15.11.2010

KARRIERENDas eiserne Röschen

Niemand in der CDU verfolgt seine Ziele mit einer solchen Härte wie Ursula von der Leyen. Sie hat Chancen, Angela Merkels Nachfolge anzutreten. Von René Pfister
Ursula von der Leyen ist die Erste im Warteraum des Studios, sie setzt sich auf ein breites Ledersofa, in dem sie fast versinkt. Sie trägt eine schwarze Hose und eine dünne Bluse. Ihr ist kalt, jemand bringt ihr eine Tasse Tee.
Fünf Euro. Das ist die Nachricht des Tages, die Arbeitsministerin ist zu "Anne Will" gekommen, weil sie erklären muss, warum die Hartz-IV-Empfänger in Deutschland läppische fünf Euro mehr bekommen sollen. Klaus Ernst von der Linkspartei marschiert um die Ecke, ein bulliger Mann mit Megafonstimme, er wirkt wie ein Boxchamp, der sich auf einen Kampf mit einem Sparringspartner freut.
Ursula von der Leyens Verwandlung beginnt, als die Kameras laufen. Ernst poltert und zetert, er boxt mit den Händen durch die Luft. Er krakeelt Skandal. Alle warten darauf, dass die Ministerin besänftigt, beschwichtigt, dass sie ausweicht. Aber sie schlägt zurück, nicht mit den Händen, sondern mit Zahlen. Sie sagt, dass es nicht Aufgabe der Allgemeinheit sei, Zigaretten und Schnaps zu bezahlen, sie rechnet vor, wie wenig einer Verkäuferin am Ende des Monats bleibt.
Als alles vorbei ist, steht Ernst wie ein Mann da, der das süße Leben auf Staatskosten propagiert, er rauscht mit seiner Entourage in die Studiolounge. Der Vorsitzende der Linkspartei braucht erst einmal ein Bier. Ursula von der Leyen tänzelt über den Flur. Sie verabschiedet sich noch schnell von einer Redakteurin, einer jungen Frau, die in vier Monaten das erste Kind erwartet. "Alles Gute für die kleine Familie", säuselt die Ministerin. Dann verschwindet sie in die Nacht.
An diesem Montag wird Ursula von der Leyen in Karlsruhe zur stellvertretenden CDU-Vorsitzenden gewählt, sie hat die wohl erstaunlichste politische Karriere der jüngsten Zeit hingelegt. Lange war sie der Schützling mächtiger Leute. Christian Wulff nahm sie unter seine Fittiche und machte sie zur Sozialministerin in Niedersachsen, Merkel erkannte ihr Talent und holte sie nach Berlin, ihr Aufstieg verlief bisher auch deshalb so reibungslos, weil sie Protektion genoss.
Es entstand das Bild einer Frau, die dem hässlichen Stellungskampf der Politik entrückt ist, sie stritt um die Sache und nicht um Posten, darauf gründete ein großer Teil ihrer Popularität. Auch in Berlin konservierte sie das Image des Röschens, der Tochter aus gutem Hause. Aber niemand gelangt in der Politik ohne eisernen Willen nach oben. Das Besondere an von der Leyen ist, dass sie ihn immer gut zu verbergen wusste.
"Ich will nicht als der unglückliche Verlierer dastehen", sagt Lutz von der Heide, er ist ein guter Gesprächspartner, wenn es um den Ehrgeiz von der Leyens geht. Er ist der erste Politiker, der ihm zum Opfer fiel. Von der Heide ist ein grauer Mann in einem Tweedsakko, in seinem geduckten Einfamilienhaus tickt eine Standuhr.
13 Jahre saß er für die CDU im niedersächsischen Landtag, ein braver Abgeordneter ohne hochfliegende Pläne. 2001 kam er von einer Reise nach Costa Rica zurück, er schlug die Zeitung auf und las, dass eine gewisse Ursula von der Leyen ihm seinen Wahlkreis streitig machen würde. Hinter seinem Rücken hatte von der Leyen schon dafür gesorgt, dass sich die Mehrheiten in der CDU zu ihren Gunsten verschoben, der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, von der Leyens Vater, griff zum Telefon. Plötzlich war von der Heide von Feinden umstellt.
