15.11.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich war nur ein kleines Rad“

Der ehemalige Aktienhändler Jérôme Kerviel über die von ihm verlorenen Milliarden, die Mitschuld seines einstigen Arbeitgebers, der französischen Bank Société Générale, und das System, das solche Spekulationsgeschäfte möglich macht
SPIEGEL: Monsieur Kerviel, ein Pariser Gericht hat Sie zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren und zu Schadensersatz in Höhe von 4,9 Milliarden Euro verurteilt. Wie haben Sie das Urteil empfunden?
Kerviel: Ich habe es als große Ungerechtigkeit erlebt. Ich fühlte mich so, als hätte man mir einen Knüppel mehrmals über den Kopf gezogen. Zunächst die fünf Jahre Haft, dann die Milliardenstrafe. Und die Bank wird von ihrer Mitschuld freigesprochen.
SPIEGEL: Sie müssten 177 000 Jahre für die Rückzahlung dieser Rekordsumme arbeiten, wenn wir Ihr jetziges Gehalt von monatlich 2300 Euro zugrunde legen.
Kerviel: Der Richter hat einfach die Argumentation der Anwälte meines früheren Arbeitgebers, der Société Générale, übernommen. Dieses Urteil greift nicht die entlastenden Dinge auf, die wir im Prozess präsentiert haben. Man wollte offenbar die Bank und den Pariser Finanzplatz schützen. Und dafür musste Jérôme Kerviel "abgeschossen" werden.
SPIEGEL: "Ein einsamer Mann atmet tief durch, sitzend, den Kopf nach unten geneigt, groggy", schrieb "Le Figaro". Hat Sie das Urteil wirklich so überrascht?
Kerviel: Es hat mir glatt die Beine weggezogen, das habe ich nicht erwartet. Ich konnte mich erst einmal nicht mehr bewegen. Vor allem hatte ich wegen meiner Mutter Angst, dass ich direkt ins Gefängnis gehen müsste. Die ganze Affäre hat sie sehr mitgenommen. Ich verstehe das Urteil nicht, es negiert die Finanzkrise und gibt allein mir die Schuld. Wir hatten Beweise vor Gericht präsentiert, dass viele Händler ähnlich vorgingen wie ich und dass meine Chefs wussten, was da lief. Und dann wird die Bank von jeder Mitschuld freigesprochen …
SPIEGEL: Das Gericht hat Ihre Verteidigungslinie aber nicht akzeptiert. Ihre Geldstrafe entspricht dem Verlust, den Ihr Arbeitgeber geltend gemacht hat. Noch nie hat ein Bankmitarbeiter mit einer Wette auf Aktienkurse so einen hohen Schaden angerichtet.
Kerviel: Ich habe keinen Centime dabei verdient, habe mich persönlich nicht bereichert oder etwas unterschlagen. Ich wollte nur ein guter Mitarbeiter sein, der für seinen Arbeitgeber möglichst viel Gewinn erwirtschaftet. Ich war nur ein kleines Rad im Getriebe - und nun soll ich plötzlich der Hauptschuldige der Finanzkrise sein.
SPIEGEL: Anfang 2005 wurden Sie zum Händler befördert und haben dann schnell Karriere gemacht. Wie haben Sie das angestellt?
Kerviel: Ich spezialisierte mich auf deutsche Aktien. Nach ein paar Monaten spekulierte ich zum ersten Mal auf einen sinkenden Kurs bei der Allianz-Aktie. Zunächst lag ich im Minus. Aber dann brachen die Aktienkurse wegen der Londoner U-Bahn-Attentate zusammen. Mein Geschäft brachte der Bank 500 000 Euro Gewinn.
SPIEGEL: Wie reagierten Ihre Vorgesetzten?
Kerviel: Als ich mit meinem Vorgesetzten über den Deal sprach, gab es während eines Mittagessens eine kleine Ermahnung, weil ich als Händler, der sechs Monate Erfahrung hatte, nicht solche Positionen eingehen sollte. Aber direkt danach lobte er mich und erhöhte meinen Spielraum für Spekulationsgeschäfte auf zwei bis fünf Millionen Euro. Das ist typisch für die widersprüchliche Welt der Handelssäle: Jeden Tag wurden die Risikogrenzen übersprungen, die Chefs wussten das, niemals gab es Ermahnungen.
SPIEGEL: Aber mit zwei oder fünf Millionen Euro Risiko gaben Sie sich nicht mehr lange zufrieden?
