08.11.2010

Die Paarungsfalle„Ich lösche mein Postfach für dich“

Der endlose Weg zur richtigen Frau. Von Juan Moreno
Warum braucht ein Mann eine Frau? "Weil Frauen so gut riechen. Weil ich für jemanden da sein will. Weil mein Badezimmerschrank leer ist. Weil Youporn auf Dauer keine Lösung ist. Weil mich die Ruhe im Leben nervt. Weil man nur eine Frau mit dem Überbrücken einer Batterie beeindrucken kann. Weil ich einen Sohn möchte. Weil ich seit Jahren ein Doppelbett beziehe. Weil meine Wohnung wie eine Ausnüchterungszelle eingerichtet ist. Weil doch nur das der Sinn des Lebens sein kann."
So reden Männer, die eine Frau suchen. Einer davon ist 36 Jahre alt, Rechtsanwalt, blond, schlank, seine Anzüge sind nicht billig. Er überlegt, ob er die Rezeptionistin in seiner Kanzlei ansprechen soll. Sie hat eine gute Figur, ist freundlich, lächelt nett. Kürzlich hat sie auf einem Zettel "recherchiren" geschrieben. Seitdem fragt er sich, ob er mit einer Frau mit Rechtschreibschwäche zusammen sein könnte. Er lacht viel, dreht den Kopf etwas, wenn er zuhört, schaut einem in die Augen. Ein netter Kerl, der viel Geld verdient und im Leben immer die Abzweigung nach oben genommen hat. Frauen mögen das. Er hätte gern eine Freundin, später Familie, Kinder. Er sitzt in einem Café in der Aachener Straße in Köln, seit vier Jahren ist er Single.
Vermutlich sind er und die Rezeptionistin sehr verschieden, glaubt er. So ein fehlendes "e" ist wichtig, findet der Anwalt. Er mag Ausstellungen, Reisen, Restaurants, Hamburg, und sie schreibt "recherchiren". Das "e" steht für den Unterschied, es wäre ein Kompromiss, den er eingehen müsste, ein erstes ungutes Gefühl. Er mag sich gar nicht vorstellen, wie sie Rhythmus buchstabiert.
"Ich arbeite nicht aktiv an der Abschaffung des Zustands", sagt er. "Meine Eltern machen mir keinen Druck. Meine Schwester hat Kinder. Ich bin aus der Schusslinie. Ich bleibe wohl erst mal Single."
Auf Hochzeiten hat er sich angewöhnt, mit den Brauteltern zu sprechen. Die sind meist dankbar, weil sich sonst niemand für sie interessiert. Silvester, kurz nach Mitternacht, wenn die Paare sich küssen, geht er meist spazieren. Er kommt klar.
"Ich frage mich manchmal: ,Kennst du ein Paar, mit dem du tauschen möchtest?'" Inzwischen hat er ein drittes Kölsch bestellt. Er muss nicht viel nachdenken, er hat schon oft über dieses Thema nachgedacht. Es ist das große Thema der Singles. "Ein glückliches Paar", sagt der Anwalt, "ich meine, ein richtig glückliches? Wenn ich genau hinschaue, sehe ich keines. Sie zweifeln alle so sehr wie ich, jeder für sich, nur eben in einer Beziehung." Seine Mandanten sind Versicherungskonzerne. Die Arbeit macht ihm Spaß. Er findet, das sei ein gutes Zeichen. Wer Schönheit im trockenen deutschen Gesellschaftsrecht entdeckt, dürfte grundsätzlich zur Liebe fähig sein, findet er. Er will erst mal nichts ändern. Nein, er braucht keine Frau in seinem Leben. Er möchte eine, das ist ein Unterschied.
Was ist schlimm am Alleinsein? "Bis zu meinem 35. Lebensjahr nichts, ab meinem 50. fast alles. Silvester. Gespräche mit Mutter. Einzelzimmerzuschlag. Urlaubsplanung. Diese verdammte Kälte. Dass ich im Internet nach einer Frau suchen muss. Dass ich ständig erklären muss, warum ich allein bin. Dass ich die Witze meiner Kumpel nicht mehr hören kann. Dass ich zynisch werde. Dass ich allein nie erwachsen werde."
