15.11.2010

ROHSTOFFEWettlauf der Trüffelschweine

China verknappt das Angebot wichtiger Industriemetalle. Kleinen Minenfirmen eröffnen sich dadurch ungeahnte Chancen - wenn sie denn jemals fündig werden.
In der nordkanadischen Wildnis, nahe dem Großen Sklavensee, liegt ein Landstrich, den die Ureinwohner Nechalacho nennen. Vor fünf Jahren hat der Geologe Don Bubar hier für sein Unternehmen Avalon ein Areal von rund 4000 Hektar gekauft, damals zahlte er 300 000 Dollar. "In einigen Jahren", hofft er, "wird Nechalacho Milliarden wert sein."
Tief im Boden vermutet der Kanadier große Mengen sogenannter Seltener Erden, einer Gruppe von 17 Metallen mit seltsam klingenden Namen wie Ytterbium, Praseodym oder Dysprosium. Manche sind unentbehrlich für die Herstellung von Hightech-Produkten wie Windturbinen, Flachbildschirmen oder Mobiltelefonen.
Bislang deckte China 97 Prozent der Weltproduktion an diesen Elementen. Doch neuerdings drosselt die Volksrepublik die Ausfuhr der begehrten Ware drastisch, zuletzt um 40 Prozent: ein Schock für alle Abnehmer in den Industriestaaten, ein Glücksfall für Unternehmer wie Bubar.
Problemlos konnte der Avalon-Chef kürzlich für die Finanzierung weiterer Bohrungen rund 43 Millionen Dollar am Kapitalmarkt aufnehmen. Die Geldgeber vermochten zwar die Namen der Metalle kaum auszusprechen, lästert er, aber mittlerweile wüssten sie zumindest genau, wie wichtig die Stoffe sind. Nach den chinesischen Drohungen hätten sie ihm förmlich die Türen eingerannt, erzählt Bubar: "Der Markt ist durchgedreht."
Überall auf der Welt gehen nun kleine Minengesellschaften auf die Suche nach Seltenen Erden und anderen speziellen Industriemetallen wie Lithium, Indium oder Gallium. Juniors werden die Gründerfirmen genannt, sie besitzen meist nicht mehr als ein Stück Land und eine Handvoll geologischer Gutachten. Die wenigsten werden jemals Erfolge melden können.
Nur jeder 20. Junior, so lautet eine Schätzung, schafft es bis zur Produktionsreife, allen anderen geht vorher die Luft aus: Juniors sind gleichsam die Trüffelschweine im Rohstoffgeschäft. Das Geld kommt von verwegenen Finanziers, derzeit stürzen sie sich auf beinahe jedes Unternehmen, das "Rare Earth", also "Seltene Erden", im Namen trägt.
Ihre Notierungen sind in die Höhe geschossen, seit China den Nachschub stark eingeschränkt hat. Viele von ihnen sind in einem eigenen Sektor der Toronto Stock Exchange gelistet, der TSXV, das "V" steht für "Venture", zu Deutsch "Wagnis". Im Vergleich zu dieser Glücksritter-Börse ist jedes Spielcasino ein Mau-Mau spielender Seniorenclub.
In Toronto werden mehr als 1400 Bergbaubetriebe gehandelt, jede Woche kommen im Schnitt drei Unternehmen hinzu. Es sind überwiegend Penny-Stocks, Zockerpapiere mit wilden Kursausschlägen und kühnen Prognosen.
Als "Riesenentdeckung" etwa preist Commerce Resources, ein Junior aus Vancouver, sein Projekt Eldor im Norden von Quebec. Der Gehalt an Seltenen Erden sei hochgradig, zumindest nach allem, was sich bislang andeute. Dieses Wissen beschränkt sich freilich auf die Ergebnisse von sieben Bohrungen. Von der Förderphase ist das Projekt noch etliche Jahre entfernt - falls es je so weit kommt.
Im Rennen um die Bodenschätze bietet der kanadische Staat den jungen Bergbaubetrieben einige Hilfestellung. In Quebec verteilt die Regierung üppige Subventionen, für jeden investierten Dollar legt die öffentliche Hand noch mal die Hälfte drauf. "Wie früher in Ostdeutschland", sagt ein Branchenkenner.
