15.11.2010

JUSTIZMike und die Hurensöhne

Das Öl scheint verschwunden im Golf von Mexiko, nun streiten die Anwälte darum, wie viele Milliarden Dollar BP an die Opfer der Umweltkatastrophe zahlen soll. Der gefährlichste ist Mike Papantonio, mit Prozessen gegen Großunternehmen hat er Millionen verdient. Von Thomas Hüetlin
Mike Papantonio liegt auf dem Deck seiner Yacht. Das Wasser schimmert grünblau, der Sand am Ufer sieht aus wie frisch geduscht, nichts verrät mehr, dass BP hier noch vor ein paar Wochen die größte Umweltkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten bekämpfte.
"Das ist alles Kosmetik fürs Auge", sagt Papantonio. Papantonio hat den dunklen Teint seiner italienischen Vorfahren, der Scheitel kann die Struppigkeit seines Haars nur schwer zähmen. BP habe von Anfang an vor allem jene Bilder vermeiden wollen, die die Welt nach der "Exxon Valdez"-Katastrophe geschockt hatten. Ölverklebte Vögel, Berge toter Fische, schwarze Strände.
"Sie haben den Ölteppich mit Lösungsmitteln aufgebrochen und versenkt", sagt Papantonio. "Der Dreck wird jetzt in kleinen Teilen an Land gespült und gelangt über Meerestiere in die Nahrungskette. Wir erleben das große Experiment vom Golf von Mexiko."
Eine Woche vorher, als im Gericht von New Orleans die Sitzung zur Sache MDL-2179 auf der Tagesordnung steht, ist der Saal C 501 schon eine Stunde vor Beginn überfüllt.
Viele stehen, als Richter Carl Barbier verkündet, dass die Verhandlung in zwei weitere Säle übertragen wird.
Niemand rührt sich. Niemand will diesen Raum, groß wie eine Basketballhalle, verlassen, in dem einer der kostspieligsten Schadensersatzprozesse in der Geschichte der Vereinigten Staaten entschieden wird. Es geht um die Klagen gegen BP.
Mike Papantonio hat einen guten Platz. Er sitzt in der ersten Reihe, Mitte. Die mehr als 300 Kollegen halten Distanz, aus Respekt, aus Furcht, aus Verachtung. Papantonio gilt als einer der erfolgreichsten Schadensersatzanwälte des Landes.
Wo andere den Vergleich suchen, sucht Papantonio die Entscheidung.
Ihm geht es darum, das Maximale herauszuholen, immer. Wenn er den Gegner ins Kreuzverhör nimmt, werden seine grünen Augen hart wie bei einem Football-Spieler, der auf einen Haufen schwerer Jungs zurast. Er kämpft stets für die größtmögliche Entschädigung, und wenn es irgendwie geht, für jene juristische Höchststrafe, die in den USA "Strafschadensersatz" heißt.
Strafschadensersatz gibt es, wenn bewiesen werden kann, dass sich eine Firma mit Vorsatz betrügerisch oder rücksichtslos verhalten hat. So wie der Chemiekonzern DuPont in Spelter, West Virginia, der jahrelang Abfälle aus der Zinkverarbeitung auf eine 45 Hektar große Fläche kippte und dabei in Kauf nahm, dass Arsen, Cadmium und Blei Anwohner und Umwelt vergifteten.
Das Gericht verurteilte DuPont in erster Instanz zu fast 400 Millionen Dollar Schadensersatz, 196,2 Millionen Dollar davon waren Strafschadensersatz wegen "mutwilligen, rücksichtslosen, bewussten Verhaltens". Der Mann, der den Industriegiganten bezwang, hieß Papantonio.
Papantonio lächelt jetzt, aber er ist geladen, und seine Laune wird schlecht. Ihm gehen hier im Saal eine Menge Anwälte auf die Nerven, er nennt sie nur "Hurensöhne".
Die "schlimmsten Hurensöhne", sagt er, seien ohne Zweifel die Anwälte von BP, Halliburton und Transocean, "fette, alte, kahle, weiße Männer, die hier rumsitzen, nichts tun und 700 Dollar pro Stunde kassieren".
Papantonio wirkt erleichtert, als Richter Barbier sich aus seinem hohen, mit weißem Leder bezogenen Sessel nach vorn beugt, um in einem kleinen Kalender zu blättern. Barbier setzt den Beginn des eigentlichen Prozesses für Oktober oder November 2011 fest.