Kaum etwas trennt Single-Männer und Single-Frauen zwischen 30 und 50 so sehr wie der Druck. Frauen spüren ihn, Männer nicht. Männer haben keine biologische Uhr. Sie können auch mit 55 noch Vater werden, sie können sogar als Greis noch Papa werden. Mag sein, dass sie dann zu schwach sind, um ihr Kind im Arm zu halten, aber es ist eine Möglichkeit. Ist doch nicht ihr Problem, wenn die Natur den Frauen die Fruchtbarkeit nimmt. Das sind die Kompromisslosen, die Sturen, die Bindungsunfähigen, die nie erwachsen werden wollen, sagen die Frauen. Wir sind die Ehrlichen, weil wir, anders als Joschka Fischer, nicht fünfmal die ewige Liebe versprechen. Wir sind die wahren Romantiker. Wir warten. Besser allein als in schlechter Begleitung.
Deutschland ist voll von Menschen, die noch warten. Psycho-logen sagen, dass es nur schwie-rige Fälle gibt, kaum hoffnungslose.
Nach einer Studie einer Partneragentur sind in München 28,8 Prozent der 18- bis 59-Jährigen Singles - nicht Einzelhaushalte, nicht alte Omis, nein, Singles. In Berlin 28,6 Prozent. In Köln 25,9 Prozent. In Hamburg 25,4 Prozent. In Frankfurt am Main 24,8 Prozent.
Aus Studien ergibt sich ein ziemlich klares Bild des Durchschnitts-Single in den deutschen Großstädten. Eher männlich, mittleres Alter, überdurchschnittliche Ausbildung, überdurchschnittliches Einkommen, politisch ein bisschen links, sportlich, viel Wohnraum, gern drei Zimmer, auch wenn eines nur zum Bügeln genutzt wird.
Das große Thema der Singles ist die Liebe - warum sie scheitert. Soziologen sprechen von einer "Begründungspflicht". Niemand fragt einen Familienvater, warum er Vater geworden ist. Ein Single muss erklären, warum er Single ist. Was ist schiefgegangen?
Womöglich ist die Erklärung ganz einfach, womöglich war die Liebe in den letzten Jahren einfach zu erfolgreich. Wenn die letzte Generation eines hervorgebracht hat, dann den Siegeszug der Liebe. Man darf sich heute die Liebe und somit automatisch das Leben aussuchen, das einem gefällt. Die Liebe liegt da wie ein Mittagsbuffet, man kann sich herausnehmen, was man will. All you can eat.
Eine der schönsten deutschen TV-Moderatorinnen ist lesbisch, ein bekannter Fußballschiedsrichter hat gestanden, bisexuell zu sein, der Außenminister ist schwul, die Kanzlerin kinderlos, der Ex-Kanzler mehrmals geschieden. Monogam, kinderlos, alleinerziehend, heterosexuell, geschieden, schwul, wilde Ehe oder eben Single. Privatsache, sehr richtig. Romeo und Julia, Pyramus und Thisbe, Tristan und Isolde, diese Paare wären heute zusammen. Wer sollte sie stoppen? Nicht mehr die Kirche, die Konventionen, die Eltern entscheiden, wen man lieben kann, sondern einzig das Streben nach Glück, Erfüllung, Liebe. Nur die Liebe zählt.
Männer wie der Rechtsanwalt aus Köln kommen zurecht. Sie sind latent unzufrieden, aber nicht so, dass sie dringend eine Partnerin suchen. Die Freiheit in ihrem Leben, die Möglichkeiten, die gefallen ihnen. Alles schwebt. Sie sind offen für Veränderungen, für spontane Entscheidungen. Ein Optionsleben, bekenntnisfrei. Leben als Möglichkeitswahrung, nicht als Folge von Entscheidungen.
