15.11.2010

KINOSchlafanzug und Intifada

Der New Yorker Großkünstler Julian Schnabel gilt längst auch als genialer Regisseur. In seinem neuen, umstrittenen Film „Miral“ erzählt er die wahre Geschichte eines palästinensischen Mädchens, das den Staat Israel bekämpfte - und heute seine Freundin ist. Von Georg Diez
Alles an Julian Schnabel ist groß, seine Bilder, seine Erfolge, sein Ego, da wirkt er selbst fast klein, wie er so vor einem steht, bekleidet mit einer Art Trainingshose, die eine Schlafanzughose sein könnte, und einem Hemd, das ein Schlafanzughemd sein könnte.
Dafür ist er schließlich berühmt. Schlafanzüge, in denen er malt, auf Partys geht, durch New York schlendert.
"Willkommen in meinem Haus. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?"
Es regnet in New York, das Wasser klatscht gegen die riesigen Fenster, durch die man den Hudson River sieht. Julian Schnabel, 59, wirkt entspannt und unschlüssig, er steht in diesem Zimmer, als wäre er selbst nur Gast, ausgerechnet hier, wo es aussieht wie in Schnabels Kopf.
360 West 11th Street ist die Adresse, eine Parfumfabrik aus dem frühen 20. Jahrhundert, drei mächtige Stockwerke, brauner Backstein, darauf hat Schnabel sieben Stockwerke gesetzt, die pink strahlende Popversion eines venezianischen Palastes, vollgestopft mit rot bezogenen Brokatsesseln, Tischen aus dunklem Holz, meterhohen Schnabel-Gemälden, die Wände hellrot gestrichen oder türkis. Eine bewohnbare Schnabel-Skulptur.
2008 wurde das Gebäude fertig, da schien es eine Weile, als ob Schnabel sich übernommen hätte, er musste sich sogar von seinem Picasso trennen. Die Preise für die Penthäuser, die er verkaufen wollte, sanken in der Immobilienkrise von 59 Millionen auf 38 Millionen Dollar. Richard Gere besitzt nun angeblich eine Wohnung in dem Haus, Bono hat sich eine angeschaut, Johnny Depp auch, und als Madonna vom Balkon aus auf das modernistische Protzgebäude schaute, das der Star-Architekt Richard Meier schräg gegenüber hingestellt hat, sagte sie nur, wie schäbig das aussehe gegen Schnabels Palazzo Chupi.
Warum eigentlich Palazzo Chupi?
"Ach, Chupi, das ist ein Spitzname, mehr nicht", sagt Schnabel. "Wollen wir kurz runter ins Studio gehen?"
Was Schnabel nicht sagt, es ist der Spitzname seiner früheren Frau Olatz López Garmendia, Schauspielerin, Model und Mutter seiner Söhne Cy und Olmo, die in Schnabels Filmen "Before Night Falls" (2000) und "Schmetterling und Taucherglocke" (2007) mitspielte, einmal als einschüchternd schöne Mutter, einmal als einladend schöne Physiotherapeutin.
Schnabels derzeitige Freundin, die einschüchternd schöne Rula Jebreal, 37, versteckt sich noch irgendwo in der renaissancegroßen Raumflucht. Sie ist auch der Grund, warum Schnabel sich so viel Zeit nimmt und sein Haus öffnet, sie und sein neuer Film "Miral", der auf einem Roman von Jebreal basiert und bei den Filmfestspielen von Venedig mit einigem Kopfschütteln aufgenommen wurde.
Es geht darin um ein palästinensisches Waisenhaus in Ostjerusalem zwischen 1948 und 1994, um drei Generationen von Frauen, um das Los der Palästinenser, die sich mal gegenseitig umbringen, meistens aber von Israelis erschossen werden. Es ist vor allem eine Coming-of-Age-Geschichte, die während der ersten Intifada spielt, des Palästinenseraufstands, der 1987 begann. Es ist die Geschichte eines Mädchens aus diesem Waisenhaus, das mit Bildung beschenkt wird und sich für den militanten Widerstand entscheidet.
Es ist die Geschichte von Rula Jebreal. Der Roman, sagt sie, sei ein Brief an ihre 14-jährige Tochter. Sie heißt Miral.
Bevor er aber über all das redet, über die Frage, ob dieser Film ein antiisraelisches Machwerk ist oder ob der Jude Schnabel dem palästinensischen Leiden ein Gesicht gegeben hat, will er die Bilder zeigen, an denen er gerade arbeitet. Wir fahren mit dem Aufzug ein paar Stockwerke tiefer, die Tür öffnet sich, der Raum ist sieben, acht Meter hoch, Betonfußboden, graue Wände, an denen diese riesigen Schnabel-Gemälde lehnen.
"Ich wollte sie eigentlich gar nicht zeigen", sagt Schnabel, dann hilft er selbst mit, die Bilder mit einem der Assistenten so zu verschieben, dass sie besser zu sehen sind. Da gibt es eine Serie alter Landkarten vom Golf von Mexiko, sie sind zusammengeklebt und mit ein paar geheimnisvollen Pinselstrichen versehen.
