25.10.2010

Der dumme Krieg

Mit seiner Irak-Invasion hat Amerika das Volk von einem Tyrannen befreit, aber das Recht gebrochen und Zehntausende Menschenleben zerstört. Nun liegt die bislang dichteste Chronik dieses Krieges vor - zwei Wochen bevor George W. Bush seine Memoiren veröffentlicht. Eine Bilanz.
In den Leichenschauhäusern von Bagdad lagen Anfang Oktober 500 nicht identifizierte Tote. Es kommen, sagt ein Arzt, zurzeit genauso viele Leichen herein wie 2007. In den vergangenen drei Monaten sind in der Stadt mindestens 630 Menschen mit schallgedämpften Pistolen erschossen worden, die meisten von ihnen Wachposten an den Checkpoints, auch Politiker und ihre Angehörigen, auch ein
Fernsehreporter, der bei einem Aufsager plötzlich leblos in sich zusammensank, mitten am Tag, ohne dass sich der Schuss hätte verorten lassen. Es ist unheimlich.
"Ich habe Freunde, die letztes Jahr aus dem Exil in Damaskus zurückgekommen sind. Jetzt packen sie wieder die Koffer." Das erzählt ein junger Anwalt namens Ahmed, der im Zentrum von Bagdad unter den Ventilatoren des Schahbandar-Cafés sitzt.
Draußen im Bücherbasar schieben sich die Leute an den Auslagen entlang. Predigerbücher mit Goldprägung werden feilgeboten, Englisch-Sprachkurse, Nietzsche-Ausgaben, eine Saddam-Biografie. Gut verkauft sich ein Buch mit dem Titel "Turban und Ziviluniform", eine Abrechnung mit Frömmlern und Philistern.
Das Schahbandar-Café ist seit den Tagen der Monarchie ein Treffpunkt der Gebildeten. Unter verblichenen Dichter-Porträts sitzen Professoren, Rentner, auch Familien bei Wasserpfeife und Tee.
Der Anwalt Ahmed sagt: "Ich war unter Saddam im Gefängnis. Damals hätten wir hier nicht sprechen können. Überall Geheimpolizei. Heute kann man im Irak sagen, was man will ..."
"Es hört sowieso keiner zu", führt neben ihm einer den Satz zu Ende.
Das immerhin wäre ein Fortschritt. Die Gleichgültigkeit der einmal Gewählten gegenüber dem Volk ist ein Wesenszug der neuen Demokratie. Und Regime-wechsel sind auch in Zukunft keine Garantie für bessere Zeiten, nur für andere.
Am Ausgang vom Café Schahbandar sitzt, weißhaarig und zusammengesunken, der Inhaber an der Kasse, Mohammed al-Chaschali. Er klagt über Iraks Politiker und die Selbstvergessenheit der Macht. Dann erzählt er, wie im März 2007 ein blauer Pick-up vor seinem Café hielt und weshalb er es wenige Tage später in "Schahbandar Märtyrer Café" umbenannt hat.
Dutzende Menschen sind zerrissen worden. "Auch meine vier Söhne", sagt Chaschali, "und ein Enkel." Er erwähnt es fast beiläufig, ohne eine Reaktion zu erwarten.
Die Stadt ist voller Leichname, nur dass sie heute nicht mehr frühmorgens schon in den Palmengärten liegen. Und jeder Satz über den Sinn und Unsinn des Irak-Kriegs, über Verdienste und Verbrechen der Befreier und Besatzer wird vor dem Hintergrund eines noch immer wachsenden Heeres von Toten gesprochen.
Sieben Jahre hat Amerikas Krieg im Irak gedauert, länger als der gegen Adolf Hitler. 4426 US-Soldaten sind gefallen, etwa 100 000 irakische Zivilisten ums Leben gekommen. Nun legen der SPIEGEL, die "New York Times", der Londoner "Guardian" und andere Medien einen von der Internetplattform WikiLeaks bereitgestellten Datensatz von fast 400 000 Dokumenten vor, in welchen die Soldaten der US-Armee diesen Krieg protokolliert haben (siehe Seite 112). Einer ersten Auswertung dieser Dokumente zufolge liegt die Zahl der Toten noch höher als bis jetzt bekannt.
Das Ergebnis dieses Krieges? Der Irak ist vom Tyrannen befreit. Heute können die Iraker ihre Führer wählen, Millionen von ihnen haben von diesem Recht Gebrauch gemacht.