Mehr als ein Jahr bleibt nun den Anwälten der Zehntausenden Geschädigten, der Ölarbeiter, der Krabbenfischer, der Hoteliers, der Restaurantbetreiber, der Bootsverleiher und Pizzaboten, ihre Klagen zu organisieren.
Mehr als ein Jahr bleibt BP, sie zu befrieden. Einen Fonds von 20 Milliarden Dollar stellt der Konzern bereit. Sollte dies nicht reichen, dürfte BP den Fonds erhöhen. Denn einmal vor Gericht, wird die Sache erheblich teurer. Experten rechnen mit einer Schadensersatzsumme von 60 Milliarden Dollar oder mehr.
Zwar ist die große Katastrophe mit schwarzen Stränden und Hunderttausenden qualvoll verendenden Tieren am Golf von Mexiko nicht eingetreten, aber Umweltschützer sagen, BP habe das Öl nur mit hochgiftigen Lösungsmitteln auf den Meeresboden versenkt.
BP behauptet, 75 Prozent des Öls sei verdunstet, verbrannt, abgeschöpft, von Chemikalien zersetzt. Umweltschützer halten dagegen, 75 Prozent des Öls seien noch da und gefährlicher als vorher. "Öl ist giftig, das Reinigungsmittel Corexit ist giftig", sagt der Meeresbiologe Rick Steiner, ein ehemaliger Professor der University of Alaska. "Kombiniert potenzieren beide Stoffe ihre Giftigkeit. Die Menschen am Golf von Mexiko werden die nächsten 20 Jahre mit den Folgen dieses Desasters zu tun haben."
Für BP geht es in diesem Konflikt um die Existenz. Und Anwälte wie Papantonio sind entschlossen, den Konzern mit allen Mitteln des Gesetzes anzugreifen.
"Ich habe nichts dagegen, wenn BP das nicht überlebt", sagt Papantonio, der jetzt im hohen Gang des Gerichts von New Orleans steht.
"Indem wir BP bestrafen, säubern wir das System. Der Kapitalismus kann sich eine Firma wie BP nicht leisten."
So wie Papantonio die Sache sieht, hat BP systematisch Pfusch in Kauf genommen, um den Profit in die Höhe zu treiben.
Das Team, das von der "Deepwater Horizon" in 1500 Meter Tiefe nach Öl bohrte, habe immer wieder über Probleme geklagt. Ein Mitarbeiter nannte das Macondo-Ölfeld "verrückt", ein anderer beschrieb es als "Alptraumquelle".
Trotz der Warnungen hätten Manager aufs Tempo gedrückt. Das Team lag 43 Tage zurück, hatte bereits 21 Millionen Dollar Mehrkosten verursacht. Es sollte endlich fertig werden.
Deshalb sei der zusätzlich isolierende Bohrschlamm über dem einzementierten Loch zügig gegen Meerwasser ausgetauscht worden.
Deshalb habe sich niemand um die Wartung des Blowout Preventer gekümmert, eine Art Sicherheitsventil am Meeresboden.
"Verrückt", sagt Papantonio - er spuckt seine Worte jetzt verächtlich aus -, seien auch die Praktiken, mit denen die Ölindustrie ausgerechnet die Mitarbeiter der Behörde gefügig gestimmt hätte, die eigentlich dafür zuständig gewesen seien, auf die Einhaltung der Sicherheitsstandards zu achten.
Ölmanager spendierten Jagdausflüge, luden ein zu Football-Spielen und in die Skiferien, bezahlten Drogen- und Sexpartys. Der Einfachheit halber durften Industrievertreter manchmal die Prüfberichte erst einmal selbst mit Bleistift ausfüllen, bevor die Inspektoren das Ganze dann mit Kugelschreiber nachmalten.
Als ein Experte der US-Küstenwache in einem Hearing den leitenden Beamten des Minerals Management Service (MMS) Michael Saucier vernahm, stellte er die Frage, wer den Blowout Preventer auf der "Deepwater Horizon" überprüft habe.
Die Antwort war kurz und hilflos. Nun, sagte Saucier, bei der MMS eigentlich keiner.