Wie viele Gespräche drehen sich in deutschen Großstädten darum, ob man in München, Berlin, Hamburg, Köln leben soll? Oder doch Mallorca, New York? Es wird ernsthaft erwogen. Wie viele Menschen fragen sich, ob ihr Job der richtige ist? Wie vielen Menschen werden die Alpen fürs Skifahren zu klein, sie träumen von Kanada, Aspen vielleicht, dem Ural. Hat Iran nicht ein Skigebiet? Alles ist möglich. Wie viele Menschen träumen vom Neustart? Weltreisen werden gemacht, Zweitstudien begonnen, Partner verlassen, Einwanderungsbestimmungen studiert. Ein Möglichkeiten-Paradies. Der Terror der Möglichkeiten.
Für die Liebe bedeutet das: Früher suchte man sich eine gute Partie, heute sucht man die beste Partie. Es ist nicht einfacher geworden.
Wie sollte eine Frau sein? "Wie Salma Hayek. Wie Barbara Schöneberger. Wie Gina Wild. Nicht wie Ursula von der Leyen. Sollte gut im Bett sein, will heißen, sie gibt mir das Gefühl, dass ihr Sex mit mir gefällt. Sollte Kinder wollen. Sollte keine Kinder haben. Viel lachen, wenig shoppen. Sollte ihrer besten Freundin nicht alles erzählen. Sollte ihren Vater mögen. Sollte sich anlehnen. Meine Kumpels sollten mich ihretwegen beneiden. Sie sollte einfach da sein. Immer da."
In einem kleinen Restaurant am Roecklplatz in München sitzt ein Mann von 50 Jahren, seit zwölf Jahren ist er Single. Er ist Informatiker, hat einen kleinen Hund, und man könnte sagen, er hat aufgegeben. Er hat sich eingerichtet. Er hat Freunde, sagt er, sein Netzwerk funktioniert. Er war mal in eine Frau verliebt, eine Amerikanerin, die eine Weile in München gelebt hat. Sie war klug, schwierig, kompliziert und hinreißend. Irgendwann verließ sie ihn und ging zurück in die USA. Diese Frau ist nicht mehr nur die erste große Liebe, sie ist die einzige große Liebe. Alle anderen Frauen müssen sich an ihr messen. "Ich bin ihr mehrmals in die USA gefolgt. Sie hat mittlerweile geheiratet. Ich sollte sie vergessen." Tut er aber nicht. Sie ist die Blaupause, das Ideal. Drunter macht er es nicht.
"Ich werde anspruchsvoller mit der Zeit", sagt der Informatiker, und er ist nicht bereit, seine Ansprüche zu senken. Macht er im Beruf auch nicht. Er ist gut im Job, er mag gutes Essen, er wohnt in seinem Lieblingskiez in München. "Warum sollte ich beim wichtigsten Menschen im Leben Kompromisse machen?"
Vielleicht, weil das Leben irgendwann vorbei ist?
"In Sachen Beziehung verhalten sich viele Singles wie Hijacker, Flugzeugentführer", sagt Arnold Retzer. Er ist seit 30 Jahren Psychotherapeut. Im August 2009 ist sein Buch erschienen, "Lob der Vernunftehe". Retzer hat ein schönes, couchfreies Büro in Heidelberg. Er mag bequeme Schuhe, trägt einen grauen Bart und redet genau so, wie man sich einen Therapeuten vorstellt. Ruhig und besonnen. Jeden Tag sitzt er Menschen gegenüber, die über ihre Beziehungen reden. Warum scheitert sie, wie kann man sie retten, warum habe ich keine?
Die Hijacker lieben das Auf und Ab, die Abwechslung, das Verliebtsein, dieses Hochgefühl, das Prickelnde, das pure Glück. Eine Beziehung in Reiseflughöhe langweilt schnell, man spürt nicht mehr das Maximale, nur noch das Erreichte. Nach einer Weile mit Retzer hat man den Eindruck, dass er viele Single-Männer gern am Kragen packen möchte, um ihnen zu sagen: "Stellt euch verdammt noch mal nicht so an. Hört auf, da kommt nichts mehr. Niemand Besseres mehr da, nur anders, einzigartig, was bedeutet, dass ihr sie euch nicht vorstellen könnt." Retzer macht das nicht. Er ist Therapeut, er hat Verständnis, berufsbedingt.