Ihm war bald klar, wie blass er neben von der Leyen wirkt, er war der Mann der muffigen Hinterzimmer und sie die blonde siebenfache Mutter. "Die Zukunft fängt zu Hause an", sagte sie während des Wahlkampfs. Es war ein schöner Satz und eine Gemeinheit, denn natürlich wusste sie, dass von der Heides Ehe kinderlos geblieben war.
Im Dezember 2001 kam es zu einer Kampfabstimmung, von der Leyen gewann mit einer Stimme, aber es stellte sich heraus, dass ein Stimmzettel ungültig war. Von der Heide focht die Wahl an, es war sein gutes Recht, aber bald erschienen in der Lokalpresse Artikel, in denen es hieß, er sei ein schlechter Verlierer. Bei der Wiederholung der Wahl gewann von der Leyen haushoch.
Es sei nicht seine Sache, "die beleidigte Leberwurst" zu spielen, sagt von der Heide. Ihm sei klar, dass Politik auch immer Kampf sei. Trotzdem hatte er am Ende das Gefühl, dass er beiseitegeräumt worden war wie ein Stein, der im Weg herumlag.
Mitte Oktober rollt von der Leyens Dienst-Audi im Filmpark Babelsberg vor. Die Junge Union hat zum Deutschlandtag geladen, es ist ein Samstag, und normalerweise macht von der Leyen am Wochenende wegen ihrer Kinder keine Termine, aber ihre Wahl zur stellvertretenden Parteivorsitzenden steht vor der Tür, und die Junge Union schickt eine Menge Delegierte zum Parteitag.
Genau besehen ist es schon eine ziemliche Provokation, dass sie die Einladung der Jungen Union überhaupt angenommen hat, das Motto der Tagung lautet "Zukunft: Familie", und die Familienministerin heißt seit zehn Monaten Kristina Schröder. Deren Name fällt an diesem Nachmittag selten. Stattdessen redet von der Leyen von ihren Erfolgen als Familienministerin. Das Elterngeld: ihr Verdienst. Der Ausbau der Kita-Plätze: ihr Verdienst. Die Vätermonate: ihr Verdienst. Am Ende ihrer Rede ist unklar, warum es eines eigenen Familienministeriums bedarf, solange Ursula von der Leyen Mitglied der Regierung ist. "Natürlich hat sich mein Arbeitsgebiet geändert", sagt sie. "Aber an der Fokussierung, dass Familie im Zentrum der Gesellschaft steht, hat sich nichts geändert."
Es ist ein großes Talent von der Leyens, ihren Ehrgeiz unter dem Mantel einer unverwüstlichen Freundlichkeit zu verstecken, sie lächelt und bricht die Regeln. Es ist schwer, gegen sie anzukommen. Auch Volker Kauder hat das gemerkt. Der Chef der Unionsfraktion stammt aus Baden-Württemberg, er war jahrelang stellvertretender Landrat von Tuttlingen, einer Gegend, in der die meisten immer noch der Meinung sind, dass kleine Kinder am besten bei der Mutter aufgehoben sind.
Es gab einen Moment, da sah es so aus, als würde er sie stoppen. Von der Leyen hatte vorgeschlagen, die Kita-Plätze in Deutschland auszubauen, vier Milliarden sollte das den Bund kosten, Geld, das eigentlich Länder und Kommunen aufbringen müssten, weil die dafür zuständig sind. "Ich dachte mir, warum müssen wir Milliarden ausgeben für Dinge, für die wir gar nicht zuständig sind", sagt Kauder. Er legte seinen Widerspruch ein.
Aber von der Leyen ließ sich erst gar nicht auf die Debatte ein. Sie sagte, die CDU müsse ihre Meinungen von gestern räumen, die Zeit der Alphatiere sei vorbei. Plötzlich war Kauder nicht mehr der mächtige Fraktionschef, sondern ein grauer Herr. "Alle dachten plötzlich, ich will die Frauen am Herd arbeiten lassen. Das ist Unsinn, meine Frau ist Ärztin, sie hat immer gearbeitet." Am Ende drehte Kauder bei. Er wollte kein grauer Herr sein.