Kerviel: Ich erhöhte meinen Einsatz immer mehr, nachdem ich gemerkt hatte, dass mich meine Vorgesetzten schon aus Eigennutz und zum Nutzen der Bank decken würden. Ende 2006 ging ich zum ersten Mal große Verkaufspositionen in Höhe von mehreren Dutzend Millionen Euro auf den Deutschen Aktienindex Dax ein, die ich im Februar 2007 mit einem Gewinn von 20 Millionen Euro glattstellte. Seit dem Geschäft mit den Allianz-Aktien wurde ich nicht mehr von meinen Vorgesetzten zur Rede gestellt. Ich machte ständig hohe Gewinne. Innerhalb von drei Jahren haben die Chefs meine Zielvorgaben um 1700 Prozent nach oben gesetzt. Das zeigt, dass sie genau wussten, was passierte.
SPIEGEL: Und dann wurden Sie irgendwann größenwahnsinnig und zockten mit Milliarden.
Kerviel: Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich größenwahnsinnig wurde. Ich war, unterstützt von meinen Chefs, in einer Spirale gefangen, immer noch mehr zu machen. Im März sah ich, dass die Risiken mit den amerikanischen Subprime-Krediten außer Kontrolle gerieten und spekulierte auf einen Crash. Ich war so überzeugt von meiner Idee, dass ich nach und nach 30 Milliarden Euro einsetzte. Doch der Aktienmarkt kletterte zwischen März und Juli immer weiter, ich saß auf riesigen Verlusten in Höhe von zwei Milliarden Euro. Jedes Mal deckte die Bank meine Verluste, jeden Tag zahlte sie den Verlust bei der Börse und sagte mir nichts.
SPIEGEL: Doch dann kam die Wende.
Kerviel: Im Juli gab es eine erste Panikattacke des Marktes und ich konnte mit einem Gewinn von 500 Millionen Euro aussteigen. Doch ich war überzeugt, dass die Märkte weiter fallen würden und stieg wieder mit 30 Milliarden Euro ein. Ich starrte von morgens bis abends auf den Bildschirm, handelte mit riesigen Beträgen, schlief kaum und machte bis zum Jahresende eineinhalb Milliarden Euro Gewinn für die Bank.
SPIEGEL: Ihr Handelstisch Delta One durf-te offiziell nur Risiken von maximal 125 Millionen Euro eingehen. Wie kam es, dass Sie viele Milliarden Euro Spielgeld hatten?
Kerviel: Meine Vorgesetzten hatten die Sicherheitssysteme deaktiviert. Ich hätte auch 100 Milliarden Euro an einem Tag investieren können. Alle Sicherungen waren von meinen Chefs auf meinem Computer entfernt worden.
SPIEGEL: Ihr Richter sah es aber als erwiesen an, dass Sie der "Erfinder eines kohärenten Betrugssystems" sind. Er verurteilte Sie wegen "Untreue, Fälschung und betrügerischer Manipulation". Fühlen Sie sich wirklich unschuldig?
Kerviel: Ich habe nur die Methoden angewandt, die bereits in der Bank existierten und die ich dort gelernt habe. Ich habe nichts erfunden, andere Händler handelten ähnlich. Ich musste nur dafür sorgen, dass am Abend das Handelslimit im Computer scheinbar eingehalten wurde. Um meine Handelspositionen zu kaschieren, schloss ich Gegengeschäfte ab, die scheinbar das Risiko im Handelssystem neutralisieren sollten. Die Kontrolleure sahen, dass ich für diese Gegengeschäfte gar keinen Handelspartner hatte, sagten aber niemals etwas. Manchmal ging es um Positionen von bis zu 50 Milliarden Euro. Insgesamt konnte ich so innerhalb von zwei Jahren Wertpapiere in Höhe von 400 Milliarden Euro mit Gegenparteien handeln, die der Bank unbekannt waren.
SPIEGEL: Ist Ihren Vorgesetzten nie die wahre Größenordnung Ihrer Geschäfte aufgefallen?
Kerviel: Doch, schon im April 2007 erhielten sie eine E-Mail, dass ich im großen Stil fiktive Geschäfte mit nichtexistenten Gegenparteien machte. Ich solle mich um das Problem kümmern, sagten mir meine Chefs. Im Laufe des Jahres 2007 erhielten sie zahlreiche weitere Mails zu dem gleichen Thema.
SPIEGEL: Wie sah eigentlich Ihr Alltag in der Bank aus?
Kerviel: Ich kam vor sieben Uhr morgens in der Bank an und verließ sie oft erst um 22 Uhr. Es war Stress und Adrenalin und die Leidenschaft für den Job, der mich durchhalten ließ. Oft bin ich nicht einmal zum Essen nach draußen gegangen.
