15.11.2010

PROTESTE„Wir waren Kindersoldaten“

Die Autorin Charlotte Roche, 32, über ihre Teilnahme an den Demonstrationen gegen den Castor-Transport und ihre Sozialisation in einer linken Familie der achtziger Jahre
SPIEGEL: Frau Roche, Sie haben im Wendland gegen die Castor-Transporte protestiert. Warum?
Roche: Wegen der Laufzeitverlängerung für die Atomkraftwerke. Ich bin gegen diese Entscheidung, wie die Mehrheit der Bevölkerung auch. Im Sommer war ich auch schon auf der großen Anti-Atom-Demonstration in Berlin. Danach habe ich bei Attac angerufen und gesagt: Mir reicht das nicht, sagt mir, was ich machen kann. Attac hat mich ins Wendland eingeladen.
SPIEGEL: Wie lange waren Sie da?
Roche: Von Freitag bis Sonntag. Meine Freunde und ich sind vorher noch nie im Wendland gewesen, vom ersten Augenblick an war klar, dass es zwei Seiten gibt: Protest und Polizei. Das war ein Schock. Wir wurden häufig kontrolliert, alle 200 Meter, wir mussten aus dem Auto aussteigen, unsere Ausweise zeigen, den Kofferraum aufmachen. Ich habe mir dann erzählen lassen, wie es in den vergangenen Jahren dort war. Die Bauern, die die Aktionen planen, sind lustige, geheimnisvolle Typen - sie tüfteln das ganze Jahr lang, um im entscheidenden Augenblick eine Straße lahmlegen zu können. Dieser Protest ist rauschhaft. Das macht auch Spaß.
SPIEGEL: Haben Sie Gewalt gesehen?
Roche: Erst später, im Fernsehen. Ich war nicht am Gleis. Ich war bei der Kundgebung. Jedem prominenten Gast wurde ein Treckerfahrer zugeteilt, ich bekam den jüngsten und schönsten Bauern. Mit dem habe ich mich dann stundenlang auf seinem Traktor unterhalten.
SPIEGEL: Sind Sie "schottern" gegangen?
Roche: Nein. Ich hatte das angekündigt, auch weil die Ankündigung selbst keine Straftat ist, anders als eine Anstiftung zum Schottern. Natürlich hatte ich einfach eine große Klappe. Ich dachte, das ist ja ganz einfach, die lange Bahnstrecke kann niemand kontrollieren, da mache ich mit. Wenn man die Polizisten sieht, weiß man, dass das nicht so ist. Man bekommt Angst.
SPIEGEL: Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Haben Sie schon Post bekommen?
Roche: Nein.
SPIEGEL: Attac hat Sie eingeladen und Ihnen einen Schlafplatz organisiert. Das klingt nach Luxus-Demonstrant.
Roche: Ja, das ist schon ein bisschen schickimäßig, aber es ging ja vor allem darum, dass man körperlich anwesend ist.
SPIEGEL: Spürt man als Luxus-Demonstrantin die Sehnsucht, Teil eines sinnvollen Kampfes sein zu wollen?
Roche: Mag sein. Aber es geht um etwas anderes: Ich wusste schon aus der Ferne, dass die Entscheidung für Gorleben 1977 politisch durchgedrückt worden war. Und wenn man da ist, platzt man fast vor Wut.
SPIEGEL: Niemand möchte ein Endlager für Atommüll vor seiner Tür haben. Aber reicht das als Argument?
Roche: Die Entscheidung für das Endlager soll seit mehr als 30 Jahren durchgesetzt werden. Beim Endlager Asse sieht man jetzt, was man davon hat: Der ganze Müll soll wieder herausgeholt werden. Die Entscheidung für Gorleben wurde getroffen, als dort die innerdeutsche Grenze verlief. Jetzt liegt das aber mitten in unserem Land. Ich traue dieser Regierung nicht, wenn sie behauptet, dass ihre geologischen Gutachten stimmig sind.
SPIEGEL: Machen Sie es sich nicht zu einfach? Irgendwo muss der Atommüll hin.
Roche: Sicher. Das Zeug ist nur nach Frankreich gebracht worden, um da aufgearbeitet zu werden, wir müssen das wieder zurücknehmen. Niemand würde demonstrieren, wenn es einen vernünftigen Ort für ein Endlager gäbe.
SPIEGEL: Weil alle davon ausgehen, dass es nicht im Wendland wäre.
Roche: Das müsste doch ein Zufall sein, wenn ein Endlager, das aus politischen Gründen bestimmt wurde, den geologischen Ansprüchen entspräche. Die Atomindustrie muss viel Geld investieren und einen anderen Ort suchen. Alles muss dem Bürger erklärt werden. Der Atommüll wird eine Million Jahre strahlen. Deswegen muss man so schnell wie möglich aussteigen aus der Atomenergie.
SPIEGEL: Beziehen Sie Ökostrom?
Roche: Ja.
SPIEGEL: Die Mehrheit der Deutschen ist gegen Atomkraft, aber nur eine Minderheit versorgt sich mit Strom aus regenerativer Energie. Ist das nicht sinnvoller als diese Demonstrationsrituale?
Roche: Es reicht nicht, einfach nur dagegen zu sein. Man muss das auch öffentlich zeigen - und die Leute im Wendland sehen, die betroffen sind.
SPIEGEL: Es war erst Ihre zweite Demonstration. Warum?