Amerika aber hat für diesen Krieg das Völkerrecht gebrochen, Verbündete diffamiert, die Vereinten Nationen lächerlich gemacht. Es hat seine Autorität als militärische und moralische Supermacht verspielt. Es hat über eine Billion Dollar ausgegeben, es hat erst triumphiert, dann einen Augenblick lang resigniert und sich vom Terror bis an den Rand einer historischen Niederlage drängen lassen. Dann raffte es sich auf - nicht um zu siegen, sondern, unter schwersten Opfern, die Niederlage abzuwenden.
Vier der Opfer, Ghanem, Kadhim, Mohammed und Bilal, sind Mohammed al-Chaschalis Söhne, eines ist Katib, sein Enkel.
War es das wert? Rechtfertigt das Ergebnis diesen Krieg?
Drei Männer, ohne die er so nicht stattgefunden hätte, werden in den kommenden Wochen und Monaten ihre Memoiren vorlegen - George W. Bush im November, sein langjähriger Verteidigungsminister Donald Rumsfeld im Januar, sein Vizepräsident Dick Cheney im Frühjahr. Sie werden sich um die moralische Bewertung des Irak-Kriegs nicht drücken können. Bushs Buch trägt den Titel "Decision Points", "Entscheidungspunkte". Rumsfeld, so hat der Verlag angekündigt, beginne seine Erinnerungen mit seiner ersten Begegnung mit Saddam Hussein 1983.
Noch sind ihre Einlassungen nicht bekannt. Erwartet im Ernst jemand Schuldeingeständnisse? "Die Entscheidung, Saddam Hussein zu stürzen, war am Anfang meiner Präsidentschaft richtig", sagte Bush zum fünften Jahrestag der Invasion, "sie ist heute richtig, und sie wird immer richtig sein." Ähnlich der vierte der Kriegsherrn, dessen Autobiografie Anfang September erschien: "Ich tat, was ich für richtig hielt, selbst wenn die Bürger anderer Überzeugung waren", schrieb der britische Ex-Premier Tony Blair. "Selbstverständlich ist der Irak heute ein besserer Ort als unter Saddam."
Dass Bush und Blair immer bei Saddam Hussein enden, wenn sie vom Irak zu sprechen beginnen, ist verständlich - und, zu einem gewissen Maß, auch legitim. Der Sturz des grausamsten aller arabischen Diktatoren ist das am wenigsten kontroverse Kapitel des Irak-Kriegs. Die Vorstellung, er wäre heute noch an der Macht und ginge, inzwischen 73, allmählich daran, sein Haus zu bestellen, ist unerträglich, selbst für entschiedene Gegner des Irak-Kriegs.
Strategisch gibt es sogar selbst in diesem Punkt Kritik, bis heute. Iraks ehemaliger Premier Ijad Alawi, selbst an Attentatsversuchen gegen Saddam beteiligt, hält daran fest, dass es besser gewesen wäre, das Regime mittels einer Kommando-Aktion zu enthaupten - anstatt einen Krieg zu führen, die Armee zu zerschlagen und selbst die letzten Bänder zu zerreißen, die das Land zusammenhielten.
Doch der Regimewechsel war nur eines der Ziele, mit denen Amerika und seine Koalition der Willigen in den Irak einmarschierten. Die Invasoren hatten mehr vor. Sie wollten, wie Bush es ausdrückte, die Freiheit in den Nahen Osten tragen, eine Freiheit, die nicht "Amerikas Geschenk an die Welt" sei, sondern "Gottes Geschenk an die Menschheit".
Sie wollten, so steht es in der Kriegsresolution des US-Kongresses vom 16. Oktober 2002, Saddam Husseins Regime entwaffnen, die Menschenrechtsverletzungen und den Terror im Irak beenden und ihn - sowie den Nahen Osten insgesamt - demokratisch machen. Es sind diese von beiden Häusern des Kongresses ratifizierten Ansprüche, an denen die Geschichte diesen Krieg messen wird. Noch ist der Abstand zu den Ereignissen kein historischer, vor zwei Monaten erst hat Amerika seine letzte Kampfeinheit abgezogen. Doch mehr als sieben Jahre nach Beginn der Invasion, jetzt, wo die bislang dichteste, von den US-Streitkräften selbst produzierte Chronologie dieses Krieges vorliegt, ist es Zeit, eine Bilanz zu ziehen.