SPIEGEL: Wie haben Sie das durchgehalten? Mit Drogen?
Kerviel: Niemals. Bei mir war es Leidenschaft. Ich fand dieses virtuelle Leben damals völlig normal, habe nichts mehr anderes wahrgenommen als die Kurvenverläufe der Wertpapiere in meinem Computer. Wenn ich ausgegangen bin, dann nur mit den Kollegen aus dem Handelssaal.
SPIEGEL: Manche Händler sagen, dass der Finanzhai Gordon Gekko aus dem Hollywood-Film "Wall Street", gespielt von Michael Douglas, ihr Vorbild war. War das bei Ihnen auch so?
Kerviel: Auf keinen Fall. Es gibt manche Sprüche in dem Film, die im Handelssaal immer wieder gern benutzt werden. Zum Spaß denke ich oft an den Ratschlag von Gordon Gekko: "Wenn du einen Freund brauchst, kauf dir einen Hund." Das entspricht leider meinen traurigen Erfahrungen.
SPIEGEL: Im vor kurzem angelaufenen Film "Wall Street 2 - Geld schläft nicht" wird Gordon Gekko am Anfang des Films aus dem Gefängnis entlassen. Er schreibt wie Sie ein Buch über die Abgründe der Finanzwelt und rächt sich später, indem er so viel Geld wie nie zuvor im Leben verdient. Auch schon mal an Rache gedacht?
Kerviel: Nein, das hilft niemandem. Ich will nur, dass die Wahrheit herauskommt, dass jeder seine Verantwortung wahrnimmt.
SPIEGEL: Haben schon Produzenten wegen der Filmrechte an Ihrer Biografie angefragt?
Kerviel: Es gab Anfragen. Aber das interessiert mich nicht. Seit zwei Jahren habe ich nur das Ziel, mich selbst zu verteidigen. Die Leute kramen in meinem Leben. Es wurde öffentlich, dass die Polizei bei der Durchsuchung meiner Wohnung einen Koran gefunden hat. Da hieß es dann, dass ich für al-Qaida arbeite. Lächerlich.
SPIEGEL: Ihr ehemaliger Vorstandsvorsitzender Daniel Bouton nannte Sie einen Terroristen, weil Sie bei Ihren Spekulationsgeschäften 50 Milliarden Euro riskiert haben. Das entsprach ungefähr dem Wert der ganzen Bank.
Kerviel: Es war mein einziges Ziel, für meinen Arbeitgeber einen maximalen Gewinn zu erzielen. Ich war in eine Spirale geraten, die, mit Unterstützung meiner Chefs, immer weiter nach oben führte.
SPIEGEL: Es gab 70 Warnungen der Kontrollinstanzen an die Société Générale.
Kerviel: In der Realität gab es noch viel mehr Warnhinweise. Doch die Chefs haben bei den Spekulationen kräftig mitgemischt. Es gab Begrenzungen, welches Risiko jeder einzelne Händler eingehen durfte, aber niemand hat sich darum gekümmert. Wie ich schon sagte: Meine Vorgesetzten hatten die Sicherheitssysteme an meinem Computer deaktiviert.
SPIEGEL: Die Verantwortlichen der Société Générale haben im Prozess ausgesagt, "dass Sie in keinem Fall autorisiert waren oder durch Ihre Chefs hätten autorisiert werden können, solche Risiken einzugehen, die für die Bank eine potentielle tödliche Gefahr darstellten".
Kerviel: In keinem Augenblick haben sie zu mir gesagt: Jérôme, hör auf mit den Dummheiten! Im Gegenteil. Sie haben mich ermutigt, Handelspositionen aufzubauen und Risiken einzugehen. Im Sommer 2007 fuhr ich zwei Wochen in die Ferien. Jeden Morgen riefen sie mich an, um Ratschläge zum Management meiner Positionen zu bekommen. Nach einer Woche musste ich zurückkehren.
SPIEGEL: Die Risiken waren außer Kontrolle geraten?
Kerviel: Nein, sie sahen, dass Geld zu verdienen war und verlangten meine Rückkehr.
SPIEGEL: Hat die Bank Sie nach Ihrem Urlaub gezwungen, die Handelspositionen nach unten zu fahren?
Kerviel: Im Gegenteil. Ende des Jahres haben sie mir gesagt, dass ich nur noch solche Geschäfte für die Bank machen sollte und von anderen Aufgaben freigestellt werde. Sie haben mich ermutigt, ins Risiko zu gehen.
SPIEGEL: Haben Sie eigentlich realisiert, dass kein Mensch jemals mit höheren Summen spekuliert hat?