Roche: Ich bin in einer linken Familie groß geworden. Nachrüstung, Atomkraft, Volkszählung, meine Familie war bei den großen Demonstrationen immer dabei. Ich bin aufgewachsen in einem Gefühl der Angst, bei uns zu Hause hingen diese Poster mit den Indianerweisheiten über das Geld, das man nicht essen kann. Es gibt ein Bild in einem Fotoalbum von mir und meinem Bruder, wir sitzen in einem Twin-Buggy. Meine Mutter hat um uns herum schwarze Kindersärge mit kleinen Trauerbouquets gebastelt, aus denen nur unsere Köpfe herausguckten. Wir waren Kindersoldaten, und das war schon auch eine Art Missbrauch. Möglicherweise wollte ich darum als Jugendlicher so wenig mit Demonstrationen zu tun haben.
SPIEGEL: Eine Rebellion gegen die Eltern?
Roche: Nein. Ich fand deren politische Einstellung nie peinlich, nur die Performance. Seit ich denken kann, spendet mein Vater für Greenpeace. Meine Mutter ist Feministin. Von Anfang an, als ich Fernsehmoderatorin wurde, habe ich gesagt, dass ich links bin. Nur auf die Straße gehen, das wollte ich nicht.
SPIEGEL: Nun tun Sie es als Prominente.
Roche: Richtig. Ich bin sofort sichtbar.
SPIEGEL: Sie haben im Deutschlandfunk gesagt, viele Polizisten würden an den Castoren verstrahlt und Leukämie bekommen. Eine steile These ohne Belege. Darf man so daherreden?
Roche: Ich kenne die Familie eines Polizisten, der an Leukämie gestorben ist und den Castor jahrelang immer wieder geschützt hatte. Natürlich: Das ist privates Wissen und nicht bewiesen. Dafür habe ich auch von der konservativen Presse auf den Deckel bekommen. Deswegen werde ich das so auch nicht mehr sagen. Aber dass die Strahlenbelastung nicht der Grund für die Krankheit des Polizisten war, ist auch nicht bewiesen.
SPIEGEL: Warum vertrauen Sie Attac?
Roche: Ich war auf einem Konzert von Jan Delay, und dort gab es einen Stand von Attac. Ich hatte damals das Gefühl, ich sei zu unpolitisch, nicht aktiv genug. Ich habe mir dann später die Website angeschaut und gedacht: Attac, das ist eine gute Sache.
SPIEGEL: Ist das Politik? Ist es Engagement, wenn man bei Facebook den "Gefällt mir"-Knopf drückt?
Roche: Ich glaube, dass es wieder politische Lager in Deutschland gibt, rechts und links. Natürlich kann man alles peinlich finden, so wie die Popkultur das immer peinlich gefunden hat. Aber am Ende macht man dann gar nichts.
SPIEGEL: Was ist der emotionale Kern des Protests?
Roche: Angst. Die Regierung macht mir Angst. Asse macht mir Angst. Verseuchtes Grundwasser macht mir Angst. Auch wie nahe alle Aktivisten dem Transporter kamen. Dass der gesunde Menschenverstand nicht ausreicht, um diese Probleme zu lösen, das macht auch Angst. Durch die geplante Laufzeitverlängerung werden weitere 500 Castor-Behälter in den kommenden zwölf Jahren produziert. Wir wissen nicht, wie man auch nur einen Behälter eine Million Jahre sicher lagert.
SPIEGEL: Spiegelt sich in den Protesten eine größere gesellschaftliche Stimmung?
Roche: Die Gesellschaft verschiebt sich nach links. Gerechtigkeit und Umweltschutz wird den Menschen wichtiger.
SPIEGEL: Nach der Sarrazin-Debatte hieß es, die Republik rücke nach rechts.
Roche: Ja. Wahrscheinlich ist das auch Deutschland. Für die Umwelt und gegen Ausländer.
SPIEGEL: Nutzt der Protest Ihrem Image?
Roche: Nein, muss er auch nicht. Ich mache, was ich will. Ich interessiere mich weniger für meine Karriere, mich springen Themen an. So entstand auch mein Buch "Feuchtgebiete", und es ist nicht so, dass aus der Schamlippen-Expertin nun die Atom-Protestlerin geworden ist. Das sind alles Bilder, die andere von mir produzieren und mit denen ich nichts zu tun habe.
SPIEGEL: Wie geht es jetzt weiter?
Roche: Christian Wulff muss dem Gesetz zur Verlängerung der Laufzeiten der Atomkraftwerke seine Unterschrift verweigern. Ich würde anbieten, mit ihm ins Bett zu gehen, wenn er es nicht unterschreibt.
SPIEGEL: Sie tauschen Sex gegen Unterschrift?
Roche: Genau. Mein Mann ist einverstanden. Muss nur noch die First Lady zustimmen. Ich habe auch Tattoos.
Von Tobias Rapp

DER SPIEGEL 46/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

PROTESTE:
„Wir waren Kindersoldaten“

  • Folgen des Brexit: Wie die Eliteuni Cambridge jetzt schon leidet
  • Viktoriafälle in Simbabwe und Sambia: "Es ist die längste Trockenzeit, die wir jemals hatten"
  • 73-jährige rennt von England bis Nepal: 10.000 Kilometer - allein und zu Fuß
  • Demokratiebewegung: Zehntausende gehen in Hongkong auf die Straße