15.11.2010

TERRORPräsident mit Pistole

In Wien wird der Prozess wegen des Mordes an einem Exil-Tschetschenen eröffnet. Spuren der Drahtzieher führen auch nach Deutschland.
Ein dunkler Holztisch, an der Wand Ölgemälde, in einem Samowar wird heißes Wasser bereitet. Männer mit ernsten Mienen kommen, sie umarmen sich, trinken Tee. So sitzen sie in der Wohnung des Übersetzers Ekkehard Maaß in Berlin.
Maaß, 51, war Dissident zu DDR-Zeiten, heute ist seine Deutsch-Kaukasische Gesellschaft eine Anlaufstelle für Exil-Tschetschenen, für Menschen, die vor der Gewalt im Kaukasus in den Westen geflohen sind.
Wenn sie sich in diesen Tagen zum Tee treffen, fallen immer wieder zwei Namen: Ramsan Kadyrow und Umar Israilow. Am 13. Januar 2009 war der Exil-Tschetschene Israilow in Wien ermordet worden, und den Auftrag dafür soll Kadyrow, 34, gegeben haben, der gefürchtete Herrscher Tschetscheniens, ein Mann, der sich mit Tiger oder vergoldeter Pistole fotografieren lässt. An einen Auftragsmord glauben nicht nur die Exilanten, sondern auch die Ermittler in Österreich. Israilow hatte Kadyrow Folter vorgeworfen und gegen ihn Anzeige vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erstattet.
Ab Dienstag steht das mutmaßliche Killerkommando in Wien vor Gericht. Dem spektakulären Mord dürfte ein ebenso spektakuläres Verfahren folgen. Im Prozess geht es jetzt um die genauen Tatumstände - und um einen "militärischen Nachrichtendienst", den Kadyrow nach Erkenntnissen von Wiener Terrorismus-experten in Europa aufbaute. Gegen Kadyrow wird deshalb ermittelt - Anklage ist aber bislang nicht erhoben worden. Er selbst bestreitet jede Verwicklung in den Mordfall.
Für die Aktivitäten des Präsidenten interessieren sich auch deutsche Ermittler. Seine Agenten waren auch hierzulande unterwegs. Etwa 6000 Tschetschenen leben in Deutschland, 500 von ihnen werden einem extremistischen Umfeld zugerechnet. Für die Sicherheitsbehörden ist deren Szene schwer zu durchschauen. Die Trennung zwischen Freiheitskämpfern, Terroristen und gewöhnlichen Kriminellen ist kompliziert. Zudem verdanken einige von ihnen ihren Asylstatus der Kooperation mit den bundesdeutschen Diensten, zwischen Informanten und Wichtigtuern ist die Grenze unscharf.
So viel aber ist sicher: In Deutschland lebten und leben Tschetschenen in Furcht vor Kadyrow, dem eine skrupellose Leibgarde zur Seite steht. Regelmäßig berichteten Flüchtlinge den deutschen Behörden von Kadyrows Einfluss in Berlin. Der Machthaber will Exilanten unbedingt zur Heimkehr bewegen, notfalls auch mit unsanften Methoden. Eigens dafür setzt er Mittelsmänner und Agenten ein.
Der preisgekrönte Dichter Apti Bisultanow war einer von denen, die von Kadyrows Leuten in Berlin unerwünschten Besuch bekamen. Als Kadyrow-Agenten waren offenbar zwei tschetschenische Ex-Regierungsmitglieder unterwegs: die Brüder Umar und Magomed Chanbijew. Ein Zeuge berichtete den Wiener Behörden von einem Gespräch mit Umar in Berlin. Es laufe eine große Rückholaktion, gesteuert von Kadyrow, habe der Mann gesagt. Sechs Leute des Machthabers seien deshalb in Europa unterwegs, mit russischen Visa ausgestattet waren sie in einem Berliner Hotel untergekommen.
Kadyrows Agenten, sagen Tschetschenen in Berlin, würden Exilanten mit Jobs heimwärts locken. Manchen werde mit Gewalt gegen Angehörige daheim in Tschetschenien gedroht. Im Fall Bisultanow agierten Kadyrows Leute und offizielle russische Stellen Hand in Hand. Russland verlangte seine Auslieferung und wollte seinen Asylantrag torpedieren - beides vergebens.
