15.11.2010

KUNSTNachts im Museum

Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist die gleichermaßen wundersame wie wunderbare Ausstellung „Soma“ des deutschen Künstlers Carsten Höller zu sehen; sie erinnert an einen psychedelischen Streichelzoo. Experimentierfreudige Kunstfreunde können dort sogar übernachten.
Tausend Euro kostet die Nacht hier, aber Maru Winnacker hat keine einzige Sekunde geschlafen wegen des Lärms. Und am Ende der Nacht, auf dem Weg zur Dusche, ist sie mit ihren Frotteebadeschlappen in zwei dicke schwarze Rentierkötel getreten. Eklig habe sie das gefunden, sagt Maru Winnacker beim Frühstück in Seidenbluse und High Heels, sie habe sich trotzdem nicht beschwert. Denn die Rentiere sind ein wichtiger Bestandteil des Experiments.
Das Experiment heißt "Soma" und ist das künstlerische Großprojekt des deutschen Künstlers Carsten Höller, das zurzeit in Berlin im Hamburger Bahnhof zu sehen ist: eine hallenfüllende, begehbare Installation mit einer Herde lebender Rentiere, vergnügten Kanarienvögeln, Mäusen und Fliegen, allesamt in einer surrealen, symmetrischen Landschaftsattrappe beherbergt.
Carsten Höller, 49, ist für seine unterhaltsame, aber doppelbödige Kunst bekannt, seine Werke waren auf allen großen internationalen Schauen ausgestellt, Expo, Documenta, Biennale. In den neunziger Jahren brachte er einem Dompfaffen die Titelmelodie von den "Gremlins" bei, für die Besucher der Tate Modern baute er eine Tunnelrutsche, und seine neueste Schau "Soma" ist eine der interessantesten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in diesem Jahr. Und man kann sie ganz für sich allein haben, wenn man eine Nacht im Hamburger Bahnhof bucht.
Maru Winnacker, 31, und ihr Mann Thomas Winnacker, 39, sind die ersten zahlenden Gäste, die sich den Traum von einer Nacht im Museum erfüllen. Es war ihre Idee, sie gehört zu den Freunden des Museums. "Ich musste nicht lange überzeugt werden", sagt ihr Ehemann, eine vornehme Erscheinung mit zurückgekämmten Haaren und Ellbogenschonern am Jackett. Die Nacht haben sich die beiden zu Weihnachten geschenkt.
80 Nächte kann man buchen, 95 Prozent sind schon ausverkauft, von Unternehmern, Lehrern, Kreativen reserviert, auch Familien mit Kindern übernachten. Pro Woche wird eine Nacht kostenlos verlost. Wie ist so eine Nacht allein im Museum? Rentiert sich die Investition? Was für Gedanken schenkt einem "Soma"? Oder, mit den Künstlern Fischli und Weiss gefragt: Findet mich das Glück?
Es ist 21 Uhr, Thomas Winnacker rollt seinen Trolley zum Mitarbeitereingang. Der Hamburger Bahnhof leuchtet schon von weitem neongrün und blau, es ist windig, auf dem Dach flattern zwei Fahnen mit Fliegenpilzen. Der Hamburger Bahnhof sieht magisch aus, Alice könnte hier Unterschlupf finden, wenn es im Wunderland mal regnet. Thomas Winnacker wählt die Nummer des Nachtwärters. Der heißt Herr Knobloch, ist äußerst freundlich und begrüßt die beiden feierlich, er begleitet sie zur Garderobe und händigt ihnen zwei Taschenlampen und ein Walkie-Talkie aus.
In der Halle riecht es sanft nach Stall. Der Nachtwärter schaltet das Neonlicht an, vor den Winnackers flackert zum ersten Mal das Kunstwerk auf, in dem sie schlafen werden, sandfarben, weiß, silbern.
In der Mitte der Halle steht auf einer runden Plattform in vier Meter Höhe das Bett, eine steile Treppe führt hinauf. Dahinter ein drehbares Rondell, das die Rentiere, wenn sie denn wollten, anschieben könnten. Darauf stehen mannshohe Fliegenpilzattrappen. Die Halle ist in zwei spiegelgleiche Hälften geteilt, auf jeder Seite in einem Gehege sechs männliche Rentiere, die dort frei umherlaufen. An der Seite stehen jeweils zwei Kästen, in denen Mäuse ihr Zuhause gefunden haben, daneben ist jeweils ein Plexiglaskubus, in dem eine Stubenfliege hockt. Über den Gehegen schweben zwei riesige Waagen, an denen die Volieren mit den Kanarienvögeln hängen.
