führen: Unternehmen, die von Menschenrechtsverletzungen profitieren, ist juristisch kaum beizukommen. Dabei würde es schon helfen, wenn die OECD-Richtlinien mit Sanktionen versehen werden, etwa der Kappung von Wirtschaftsförderung. Doch bei den meisten OECD-Kontaktstellen in den Ländern vermisst Saage-Maaß jedes Interesse: "Die sind oft zu lahm." Die Geschäftsführung von Otto Stadtlander habe seit über einem Jahr die ECCHR-Anfragen ignoriert, sagt sie. Fragen des SPIEGEL wollte die Firma nicht beantworten.
Die gute Beziehung der Bremer zu Usbekistan liegt ganz auf der Linie der Bundesregierung. Mit Präsident Karimow verbindet Deutschland eine "neue Partnerschaft", von einem Militärstützpunkt in Usbekistan starten deutsche Soldaten nach Afghanistan.
Der ehemalige Kaderkommunist Karimow konvertierte zum Kapitalismus, ohne die stalinistische Attitüde aufzugeben. Er wird in unregelmäßigen Abständen mit Traumergebnissen zum Präsidenten gewählt. Sogar Oppositionskandidaten berichten, für ihn gestimmt zu haben. In seinem Land werden Regimegegner schon mal in siedendes Wasser getaucht (SPIEGEL 41/2010). Mitunter wird auch geschossen, wie 2005 in Andischan, vermutlich über 700 Oppositionelle starben.
In Europa forderten deshalb viele Staaten Sanktionen, doch Deutschland zog nicht mit. Stattdessen besuchten Minister das Land mit großen Wirtschaftsdelegationen im Schlepptau.
Was sich durch die Partnerschaft für die Kinder verbessert hat, vermag die Bundesregierung nicht zu sagen, eine Sprecherin verweist auf ein "Monitoringsystem" und "regelmäßige Dialoge".
Vom Baumwollhandel profitieren auch deutsche Banken, etwa die teilverstaatlichte Commerzbank, die in Taschkent ein Büro unterhält. Man sei schon "seit Jahren" für europäische Kunden dort in der Finanzierung ihrer Baumwollgeschäfte tätig, so ein Sprecher. Auch die Deutsche Bank finanziert Usbekistan-Geschäfte.
Einzelhändler wie C&A und Wal-Mart versuchen mittlerweile, auf den usbekischen Kleiderrohstoff zu verzichten. Doch der Weg der usbekischen Baumwolle, die von Händlern mit anderer Ware vermischt wird, ist schwer nachzuvollziehen.
Der Rohstoffreichtum des Landes hat an der Armut seiner Menschen nichts geändert. Die Landwirtschaft schleppt sich mit Methoden von vorgestern dahin, wie etwa im Dorf Scheichlar nordwestlich der Stadt Samarkand. Erntemaschinen wie zu Sowjetzeiten sind dort nicht mehr zu sehen. Formal sind die Bauern frei, sie pachten ihr Land jedoch vom Staat, beziehen Düngemittel von Staatsfirmen und haben ihr Plansoll zu erfüllen. Sie bekommen ein Drittel des Exportpreises - die Differenz kassiert Karimows Regierung.
Der Baumwollanbau schädigt indes die Umwelt immens: Der Aralsee im Westen des Landes ist vor allem wegen der Baumwollbewässerung auf zehn Prozent seines Volumens geschrumpft; die 24 Fischarten, die es einst darin gab, sind ausgestorben. Die Arbeitslosigkeit in der Region liegt bei nunmehr 70 Prozent.
Umida Nijasowa, Menschenrechtsaktivistin aus Usbekistan, die schon in Karimows Kerkern eingesperrt war, dokumentiert inzwischen von Berlin aus die Situation in ihrem Heimatland. Ihr wird von Arbeitsunfällen berichtet und von unsäglichen hygienischen Zuständen in den Wohnlagern bei den Feldern. Der Vater eines Mädchens, das in der südwestlichen Gegend von Dschisak Baumwolle sammeln musste, hat sie gerade kontaktiert. "Die Eltern wurden dort stundenlang von der Polizei kontrolliert, bevor sie ihre Kinder sehen durften", sagt Nijasowa.
Das Bild, das die Firma Stadtlander von Usbekistan zeichnet, ist ein anderes. Wenn an der Bremer Baumwollbörse das usbekische Frühjahrsfest gefeiert wurde, stand man gern als Sponsor bereit. Es gibt dann den usbekischen Eintopf Plow. Usbekische Tänzerinnen in Glitzerkleidern treten auf, und auf großen Postern ist zu sehen, wie Islam Karimow sich die Städte der Zukunft vorstellt.
Es ist fast wie im usbekischen Fernsehen.
Von Nils Klawitter und Wladimir Pyljow

DER SPIEGEL 43/2010
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