Das erste Kapitel dieses Krieges, die Geschichte von Saddam Husseins Entwaffnung, ist auch das kürzeste. Er hatte keine Massenvernichtungswaffen mehr. Keiner der 391 832 jetzt vorgelegten Militärreports berichtet von einem nennenswerten Fund biologischer, chemischer oder nuklearer Kampfstoffe. Die Dokumente belegen den resignierten Befund, mit dem David Kay, der erste Direktor der mit der Waffensuche beauftragten "Iraq Survey Group", im Januar 2004 zurücktrat: "Ich glaube nicht, dass sie existierten."
Mit kühner Ironie versuchte George W. Bush anfangs, die Blamage zu überspielen, und ließ sich fotografieren, als er unter den Schränken im Oval Office nachschaute: "Irgendwo hier müssen diese Massenvernichtungswaffen doch stecken."
Doch katastrophal war der Verlust an Glaubwürdigkeit, mit dem Amerika und seine Nachrichtendienste aus der Affäre hervorgingen. Bushs erster Außenminister Colin Powell, der vor dem Weltsicherheitsrat behauptet hatte, es könne "keinen Zweifel geben, dass Saddam Hussein biologische Waffen sowie die Fähigkeit besitzt, rasch mehr, viel mehr davon zu produzieren", ertrug ihn stellvertretend. Ende 2004 trat er zurück. Sein Auftritt vor der Uno, sagte er später, sei "ein Schandfleck" auf seiner Biografie.
Die Entwaffnung Saddam Husseins, vor der Invasion immerhin als das zentrale Kriegsziel formuliert, war diesen Krieg nicht wert.
Anders verhielt es sich zunächst mit dem Kriegsgrund der Menschenrechtsverletzungen. Erschüttert sahen die Iraker im Sommer 2003 amerikanischen Experten dabei zu, wie sie zwischen Euphrat und Tigris ein Massengrab nach dem anderen aushoben. Gewusst hatten sie von deren Existenz seit langem, es waren ihre Männer, Brüder und Söhne, die dort lagen. Aber dies war das erste Mal in der Geschichte des Nahen Ostens, dass ein Regime direkt und juristisch verbindlich mit den Hinterlassenschaften seiner Grausamkeit konfrontiert wurde und den Opfern damit Genugtuung widerfuhr. Ein bleibendes Verdienst.
Doch während Menschenrechtler und Forensiker in den Wüsten des Zweistromlandes noch nach den Opfern des alten Terrors gruben, begannen ihre Hinterbliebenen bereits unter dem neuen zu leiden: Mit ihrer übereilten Zerschlagung der irakischen Armee und dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung stürzten die Besatzer das Land in eine Atmosphäre völliger Gesetzlosigkeit.
Plünderer, Kriminelle, aus der Erbmasse des gestürzten Regimes übriggebliebene Verbrecher nutzten als Erste dieses Vakuum, doch früh schon machte ein Heer islamistischer Terroristen sich auf den Weg nach Bagdad. Ein Jahr nach der Invasion widersprach die Lage im Irak diametral dem erklärten Kriegsziel, den Irak vom islamistischen Terror zu befreien. Die Dschihadisten, Todfeinde nicht nur Amerikas, sondern auch des gestürzten Diktators, waren vorher nicht da gewesen. Sie kamen jetzt erst, zu Hunderten, und richteten ein Inferno an, das die jetzt vorliegenden Militärberichte so schonungslos dokumentieren wie kein Kriegsbericht zuvor.
Sie entfesselten einen Sektenkrieg, dem an seinem Höhepunkt 2006 mehr als 3000 Menschen monatlich zum Opfer fielen. Die nach ihrer Auflösung mühsam wieder aufzubauenden Sicherheitskräfte griffen auf Seiten der Schiiten in den Krieg ein und schlugen mit einer Brutalität zurück, die der Menschenschinderei des Sunniten-Regimes von Saddam Hussein nicht nachstand. Mehr als zwei Millionen Iraker flohen damals aus dem befreiten Irak ins Ausland, mindestens ebenso viele setzten sich in den vergleichsweise ruhigen Norden des Landes ab. Selbst Opfer des alten Regimes wünschten sich damals dessen Rückkehr.