"Ich habe sie diesen Sommer in meinem Haus in Mexiko gemacht", sagt Schnabel und zeigt, wie er sich mit einem langen Pinsel über die Bilder gestellt und dann gemalt hat. Schnabel malt schnell. "Ein paar davon sind für Sean Penn", sagt er, "die werden für seine Stiftung versteigert, Sean hilft den Kranken in Haiti."
Schnabel geht zur nächsten Serie, sechs Meter hohen Fotos von traurig aussehenden Menschen, schwarzweiß. Schnabel hat auch sie mit ein paar Pinselstrichen versehen. "Das sind Bilder aus dem 19. Jahrhundert, aus einem französischen Krankenhaus für Geisteskranke. Ich habe sie irgendwo gefunden. Die Bilder habe ich im Frühjahr in meinem Haus in Montauk gemalt."
Die einzelnen Geschichten dahinter hat er nicht recherchiert. "Ich war einfach an den Bildern interessiert. Wissen Sie, es gibt Maler, die malen, weil sie wissen, was sie sehen. Und es gibt Maler, die wissen nicht, was sie sehen. Das bin ich."
Vielleicht erklärt diese selbstbewusste Naivität auch den wahrhaft monumentalen Erfolg von Julian Schnabel, als er 1979, 1980 über die New Yorker Kunstszene hereinbrach. Alles war cool damals, die Musik war New Wave und elektronisch, die Menschen wollten Maschinen sein, die Kunst war konzeptionell und kompliziert, Richard Prince riss Werbung aus Zeitschriften und nannte das Kunst, Cindy Sherman inszenierte sich auf ihren Fotos als feministische Ikone, Barbara Kruger schrieb auf eine Collage "You are not yourself".
Womit damals niemand gerechnet hatte, war Schnabel, dieses Kid aus Brooklyn, dieser Hippie, dieser Surfer. Als er 14 war, zogen die Eltern in die Kleinstadt Brownsville in Texas, er malte und suchte die Wellen, er ging nach San Francisco, er studierte in New York, war Koch in "Mickey Ruskin's Ocean Club Restaurant", reiste durch Europa und kam zurück mit der altmeisterlichen Gestik des alten Kontinents, kombiniert mit seiner hippiesken Selbstüberhöhung.
"Neo-expressionistisch", so nannte man das damals, was nur bedeutete, dass hier jemand seine Gefühle ganz auf der Leinwand auslebte. Und alles in XXXL.
Schnabel stand, was seine Kunst angeht, immer auf der falschen Seite. Was ihm aber nicht schadete. Im Gegenteil. Schnabel war schnell der Malerfürst, auf den New York gewartet hatte. Bis zu 300 000 Dollar kosteten seine Bilder. Dann kam der Kunstmarkt-Crash von 1991, und Schnabel wurde ein wenig auf Normalmaß zurückgestuft.
Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs, Ende 1987, war Schnabel in Israel, zum ersten Mal, obwohl seine Mutter mal die Präsidentin von Hadassah war, der zionistischen Frauenorganisation in Amerika. Zwei Tage später begann die Intifada.
"Ich wollte in die Wüste fahren und auf die Zelte der Beduinen malen, mit Israelis und Palästinensern gemeinsam", sagt Schnabel. "Meine Mutter hatte gesagt, geh nach Israel, dort wirst du ein sehr besonderes Gefühl haben. Ich aber hatte nur das Gefühl, dass hier etwas sehr schiefläuft, dass die Palästinenser nicht gerecht behandelt wurden."
Wir fahren mit dem Aufzug wieder hoch. Schnabel ist als Filmregisseur inzwischen wohl bekannter denn als Maler. Er hat auch das Gramercy Park Hotel komplett neu entworfen. Er hat den Hang zum Gesamtkunstwerker. "Ich bin froh, dass Sie die Bilder gesehen haben", sagt er. "Aber Rula wartet sicher schon."
Tatsächlich ist da nur eine Frau, die den Boden wischt. "Rula", ruft Schnabel.
"Ich bin gleich fertig. Ich komme."
In "Miral" wird sie gespielt von Freida Pinto, die 2008 mit "Slumdog Millionär" berühmt wurde; und man fragt sich beim Anschauen des Films, warum so eine deutlich indische und fast störend schöne Frau ausgewählt wurde. Im wirklichen Leben ist die Erklärung einfacher. Freida Pinto und Rula Jebreal sehen aus wie Schwestern.
"Hallo", sagt Jebreal, sie trägt ein schwarzes Cocktailkleid und küsst einen zur Begrüßung auf die Wange.
"Wie hat Ihnen der Film gefallen?"
Rula Jebreal mag keine Umwege. Auch sie ist ein Profi. 1993 kam sie mit einem Stipendium nach Italien, ließ sich zur Physiotherapeutin ausbilden, studierte dann Journalismus und wurde schnell bekannt. Sie schrieb für die Tageszeitung "Il Messaggero", hatte verschiedene Fernsehsendungen, berichtete über Immigranten, die Mafia und Todeskandidaten auf der ganzen Welt und wurde vor laufenden Kameras von einem Minister der Lega Nord als "diese bronzefarbene Frau" bezeichnet. Sie ist selbstbewusst, freundlich, hart.