Kerviel: Kein Mensch weiß, was sich alles in den Bilanzen der Banken versteckt. Die sind doch völlig undurchdringlich. Es dauert eine Sekunde, 150 Millionen Euro zu investieren. Für eine Milliarde Euro braucht es vier Sekunden. Das geht so schnell am Computer, dass Sie das Gefühl für die Beträge verlieren. Der internationale Markt ist so groß, dass er alle Aufträge in Sekundenschnelle absorbiert. Das Rad dreht sich immer schneller, es ist verrückt.
SPIEGEL: Die deutsche Terminbörse Eurex meldete im Oktober 2007 der Société Générale, dass einer ihrer Händler, ein gewisser Jérôme Kerviel, den Deutschen Aktienindex manipuliert. Was war passiert?
Kerviel: Ich hatte 30 Milliarden Euro darauf gewettet, dass der Dax nach unten geht. Als im Herbst 2007 die Märkte tatsächlich nach unten rauschten, profitierte ich davon. Ich löste meine Position auf und stützte so den Markt. Marktteilnehmer witterten eine Marktmanipulation und beklagten sich bei der deutschen Börse. Die startete eine Untersuchung und hat gesehen, dass ich den Dax stützte.
SPIEGEL: Spätestens dann muss doch die Bank aufgewacht sein?
Kerviel: Eines Abends kamen die Risikokontrolleure der Bank zu mir und befragten mich zu meiner Strategie in Deutschland. Später sagte mir mein Chef, dass ich mir eine nichtssagende Antwort auf die Fragen der Deutschen ausdenken und auf keinen Fall meine Handelsstrategie offenlegen solle. Diesen Brief haben alle meine Vorgesetzten gesehen.
SPIEGEL: Hat sich die Börse mit Ihren Antworten zufriedengegeben?
Kerviel: Nicht ganz. Sie schickten im November einen zweiten Brief. Daraus ging klar hervor, dass ich innerhalb von zwei Stunden Positionen von über einer Milliarde Euro eingegangen war und meine Grenzen weit überschritten hatte. Den haben natürlich auch meine Vorgesetzten gesehen. Wieder musste ich ein zweites, unverbindliches Antwortschreiben vorbereiten, das dann von der Bank abgeschickt wurde.
SPIEGEL: Hat die interne Risikokontrolle bei Ihnen nichts weiter unternommen?
Kerviel: Nein. Da ist viel Heuchelei dabei, da alle alles sehen und niemand etwas sagt. Man widersetzt sich nicht dem Geschäftsmodell einer Bank.
SPIEGEL: Waren Sie der einzige Händler, der so gearbeitet hat?
Kerviel: Im Anhang meines Buches gibt es mehrere Kündigungsschreiben der Société Générale, die klar zeigen, dass das gängige Praxis bei meiner Abteilung Delta One und in der Bank war.
SPIEGEL: Ihr Chef hat vor Gericht ausgesagt, dass er nicht wusste, was seine Händler trieben. Er habe nicht die Mittel und die Qualifikation gehabt, um sie besser zu kontrollieren.
Kerviel: Auch er wollte seine Haut retten. Als ihm der Richter eine an ihn gerichtete E-Mail vorlas, wo es um eines meiner Geschäfte in Höhe von einer Milliarde Euro ging, gab er an, nicht den entscheidenden Absatz 2 gelesen zu haben. Nur die Absätze 1 und 3. Das ging in dem ganzen Prozess so. Die Verantwortlichen sagten immer, dass sie die Einzelheiten leider nicht genau gelesen hätten, keine Händler seien.
SPIEGEL: Und die Richter nahmen ihnen das ab?
Kerviel: Dafür, dass meine Chefs angeblich völlig inkompetent waren, verlangten sie mit Boni in Höhe von 700 000 und zwei Millionen Euro eine ganze Menge. Es schockierte mich, dass sie mit ihrer Schweigenummer vor Gericht durchkamen. Es gibt Dutzende von E-Mails, die ihr Wissen über die Geschäfte beweisen.
SPIEGEL: Fordern Sie Gefängnisstrafen auch für Ihre ehemaligen Vorgesetzten?
Kerviel: Darum geht es nicht. Aber dass ich ganz allein schuldig sein soll und verantwortlich gemacht werde, finde ich ungerecht. Das Urteil gegen mich dient dazu, das System und das Image der französischen Banken zu retten.
SPIEGEL: "Er hat seine Vorgesetzten, seine Freunde, seine Kollegen getäuscht", sagte der Staatsanwalt vor Gericht.