Das lateinische Wort Fortuna hat es ihm angetan. "Es heißt Glück, es bedeutet aber auch Zufall", sagt Retzer. Ein schönes Wort, weil es den Glauben an das zerstört, was er "autonome Totalverantwortlichkeit" nennt. Der Glaube unserer Zeit. Die Leute denken, sie hätten die Liebe und somit das Leben in der Hand, darum dieses ständige Verlangen, sich Möglichkeiten offenzuhalten.
Man ist seines Glückes Schmied, in Grenzen sicherlich, aber ganz grundsätzlich, als Lebensentwurf? Als Maxime? "Man ist ja heute umgeben von Glücksratgebern", sagt Retzer, "dabei vergessen die Menschen, dass Glück und Gesundheit ein gemeinsames, wesentliches Merkmal haben: Man merkt nicht, wenn man es hat."
Kürzlich hat Elite-Partner, eine Hamburger Internet-Partneragentur, rund 10 000 Singles gefragt, warum sie keinen Partner finden. Häufigste Antwort: Ich bin zu anspruchsvoll.
Streben nach Glück, die Verantwortlichkeit für das eigene Glück, für die Liebe. US-Amerikaner haben das Glücksstreben sogar schriftlich. Jedes Schulkind kennt den Satz aus der Unabhängigkeitserklärung, in der steht: "The Pursuit of Happiness", das Streben nach Glück. Glück als Staatsziel. In den USA wird fast jede zweite Ehe geschieden.
"Man wird mit dieser Maximierungshaltung paranoid sensibilisiert für kleine Unterschiede, für Abweichungen. Wir fühlen uns dem Glück verantwortlich, das heißt, wenn wir es nicht erreichen, sind wir auch noch schuld, was wiederum dazu führt, dass man diesem Glück noch stärker hinterherjagt." Dieser Ich-AG-Gedanke sei bei Männern stärker vorhanden als bei Frauen, sagt Retzer. Nähe hat immer mit der Einbuße von Freiheit zu tun.
Psychologen sagen, dass die Lösung des Problems darin liege, eine Entscheidung zu treffen, die "gut genug" sei. Nicht perfekt. Barry Schwartz, ein Professor für Sozialtheorie aus Pennsylvania, ist davon überzeugt, dass die Menschen in einer Welt voller Wahlmöglichkeiten zufriedener und stressfreier wären, wenn sie mit "gut genug" leben könnten. Irgendwie nachvollziehbar, gleichzeitig etwas weltfremd. Mein Engagement im Beruf ist nicht maximal, nur gut genug. Wer erklärt das einem Motivationstrainer? Das Produkt, das unsere Firma herstellt, ist nicht perfekt, es ist gut genug. Wer erklärt das Josef Ackermann? Du bist nicht perfekt für mich, du bist aber gut genug? Wer erklärt das seiner Frau?
Zufriedenheit, sich begnügen, das hat für viele eben doch was mit Aufgeben zu tun. Aber wenn unsere Zeit etwas propagiert, dann doch, dass alles möglich ist. Warum sich mit weniger zufriedengeben? Vielleicht ist es nur konsequent, dass ein Mann, der immer versucht, das Beste aus allem herauszuholen, der wie geschaffen ist für unsere Zeit, unser Denken, unsere Gesellschaft, dass dieser Mann Single ist. Warum sollte sich jemand, der seine rund 80 Jahre auf der Welt maximieren will, mit einer Frau zufriedengeben, die "recherchiren" schreibt, zumal es keinen gesellschaftlichen, biologischen oder finanziellen Druck gibt, diese Situation zu ändern?
