15.11.2010

TV-KöCHELafer! Lichter! Gelatine!

Viele Fernsehauftritte des Kochstars Johann Lafer haben kaum noch mit Rezepten zu tun - aber viel mit unverhohlener Reklame.
Johann Lafer, 53, ist eigentlich nur noch nebenberuflich Koch. Regelmäßig schwadroniert er sich durch TV-Shows, schreibt Bücher, verkaufte Sprühessig mit seinem Konterfei und fliegt gelegentlich als Helikopterpilot sogar Gäste durch die Gegend, um ihnen dann auf einer Wiese Gourmetmenüs zu kredenzen.
Kurz: Er gilt in der an Marktschreiern nicht armen Kochbranche als der geschäftstüchtigste Star überhaupt. Mittlerweile arbeitet Lafer mit vielen Firmen zusammen. In seiner wöchentlichen ZDF-Kochshow "Lafer! Lichter! Lecker!" landet so mancher seiner Werbepartner dann offenbar nicht zufällig vor der Kamera. Mittlerweile scheint er selbst die Übersicht verloren zu haben: Nach einem Blick auf nur 20 Folgen der Show offenbart sich ein krasses Bild teils absurd auffälliger Reklame.
So lobt Lafer etwa in zwei Folgen eine Küchenmaschine von Kenwood, die auch groß im Bild zu sehen ist. Für genau diese Maschine vom Typ "Cooking Chef" wirbt er auch. Ebenfalls prominent in Szene gesetzt: ein Standmixer, Hersteller Kenwood - selbst das Logo ist in diesem Fall zu erkennen, obwohl die Regeln vorsehen, dass es abgedeckt sein muss. Lafer ist Markenbotschafter der Firma.
In der Sendung bringt der Meister zudem einen Stufenwok zum Einsatz, Hersteller ist die Firma WMF. Deren Reklamepartner: Lafer. Bei einem anderen Auftritt hat der Star direkt vor sich eine Weinflasche, auf der deutlich der Name des Weinguts Diel zu lesen ist. Bei Diel war Lafer mal Gastkoch. Die Kellerei wiederum erwähnt auf ihrer Homepage Lafers Sterne-Restaurant.
In einer Folge, in der ausgerechnet die wegen Schleichwerbung für einige Zeit vom Bildschirm verbannte Moderationssirene Andrea Kiewel zu Gast ist, verwendet und erwähnt der Top-Koch flott seinen selbstvertriebenen Ananas-Curry-Senf und lobt ihn mit den Worten "Super lecker!". Erhältlich war das eigentümliche Gemisch über seinen Shop. Lafer setzte im TV-Studio ohnehin auch auf seltene Zutaten wie "Tasmanischen Leatherwoodhonig" - natürlich zu kaufen in der Johann-Lafer-Selection.
Besonders angetan hat es dem Star allerdings Gelatine. Allein binnen eines Jahres nahm er für zwölf Rezepte eben diese Zutat. Für den Weltmarktführer in der Herstellung von Gelatine schrieb Lafer schon mal ein Rezept - und die Firma schreibt auf ihrer Web-Seite, der Koch verwende ihre Produkte im TV. Natürlich kann man sie auch bei Lafer direkt beziehen. Die Gelatine wurde so häufig benutzt, dass es selbst Lafers Kochkumpel Horst Lichter komisch vorkam: "Du machst hier in letzter Zeit dauernd was mit Blattgelatine. Ich weiß nicht, was da los ist."
Beim ZDF will man nun "interne Überprüfungen" einleiten. Es sei nicht bekannt, dass Lafer "bewusst Produkte inszeniert hat". Mit keiner der genannten Firmen habe das ZDF Vereinbarungen oder Verträge. Auch der Produzent der Sendung, Markus Heidemanns, will intern prüfen.
In der ZDF-Sendung "Lanz kocht", die von SPIEGEL TV produziert wird, tritt Lafer ebenfalls regelmäßig auf. "Wir achten peinlichst genau darauf, dass keine Marken zu sehen sind", sagt Redaktionsleiter Frank-Thomas Sippel. Dennoch wolle man aufgrund der Vorwürfe gegen "Lafer! Lichter! Lecker!" alle Folgen gründlich sichten.
Und Lafer selbst? Er nehme manche Produkte aus Überzeugung mit in die Sendung. Es handle sich dabei um sein gewohntes Küchenumfeld. Mit der Weinauswahl habe er nichts zu tun, der Stufenwok sei "einzigartig", die Sache mit der Gelatine Zufall. "Das Lob der Küchenmaschine war zu keiner Zeit beabsichtigt, es entstand lediglich durch einen verbalen Schlagabtausch mit Horst Lichter, ohne jeglichen Hintergedanken."
Von Martin U. Müller und Marvin Oppong

DER SPIEGEL 46/2010
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