Von der Leyen hat die CDU mit ihrer Politik mehr überrumpelt als überzeugt, daher rührt auch die Skepsis, die ihr in der Partei entgegenschlägt. Sie ist zwar der Spross einer CDU-Dynastie, aber viele empfinden sie als Fremdkörper, daran wird sich nichts ändern, wenn sie Merkels Stellvertreterin wird.
Für die meisten CDU-Anhänger ist die Partei mehr als eine Ansammlung Gleichgesinnter, sie ist Freundeskreis und Familie, es gibt Streit und Rangeleien, aber man setzt sich dann zusammen und zischt ein Bier. Von der Leyen raucht nicht und trinkt kein Pils, sie trifft sich auch nicht mit Parteifreunden, sie macht Termine. Ihr Verhältnis zur CDU ist rein zweckgerichtet.
Von der Leyens Stärke speist sich aus ihrer Popularität bei den Bürgern, in deren Gunst ist sie auch deshalb aufgestiegen, weil sie anders wirkte als die Masse der CDU. Sieben Kinder, Studienaufenthalt in Stanford, die rührende Sorge um den demenzkranken Vater, ihr Leben hob sie aus dem grauen Funktionärskörper heraus.
Es gab eine Zeit, da erfuhren die Bürger vom Zeckenbiss der Tochter Victoria, von der Geburt der Zwergziege Pony, sie erzählte, was sie tun würde, wenn sie nur noch einen Tag zu leben hätte. "Ich erlebe, dass ich durch meine Lebensform auch anderen Mut mache", sagte sie damals.
Heute gibt es keine Geschichten von Zwergziegen mehr. Von der Leyen ist jetzt populär genug, dass sie darauf verzichten kann. Wenn man heute als Journalist einem ihrer Geschwister eine E-Mail schreibt, meldet sich ein paar Stunden später die Pressestelle des Arbeitsministeriums. Man möge die Recherche unterlassen, "wenn jemand an die Familie rangeht, wird Frau von der Leyen sehr empfindlich". Es ist ein bemerkenswerter Satz vom Sprecher einer Politikerin, die das Genre der Homestory zu ganz neuer Blüte geführt hat.
Das Erstaunliche an von der Leyen sei ihre Wandlungsfähigkeit, sagt Thomas Steg, als Familienministerin sei sie die besorgte Mutter gewesen, nun füllt sie die nächste Rolle aus. Steg war Regierungssprecher unter Gerhard Schröder und Angela Merkel, er ist Mitglied der SPD, aber von der Leyens Professionalität hat er immer bewundert.
Es gebe nur wenige Politiker, die sich so im Griff hätten, den meisten verrutsche das Gesicht, wenn sie mal eine Niederlage einstecken müssten; von der Leyen behalte immer ein lächelndes Pokerface. "Man kann an ihrer Mimik nicht erkennen, ob sie getroffen ist." Allein das hätte seiner Partei eine Warnung sein müssen, sagt Steg.
Wo von der Leyens Karriere enden wird? Steg sagt, sie erinnere ihn an Joschka Fischer, der habe sein altes Leben auch immer abgestreift, wenn es ihm zu eng geworden sei. Bei Fischer war damit erst Schluss, als er zum Vizekanzler aufrückte, dem höchsten Amt, das einem Grünen damals zufallen konnte. Von der Leyen ist in der CDU. Da ist noch mehr drin.
"Wissen Sie", sagt von der Leyen, "es gibt ja diese Experten, die sagen, man müsse seine Karriere planen. Ehrlich gesagt, davon habe ich noch nie etwas gehalten." Auf dem Besprechungstisch im Arbeitsministerium sind Trauben drapiert, es sind noch anderthalb Wochen bis zum CDU-Parteitag.
Ihr Einstieg in die Politik sei eher das Produkt eines Zufalls, sagt die Ministerin. Als sie mit ihrem Mann 1996 aus den USA nach Deutschland zurückgekehrt sei, habe dieser drei Jobangebote gehabt, in Magdeburg, in Zürich und in Hannover. "Wenn wir nach Zürich oder Magdeburg gegangen wären, dann wäre ich nie Ministerin geworden."