Was stört Männer an Frauen? "Ihr Wunsch, den Mann zu verbessern. Ihre viel zu hohen Erwartungen. Ihre Stutenbissigkeit gegenüber jüngeren Frauen. Die Idiotie, Sex als Beweis für Liebe zu nehmen. Dass so gut wie alle kinderlosen Frauen zwischen 35 und 40 panisch-verzweifelt und somit oft unzurechnungsfähig sind. Ihre Forderung nach eigener Emanzipation, kombiniert mit dem brennenden Interesse für den Kontostand oder zumindest die Berufsaussichten des eigenen Mannes. Ihre Beziehung als Teil der eigenen Selbstverwirklichung zu sehen."
In einem marokkanischen Café in Berlin-Kreuzberg, nicht weit von seiner Wohnung, bestellt sich ein Mann, der als Sprecher für Werbefilme arbeitet, einen Tee und sagt, ihn störe rein gar nichts an Frauen. Er mag sie sehr. So sehr, dass er nicht sagen könnte, mit wie vielen er im letzten Jahr geschlafen hat. Er hat in manchen Wochen drei, vier Dates. Nicht immer geht er mit ihnen ins Bett, aber doch ab und zu. Er sagt von sich, er sei ein "altgedienter Single ohne Beziehungsroutine". Seine Stimme klingt wie die eines besoffenen Matrosen. Satt, kräftig, einfach unglaublich. Es ist egal, was er sagt, es hört sich phantastisch an. Er ist dunkelblond, große Hände, er mag schwarze, taillierte Hemden, ein auffallend attraktiver Mann. Seit es das Internet gibt, gehen die Chancen gegen null, dass er jemals wieder eine normale Beziehung führt.
"Ich habe das Gefühl, dass das Internet als Ort für die Partnersuche immer mehr akzeptiert wird", sagt er. "Es ist unglaublich, wie viele interessante Frauen da immer wieder nachkommen. Dabei ist das Tempo, mit dem man Frauen kennenlernt, verblüffend."
Das Angebot ist sein Problem. Wieder die Möglichkeiten, diesmal im Internet. Im Netz wird die Partnersuche gewissermaßen industrialisiert. Noch mehr Möglichkeiten, noch mehr Frauen, die in Frage kommen, noch mehr Entscheidungen, die man treffen muss, noch mehr potentiell verpasste Chancen.
Eine Untersuchung von Emnid ergab bereits im Jahr 2003: Die Deutschen finden sich vor allem bei der Arbeit, dann im Freundeskreis, dann im Internet. Platz drei, vor dem Club, der Disco, dem Urlaub oder der Käsetheke. Eine aktuellere Studie zeigt, dass bei den 30- bis 50-Jährigen ein Drittel aller Kontaktaufnahmen, die zu einer Partnerschaft führen, über das Internet erfolgen. Tendenz steigend. 1,3 Millionen Deutsche haben laut Branchenverband Bitkom einen Lebensgefährten im Internet gefunden.
Der Werbefilmsprecher trinkt seinen Tee und analysiert seine Situation. Auch er hat schon oft darüber nachgedacht: "Das Internet ist ein Marktplatz, in dem sich das Angebot ständig ändert. Lose, nette, enge, sehr enge Bekanntschaften ergeben sich. Es werden immer mehr. Der Reiz, der sich dem Auge bietet, ist inflationär. Und da ich das schon lange mache, weiß ich, wie man die Aufmerksamkeit einer Frau im Internet bekommt."
Seit längerem ist er auf einer Internetseite, die "Finya" heißt. Es gibt Dutzende dieser Portale im Internet. Er hat ein paar sympathische Fotos eingestellt, darunter stehen ein paar persönliches Statements. Eines ist vom französischen Dichter Eugène Marin Labiche: "Ein Egoist ist ein Mensch, der nicht an mich denkt." Ein anderes lautet: "Hauptsache, man kommt autistisch rüber!"
E inige Männer lassen sich mit freiem Oberkörper fotografieren oder beim Surfen, vor ihrem Auto, vor ihren zwei Autos. Ein Münchner schreibt als persönliches Statement, als Satz, der ihn charakterisieren soll: "Die Schlampen aus dem P1 können mir gestohlen bleiben."
