15.11.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEHeilige Schrift

Wie ein US-Amerikaner mit Worten den Tod vertrieb
Es war ein warmer Samstag, traumhaftes Wanderwetter, als Ed Rosenthal in die Wüste ging. Ein Spaziergang sollte es werden, am Abend wollte er wieder in Los Angeles sein. Rosenthal wanderte allein, so wie er das gern tat, er summte und ahnte nicht, dass er den Weg verlieren könnte und sein Leben.
Er trug eine Schirmmütze, kurze Hosen, ein Hemd und einen Rucksack. In dem Rucksack befanden sich ein Wassersack, zwei Datteln, eine Pfeife, eine Taschenlampe, ein Messer, eine Rettungsdecke und ein Kugelschreiber.
Ed Rosenthal trug einen Stift bei sich, denn er ist ein Dichter. Eigentlich arbeitet er als Immobilienmakler, aber schon als Kind verfasste er Gedichte über die Liebe und die harte Hand seines Vaters, der Finanzanalyst in New York war. Als der Vater die Gedichte las, wurde er böse und schickte Edward auf eine technische Highschool. Dort sollte er ein Mann werden. Der Vater fragte, was das Schreiben bringen soll. Und Edward wusste nichts zu sagen, außer, dass er es schön fand. Danach dichtete er heimlich.
Als 64 Jahre alter Mann ließ sich Rosenthal von niemandem mehr die Poesie verbieten. Aber eine Antwort auf die Frage seines Vater suchte er immer noch.
Oft fielen ihm Verse ein, wenn er durch den Joshua-Tree-Nationalpark wanderte, eine Wüstenlandschaft im Südosten Kaliforniens. Die Landschaft ist brutal, heller Fels, Dornenbüsche, Kakteen.
Ed Rosenthal versank in der Bewunderung dieser schroffen Welt an diesem Samstag Ende September. Er war den Weg schon ein paarmal gewandert, aber das heißt nichts in einer Wüste. Er ging immer weiter, die Augen am Boden, sah ein paar fremde Steine, dachte sich nichts dabei, freute sich sogar, weil er etwas entdeckt hatte, das er nicht kannte, ging weiter.
Als er den Blick wieder hob, wusste er nicht, wo er war. Er trank ein wenig Wasser, aß eine Dattel. Es dämmerte. Die Temperaturen sanken, er wickelte sich in die Rettungsdecke, schlief hart, aber gut. Am nächsten Morgen, dachte er, würde er den Weg finden.
Rosenthal lief tiefer ins Tal, weil er hoffte, sein Auto stünde dort. Die Temperaturen stiegen. Ed Rosenthal marschierte. Mittags dachte er, dass sein Auto wohl auf der anderen Seite des Berges stehen müsste. Nachmittags trank er sein letztes Wasser. Rosenthal setzte sich auf einen Felsen, und er wusste, er geht nirgendwohin. Die Kraft war weg.
Vor zehn Jahren hatte Rosenthal einen Herzinfarkt. Ein Immobiliendeal war geplatzt, und er hatte sich aufgeregt. Damals schwor er, dass er sich nie wieder in seinem Leben in etwas hineinsteigern würde. Also saß er in der Wüste und überlegte still, wie er diese Wanderung überleben würde.
Rosenthal nahm sein Messer und schnitt in einen Kaktus. Er saugte an dem Fruchtfleisch, bis sich ein paar Tropfen lösten, und entschied, dass sich das nicht lohnt. Rosenthal kroch unter einen Felsen, da saß er im Schatten.
Er dachte an den Tod, an die Möglichkeit, dass er sterben könnte, aber das erschien ihm unwahrscheinlich. Sie würden ihn finden, glaubte er.
Er stülpte den Wassersack von innen nach außen und leckte am Plastik. Er dachte an seine Frau Nicole, daran, wie gut sie zu ihm war. Es wurde Nacht, Rosenthal leuchtete SOS mit seiner Taschenlampe. Am nächsten Morgen war sein Mund eine Staubgrube. Er schob sich eine Dattel zwischen die Zähne, sie blieb am Gaumen kleben, er konnte sie nicht schlucken.
Am vierten Tag begann Ed Rosenthal zu schreiben. Er hatte seinen Stift aus dem Rucksack geholt und schrieb auf den Schirm seiner Mütze. Er schrieb, wer seinen Sarg tragen soll, er schrieb, dass sie einen persischen Leichenschmaus abhalten sollen, mit gegrillten Tomaten und Fisch, dass sie saufen und kiffen sollen, ihm zu Ehren. Er schrieb, dass seine Frau Nicole auf die Reise nach Neuengland gehen soll, die sie gemeinsam geplant hatten. Er schrieb, dass sie glücklich sein soll.
Am fünften Tag hatte Rosenthal einen Traum, er stand in einem weißen Tunnel. Am Ende des Tunnels wartete ein Rabbi aus Downtown Los Angeles und fragte, ob er bereit sei. Nein, sagte Ed Rosenthal. Er wollte noch etwas schreiben.
Wenn er gekonnt hätte, hätte er geweint. Rosenthal war nie ein besonders gläubiger Jude gewesen, aber nun betete er. Und es regnete. Vielleicht war es ein Wunder, vielleicht eine Sinnestäuschung, Rosenthal spürte Tropfen, die vom Himmel fielen. Er krabbelte unter seinem Felsen hervor, legte sich auf den Rücken und sperrte den Mund auf.
Am sechsten Tag war der Regen versiegt. Rosenthal dachte an den Tod, an die Möglichkeit, dass er sterben könnte, und es erschien ihm wahrscheinlich. Er war zu schwach zum Sitzen, er nahm die Pfeife aus seinem Rucksack, weil er ein letztes Signal geben wollte, aber er war zu schwach, um darauf zu blasen. Seine rechte Hand hielt den Stift. Er dachte, dass er so sterben könnte, aber er wollte diesen Satz schreiben, und so entschied er sich, noch ein wenig zu leben.
Ed Rosenthal zog die Mütze aus seinem Rucksack und schrieb. Nicole, ich liebe dich. Er schloss die Augen und wartete. Irgendwann hörte er den Helikopter. Er hatte die Antwort für seinen Vater gefunden.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 46/2010
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