Den eigenen Sündenfall erlebte Amerika im Frühjahr 2004, als es noch offiziell Besatzungsmacht war. Er ist mit zwei Worten hinreichend beschrieben: Abu Ghuraib. Wie die Soldaten, die als Befreier einmarschiert waren, in diesem Foltergefängnis am westlichen Stadtrand von Bagdad die Menschen und das Menschenrecht mit Füßen traten, hat irreparablen Schaden angerichtet - an den Opfern selbst, am weiteren Verlauf des Krieges, am Verhältnis des Westens zur islamischen Welt, am Nimbus der USA als einer moralischen Supermacht.
Amerika, im Gegensatz zu den Regimen des Nahen Ostens, hat selbst die Kraft gefunden, seinen Folterskandal offenzulegen. Aber war es das wert? Hat dieser Krieg dem Irak die Menschenrechte gebracht? Formal gewiss: Die Iraker haben heute das freie und das allgemeine Wahlrecht, sie genießen, dem Gesetz nach, Meinungs- und Pressefreiheit.
Doch die Bilanz ist grauenhaft. Man wartet gespannt auf die Abu-Ghuraib-Kapitel in den Büchern von Bush, Cheney und Rumsfeld - und auf die Worte, die sie für die Toten finden, für die Witwen, die Amputierten, die seelisch Zerstörten.
Schließlich der vierte Kriegsgrund, der in den aufgewühlten Tagen vor dem Einmarsch vielen einleuchtete, auch denen, die nicht leichtfertig ins Lager der Bush-Krieger wechselten. Der Plan, im Irak einen Brückenkopf der Demokratie im Nahen Osten zu errichten, enthielt ja nicht nur den Kern des amerikanischen Heilsversprechens. Er griff eine fundamentale Erfahrung auf, die Deutsche, Japaner und, nach dem Ende des Kalten Kriegs, auch die Völker Osteuropas gemacht hatten. Wer wollte den Irakern das Recht auf Freiheit und Demokratie absprechen? Bildete sich jemand ein, Araber könnten nur von Autokraten regiert werden?
Das Demokratie-Argument enthielt ein Element der Fairness und der Nachhaltigkeit, das über die damals schon fadenscheinigen Behauptungen der Nachrichtendienste hinausging.
Hat der Krieg das Argument gerechtfertigt?
Dreimal, auch das ein nicht zu unterschlagendes Verdienst der Invasion, haben die Iraker seit 2003 gewählt, zuletzt im März. Sieben Monate lang haben die Gewählten dann beraten, seit drei Wochen scheint festzustehen, dass der bisherige Ministerpräsident Nuri al-Maliki auch der künftige sein wird.
Wie Maliki gekürt wurde und welche Folgen das haben wird, hat aber viele Iraker tief verbittert. Es ist ein Menetekel für die Zukunft des Irak und ein Hohn auf die demokratischen Auspizien von 2003. Denn seine Wahl widerspricht dem Wahlergebnis - Maliki war knapp geschlagen worden - und zementiert erneut die Herrschaft einer konfessionellen Gruppe über eine andere.
Den ganzen Sommer über hatten die Parteien des Sektenkrieges erfolglos um einen Kompromiss gerungen. Anfang September schaltete sich dann Iran ein. Teheran will, dass in Bagdad ein schiitischer Autokrat wie Maliki regiert, nicht sein säkularer Rivale Alawi, dessen Bündnis die Wahl gewonnen hat.
Nur Tage nach dem Abzug der letzten US-Kampfeinheit Ende August nahm ein Ajatollah in der iranischen Gelehrtenstadt Ghom den mit Maliki verfeindeten Schiiten-Führer Muktada al-Sadr zur Seite. An dessen Widerstand war Malikis Wiederwahl bislang gescheitert. Nun überzeugte ihn sein Konfessionsbruder. Zur Sicherheit wurde noch ein anderer Schiiten-Führer eingebunden: der Libanese Hassan Nasrallah, der Chef der radikalislamischen Hisbollah.
Zusammen mit den Kurden kann Maliki nun eine Regierung bilden. Die Sunniten, die überwiegend für die Säkularen gestimmt hatten, sind draußen.
Maliki, der schon in seiner ersten Amtszeit stark autoritäre Züge annahm, lässt bereits Ganzkörper-Porträts von sich an die Fassaden ausgebombter Häuser hängen. Viel kann ihm jetzt nicht mehr passieren. Er hat die Unterstützung Irans, der, auch weil Amerika ihn von seinem Feind Saddam befreit hat, der wahre Siegers des Irak-Kriegs ist.