"BP und die MMS waren jahrzehntelang im Bett miteinander", behauptet Papantonio. Er tänzelt jetzt ein wenig, es sieht so aus, als würden ihm diese ganzen Geschichten gute Laune bereiten. "Das schnelle Geld war BP wichtiger als das Leben seiner Arbeiter. BP hat rücksichtslos deren Tod und eine Umweltkatastrophe in Kauf genommen."
Wenn amerikanische Gerichte BP wegen "grober Fahrlässigkeit" verurteilen, muss der Konzern noch einmal mit 20 Milliarden Dollar zusätzlicher Strafe rechnen. Vor allem aber ist die Tür dann weit offen zu einer Verurteilung zu Strafschadensersatz.
Sein Gegenspieler sitzt in der Zentrale von BP, in Number one St. James Square, London. Schon in der hellen, weißen Lobby verkündet jetzt ein Plakat in großen Buchstaben "Responsibility" - Verantwortung. Und Verantwortung ist auch der zentrale Begriff, den Peter Mather, Vizepräsident des Konzerns in Europa, in diesen Tagen oft gebraucht.
"Wir handeln verantwortlich", sagt Mather. "Wir laufen nicht weg, wir verstecken uns nicht. Wir werden den Schaden wiedergutmachen. Wir werden die legitimen Schäden bezahlen, und bei Forderungen, die wir für illegitim halten, werden wir uns verteidigen."
Ein Teil dieser Verteidigungsstrategie besteht in einem 192-seitigen Report, in dem BPs Verantwortlichkeit relativiert wird. "Viele Beteiligte, viele Ursachen", fasst Mather in vier Worten zusammen. Eines jedenfalls stehe fest: "Wir glauben nicht, dass Zeit oder Kostendruck bei ,Deepwater Horizon' eine Rolle gespielt haben."
Mather hat gelernt, in einer unterkühlten, höflichen Form zu sprechen. Er ist ein Produkt der englischen Eliteerziehung. Privatschule, Oxford-Absolvent, seit 28 Jahren bei BP. Wenn man ihn fragt, ob sein Konzern "grob fahrlässig" gehandelt habe, ändert sich die Klangfarbe. Seine Stimme wird metallisch.
"Die Hürde vor einer Verurteilung wegen ,grober Fahrlässigkeit' ist sehr, sehr hoch. Unser Report kommt zu dem Ergebnis, dass es ein Unfall war. Ein Unfall, ähnlich einem Flugzeugabsturz."
Mather drückt sich in ein braunes Bauhaus-Sofa zurück. "Wir werden die Anschuldigungen wegen ,grober Fahrlässigkeit' bekämpfen, solange es nötig ist", sagt er. "Selbst wenn es 20 Jahre dauert."
20 Jahre.
Die Frage ist, ob Mike Papantonio so viel Geduld hat. So viel Energie, so viel Geld. Er kenne, sagt Papantonio, die Drohungen mächtiger Gegner. Sie würden immer ähnlich klingen.
Der Anwalt verlässt das Gericht in New Orleans, steigt auf die Rückbank eines schwarzen Geländewagens. Er soll ihn zum Flughafen bringen. Durch die getönten Scheiben sieht man eine Stadt, die fünf Jahre nach dem Hurrikan "Katrina" in Teilen noch immer wirkt wie ein Katastrophengebiet.
Schwarze Menschen stehen müde am Straßenrand, Häuser sind ausgebrannt, es fehlen Dächer, Fensterscheiben. Viele Bewohner, die damals aus New Orleans flohen, sind nie zurückgekehrt. Sie hatten keine Versicherung und kein Geld für die Renovierung.
"Das zählt auch zur schönen Hinterlassenschaft von George W. Bush", sagt Papantonio. "Die Konsequenz seiner Auffassung, dass die meisten staatlichen Eingriffe bloß stören."
Papantonio griff ein. Seine Kanzlei klagte gegen die US-Regierung. Seine Anwälte konnten beweisen, dass die miserable Wartung eines Kanals das Wasser sintflutartig in die Stadt geschwemmt hatte.
Anwälte wie Papantonio sind im unterentwickelten Sozialsystem der USA oft die einzige Hoffnung der kleinen Leute. Sie sind die Anlaufstelle, wenn Pflegeheime verdreckt sind, wenn Versicherungsgesellschaften zahlen müssten, aber nicht wollen, wenn Pharmakonzerne giftige Medikamente verkaufen, wenn Ärzte den falschen Arm amputiert haben.