Nicht nur in Kanada erkunden die Juniors den Untergrund, auch in Australien, Vietnam, Kasachstan oder Südafrika sind sie aktiv. Selbst in Deutschland greift das Metallfieber um sich. Die Deutsche Rohstoff AG untersucht gerade ein Areal im nordsächsischen Delitzsch. Ehemalige DDR-Geologen hätten den Hinweis auf eine Lagerstätte mit Molybdän, Wolfram und Germanium gegeben, sagt Vorstand Titus Gebel: "Von deren Wissen kann man heute noch zehren." Im kommenden Jahr will das Unternehmen entscheiden, ob es in Delitzsch loslegen wird.
Das hängt auch davon ab, ob die Volksrepublik China die Exportquoten für Seltene Erden weiter reduziert. Jahrzehntelang hatte Peking den Weltmarkt dank niedriger Arbeitskosten und geringer Umweltauflagen mit billiger Ware überflutet. Deshalb rechneten sich die Förderungen an anderen Orten der Welt bald nicht mehr. Die Minen wurden geschlossen, die Industriestaaten gerieten in Abhängigkeit.
Was noch folgenschwerer ist: Auch die Anlagen zur Trennung des Erzkonzentrats in einzelne Metalle stellten damals den Betrieb ein. Es ist ein aufwendiger Prozess, der viel Wasser, Chemikalien und Energie benötigt - und eine Menge Know-how, das der Westen erst mühsam wiederaufbauen muss.
Nun ist die Not groß. Die plötzliche Knappheit der Seltenen Erden war vorige Woche sogar Thema auf dem G-20-Gipfel in Seoul. Industrieverbände hatten in einem Brief an die Regierungschefs auf die "marktverzerrenden Maßnahmen" hingewiesen, die "das globale Angebot beschränken" würden. Insbesondere einige Hersteller von Windkraftanlagen fürchten Engpässe, die Dauermagneten in den Generatoren bestehen zu einem Drittel aus Stoffen wie Neodym.
Außerhalb Chinas sind nur wenige Bergbaubauprojekte so fortgeschritten, dass der Produktionsstart absehbar wäre. Im kalifornischen Mountain Pass modernisiert Molycorp derzeit ein altes Bergwerk; in zwei Jahren will das US-Unternehmen dort die Förderung wiederaufnehmen. Der australische Konkurrent Lynas plant den Produktionsstart bereits Ende 2011 an der Mine Mount Weld, rund 700 Kilometer nordöstlich von Perth.
Kaum Entspannung für die globale Versorgungslage verspricht bislang auch das Recycling. In Produkten wie Batterien, Katalysatoren oder Leiterplatten ist ein großer Mix an Metallen verborgen, Gold, Silber, Kupfer, aber auch weniger prominente Elemente. In Belgien unterhält der Metallverarbeiter Umicore die weltgrößte Wiederverwertungsanlage, rund 300 000 Tonnen Elektroschrott werden jährlich in 70 000 Tonnen Metall verwandelt. Dort kann Umicore zwar einige spezielle Stoffe herausfiltern. Doch bei der Gewinnung Seltener Erden stößt die gesamte Branche noch an Grenzen. Die Aufbereitung ist vielfach wegen des hohen Energieeinsatzes nicht rentabel.
Auch deshalb dürfte die globale Angebotslücke so bald nicht geschlossen sein, trotz aller Anstrengungen von Recyclern und Minenfirmen. Die Preise insbesondere für Seltene Erden haben sich innerhalb von drei Jahren vervielfacht, zum Teil um den Faktor 15. Sie werden weiter steigen, vermutet der Commerzbank-Rohstoffexperte Eugen Weinberg. Er rechnet für die kommenden drei bis vier Jahre mit keiner Erleichterung.
Der Junior Avalon ist nach Schätzung des Unternehmenschefs Bubar noch fünf Jahre vom Produktionsstart entfernt. Es könnte also knapp werden, zumal der Bau der Mine und der Produktionsanlage noch mal gut eine Milliarde Dollar verschlingen würde. Bubar hofft darauf, dass die Stimmung ähnlich euphorisch ist wie heute, wenn er wieder Kapital benötigt. "Wenn die Enten quaken", sagt er, "werden sie auch gefüttert."
Von Alexander Jung

DER SPIEGEL 46/2010
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