"Also, wie hat er Ihnen gefallen?"
"Eindrucksvoll."
Sie weiß, dass das eine Ausrede ist. "Miral" hat ein Problem, das nur teilweise damit zu tun hat, wie man die Lage zwischen Israelis und Palästinensern politisch einschätzt. Der Film hangelt sich an den Figuren entlang, den Bildern fehlt die schnabelsche Schönheit und Leichtigkeit, die Israelis werden von Anfang an als Aggressoren geschildert, die den ganzen Schlamassel verursacht haben.
Kausalität wird weggewischt, ignoriert oder verdreht, wie gleich zu Anfang im Bild der Waisenkinder mit den angstgeweiteten Augen, das stark an die Ikonografie des jüdischen Ghettos erinnert. Nicht viel anders ist es mit den historischen Aufnahmen von wütenden israelischen Soldaten, auf die Schnabel stolz ist, die aber so präsentiert werden, dass sie nicht aufklärerisch, sondern vor allem propagandistisch, also antizionistisch gelesen werden können.
Wie für alle seine Filme hat Schnabel für "Miral" vor Ort recherchiert, er war lange in Jerusalem, er stand in dem Haus, in dem Rula Jebreals Mutter vergewaltigt wurde, weil er wissen wollte, "wie es sich anfühlt, dort zu stehen".
Aber dieses Mal hat den Filmemacher Schnabel seine Methode, die auch die Methode des Malers Schnabel ist, in die Irre geführt. Er hat seinen Gefühlen zu sehr vertraut. Er hat das Politische persönlich genommen. Er war zu verliebt in seine Figuren, zu verliebt in seine Orte, zu verliebt am Ende in die Frau an seiner Seite.
"Glaubst du, der Film ist propalästinensisch, Julian? Glaubst du das?"
"Es ist meine Verantwortung als Filmemacher", sagt Schnabel ausweichend, "die Geschichte eines palästinensischen Mädchens mit seinen Augen zu sehen. Mein Job ist es nicht, politisch korrekt zu sein. Mein Job ist es zu zeigen, warum Menschen für ihre Freiheit kämpfen. Wenn ich die Wahl habe zwischen Ideologie und Menschlichkeit, werde ich mich immer für Menschlichkeit entscheiden."
Was eine ethische, keine ästhetische Aussage ist. Und erklärt, warum "Miral" so viel didaktischer und angestrengter wirkt als etwa "Before Night Falls", Schnabels schmerzhaftes, zärtliches Kuba-Epos über den homosexuellen Schriftsteller Reinaldo Arenas. Und so fast unschnabelhaft streng im Vergleich zu "Schmetterling und Taucherglocke", in dem er von einem Mann erzählt, der am ganzen Körper gelähmt ist und nur mit einem Auge mit der Außenwelt kommuniziert.
Schnabel hat für "Miral" die Form des Melodrams gewählt, so wie auch Jebreal für ihren Roman, der in diesen Tagen auf Deutsch erscheint. Buch und Film sind eine Hommage an Hind al-Husseini (gespielt von Hiam Abbass), die Frau, die das Leben von Rula Jebreal und von Tausenden anderen Kindern gerettet hat; sie liefern auch die Erklärung dafür, warum sich dieses Mädchen der Palästinensischen Befreiungsfront PFLP anschließt.
Rula Jabreals Schönheit und Radikalität - es ist nicht schwer zu verstehen, was Schnabel fasziniert hat. Er lernte sie vor ein paar Jahren auf einer Vernissage in Rom kennen, sie gab ihm den Roman, er wollte sofort den Film machen.
Schnabels Geschichten handeln immer vom Versuch, Freiheit zu erlangen. Und genau das unterscheidet "Miral" von anderen, dunkleren, unerlösten Filmen zu diesem Thema. Von "Waltz with Bashir" etwa, aus dem Jahr 2008, dem großartigen Animationsfilm über einen israelischen Soldaten im Libanon-Krieg von 1982 und die Massaker an palästinensischen Flüchtlingen in Sabra und Schatila. Es unterscheidet ihn auch von dem klaustrophobischen Panzerfilm "Lebanon" aus dem Jahr 2009, der von Kriegsverbrechen aus israelischer Innensicht erzählt.
Am Ende ist "Miral" versöhnlicher als diese Filme und sogar als die Wirklichkeit. Alles läuft im Film auf das Friedensabkommen von Oslo zu, das 1993 unterschrieben, aber nie wirklich umgesetzt wurde. Das ist die Tragödie Israels.
Rula Jebreal war gerade mit Schnabel in London, Abu Dhabi, Tunesien und Katar. Es gab langen Beifall für den Film, sagt Schnabel. "Kein jüdischer Mann wurde je so begrüßt wie Julian", sagt Jebreal, "er ist der beste Botschafter Israels."
Es hat aufgehört zu regnen. Zum Abschied gibt es einen Kuss auf die Wange. Draußen dann leuchtet das pinkfarbene Haus, riesig, unwirklich, wie geträumt. ◆
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 46/2010
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