15.11.2010

RUSSLAND„Sagenhafte Gewinne“

Moskau ist eine Zentrale des grauen Waffenmarktes, hier operieren zwielichtige Millionäre aus zahlreichen Ländern. Der Militärgeheimdienst GRU hilft ihnen bei ihren Geschäften.
Eigentlich herrschte beste Stimmung, als die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton und ihr russischer Kollege Sergej Lawrow jüngst in Hanoi aufeinandertrafen. Beide beglückwünschten sich zum gemeinsamen Erfolg beim Kampf gegen afghanische Drogenkartelle. Einzig ein prominenter Gefangener störte die Harmonie. Es ging um Wiktor But, den in Bangkok inhaftierten Waffenhändler.
Behutsam nahm der Russe Frau Clinton zur Seite, um dann deutlich zu werden: "Amerika muss endlich aufhören, die thailändischen Behörden unter Druck zu setzen." Verbissen ringen Moskau und Washington um den seit März 2008 inhaftierten But. Thailands Premierminister erklärte bereits entnervt: "Amerika und Russland sollen das endlich untereinander klären."
Russland will Buts Auslieferung mit allen Mitteln verhindern, aus einem einleuchtenden Grund: Er verfügt über ausgezeichnete Verbindungen zu Moskauer Rüstungs- und Geheimdienstkreisen. Nach Recherchen der Vereinten Nationen soll But insbesondere in Afrika Waffen im Millionenwert verschoben und damit Embargobestimmungen unterlaufen haben. Müsste er vor amerikanischen Gerichten aussagen, hätte der Kreml einiges an Enthüllungen zu befürchten.
Recherchen des SPIEGEL in der russischen Hauptstadt, einem Dorado für weltweit operierende Waffenhändler, belegen deren enge Verbindung zum russischen Militärgeheimdienst GRU.
Ein Insider berichtet, dass "so gut wie alle in Moskau tätigen Waffenhändler von unseren Geheimdiensten beobachtet und oft auch gelenkt werden". Ein anderer Branchenkenner schilderte das konspirative Geschäftsmodell so: "Verdeckte Waffenverkäufe laufen über Firmen, die aus dem Dienst ausgeschiedene GRU-Offiziere gegründet haben." Diese Deals würden von aktiven GRU-Kadern betreut. Den Profit teile man sich - die Dienste streichen davon rund 30 Prozent ein.
Die Geschäfte haben ein solches Ausmaß angenommen, dass sogar Moskaus Auslandsgeheimdienst SWR vor dem Imageschaden wegen des "grauen Waffenmarktes" in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion warnt. Zunehmend machten "sich im weltweiten Handel mit Kriegsgerät Ex-Mitarbeiter der Geheimdienste aus Russland und der Ukraine bemerkbar", heißt es in einem vertraulichen Dokument.
In Moskau tummeln sich neben einem Dutzend Waffenbarone russischer Provenienz auch Verkäufer aus Israel und Pakistan. Händler, die zuvor in Tschechien, Polen oder Bulgarien operierten, sind nach
der Nato-Erweiterung gen Osten gezogen. So soll ein in Moskau lebender und als Stoffhändler getarnter Pakistaner den Verkauf von Hubschraubern und Cruise Missiles vom Typ X-55 nach Pakistan eingefädelt haben.
Der Multimillionär Arkadij Gaidamak schließlich, ein russisch-israelischer Unternehmer, lässt sogar die Geschäfte Buts vergleichsweise bescheiden aussehen. But habe sein Vermögen mit "Deals in Höhe von 10 bis 30 Millionen Dollar gemacht, mit dem Verkauf großer Mengen von Gewehren, Munition, leichter Artillerie und Hubschraubern - aber das meiste war gebrauchte Technik", sagt ein Moskauer Branchenkenner. Bei Leuten wie Gaidamak hingegen gehe es um "Summen zwischen 100 Millionen und einer Milliarde Dollar und den Verkauf hochwertiger Waffensysteme an Regierungen".
In den neunziger Jahren hatte Gaidamak in Weißrussland und der Ukraine Waffen für Angola gekauft. Für Moskau unterzeichnete ein Ex-Offizier die Verträge, der zu Sowjetzeiten als Militärberater in Angola diente und dabei auch den heutigen Präsidenten, José Eduardo dos Santos, kennenlernte. Noch heute schwärmt der Mann von Gaidamak, "mit dem alle gern Geschäfte machten, weil er stets im Voraus zahlte".
In einem als "Angola-Gate" bekannt gewordenen Verfahren verurteilte ein französisches Gericht Gaidamak im Oktober 2009 in Abwesenheit zu sechs Jahren Haft. Die Franzosen sahen es als erwiesen an, dass der Russe illegal Waffen im Wert von 790 Millionen Dollar in das afrikanische Bürgerkriegsland geschafft hatte.