Kerviel: Ich habe niemanden getäuscht. Meinen Arbeitskollegen habe ich Millionen zukommen lassen, damit sie ihre Vorgaben erreichen. Meine Chefs haben von mir bei ihren Bonusverhandlungen profitiert. Sie haben sich mit dem Wachstum
meiner Ergebnisse gebrüstet, um mehr Geld zu verlangen. Und heute sagen sie, dass sie von nichts wussten.
SPIEGEL: Aber alle haben nach dem Platzen der Bombe ihren Job verloren.
Kerviel: Meines Wissens nach haben alle bis auf einen wieder eine Arbeit gefunden.
SPIEGEL: "Kerviel wurde durch die Société Générale geformt, formatiert und deformiert. Er ist ihre Kreatur", sagte Ihr Verteidiger im Prozess. Übertreibt er da nicht ein bisschen?
Kerviel: Ich weiß nur eins: Alles, was ich im Bankgeschäft gelernt habe, habe ich in den Banktürmen der Société gelernt.
SPIEGEL: Aber kein einziger Händler hat die Handlungsspielräume derart gnadenlos genutzt wie Sie. Dieser individuellen Verantwortung können Sie nicht ausweichen.
Kerviel: Ich habe unvernünftige Dinge getan. Aber ich bin auch ein Angestellter, der von seinen Vorgesetzten drei Jahre lang ermutigt wurde, genau das weiter zu machen. Ich habe nur genau die Techniken angewandt, die ich in meiner Bank gelernt habe. Nur der Maßstab war vielleicht größer. Ich bin niemals vor meiner Verantwortung geflohen. Aber dass ich als einzig Verantwortlicher hingestellt werde, kann ich nicht akzeptieren.
SPIEGEL: Können Banken Leute wie Sie wirklich kontrollieren?
Kerviel: Sicherlich. Aber man muss es wollen. Mehr Kontrollen und Regeln widersprechen dem Streben nach immer höheren Gewinnen zu einem Zeitpunkt, an dem alle Banken ihre Eigenkapitalrendite maximieren wollen.
SPIEGEL: Was fehlte? Der Wille?
Kerviel: Bei der Société Générale auf jeden Fall. An der Technologie hat es nicht gelegen. In der Bank gab es Sicherungssysteme, die in einer Nanosekunde reagieren können. Die französische Bankkontrollkommission hat die Société Générale wegen der Affäre zu einer Strafe von vier Millionen Euro verurteilt. Sie geht also auch davon aus, dass die Bank einen Teil der Verantwortung trägt.
SPIEGEL: Sind Sie erleichtert, dass Sie mittlerweile Ihr Leben als Banker hinter sich gelassen haben?
Kerviel: Noch ist nicht alles vorbei. Ich muss schließlich den Berufungsprozess mit meinem Anwalt vorbereiten und Spezialisten finden, die meine Version der Geschichte unterstützen. Doch seit die Affäre an das Licht der Öffentlichkeit kam, geht es mir persönlich viel besser. Ich weiß nun, wer meine wahren Freunde sind. Ich habe wieder Zeit, meine Mutter in der Bretagne zu besuchen. Wir sagen uns Dinge, die wir uns früher nie gesagt hätten. Ich weiß nun, was wirklich wichtig ist im Leben.
SPIEGEL: Monsieur Kerviel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Jérôme Kerviel
ist der wohl größte Zocker aller Zeiten. Der 33-jährige Franzose spekulierte mit bis zu 50 Milliarden Euro auf die Entwicklung des deutschen Aktienmarktes. Erst machte er einen Milliardengewinn für die Pariser Großbank Société Générale, dann verspekulierte er sich und wurde zu einer Symbolfigur der Finanzkrise. Anfang Oktober wurde er zu fünf Jahren Haft verurteilt, davon zwei auf Bewährung, sowie zu einem Schadensersatz von 4,9 Milliarden Euro. Der Richter sah es als erwiesen an, dass er in betrügerischer Weise die Computer manipuliert und seine Kollegen mit angeblichen Absicherungsgeschäften über die wahre Größenordnung seiner Deals getäuscht hat. Kerviel findet das Urteil ungerecht und geht in Berufung. Er habe nur Methoden angewandt, die er bei seinem Arbeitgeber gelernt habe. Seine Sicht der Dinge hat er in einer Autobiografie dargelegt, die vor kurzem auf Deutsch erschien: "Nur ein Rad im Getriebe" (Finanzbuch Verlag, München; 192 Seiten; 16,95 Euro).
(*) Mit Redakteur Christoph Pauly in Paris.
Von Christoph Pauly

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