Die untere Liga dieser Juristen wird oft als "Ambulance Chaser", als "Krankenwagenjäger" verhöhnt, weil sie sich gern in Notaufnahmen herumdrücken, auf der Suche nach einem lohnenden Fall.
Papantonio spielt in der höchsten Liga. Er legt sich vorzugsweise mit Großunternehmen oder dem Staat an. Bei den Konservativen Amerikas, den Republikanern, den religiösen Sektierern, den meisten Vorständen der Konzerne, sind alle Schadensersatzanwälte verhasst. Ein politischer Feind, der bekämpft werden muss wie die Homo-Ehe, staatliche Sozialleistungen, Einwanderer aus Mittelamerika und Menschen, die etwas gegen Schusswaffen und die Todesstrafe haben.
Der Fahrer von Papantonios schwarzem Geländewagen hält jetzt vor einem weißgetünchten Gebäude im Kolonialstil. Es sieht verlassen aus wie ein Gebäude aus einem Horrorfilm. Dahinter liegt ein Rollfeld. Es ist spät. Alle Flugzeuge sind schon weg. Nur der Jet von Papantonio, ein Mitsubishi Diamond, steht noch da.
Drinnen ziehen seine drei Begleiter ihre Jacketts aus und lassen sich auf die cremefarbenen Ledersitze fallen. Papantonio wühlt weiter hinten im Flugzeug in einer blauen Kühlbox, dann verteilt er eine Runde Corona-Bier.
"Diese Hurensöhne von BP", sagt Papantonio, "versuchen so zu tun, als würden sie den Geschädigten entgegenkommen. Dabei spielen sie vor allem auf Zeit."
Papantonios Klienten sind Hunderte von Geschädigten aus Florida. Menschen, die von weißen Sandstränden leben und die nach einem Sommer voller Teer und ohne Gäste um ihre Existenz kämpfen. Einer der BP-Geschädigten ist Will Eberlin.
Eberlin hat letztes Jahr eine Surfer-Kneipe am Strand von Pensacola eröffnet. Es war sein Lebenstraum, seit er vor 28 Jahren anfing als Tellerwäscher in Chicago. Endlich der eigene Laden. Endlich Strand. Endlich Florida. Es lief gut bis zu jenem 20. April 2010. Danach kamen keine Gäste mehr, nur noch Rechnungen für die Pacht.
Nach langem Kampf schickte ihm BP zwei Schecks. Einer über 24 000 Dollar, der andere über 32 000 Dollar. Bald darauf rief seine Bank an, meldete, die Schecks seien geplatzt. Es folgten Tage in der Warteschleife der Schadensersatzzentrale von BP. Niemand wusste Bescheid. Bis auf eine Lady, die ihm kühl erklärte, dass er überbezahlt worden sei. Schließlich, Monate später, kam ein neuer Scheck, einer, der, so Eberlin, seine Verluste nicht annähernd deckt.
Eberlin hat eine Frau, vier Kinder, es sieht nicht gut aus. "Mein Plan B", sagt Eberlin, "heißt Mike Papantonio."
Unter dem Anwaltsjet zieht in grau-grünen Farben das Delta des Mississippi vorbei. Die Assistenten lockern die Krawatten. Es war ein langer Tag, aber Papantonio fährt wieder hoch.
"BP hat betrügerische und kriminelle Züge", behauptet Papantonio, "und das werden wir beweisen."
Nur weil die Verantwortlichen Anzüge von Armani trügen, Uhren von Rolex und mit einem britischen Akzent sprächen, heiße das nicht, dass sie keine Kriminellen seien. Im Gegenteil.
Wer die Bilanz des Unternehmens in den USA in den letzten fünf Jahren betrachte, müsse zwangsläufig den Eindruck bekommen, es mit Soziopathen zu tun zu haben: 26 Tote und 170 Verletzte habe BP auf dem Gewissen. Die Explosion einer Raffinerie in Texas City, ein Pipeline-Leck in Alaska, jetzt "Deepwater Horizon".
Papantonio redet sich in Rage, als stünde er bereits im Gerichtssaal, als wäre es nicht der Herbst 2010 irgendwo im Himmel über Alabama, sondern der Herbst 2011 vor dem dunklen Holzpult von Richter Carl Barbier.