Die Tiere und Geräte sollen, so Höllers Idee, mithelfen, der Wirkung des mythischen Glückselixiers Soma auf die Spur zu kommen, das in den vedischen Schriften vor über 3000 Jahren als stimulierender Heiltrank der Götter beschrieben wurde. Rentiere fressen Fliegenpilze, denen eine halluzinogene Wirkung zugeschrieben wird. Auf einer Seite werden den Rentieren Fliegenpilze ins Futter gemischt, Tierpfleger fangen den mit Wirkstoff angereicherten Urin auf, beträufeln die Nahrung der kleineren Tiere damit. Eine Hallenhälfte müsste dadurch glücklich, high, entrückt werden. Das Beobachten der Tiere und der Ausschlag der Volierenwaage sollen sichtbar machen, auf welcher Seite das Soma verabreicht wurde.
"So könnte es zumindest sein", sagt Carsten Höller über seinen Doppelblindversuch, der vor allem ein Gedankenexperiment ist, ein Versuch über Wahrnehmung, ein Spiel darüber, ob es Tieren anzumerken ist, dass sie "high" sind. Und die Waage ist eigentlich nur eine Waage. Aber wer weiß: Vielleicht sind die schwereren Kanarienvögel die, die das Soma gefüttert bekamen? Oder fliegen berauschte Kanarienvögel mehr und sind deswegen möglicherweise leichter? Man weiß es nicht. Carsten Höller weiß es auch nicht, vermutlich will er es auch so genau nicht wissen.
Höllers Versuchsanordnung klingt ein wenig nach einer Persiflage auf die aktuellen Wellness-Versprechen: die Aussicht auf das Seelenheil, die Begründung in einer alten, asiatischen Schrift und all die Unbestimmtheiten.
Der Abend kann beginnen, Maru und Thomas Winnacker betrachten die Rentiere. Natürlich waren die Rentiere einer der Gründe, hier zu übernachten. Natürlich dösen jetzt alle zwölf, liegen auf der Seite, die vier Läufe angewinkelt, Schnauze in den Spänen. "Die schlafen ja alle!", sagt Maru Winnacker und blickt zu ihrem Mann, dem das auch aufgefallen ist, er sagt nichts, blickt zum Museumswärter, dem die Situation unangenehm ist. "Die erholen sich noch vom Tag, wir haben das Museum erst vor einer Stunde geschlossen." Ein Rentier erhebt sich, läuft an Maru Winnacker vorbei, sie streckt die Hand in das Gehege, das Tier ignoriert sie.
Der Schlafplatz der Winnackers ist ein extra angefertigtes, rundes Doppelbett, manuell drehbar, flankiert von Nachtkästen, links eine Minibar, rechts die Kaffeemaschine. Harte Matratze, dicke Kissen, weiche Decke. Es ist ein Bett für einen Heiratsantrag, möglicherweise werden hier in den nächsten Wochen Kinder gezeugt, sie kämen dann mit den Sternzeichen Löwe bis Skorpion zur Welt.
Das Paar stößt mit Rotwein an. Begriffe wie "Wochenend-Trip" und "Quality Time" scheinen für Menschen wie die Winnackers erfunden worden zu sein. Thomas ist Unternehmensberater, Maru Unternehmerin, sie leben in Berlin und arbeiten viel. Die Übernachtung im Hamburger Bahnhof ist eingebettet zwischen einer Geburtstagsfeier und einem Sonntagsbrunch. Man hört die Kanarienvögel zwitschern, Harzer Roller und Timbrado Español heißen die Rassen. Thomas Winnacker hatte früher mal Kanarienvögel, ihre Namen fallen ihm nicht mehr ein, er weiß nur noch, wie sie endeten. "Die wurden vom Hund gefressen."
Die Suche nach dem Glück ist das Thema der Ausstellung. Was ist Glück? Das Eins-sein-mit-der-Natur ist von jeher ein Glückstopos. Neuerdings aber ohne sich, bitte schön, die Füße schmutzig zu machen. Die Installation von Höller ist die perfekte Kombination aus Natur und Kultur, Ursprünglichkeit und Luxus: anmutige Rentiere, fröhliche Vögel, Kaffeemaschine am Bett, geflieste Toilette. Gelungene Glückssimulation? Banale Wohlfühlkunst? Die Winnackers ziehen die Bademäntel an, die Badeschlappen und streifen mit ihren Rotweingläsern durch die Halle, die BlackBerrys in der Bademanteltasche. Fotosafari.
"Mein Kunstwerk funktioniert auf mehreren Ebenen", sagt Carsten Höller, und tatsächlich sieht das Ehepaar völlig unterschiedliche Kunst. Maru Winnacker ist die Tochter eines Physikers, berufsbedingt kennt sie sich mit heilsbringenden Flüssigkeiten aus, sie verkauft Luxustees, 100 Gramm für 25 Euro. Sie beobachtet den Ausschlag des Zeigers an den Volieren genau und mutmaßt, welche Seite das Soma bekommen hat. "Ich tippe auf rechts, die Rentiere und Vögel sind dort lebendiger."