Auch einer, der nun in Wien vor Gericht steht, wurde in Berlin gesichtet. Otto K., 1968 als Ramsan E. in Grosny, der Hauptstadt Tschetscheniens, geboren. Bei tschetschenischen Landsleuten in Österreich und Deutschland galt er zunächst als freundlicher Familienvater und Gegner von Kadyrow. Aber er ist der Halter jenes grünen Volvos, der nach dem Israilow-Mord unweit des Tatorts sichergestellt wurde. Auch deshalb steht er jetzt im Zentrum des Wiener Verfahrens. Die Ermittler halten ihn für den Handlanger Kadyrows. K., der in Haft sitzt, bestreitet die Vorwürfe. Wieso aber reiste K. 2008 zu Kadyrow nach Grosny, wenn er angeblich ein Gegner des Herrschers ist? Fotos in den Ermittlungsakten belegen ein Treffen der beiden Männer.
Und was führte Otto K. nach Deutschland? Offiziell soll der Asylbewerber als Vorsitzender eines tschetschenischen Kulturvereins aus Wien dort gewesen sein. Ermittler jedoch halten die Vereinstätigkeit für Tarnung. Sie habe ihm helfen sollen, einen Überblick über die Exilantenszene zu bekommen. Rein kulturell scheint das Engagement des Vereins ohnehin nicht zu sein. Vor Jahren war ein Wiener Auto in Deutschland in eine Razzia geraten, im Kofferraum fanden sich Schusswaffen. Der BMW war auf den Kulturverein zugelassen.
Der Konflikt um Tschetschenien hat Deutschland längst erreicht. Verfassungsschützer glauben, dass einige Flüchtlinge hier Geld sammeln, das Kuriere später an Untergrundkämpfer weiterleiten. Angeblich werde auch versucht, Kämpfer in Deutschland anzuwerben und zu schleusen.
Am Tisch von Maaß aber wird vor allem über Kadyrows Einschüchterungsversuche gesprochen. Es geht um Erpresseranrufe seiner Agenten, die auch die Wiener Ermittler kennen. Sie haben viele Telefonate abgehört, immer wieder fällt darin der Name Kadyrow - neben kaum verhüllten Drohungen. Ein Auszug aus den Protokollen:
Agent: "Es befand sich bei euch ein schlechter Mensch, der bereits beseitigt wurde."
Exilant: "Jener, der bereits ermordet wurde? Ich kannte ihn nicht."
Agent: "Ich weiß, wer du bist. Möchtest du, dass einige morgen zu dir kommen, dich rausholen? Komm freiwillig zu uns, du willst doch nicht mit Gewalt geholt werden."
Ein in Wien lebender Tschetschene hatte sich nach ähnlichen Anrufen im Mai 2009 den Behörden anvertraut. Die Terrorismusexperten konnten sogar den Verdächtigen ausfindig machen: einen wohlhabenden russischen Staatsbürger, der in Berlin für seine großen Autos und seine Villa bekannt ist. Plante er von Berlin aus einen Mord? Aus den Akten geht hervor, dass die Telefonüberwachung und die anschließenden Ermittlungen für den Verdächtigen in Berlin ohne Folgen blieben. Lakonisch heißt es in einem Vermerk aus Wien, man habe "keine weiteren Veranlassungen" getroffen. Das Berliner LKA erfuhr nichts von dem Vorgang.
Auch für die Hinterhofwohnung von Maaß interessieren sich Kadyrows Leute, aber nicht nur sie. So paradox es scheinen mag, auch Maaß ist ins Visier der hiesigen Dienste geraten. Sein Name findet sich in Unterlagen des Bundesamts für Verfassungsschutz. Dort wird er als Repräsentant einer tschetschenischen Exil-Regierung geführt. Exil-Politiker Ahmed Sakajew aus London ließ den Berliner Übersetzer zum Honorarkonsul ernennen. Die russische Regierung protestierte dagegen beim Auswärtigen Amt in Berlin. Maaß nimmt den Protest der Russen gelassen.
Manchmal stehen Autos in der Nähe seines Hauses. Die Fahrer und Beifahrer lassen sich nur ungern ansprechen.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 46/2010
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