Aufmerksam haben die arabischen Fernsehkanäle die unwürdige Kandidatensuche beobachtet. Wie bereits nach der Wahl 2005 war sie von Gewalt begleitet - und bestätigte erneut die konfessionellen Realitäten des Irak und den Einfluss seiner Nachbarn. Der Irak ist kein Beispiel, dem ein anderes Land der Region folgen möchte.
Der Staat, den dieser Krieg hervorgebracht hat, ist zu schwach für die Demokratie. Vielleicht wäre er stark genug, wenn Amerika noch einmal eingriffe, nicht militärisch wie 2003, sondern mit seinem ganzen Sachverstand über den Nahen Osten, den es schon damals hatte, aber auf seinem überstürzten Weg nach Bagdad so fahrlässig zur Seite wischte.
Doch dazu wird sich Amerika nun nicht mehr durchringen, nicht im Irak, nicht in China, nicht in Burma. Wenn der Demokrat und Menschenrechtler Barack Obama heute über Demokratie und Menschenrechte spricht, hört ihm dort keiner mehr zu.
Genau das hat dieser Krieg bewirkt. Keiner hat treffender als Obama selbst die Aporie beschrieben, in die sein Vorgänger die moralische Supermacht Amerika gesteuert hat: "Ich bin nicht gegen jeden Krieg", sagte er 2002 auf einer Demonstration gegen den Irak-Krieg. "Ich bin gegen die dummen Kriege."
Der Irak-Krieg kam zum falschen Zeitpunkt, er kam mit falschen Gründen, er hat katastrophale Folgen. Vieles davon konnte man vorher wissen. Deshalb war es ein dummer Krieg.
Die Ausfallstraße von Bagdad nach Abu Ghuraib führt an patriotisch bemalten Sprengschutzwänden entlang, an Lagerhallen, Zementdepots und Lkw-Werkstätten. Alle paar hundert Meter dösen Posten in unwirklich großen Pick-ups oder stehen hinter ausbetonierten Ölfässern, mit neuen Uniformen und mit den lässigen Gesten, die sie von den einstigen Besatzern abgeschaut haben. Das "Hippodrom Abu Ghuraib" liegt abseits, hinter Amirija, einem Stadtteil Bagdads, der sich als einer der letzten den Amerikanern ergeben hatte: Sunniten-Gebiet.
Zweimal die Woche wird hier auf Pferde gewettet. Ein Zeichen des Fortschritts. Besser, sich um die Aufstellung an der Startbox zu kümmern als um die der jeweiligen Milizen.
Die Straße führt an aufgeworfenen Sandhaufen vorbei, so fahlgelb wie der Himmel, an Schrott, Müll und zerrissenen Autoteilen. Die Häuser sind Festungen, mit eigenen Generatoren und hohen verschweißten Portalen. Aber es blüht Bougainvillea über die Mauern, und jemand wäscht sein Auto. Sonst ist kein Mensch auf der Straße zu sehen. Nur manchmal schaukelt ein anderes Auto durch die Lehmlöcher, ein wenig zu schnell für den Zustand der Straße.
"Wir sollten umkehren", sagt der Fahrer. Dann hat er den Weg verloren. Es gibt keine Schilder, nur die leeren Fenster der Häuser. Es ist nicht gut, in Amirija nach dem Weg zu fragen. Der Fahrer kommt zum dritten Mal an derselben Straßenecke vorbei. Auch der Dolmetscher wird nervös. Er fängt an lauter zu reden, flucht, schlägt mit der Faust auf die Ablage vor sich. Es ist nicht gut, mit Ausländern gesehen zu werden.
Jeden Tag wird es schlimmer, sagt er. Die an den Autos angebrachten Magnetbomben, die Attentate mit schallgedämpften Waffen, die Unsicherheit, das quälend lange Warten auf eine neue Regierung. Das hier ist nicht sein Viertel. Er hat Angst, und die ist lähmend und ansteckend. Vielleicht ist es auch nur Einbildung. Vielleicht geht es auch gut aus. Alles ist möglich in diesem verwüsteten Land. Der Dolmetscher knetet sein Handy, fährt sich über die Stirn, und dann schreit er den Satz, den er die ganze Zeit schon hatte sagen wollen: "Ihr könnt wieder gehen, aber wir, wir müssen hierbleiben."
Von Alexander Smoltczyk und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 43/2010
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