15.11.2010

KRIMINALITÄTEasy in Setúbal

„Milliarden-Mike“, ein Hamburger Betrüger, dem Sicherungsverwahrung drohte, wurde auf der Flucht in Portugal gefasst. Vermutlich ist er bald ein freier Mann.
Er sitzt wieder da, wo er fast die Hälfte seiner letzten 35 Jahre verbracht hat - im Knast. Aber er ist ziemlich gut drauf. "Wieso? Die Flucht war doch erste Sahne", sagt der Mann mit dem dünnen, mahagonifarbenen Haar und grinst.
Peter "Mike" Wappler alias "Milliarden-Mike" alias "Ernst-August-Mike Baron von Wappler" sitzt in einem kalten, weißgetünchten Sprechzimmer im Gefängnis von Setúbal, Portugal. An diesem Freitagmorgen darf er Besuch empfangen.
Der 54-Jährige trägt Jeans, unter seinem beigefarbenen Ledersakko spannt ein weißes T-Shirt über dem Bauch. "Dabei gibt es hier viel Fisch", sagt Wappler.
Vor wenigen Wochen hat die Hamburger Kiezgröße für Schlagzeilen gesorgt. Als Häftling der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel war er seinen Betreuern bei einer Ausführung entwischt. Fast sechs Jahre hatte er zuletzt wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Hehlerei verbüßt, nur noch wenige Tage standen aus - frei wäre er aber nicht gekommen. Den notorischen Gauner erwartete im Anschluss Sicherungsverwahrung, wegen erhöhter Rückfallgefahr. "Auf unbestimmte Zeit eingesperrt zu bleiben war keine Option für mich", erklärt Wappler, "deshalb bin ich abgehauen."
Es war seine Art, auf ein derzeit von Juristen wie Politikern heißdiskutiertes Thema zu reagieren: Während in etlichen Bundesländern seit Monaten gefährliche Sexual- und Gewaltstraftäter entlassen werden, droht notorischen Betrügern trotz verbüßter Strafe weiterhin die Sicherungsverwahrung auf unbestimmte Zeit.
Eine Woche nach seiner Flucht wurde Wappler jedoch von Zielfahndern in Portugal festgenommen. Bislang war unklar, wie er es überhaupt bis an die Algarve geschafft hat - nachdem er am 15. Oktober, einem Freitag, in Begleitung von zwei Justizbeamten ein Grillfest seiner Halbschwester in Lübeck hatte besuchen dürfen. Es gab Bauchfleisch, Würstchen und Schnitzel. Und plötzlich war der Häftling weg.
"Ich habe gesagt, dass ich mal aufs Klo muss, niemand hat mich begleitet, ich bin einfach durch die Haustür spaziert", berichtet Wappler. Die Beamten hätten in der Zeit im Garten gegessen. An der nächsten Straßenecke habe ein Wagen auf ihn gewartet. Wer am Steuer saß, will Wappler nicht sagen. Die Flucht eines Häftlings ist nicht strafbar, Hilfe dazu schon. "Wir sind dann nach Berlin, dort bin ich in den Zug nach Amsterdam gestiegen. Von da aus nach Paris gefahren, auch mit dem Zug, und dann mit dem Reisebus nach Faro. Das war ganz easy."
Unterwegs nahm er Kontakt zu verschiedenen Medien auf. Über sie verbreitete er seine Forderung, der Staat solle die Sicherungsverwahrung gegen ihn aufheben. Vergebens, natürlich.
In Faro, wo ihn die Polizei später aufspürte, mietete er sich einen Bungalow mit Meerblick. "Als Betrüger sollte man immer finanzielle Reserven haben, von denen man ein paar Jahre leben kann. Ich habe glücklicherweise keine Geldprobleme", sagt er.
Wappler ist Sinto, wuchs in einer Wohnwagensiedlung auf, versuchte sich als Box-Promoter, Model-Agent, gab damit an, den FC St. Pauli kaufen zu wollen, dann wieder mit einem Baron-Titel, den er sich für 15 000 Euro geleistet hatte. Auf dem Hamburger Kiez hieß er "Milliarden-Mike", weil er bündelweise Bargeld mit sich herumtrug. "500 Mark waren für mich Pissgroschen."
Als Betrüger flog er freilich immer wieder auf. Zwischen seinen Gaunereien wurde ihm der Knast zum zweiten Aufenthaltsort. Zuletzt hatte er einen Unternehmer mit einem vorgetäuschten Diamanten-Deal gelockt. "Dem habe ich über Jahre drei Millionen Euro aus dem Kreuz geleiert", prahlt Wappler.
Laut einem psychiatrischen Gutachten leidet er an einer Persönlichkeitsstörung, die von extrem dissozialem Verhalten, einem großen Selbstwertproblem und "histrionischen Zügen" geprägt ist, also dem permanenten Drang, gefallen zu wollen.
Ist so ein Mann ein Fall für die Sicherungsverwahrung? "Diese Sanktion dient dem Schutz der Allgemeinheit vor schweren Gewalt-und Sexualverbrechen", sagt seine Anwältin Ines Woynar, "dass sie in Deutschland auch bei Vermögensdelikten verhängt wird, ist völlig unverhältnismäßig." Das gebe es so in keinem anderen europäischen Land.
Auch nicht in Portugal, wie Wappler vor seiner Flucht recherchiert hat. Nach internationalem Recht liefert ein Land einen Gefangenen nur aus, wenn es die ausstehende Sanktion selbst kennt und anwendet. "Aus diesem Grund rechne ich fest damit, dass Herr Wappler bald freigelassen wird", sagt seine Anwältin. Sie erwartet die Entscheidung des Haftrichters in den nächsten Tagen.
Doch selbst wenn die Portugiesen ihn noch etwas schmoren lassen: Die Zeit spielt für Wappler. Auf Druck des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte verhandelt der Bundestag derzeit über eine Neuregelung der Sicherungsverwahrung. Der aktuelle Gesetzentwurf sieht sie bei leichten Vermögensdelikten nicht mehr vor. Anwältin Woynar ist überzeugt: "Was zukünftig nicht mehr verhängt werden darf, kann jetzt nicht mehr vollstreckt werden."
Demnach wäre "Milliarden-Mike" auch in Deutschland bald ein freier Mann. Eine Rückkehr nach Hamburg scheint ihm dennoch nicht lohnenswert. Sein Plan: "Ich werde in Dubai Box-Veranstaltungen organisieren, damit kann man schnell ein paar Euro machen."
Von Antje Windmann

DER SPIEGEL 46/2010
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