"Die bereits bekannten Tatsachen sind nur der Anfang", sagt Papantonio, es gebe mehr Schmutz, und er habe seine 15 besten Rechercheure darauf angesetzt.
In London gelten Männer wie Papantonio als Freaks, als Scharlatane der amerikanischen Justiz, einerseits. Andererseits ist bekannt, was sie anrichten können. Sie sind Gegner mit enormer Kraft. Deshalb gibt es jetzt in London nach "Verantwortlichkeit" ein neues großes Wort. Es heißt "Sicherheit".
"Das Unglück von Texas City hat die Art, wie BP über Sicherheit dachte, radikal verändert", sagt Vizepräsident Mather. "2009 war ein rekordverdächtiges Jahr, was unsere Sicherheitsbilanz angeht: weniger Verletzungen, weniger Lecks. Und dann gab es 2010 diesen tragischen Unfall mit komplex-vielfältigen Ursachen - die große Ausnahme in einem stark gegenläufigen Trend bei BP."
Vizepräsident Mather schiebt seinen Kopf nach vorn. Jetzt, da der Druck der Öffentlichkeit nachlässt, in den Quartalsergebnissen wieder schwarze Zahlen sichtbar werden, scheint es für ihn an der Zeit, die Säuberungsaktion vom Golf als Erfolgsgeschichte zu verkaufen.
"45 000 Helfer, 7000 Boote, 120 Flugzeuge, die Lösungsmittel versprühten, 3000 Meilen an Plastikbarrikaden, wir sind ziemlich stolz auf die Art, wie wir reagiert haben", sagt Mather.
"Unsinn", sagt Papantonio in seinem Flugzeug. "Sie haben gelogen, gelogen, und sie lügen immer noch. Das gehört zu ihrem Job."
Woher dieser Zorn? Woher diese Lust am Kampf gegen scheinbar übermächtige Gegner?
Papantonio ist 57 Jahre alt, seine Kanzlei bekommt im Erfolgsfall oft bis zu einem Drittel der Schadensersatzsumme, er ist ein sehr reicher Mann. Er besitzt längst alles, was Hollywood und die Hochglanzzeitschriften als Abbild des amerikanischen Traums liefern. Aber er macht immer weiter. Am nächsten Morgen um halb neun lärmt Papantonio wieder durch sein Büro.
Es ist ein Raum von der barocken Pracht der Südstaaten. Der blankpolierte Helm eines römischen Streitwagenlenkers vor dem getönten Fenster, die Skulptur eines nackten spartanischen Kriegers, der mit gezücktem Schwert auf den Besucher losrennt.
In den großen Tageszeitungen gibt es an diesem Morgen ganzseitige Anzeigen von BP. Die Überschrift lautet: "Making this right". BP verspricht, die Gemeinden am Golf, deren Wirtschaft, deren Umwelt zu reparieren. Als Kronzeugin ist eine schwarze Frau abgebildet.
Papantonios Rechte klascht auf einen Tisch mit goldenen Kordeln. "Sie sind sich für nichts zu schade. Jetzt spannen sie auch noch Afroamerikaner vor ihre Karren. Menschen, die sie sonst nicht einmal durch die Hintertür in ihren exklusiven, weißen Countryclub lassen würden." BP wolle die Leute beruhigen, um nicht so schnell zahlen zu müssen. Und am Ende so wenig wie möglich.
"Verteile deine Verluste über eine möglichst lange Zeit", sagt Papantonio. "Regel Nummer drei aus dem Handbuch der profitgierigen Konzerne."
Reden ist Papantonios Medium, aber wenn man ihn fragt, wie er aufgewachsen ist, wird er merkwürdig still. Er zieht sich zurück, sagt nur, sie seien eine dysfunktionale Familie gewesen, aber er sei nicht wütend, seine Mutter habe es nicht besser gekonnt. Er halte sich nicht mit der Vergangenheit auf, er brauche seine Kraft für die Zukunft.
Was ist die früheste Erinnerung an seine Kindheit?
Er, der Meister der Worte, kramt nach Worten.
"Ich war ungefähr sechs", sagt Papantonio, "als mein Bruder und ich versuchten, Jack auf einen Stuhl zu fesseln."
