15.11.2010

Königstreffen

Ortstermin: Bundespräsident Wulff besucht in Brandenburg ein Konzert von Udo Lindenberg.
Das Seltsame an seinem neuen Beruf als Bundespräsident sei, dass er immer als Letzter kommen und als Erster gehen müsse, sagt Christian Wulff und schnappt sich ein kleines Lachskanapee vom Silbertablett. Das verlange das Protokoll. Er steht im Bankettsaal des Schlosses Neuhardenberg, draußen in der Dunkelheit von Märkisch-Oderland wartet sein Helikopter. Es ist spät, der Präsident ist jetzt schon eine ganze Weile hier, viele Gäste sind bereits gegangen, aber er scheint keine Eile zu haben.
Vor gut zwei Stunden betrat Christian Wulff protokollgemäß als Letzter die kleine Neuhardenbergische Schinkelkirche, wo Udo Lindenberg am Vorabend des Mauerfalljubiläums ein Konzert gab. Wulff nahm in der dritten Reihe Platz, direkt neben dem Chef des deutschen Sparkassenverbandes, dem das Schloss gehört. Die vordere Hälfte der Kirche war vor allem mit Anzugträgern gefüllt, im hinteren Teil saßen die Udo-Fans.
Christian Wulff kam vorbei, weil er in seiner Antrittsrede als Präsident eine "Bunte Republik Deutschland" eingefordert hatte. Weil das auch mal der Titel einer Langspielplatte von Udo Lindenberg war, entstand die Idee, die Könige von Deutschrock und Deutschland zusammenzuführen. Wulff würdigte Lindenberg als Musiker, als Kämpfer für deutsche Sprache und deutsche Einheit, Lindenberg warb für eine Panikakademie, Workshops mit osteuropäischen Bands, für Bürgersinn und "Schmusedom" und erklärte: "Christian, Sie sind ein junger Präsident, ich bin ein junger Sänger. Wir sind auf einem guten Weg."
Dann endlich Musik. Wulff stützte nachdenklich die Hand ans Kinn, als das Panikorchester die ersten Songs spielte. "Cello", "Mein Ding", "Sonderzug", "Was hat die Zeit mit uns gemacht". In den hinteren Reihen tanzten die ersten Frauen, aber Christian Wulff löste sich erst bei "Andrea Doria" aus der Präsidentenstarre.
"Und Lola hat Geburtstag, und man trinkt darauf, dass sie wirklich mal so alt wird, wie sie jetzt schon aussieht", sang Udo, und der Präsident klatschte dazu.
Nach der Show schritt Wulff die kleine, improvisierte Udo-Lindenberg-Ausstellung im Schloss ab, er schaute sich die Schalmei an, die Honecker seinerzeit an Lindenberg schickte, und studierte den Begleitbrief des Generalsekretärs, er machte halt vorm Cover der Platte "Götterhämmerung", dann stellten sich beide für ein Foto zusammen vor eines der Bilder, die der Rocker aus Likörfarben herstellt.
Udo Lindenberg saugte an einer Cohiba, er war der Einzige, der hier rauchen durfte. Er ist der Helmut Schmidt des Deutschrock, über jeden Zweifel erhaben, und auch Christian Wulff überzeugte in den vergangenen Wochen den ein oder anderen Zweifler.
Er wirkt inzwischen sanft und präsidial, er schwebt leicht über dem Boden, jegliche Politikerungeduld scheint seinen Körper verlassen zu haben. Hat er nicht gerade gesagt, er müsse als Präsident immer als Erster gehen?
"Ach", sagt Wulff. "Das hier ist ja jetzt was anderes."
Er würde noch gern, sagt er, mit Anna Loos reden, die mit ihrer Band Silly als Überraschungsgast im Konzert auftauchte. Seine Frau sei ein Riesenfan von Silly, sagt er, und er mochte auch den Film über diesen Fernsehkoch sehr, in dem Anna Loos und ihr Mann Jan Josef Liefers mitspielten. Wilmenrod. Sehr empfehlenswerter Film, sagt Wulff. Die Leute in seiner Nähe nicken interessiert, aus dem Hintergrund wird Anna Loos herangeführt. Wulff erklärt ihr, dass er seiner Frau gar nicht erzählen darf, dass Silly heute hier waren. Da lachen die anderen.
Udo Lindenberg habe ihm ein Bild für sein Büro versprochen, sagt Wulff. Ein Bunte-Republik-Deutschland-Bild. Er ist ja durch seine Tochter auf das Programm "Atlantic Affairs" aufmerksam gemacht worden, in dem Lindenberg Songs deutscher Exilanten wie Friedrich Hollaender, Kurt Weill und Marlene Dietrich gewissermaßen im Koffer aus Amerika zurück nach Deutschland bringt. "Der Koffer ist ja eine wunderbare Metapher", sagt Wulff. Nicken.
Später wird ihm Wolfgang Kohlhaase vorgestellt, einer der größten deutschen Drehbuchautoren, der mit Konrad Wolf Filme wie "Solo Sunny" und "Ich war neunzehn" schuf. Wulff kennt ihn offenbar nicht, aber als er erfährt, dass Konrad der Bruder von Markus Wolf war, hält er einen kurzen Vortrag über das Wesen von Sicherheitsdiensten in der Diktatur. Kohlhaase blinzelt freundlich durch ihn hindurch.
"Man kann aus jeder Veranstaltung etwas mitnehmen", sagt Wulff und schnappt sich noch ein Häppchen vom Tablett. Heute Vormittag bei der "Falling Walls"-Konferenz in Berlin habe er beispielsweise an einem beeindruckenden Test teilgenommen. "Machen Sie doch mal die Augen zu", fordert der Bundespräsident deshalb nun von den Leuten in seiner Nähe. "Und jetzt beschreiben Sie mir, wie Ihre Uhr aussieht."
Kleine Pause, alle sehen ihn an wie einen Zauberkünstler. "Sie wissen es nicht, nicht wahr?", sagt Wulff. "Dabei schauen Sie täglich hundertmal auf Ihre Uhr. Und Sie kennen sie nicht!" Man kann aus jeder Veranstaltung etwas mitnehmen.
Er lächelt. Der Helikopter wartet. "Der Astronaut muss los, der Astronaut muss weiter", singt Udo Lindenberg in der letzten Zugabe seines Konzertes. Aber der Präsident, der Präsident, ist keiner, der mehr rennt.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 46/2010
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