30.10.2010

INTERNETSuche nach Menschenfleisch

In China rufen Blogger ungeniert zur Treibjagd gegen vermeintliche Volksfeinde auf. Die Machthaber lassen sie gewähren, solange nicht führende Kader betroffen sind: Hier findet der angestaute Unmut vieler Bürger ein Ventil.
Cai Jimings Visitenkarte ist mit Ehrentiteln eng bedruckt. Besonders stolz ist der Ökonom der elitären Qinghua-Universität in Peking auf seine Mitgliedschaft in der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes. In dieser Funktion darf er sogar die kommunistische Führung beraten.
Umso bemerkenswerter ist, dass sogar ein so etablierter und angesehener Bürger Opfer einer kollektiven Hetzjagd werden konnte, ohne dass die Obrigkeit einschritt. Cai, 54, wurde wiederholt mit dem Tod, seine Frau und seine Tochter wurden mit Vergewaltigung bedroht. Und dabei stand dann Cais Anschrift, Handy-Nummer und E-Mail-Adresse.
Der Pekinger Professor wurde Ziel einer anonymen Masse, die kein individuelles Gesicht hat und die er nicht zur Rede stellen kann. Der Mob ist aggres-siv und allgegenwärtig. Er wütet im chinesischen Internet, einem virtuellen Riesenreich mit rund 450 Millionen Nutzern, das im Westen vor allem für seine sogenannte große virtuelle Firewall berüchtigt ist.
Doch hinter dieser chinesischen Mauer der Zensur lässt Peking erstaunliche Freiräume zu: Dort dürfen die Massen ihren Zorn austoben - solange er sich nicht gegen die Staatsspitze richtet.
"Renrou sousuo" - "Suche nach Menschenfleisch" - nennen chinesische Internetblogger ihre Jagd auf vermutete Volksfeinde. Auf heimischen Such- und Internetportalen wie Baidu oder mop.com wimmelt es von solchen Menschenjägern. Cai geriet in ihr Visier, weil er als Mitglied eines Expertengremiums Vorschläge zur Reform der chinesischen Ferienordnung vorgelegt hatte.
Eigentlich sind die Vorschläge harmlos, so harmlos wie der Professor selbst, der im blauen Anzug und mit grauer Krawatte in seinem kleinen Büro sitzt und seinem Besuch Tee einschenkt. Cai sieht müde aus, aber er bemüht sich, gelassen zu wirken.
Der Berater hatte zum Beispiel vorgeschlagen, die Feiertagswoche um den 1. Mai, in der das 1,3-Milliarden-Volk einst sehr lange kollektiv urlaubte, zu entzerren; als Ersatz dafür ließ er traditionelle Feiertage neu aufleben. Auf diese Weise, sagt Cai, werde das Verkehrssystem und die Umwelt vom landesweiten Massenansturm entlastet. Das sei ökonomischer, und als Ökonom habe man ihn schließlich um Rat gefragt.
Doch den Verzicht auf die liebgewonnene alte Regelung nahmen einige Landsleute Cai übel. Auf Baidu - die chinesische Suchmaschine beherrscht 73 Prozent der heimischen Anfragen, seit US-Konkurrent Google sich großteils aus dem Markt zurückzog - richteten sie vor etwa drei Jahren Hass-Foren gegen den Wissenschaftler ein.
"Nimm dich in Acht, wenn du vor die Tür gehst", warnte ein Blogger. "Du wirst nicht friedlich sterben", drohten andere. Sie stellten ein Foto mit dem Hinweis "Dies ist das Foto des verstorbenen Cai Jiming" ins Netz oder montierten einen Hundekopf auf sein Konterfei.
Cais Leben wurde immer ungemütlicher. Tagsüber im Dienst und nachts zu Hause schreckten ihn anonyme Drohungen per Anruf und SMS auf. Aus Angst, auf dem Heimweg überfallen zu werden, harrte Cai oft bis nachts um zwei in seinem Uni-Büro aus.
Am meisten aber sorgte er sich um die Sicherheit seiner Familie. Zwar zeigten Kollegen und Studenten Solidarität, doch unter seinen Nachbarn fühlte er sich zunehmend isoliert. "Viele fragten sich natürlich: Wenn so viele Menschen in ganz China diesen Mann hassen, dann muss etwas an den Vorwürfen dran sein", sagt Cai.
Inzwischen hat Baidu zwar viele der Hasstiraden gelöscht, aber es weigert sich, das gegen ihn gerichtete Schmäh-Forum ganz zu beseitigen. Das will Cai jetzt per Klage vor Gericht durchsetzen. Er verlangt von dem Internetriesen zudem eine öffentliche Entschuldigung, finanzielle Entschädigung sowie die Herausgabe der IP-Adressen jener Internetnutzer, die ihn besonders übel beleidigten, damit er sie dann ebenfalls verklagen kann.