"Auf so einem Portal ist alles bedeutsam, alle Angaben. Man muss offen sein, aber nicht zu offene Ansprachen machen. Natürlichkeit ist wichtig. Alles, was den Anschein von verzweifelter Liebessuche weckt, ist falsch. Ich mache es den Frauen leicht, mit mir in Kontakt zu treten", sagt der Werbefilmsprecher.
Heute Abend wird er mit einer 24-Jährigen zu einer Restaurant-eröffnung in Mitte fahren. Er ist 38. Er hat sich auch schon mit älteren Frauen getroffen, die sich auf ihrem Profil ein paar Jahre jünger gemacht hatten. Die Gespräche wiederholen sich. Meist geht es darum, warum man sucht, wie lange man sucht, wie oft man das schon gemacht hat. Er ist klug genug, nicht zu viel zu reden, er hört viel zu, gibt der Frau das Gefühl, dass er sie ernst nimmt, tut er vielleicht sogar in dem Moment. Er macht das seit Jahren und ist sehr routiniert. Er kann die Frauen lesen, er erkennt Muster, er passt sich an. Viele Frauen, mit denen er sich trifft, suchen einen Vater. Ihr ganzes Privatleben wird davon bestimmt. Sie sind unlocker, unwitzig, unattraktiv.
Er könne zuschauen, sagt er, wie die Frauen bei den nächsten Treffen verlieren. "Redundanz" sei ein großes Problem. Sie langweilen ihn schnell, keine Aufregung, nicht das Maximale. Eigentlich seltsam, dass ihn Wiederholungen langweilen. Er sitzt Tag für Tag vor dem Rechner. Schreibt Frauen an, die er vermutlich irgendwann doof findet. An manchen Tagen sitzt er acht Stunden vor dem Rechner. Viel redundanter geht es nicht, "natürlich stumpft das ab".
Es gebe Leute, die klug genug seien, davon irgendwann die Finger zu lassen. Sie wissen, dass es einem auf Dauer nicht guttut. "Man muss mit diesem Angebot umgehen können, sich beschränken. Aber vielleicht gehöre ich nicht dazu. Ich muss immer wieder schauen, was für eine neue, hübsche, interessante Frau oder Gesprächspartnerin da kommt. Jeden Tag kann man gucken. Was könnte heute für ein Leben auf mich warten?"
Die Suche verstetigt sich. Viele ehemalige Singles, die kurzzeitig in einer Beziehung sind, melden sich beim ersten Streit sofort wieder im Internet an. Viele haben ihr Such-profil nicht gelöscht, sie "deaktivieren" es. Es ist noch alles gespeichert: die Hobbys, der Fragebogen, den man auch auf einer solchen Seite ausfüllen muss, das Statement, die Fotos. Ein Klick, und man ist wieder im Geschäft.
Der Werbefilmsprecher spürt, dass irgendwas nicht stimmt, aber er spürt auch keinen Druck. Er hat Freunde, einen abwechslungsreichen Job, er geht oft aus. Vielleicht wird es einfach so weitergehen. Vielleicht eine Alters-WG, mit Freunden. Was ist schlecht daran, sein Leben lang frei zu sein? Es maximal zu leben? Der Preis könnte sein, dass man die letzten zehn Jahre seines Lebens einsam ist. Ist das vielleicht ein guter Deal? So was erklärt einem niemand.
Psychologen sagen, dass man heute "Beziehungskompetenz" brauche. Da uns die alten Sicherheiten genommen wurden, muss man jetzt selbst zurechtkommen. Erwachsener sein als die eigenen Eltern.
Dann muss der Sprecher los. Er wird nach Hause gehen, im Internet die neuen E-Mails checken, sich dann für sein Date fertigmachen.
"Ich bin dankbar für mein Leben, aber natürlich warte auch ich auf die Frau, für die ich mein Postfach lösche."
Es ist vielleicht der ultimative Satz. In einer Zeit, in der in Sachen Liebe alles durcheinandergekommen ist. In der die Menschen noch nicht so weit sind wie die Möglichkeiten.
"Ich lösche für dich mein Postfach."
Das Bekenntnis des modernen Mannes.
Früher hätte er gesagt: "Ich liebe dich."
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 45/2010
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