15.11.2010

GESCHICHTEMultimilliardär der Antike

Wer ist der reichste Sportler aller Zeiten? Ein Historiker hat nachgerechnet: Am meisten verdiente nicht Tiger Woods, son-dern ein römischer Wagenlenker.
Kurz vor dem Absturz wegen seiner Sexaffären brachte es der US-Golfer Tiger Woods noch einmal zu bemerkenswertem Ruhm. Im vergangenen Herbst erklärte ihn das Wirtschaftsmagazin "Forbes" zum "ersten Milliarden-Dollar-Mann des Sports".
Das Blatt irrte. Der gestrauchelte Held hat es zweifelsohne zu beträchtlichem Wohlstand gebracht. Der reichste Sportler aller Zeiten aber ist er nicht, verkündet nun der Gelehrte Peter Struck, Althistoriker an der University of Pennsylvania. Nach Berechnungen des Forschers im US-Geschichtsjournal "Lapham's Quarterly" gebührt diese Ehre einem anderen: Gaius Appuleius Diocles. Er war Wagenlenker im antiken Rom und lebte im zweiten Jahrhundert nach Christus.
Der aus dem heutigen Portugal stammende Lusitanier heimste bei Wagenrennen im römischen Circus Maximus Preisgelder in Höhe von fast 36 Millionen Sesterzen ein - genug, um den Sold sämtlicher Legionäre des Imperiums für fast zweieinhalb Monate zu bezahlen.
"Auf heutige Verhältnisse übertragen", sagt Struck, "entspräche das rund 15 Milliarden Dollar - selbst ohne seine amourösen Eskapaden wäre es zweifelhaft, ob Tiger Woods diese Summe jemals hätte erreichen können."
Auch wenn die Umrechnung auf heutige Beträge mit Unwägbarkeiten behaftet sein mag, sicher ist: Die Stars unter den antiken Wagenlenkern waren Top-Verdiener. Für einen einzigen Sieg im Circus Maximus strichen sie bis zu 60 000 Sesterzen ein - ein römischer Legionär verdiente im Laufe seines Lebens kaum halb so viel.
Als berühmteste unter den Rennfahrern der Antike galten die "Milliarii" - Piloten, die bereits 1000 und mehr Siege errungen hatten. Meist stammten diese Spitzenkräfte aus dem einfachen Volk. Um ihr Sozialprestige jedoch brauchten sie sich nicht mehr zu sorgen.
Sie wurden umschwärmt und gefeiert; auch die Mächtigen in der Hauptstadt zählten sie gern zu ihrer Entourage: "Um die Wagenlenker entspann sich ein Star-Kult, wie wir ihn von heutigen Größen des sportlichen Showgeschäfts und von Pop-Ikonen kennen", erklärt Karl-Wilhelm Weeber, Autor eines informationsreichen Buchs über die Wagenrennen im alten Rom(**).
Beschäftigt wurden die Megastars von den "Factiones". Die wichtigsten dieser antiken Formel-1-Rennställe nannten sich schlicht die Grünen, Blauen, Roten und Weißen. Sie organisierten den Rennbetrieb, stellten Pferde, Wagen und Lenker und feilschten mit den Spielgebern um die Preise. Ihre Manager waren die einflussreichsten Strippenzieher im Multimillionengeschäft der römischen Unterhaltungsindustrie.
Fernsehübertragungen gab es noch nicht, doch auch so jagten sich die Wagen allwöchentlich vor einer unvergleichlichen Kulisse. Das Oval des Circus Maximus war an Renntagen mit 250 000 Zuschauern bis auf den letzten Platz gefüllt. Nie wieder in der Geschichte wurde eine ähnlich gewaltige Arena gebaut.
An Wettkampftagen fanden insgesamt 24 Rennen statt. Zwölf Quadrigen, drei aus jedem Rennstall, fuhren jeweils in die marmorverkleideten Startboxen.
Fans und Fanatismus spielten bei den Massenspektakeln eine ähnliche Rolle wie heute. Die Zuschauer waren hysterisiert vom "Farbenkoller" (Weeber). Sie unterstützten ihre Rennpartei mit frenetischen Anfeuerungsrufen - schon allein deshalb, weil sie Wetten auf ihre Favoriten abgeschlossen hatten.
Auch Massenprügeleien zwischen den Fanblöcken dürfte es gegeben haben. Mindestens zweimal stürzten unter der Raserei des Mobs Tribünen ein und begruben Tausende Zuschauer.
Für die Promi-Fahrer war der Job lukrativ, aber auch äußerst gefährlich. Die Viergespanne waren die Formel-1-Boliden der Antike. Auf den Geraden erreichten sie Geschwindigkeiten von bis zu 70 Stundenkilometern.
Zickzackfahren, Abdrängen, Ausbremsen - fast alles war erlaubt. Team-Orders gab es nicht. Nur die Verwegensten setzten sich durch.
Vor allem beim Einfädeln nach der Startlinie und an den Wendemarken kam es oft zu spektakulären Karambolagen. Wagen wurden hochgeschleudert, Pferde stürzten, Lenker wurden unter Trümmern und Pferdeleibern begraben oder zu Tode geschleift: "Das Risiko solcher Unfälle war extrem hoch, römische Wagenrennen waren oft ein Tanz mit dem Tode", berichtet Weeber.
Der Multimilliardär aus Lusitanien hatte mehr Glück als die meisten seiner Konkurrenten. Er überstand 24 Jahre in der Arena, war nacheinander bei den Weißen, Grünen und Roten unter Vertrag und beendete seine Karriere schließlich im Alter von 42 Jahren. Über die Erfolge des Ausnahmepiloten, der von 4257 Rennen fast jedes dritte gewann, berichtet eine Inschrift aus dem Jahr 146 nach Christus.
"Wir wissen nicht, wie er so viele Jahre im Rennbetrieb überleben konnte", sagt US-Historiker Struck. "Aber allein die Länge seiner Karriere verrät, was für ein begnadeter Fahrer er gewesen sein muss."
(**) Karl-Wilhelm Weeber: "Circus Maximus". Primus Verlag, Darmstadt; 144 Seiten; 16,90 Euro.
Von Günther Stockinger

DER SPIEGEL 46/2010
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