Selbst ein internationaler Haftbefehl hatte Gaidamak nicht daran gehindert, 2008 in Jerusalem für das Bürgermeisteramt zu kandidieren, allerdings ohne Erfolg. Inzwischen lebt er in Moskau und schreibt Bücher über seine Sammlung exklusiver Möbel. In der russischen Hauptstadt darf sich der Ex-Besitzer der Wochenzeitung "Moskauer Nachrichten" sicher fühlen. Denn hier sitzen seine Hintermänner, hier fungiert er als Berater der angolanischen Botschaft und ist beim russischen Außenministerium akkreditiert.
Halb schaudernd, halb bewundernd meldete die Moskauer Zeitung "Argumente der Woche", der rund fünf Milliarden Dollar schwere globale Markt für illegale Waffenlieferungen werde "von unseren Leuten beherrscht".
Bis heute halten sich Spekulationen, wonach an Bord des im Sommer 2009 unter mysteriösen Umständen in der Ostsee entführten Frachters "Arctic Sea" Waffensysteme für Iran oder die palästinensische Hamas gewesen sein könnten - und nicht etwa nur eine Ladung Holz, wie von Moskau behauptet. Die Hijacker waren mutmaßliche Kriminelle aus Osteuropa; der Kreml schickte vier Schiffe seiner Kriegsmarine los, um den Frachter vor den Kapverden aufzubringen.
Im Oktober entdeckten Inspekteure des Uno-Sicherheitsrates auf einem Flughafen in der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur vier Su-25-Bomber. Sie sind Teil einer Lieferung von 15 Kampfjets, die in Russland gefertigt, dann aber von Weißrussland in den Sudan verkauft wurden. Amnesty International klagt Moskau an, mit dem Verkauf von Kriegsgerät wie Mi-24-Hubschraubern an den Sudan gegen ein Uno-Embargo von 2005 zu verstoßen. Russland weist die Anschuldigungen zurück. Auch die Regierung Weißrusslands redet sich heraus: Sudan habe zugesichert, die SU-25-Jets nicht in der Krisenregion einzusetzen.
Rebellen in Darfur allerdings berichten, dass ihre Stellungen erst Anfang Oktober wieder von Kampfflugzeugen der Zentralregierung bombardiert worden seien. Recherchen des SPIEGEL ergaben, dass Ersatzteile für die Su-25-Flieger aus Russland über Weißrussland nach Afrika gebracht und Übersetzer für die Ausbil-dung sudanesischer Piloten bereitgestellt werden.
Bereits zu Sowjetzeiten war die GRU für die Abwicklung von Waffenlieferungen an Rebellengruppen in Afrika, Asien und Lateinamerika zuständig, für Länder also, in denen der Kreml einen kommunistischen Umsturz anstrebte. Auch nach dem Zerfall der UdSSR blieben die Netzwerke intakt. Offizielle Waffenverkäufe wickelte Moskau in den neunziger Jahren über eine staatliche Exportagentur ab. Lieferungen an die Palästinenser aber wurden über graue Kanäle realisiert, um die Beziehungen zu Israel nicht zu gefährden.
Auch Wiktor But hat sein Netzwerk während seiner Jahre im Süden Afrikas aufgebaut. In Angola und Mosambik waren Militärberater des Kreml von 1975 bis Anfang der neunziger Jahre an der Seite kommunistischer Bewegungen eingesetzt. But war einer von mehreren hundert Dolmetschern, die den Militärberatern zur Seite standen. Besonders die Übersetzer waren in einer idealen Position, um ihren Sold durch Schwarzmarktgeschäfte aufzubessern. Sie schmuggelten Armbanduhren und Fernseher von Russland in den Süden Afrikas, kauften sich Piloten, die mal hundert Kisten Heineken über den Dschungel von A nach B flogen, mal zwei Tonnen frischen Fisch. "Candonga" nannten die Russen das System, nach dem portugiesischen Wort für Schwarzhandel.
Die Gewinne seien "sagenhaft" gewesen, erzählt einer, der damals dabei war. "Vor allem aber lernten wir die entscheidenden schwarzen Politiker, Militärs und Strippenzieher kennen", so der ehemalige Militärübersetzer. "Wir haben mit ihnen zusammen Wodka gesoffen und Nutten gehabt. Das verbindet." But allerdings habe sich immer zurückgehalten, jedoch genügend Leute kennengelernt, die ihm später von Nutzen waren.
In seinem Bangkoker Gefängnis beschwerte sich But gegenüber dem SPIEGEL jüngst über die Haftbedingungen: "Ich trage schwere Eisenringe und Ketten an den Füßen. Man behandelt mich nur wenig besser als ein Tier."
Das offizielle Moskau gibt sich optimistisch, seine Freilassung zu erreichen. Schon am 20. November könnte es so weit sein. Dann läuft die Frist für Buts Auslieferung nach Amerika ab.
(*) Mit Verteidigungsminister Sergej Iwanow und dem damaligen GRU-Chef Walentin Korabelnikow.
Von Benjamin Bidder, Matthias Schepp und Thilo Thielke

DER SPIEGEL 46/2010
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