"Ich sehe kein Experiment", sagt Thomas Winnacker, "für mich ist das ein Bild. Ein schönes Bild, das sich immer wieder verändert." Tableau vivant mit Rentier und Streu. Zur Vorbereitung hat er einen dünnen Band gelesen, den ihm sein Großvater vererbt hat: "Das Erklären von Kunstwerken", veröffentlicht im Jahr 1921, in einer Zeit, in der die Kunst solche Dinge wie museale Installationen noch nicht erfunden hatte.
Und erst recht nicht so ein Mega-Kunstwerk, das eine betretbare eigene Welt erschafft, einen Kosmos, der den Menschen Zugang zu ihrer eigenen Gedankenwelt verschaffen soll. "Wenn ein Kind nur die Rentiere süß findet", sagt Höller, "ist das für mich auch okay."
Kurz nach Mitternacht lässt Maru Winnacker via Walkie-Talkie das Licht dimmen und beobachtet vom Bett aus die Rentiere. Die Kanarienvögel sind lichtaktiv, sie verstummen. Man hört nur noch das Knacken der Rentierhufe. Zwei Rentiere liefern sich Geweihkämpfe. Das Klackern der Geweihe klingt wie ein Fechtkampf mit Holzschwertern.
Nachts sieht man eine völlig andere Ausstellung als tagsüber, die Stimmung ist besinnlich. Die Ausstellung fällt in die Advents- und Weihnachtszeit, alle Rentiere tragen ein Halfter, als würden sie gleich vor einen Schlitten gespannt werden. Der Legende nach soll die Vorstellung, die Rentiere würden den Schlitten durch die Luft ziehen, sogar auf Halluzinationen der Samen beruhen, hervorgerufen durch Rentierurin. Nur das Übernachten im Stall ist heute nicht mehr kostenlos. Man könnte "Soma" auch als Weihnachtsallegorie deuten.
Während seine Frau sich ausruht, beginnt Thomas Winnacker seine nächtliche Erkundungstour in den anderen Räumen, in denen die Bilder toter Künstler gezeigt werden, ohne störende Besucher vor den Gemälden. Herr Knobloch schließt ihm auf, Winnacker knipst seine Taschenlampe an, er erinnert jetzt an einen dieser berühmten Museumsdiebe. Erst durch den Schein der Lampe sieht man, dass Andy Warhols Bild "Diamond Dust Shoes" von 1980 mit glitzernder Farbe grundiert wurde.
Am nächsten Morgen wird ein Gourmetfrühstück vom Café Sarah Wiener von nebenan serviert, mit frischen Croissants, Brötchen, Marmelade, Wurst und Käse. Das Paar wirkt müde, aber glücklich. Ein Putzmann säubert das Mäusegehege mit einem Tischstaubsauger.
Maru Winnacker berichtet von ihren Forschungsergebnissen der vergangenen Nacht: Die vordere und die hintere Waage seien zeitgleich in zwei entgegengesetzte Richtungen ausgeschlagen, was für sie nur den Schluss zulasse, dass entweder auf beiden Seiten Soma zugefüttert werde oder auf keiner. Sie scheint ein wenig verunsichert zu sein. Thomas Winnacker erzählt, wie er ein Werk von Anselm Kiefer betrachtete und dabei über seinen goldenen iPod Beethovens Mondscheinsonate hörte. "Das ist aber ganz schön kitschig", sagt seine Frau.
Dann fällt Maru Winnacker doch noch ein Grund für die unterschiedlichen Messergebnisse ein. Nachts hat Thomas Winnacker eines der vielen Kissen vom Bett geschubst, direkt auf die Flasche Rotwein, der halbe Liter Rotwein floss zu den Rentieren hinunter: "Vielleicht haben wir damit das Experiment ruiniert?"
Den Rentierurin, der in Plastikflaschen in einem Kühlschrank aufbewahrt wird, haben die Winnackers dann doch nicht probiert. Carsten Höller sagte bei der Pressekonferenz, er könne sich vorstellen, von dem Rentierurin zu probieren, und er erzählte auch, dass er schon sechsmal versucht habe, vom Fliegenpilz high zu werden. Er aß ihn gebraten, trank ihn als Tee, fünfmal wurde ihm schlecht, einmal hat es geklappt.
Öffnet man die Flasche mit dem Rentierurin, verströmt die Flüssigkeit den Duft von tausend Pferdeäpfeln. Das mutmaßliche Glückselixier schmeckt furchterregend streng und salzig. Sonst passiert eigentlich nichts.
Von Nora Reinhardt

DER SPIEGEL 46/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 46/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUNST:
Nachts im Museum

  • Webvideos der Woche: Truck landet auf Hausdach
  • Automesse IAA: Klimaaktivisten blockieren Eingänge
  • Erosion an der Elfenbeinküste: "Unsere Toten verlassen uns schon"
  • Braunkohletagebau in der Lausitz: 8000 Arbeitsplätze, 4 Tagebaue, 130 Dörfer weg