Das zuständige Bezirksgericht in Peking wies Cais Klage zunächst ab, aber dann nahm es sich, offenbar auf Druck einflussreicher Bekannter des prominenten Professors, der Angelegenheit doch an.
Das Urteil in Sachen Cai gegen Baidu steht noch aus. Doch dass sein Fall überhaupt juristisch verhandelt wird, ist schon ein Triumph für den Geächteten, von dem weniger prominente Opfer des Internetmobs nur träumen können.
Insbesondere auf dem Internetportal mop.com rufen Nutzer immer wieder zur Jagd auf angebliche Volksfeinde auf - aus ganz unterschiedlichen Motiven.
Ein zorniger Ehemann etwa bittet die Netzgemeinde, gemeinsam die Identität jenes "Schweins" zu enthüllen, welches im Internet mit seiner Frau angebandelt habe - als Anhaltspunkt liefert er gleich die Adresse des Gesuchten auf QQ, einem beliebten sozialen Netzwerk, mit.
Manchmal wollen Schmäh-Blogger einfach nur ihre kollektive Neugierde befriedigen. So schien das halbe chinesische Internet kürzlich während der Feiertagswoche um den 1. Oktober von der Frage besessen, wer sich wohl hinter dem Phänomen "Rongrong" verberge.
Die junge Chinesin hatte auf tianya.cn ausgeplaudert, wie sie mit "Xiao Yueyue", einer ehemaligen Schulfreundin, durch Shanghai gestreift sei. Ihre Abenteuer - um ihre Brustwarzen rosafarben leuchten zu lassen, rieb sich Xiao zum Beispiel beim Duschen mit Bananenschale ein - regten die Blogger dazu an, die wichtigsten privaten Information über "Rongrong" zu recherchieren und im Netz zu enthüllen. Das vorläufige Ende der Geschichte: Um ihre Privatsphäre zu wahren, kündigte "Rongrong" angeblich ihren Job und änderte die Handy-Nummer.
Im Oktober stellten Chinas Internetgarden Fotos eines Verkehrsunfalls mit anschließender Fahrerflucht ins Netz. Den Übeltäter, Sohn eines Polizeioffiziers in der Provinz Hebei, stellten sie tagelang an den virtuellen Pranger - samt Handy-Nummer und Links zu seinen persönlichen Webseiten in sozialen Netzwerken. Inzwischen wurde er verhaftet.
Auf ähnliche Weise deckten die Internetankläger schon manche Missstände in der Volksrepublik auf. Korrupte Kader verloren so ihre Posten - allerdings meist nur in den Provinzen. Die führenden Funktionäre und ihre Familien aber sind durch die große Firewall geschützt. Wer etwa nach Details über das Privatleben von Staatschef Hu Jintao, Premier Wen Jiabao oder die Geschäftsaktivitäten ihrer Angehörigen fahndet, wird im heimischen Internet nicht fündig.
Ansonsten sehen die Pekinger Machthaber dem Kesseltreiben im Netz meist tatenlos zu - soweit es ihren Interessen dient: Hier findet der Unmut, der sich im Zuge der rasenden Industrialisierung allenthalben anstaut, ein Ventil. Und gleichzeitig säubert die Cyber-Justiz die eigenen Reihen von unbeliebten und korrupten Kadern.
Der kollektive Hass, mit dem die Jagden im Chinas Internet oft ablaufen, erinnert bisweilen gar an die Kulturrevolution zwischen 1966 und 1976. Ermutigt von Diktator Mao Zedong zerrten damals jugendliche Rote Garden wahllos angebliche Reaktionäre - Lehrer, Beamte, Parteiveteranen - vor Volkstribunale, setzten ihnen Narrenkappen auf, behängten sie mit Schmähparolen, trieben sie in Schauprozessen in den Tod oder Selbstmord; oft löschten sie die Existenz der Angehörigen ihrer Opfer gleich mit aus.
Das Ehepaar Wang, er ist 79 Jahre alt, sie ein Jahr jünger, empfängt in seinem flachen Ziegelhaus in Luobei, einem Ort an der Grenze zu Russland. Jahrzehntelang arbeitete Wang friedlich als Chirurg im lokalen Krankenhaus, das Internet spielte in seinem Leben keine Rolle, er benutzt es bis heute nicht. Umgekehrt wussten die meisten Chinesen bis vor vier Jahren nicht, wo Luobei liegt. Doch plötzlich, berichtet Wang, klopften Reporter des Fernsehens und anderer staatlicher Medien an seine Tür. Sie wollten wissen, wo Wangs Tochter Jue sich aufhalte und was die Eltern über deren Schandtat auszusagen hätten.