Von der Leyen erzählt gern solche Geschichten, sie nehmen ihrer Karriere das streberhafte. In sieben Jahren schaffte sie es von der Landtagsabgeordneten zur Bundesarbeitsministerin, es war ein rasender Aufstieg, sie muss jetzt vor allem aufpassen, dass sie nicht zu schnell hochschießt. Ihrem Kabinettskollegen Karl-Theodor zu Guttenberg passiert das gerade, er schwebt auf einer Welle der Sympathie, aber es kann leicht passieren, dass sie unter ihm zusammenbricht, bevor das Kanzleramt überhaupt in Sicht kommt.
Es war lange ihr Plan, Bundespräsidentin zu werden, und als im Frühjahr Horst Köhler zurücktrat, glaubte sie sich endlich am Ziel. Die Geschichte ihrer gescheiterten Ambitionen wurde oft erzählt, von der Leyen als Königin der Schlagzeilen, ihr Finger auf den Lippen.
Am Ende war sie die Verliererin, eine Frau, mit der die Phantasie durchgegangen war, aber sie hatte Gründe, die Dinge anders zu sehen. Aus ihrer Sicht war es ja nicht das erste Mal, dass sie im Rennen für das höchste Staatsamt war.
Vor sieben Jahren wurde sie Sozialministerin in Hannover, kurz darauf machten erste Gerüchte die Runde, dass der damalige Bundespräsident Johannes Rau nicht mehr für eine zweite Amtszeit antreten würde. Die Ministerin besprach sich mit ihren Mitarbeitern, einer sagte: "Frau von der Leyen, der Bundespräsident muss doch nicht immer ein alter grauhaariger Mann sein." Das fand von der Leyen auch.
Es gab heimliche Telefonate zwischen Hannover und Berlin, um die Idee einer Kandidatur von der Leyens bei Merkel zu lancieren. Am 4. September 2003 erklärte Rau seinen Rückzug aus der Politik. Ein paar Tage später trafen sich von der Leyen und die CDU-Vorsitzende zu einem vertraulichen Gespräch. Für von der Leyen war danach klar, dass sie eine von Merkels Kandidaten war. So wird es jedenfalls im Umfeld von der Leyens erzählt. Wenn man sie selbst fragt, sagt sie: "Ich will mich dazu gar nicht äußern."
Monatelang geschah nichts, Namen tauchten auf und verschwanden, am 2. März 2004 trafen sich Merkel, der damalige CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber und der FDP-Chef Guido Westerwelle in dessen Wohnung in Charlottenburg. Einen Tag später rief Merkel bei von der Leyen an und sagte ihr, dass nicht sie Bundespräsidentin werde, sondern Horst Köhler vom IWF. Aber von der Leyen wollte sich noch nicht geschlagen geben, ein Mitarbeiter soll sogar bei Christian Wulff angerufen haben. "Könnten Sie sich für Frau von der Leyen einsetzen?", fragte er. Wulff winkte ab. Damit war die Sache endgültig erledigt.
Zweimal hat Merkel sie hängenlassen, so sieht es jedenfalls von der Leyen. Sie will jetzt kein großes Aufheben mehr darum machen, sie schaut auf ihre Hände und sagt: "Wir haben uns ausgesprochen." Aber das heißt nicht, dass die Sache vergessen ist. Von der Leyen kann sehr nachtragend sein.
Sie hat sich entschieden, sich eine eigene Machtbasis zu bauen, sie nennt das ihren "Emanzipationsprozess". Sie mag nicht länger abhängig sein von Merkel, auch deswegen hat sie sich den Posten als stellvertretende CDU-Vorsitzende gesichert. Sie war bisher die Frau für das Detail, Jobcenterreform und Elterngeld, das war ihr Metier. Jetzt will sie sich um größere Fragen kümmern, Kanzlerfragen, wenn man so will.
Fünf Minuten hat sie an diesem Montag, um sich den Delegierten des Parteitags vorzustellen. Sie hat sich schon ein paar Sätze zurechtgelegt, sie sollen groß klingen, so viel ist schon klar. Sie macht eine kurze Pause, ihr Blick schweift durch den Raum. Sie sagt, sie werde sicher nicht nur als Arbeitsministerin reden. ◆
Von René Pfister

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