Wer war Jack?
"Ein traumatisierter Veteran aus dem Korea-Krieg, mit dem sich meine Mutter einließ." Jack habe die Familie terrorisiert. Natürlich sei die Sache mit den Fesseln schiefgegangen. Zusammen mit dem Bruder war er zwei Wochen auf der Flucht, irgendwo in Florida. Die Heimkehr war eine Katastrophe.
Es folgte mehr Chaos. Neue Väter, neue Häuser, bis Papantonio mit neun Jahren vor einem Feuer in einem Hinterhof stand.
Jemand schmiss eine Gaskartusche in die Flammen, das Ding explodierte, Papantonio lag am Boden, Nachbarn kamen aus ihren Häusern gestürmt, dachten, er sei tot.
Im Krankenhaus stellten sie fest, dass er lebensgefährlich verbrannt war. Es war ein einfaches Spital für die Armen, finanziert von der Wohlfahrt, viele krebskranke Kinder. Die Ärzte entfernten eine Menge Metallsplitter aus seinem Körper, es dauerte zwei Jahre. "Es ging mir nicht besonders", sagt Papantonio, "aber andere Kinder starben."
Die Besuche seiner Mutter konnte er an zwei Händen abzählen, aber die schwarzen Krankenschwestern kamen oft auch in ihrer freien Zeit, setzten sich zu ihm. Sie versuchten, ihn aufzuheitern, nur einmal weinte eine.
Es war der Tag, an dem John F. Kennedy erschossen wurde. Die Schwester schluchzte: "Warum tun sie das? Warum bringen sie unsere Leute um?"
Sie.
Unsere Leute.
Als er entlassen wurde, war seine Mutter verschwunden. Er musste das Gehen wieder lernen, wuchs nacheinander bei sechs Pflegefamilien auf. Weil diese wenig Geld hatten, begann Papantonio, Bücher zu verkaufen, von Tür zu Tür. Die Kunden mochten ihn.
Von seinem Verdienst bezahlte er das College, schließlich die Law School.
Dort lernte er Studenten kennen, die Tennis spielten und Polo, das Countryclub-Set. Leute, die herumliefen mit dem Anspruch, dass die Privilegien, die ihnen ihre Eltern verschafft hatten, für immer ihr Eigentum bleiben sollten. Leute, die Angst hatten vor Neuem, vor Veränderung. Leute, die für die Mächtigen arbeiten wollten.
"An einem guten Tag", sagt Papantonio, "würden sie später im Namen des Big Business auf jemandem herumtrampeln, der es gewagt hatte, das Big Business herauszufordern. Vorzugsweise kleinen Leuten. Den Leuten, die mich gerettet hatten."
Es ist das Wochenende nach dem Hearing in New Orleans, der Anwalt liegt auf dem Deck seiner Yacht. Nach ein paar Meilen taucht ein Strand auf, auf dem rote Traktoren fahren, gesteuert von Menschen in grünen Hemden, BP beim Aufräumen. Als Papantonios Yacht näher kommt, werden die Arbeiten unterbrochen. Auf Rufe reagieren die Arbeiter in den grünen Hemden nicht. Man mag keine Öffentlichkeit.
Papantonio genießt die Situation. Die Unbeholfenheit der anderen Seite. Das schlechte Gewissen. Das konspirative Getue von ein paar Menschen, die eigentlich nur einen Strand aufräumen.
"Aber sie räumen ihn nicht auf. Sie pflügen den Müll nur unter den Sand. Beim nächsten Hurrikan kommt der Schmutz wieder raus", sagt Papantonio.
Er redet sich wieder in Rage, er braucht die großen Gegner. Gegner wie die Asbestindustrie in den achtziger Jahren, die Tabakindustrie in den Neunzigern, die großen Pharmafirmen, DuPont. Er weiß, die großen Gegner machen ihn stärker, berühmter und reicher.
Eine feine Brise zieht über Deck. 26 Grad, Idealtemperatur. Er denkt ans Gewinnen.
Wenn ihn einer von denen dann Hurensohn nennt, geschenkt.
Es ist das ehrlichste Lob in einer Branche, in der es nur Sieger und Besiegte gibt und dazwischen ein Meer mit unsichtbarem Dreck. ◆
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 46/2010
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Mike und die Hurensöhne