Zum ersten Mal hörte Wang damals von "Renrou Sousuo" noch ahnte er nicht, dass seine Tochter landesweit als Unperson gebrandmarkt worden war.
Etwas außerhalb von Luobei spürten die Journalisten zur gleichen Zeit eine Bäuerin auf, sie wohnt am Ufer des Heilong Jiang, des Grenzflusses mit Russland. "Sie hielten mir einen Computer vor, darauf lief ein Video, in dem eine Frau ein Kätzchen tottrat", erinnert sich die Bäuerin. "Sie wollten von mir wissen, wo das gefilmt worden sei."
Das Ganze hatte sich einige Meter weiter abgespielt, auf der Uferpromenade: In dieser landschaftlichen Idylle hatte Wang Jue sich dabei filmen lassen, wie sie ein Kätzchen streichelte, es auf den Boden legte und dann mit ihren Stöckelschuhen zerquetschte, bis Blut aufs Pflaster quoll.
Nachdem die makabre Szene ins Internet gelangt war, ging alles sehr schnell: Auf mop.com schrieb ein Blogger namens "Abschaum von zerbrochenem Glas", sein Gewissen komme nicht zur Ruhe. "Allein kann ich nichts ausrichten, ich hoffe nur, dass alle gemeinsam das Übel mit der Stimme der Gerechtigkeit besiegen!"
Dann meldete sich "Himmelsengel" zu Wort: "Das ist grausam, obwohl ich Katzen eigentlich nicht mag."
Ein Nutzer mit dem Alias "Revisionisten seid nicht stark" drohte: "Lasst sie mir nicht unterkommen. Ich würde sie jedes Mal vergewaltigen, wenn ich sie sehe." Und ein Blogger namens "Sehr dummes und hübsches Pferd" fluchte: "Möge ihre ganze Familie sterben."
Schließlich kam "Victor716121" zur Sache: "Gibt es einen Hacker?", frage er, "ich biete 200 000 MP als Belohnung, um sie aufzuspüren." Bei MP handelt es sich um eine Art Geld, eine virtuelle Währung, mit der Nutzer im Internet handeln.
Die Apotheke, in der Wang Jue arbeitete, liegt im Hintergebäude des Krankenhauses von Luobei, rechts neben dem Eingang. An den Regalen und dem großen Holztisch mit groben Schubladen hantieren jetzt andere Frauen. Über ihre einstige Kollegin befragt, schweigen sie.
Zhu Lixin, die Vize-Parteisekretärin des Krankenhauses, trägt eine rote Fahne mit Hammer und Sichel auf dem weißen Kittel. Hier im Büro des Krankenhauses, in dem die Farbe von weißen Wänden abblättert, wimmelte sie damals Scharen angereister Journalisten ab. Wang habe aus eigenem Entschluss gekündigt, sagt Zhu, und sei dann mit ihrer kleinen Tochter spurlos aus Luobei verschwunden. "Wir haben sie alle unterstützt, wir wollten sie hier halten. Sie war eine gute Apothekerin, beliebt bei den Patienten. Aber der Druck auf sie war sehr stark." Zu dem Video habe man Wang überredet, vermutet Zhu, sie sei von anderen schamlos ausgenutzt worden.
"Und das alles wegen so einer kleinen Sache", sagt Wangs Mutter, die ihrer Tochter auf den Fotos auffallend ähnlich sieht, "dabei werden in China täglich zahllose Katzen getötet". Ihre Tochter schlage sich jetzt mit Gelegenheitsjobs durch, sagt Wang. "Ihrer Seele geht es nicht gut."
Wohin ihre Tochter floh, wollen die Wangs nicht verraten. Sie fürchten um ihre Sicherheit: Im Netz sind Fotos der sogenannten Kätzchenmörderin jederzeit abrufbar.
Immerhin ließ die chinesische Führung im Juli ein neues Gesetz in Kraft treten. Internetprovider sind fortan verpflichtet, Blogs zu löschen, die das Ansehen und die Privatsphäre von Bürgern empfindlich verletzen.
Das sei gewiss ein Fortschritt, sagt Professor Cai. In der Praxis aber seien Internetriesen wie Baidu kaum bereit, das Kesseltreiben im Netz wirksam zu kontrollieren. Der Professor hat jedenfalls bisher nicht bemerkt, dass das Gesetz viel verändert hat. Das Schmäh-Forum gegen ihn selbst existiert noch.
Und so prozessiert der Professor weiter gegen Baidu. Wenn er das Verfahren gewinnt, könnte eine Klagewelle auf chinesische Gerichte zurollen, vermutet Cai. In der Volksrepublik gebe es viele unschuldige Opfer anonymer Blogger, so viele, sagt er, dass der Platz des Himmlischen Friedens in Peking sie nicht fassen könne.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 44/2010
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