22.11.2010

KULTURPOLITIKStadt der Illusionen

Metropolen wie Köln, München, Hamburg waren die Kulturstätten der alten BRD. Doch seit dem Aufstieg Berlins ringen die ehemaligen Konkurrenten um ein neues Profil. Hamburg träumt von einer Zukunft als glitzernde Touristenattraktion - und vergisst dabei die eigenen Bürger.
Es sind nur kleine blaue und rote Blasen, sie sehen ein bisschen aus wie Kernspintomografien. Die Bilder liegen auf einem Konferenztisch im 14. Stock des Hanseatic Trade Center, eines Zylinders aus Glas und Klinker mit einer Antenne, die an das Empire State Building erinnern soll. Hier sitzt die Hamburger Niederlassung der Unternehmensberatung Roland Berger. Der Blick geht über den Hafen, die Container aus fernen Welten, die blauen Krakenkräne mit ihren roten Armen, die Glastürme der Hafencity. Man könnte meinen, es sei der Blick auf eine Weltstadt.
Björn Bloching, Chef des Hamburger Roland-Berger-Büros, Anfang 40, in Jeans und grobmaschigem Kaschmirpullover, betrachtet die Diagramme wie ein Radiologe Röntgenbilder. Sie zeigen, was die Menschen dieser Stadt wollen, wie sie denken, was sie fühlen, wie sie leben, was ihnen wichtig ist.
Bloching kennt diese Stadt genau, seit Jahren erstellt er Gutachten und Studien für den Senat, und immer geht es darum, diese Stadt attraktiver zu machen. Mehr als 20 000 Menschen in verschiedenen Städten haben Bloching und sein Projektmanager Dirk Weiss, Typ englischer Landadel, nach deren Werten und Einstellungen gefragt.
Die Berger-Studie benutzt ein merkwürdiges Marketing-Englisch, doch es steckt viel Wirklichkeit in ihr, denn die Blasen zeigen, was der anmutige Reiz dieser Stadt ist, aber sie zeigen auch, warum Hamburg in Langeweile zu ersticken droht.
"Man sieht", sagt Weiss, "in Hamburg ist das Bild bei den Werten ,Cool & Trendy' und ,Thrill & Entertainment' dunkelrot. Das ist natürlich ein Problem."
Dunkelrot bedeutet: Interessiert uns nicht. Blau: Das ist uns wichtig, und blau ist das Hamburger Diagramm vor allem bei den Werten "Classic", "Quality", "Nature" und "Clanning", ein Soziologenwort, das sich von "Clan" ableitet und das gemeinsame Zusammenhocken an privaten Orten beschreibt. Es ist genau das, was Hamburger meinen, wenn sie davon sprechen, dass es in ihrer Stadt so schön gemütlich ist.
Die Studie kommt zu einer Zeit, in der Hamburg sich als Kulturstadt lächerlich macht. Der neue Erste Bürgermeister Christoph Ahlhaus und sein Kultursenator Reinhard Stuth, beide CDU, haben in den vergangenen Wochen Chaos angerichtet, indem sie Kürzungen im Kulturbudget verkündeten und sich im ganzen Land Ahnungslosigkeit und Ignoranz bescheinigen lassen mussten. Schließlich nahmen sie die Kürzungen größtenteils wieder zurück oder verteilten sie wenigstens auf ein paar Jahre. Doch wer mit Künstlern und Politikern dieser Stadt spricht, erkennt, dass dieses Chaos nur das letzte Zucken einer Kulturstadt im Niedergang ist.
Hamburg hat ein Problem bekommen wie viele deutsche Großstädte, seitdem aus der Bonner die Berliner Republik geworden ist. Junge Menschen, deren Leben noch offen ist, solche, die der amerikanische Ökonom Richard Florida die "kreative Klasse" getauft hat, ziehen nach Berlin. Deutschland hat sich neu sortiert. Der kulturelle Föderalismus, der die alte Bundesrepublik ausgezeichnet hat, verschwindet mehr und mehr. Jetzt gibt es vor allem Berlin.
Es ist nicht so, dass Hamburg diese veränderte Lage nicht erkannt hätte. Nach der Jahrtausendwende fragte sich Deutschlands zweitgrößte Stadt, was sie eigentlich sein will, und erfand für sich ein Leitbild: "Wachsende Stadt". Es waren die expandierenden, in Glas und Stahl glitzernden asiatischen Städte, auf die man in Hamburg schielte - Städte wie Singapur, die ganze Stadtteile aus dem Boden emporwachsen ließen, Konzerthäuser auf dem Meer errichteten und gigantische Touristenzuwächse erzielten. Es sind Städte, die nicht organisch wachsen, sondern ökonomischen Vorgaben folgten: "Die Stadt als Unternehmen", auch das war ein Leitbild Hamburgs.
Aus den Roland-Berger-Büros im Hanseatic Trade Center sieht man viel Singapur. Nebenan steht der Rohbau der Elbphilharmonie, die einmal das aufregendste Konzerthaus der Welt werden soll, sie wird größer und immer schöner und teurer, doch niemand weiß, wer dort eigentlich auftreten soll. Drum herum erhebt sich die stetig wachsende Hafencity, das größte städtebauliche Projekt Europas, auch hier weiß noch niemand, ob es tatsächlich zur Belebung Hamburgs beitragen wird. Nach Norden hinter der Speicherstadt erstreckt sich eine immer sauberer werdende Innenstadt voller Modeketten und Systemgastronomie. Es ist nicht so, dass Hamburg das letzte Jahrzehnt verschlafen hätte, im Gegenteil, das ist ja das Tragische.
Die Touristenzahlen steigen stetig, Hamburg belegt inzwischen Platz 13 der beliebtesten europäischen Städte, vieles boomt in dieser Stadt. Nur eben eines nicht: ein vitales kulturelles Leben.
Das Deutsche Schauspielhaus, Deutschlands größte Sprechbühne, die in den achtziger Jahren unter Peter Zadek und auch in den Neunzigern zu den führenden Theatern des Landes gehörte, ist in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt und hat derzeit nicht einmal einen Intendanten. Die Galerie der Gegenwart, Teil der Kunsthalle und gepriesen als das Herzstück einer Museumsmeile, sollte im Sommer für Monate schließen, um Kosten zu sparen, das Geld für eigens kuratierte Großausstellungen fehlt schon lange. Die Reeperbahn, einst Geburtsstätte der Beatles, hat jede Rotlicht-Romantik verloren und ist zu einer Grölmeile für 99-Cent-Säufer verkommen. Das erfolgreichste Kulturereignis der Stadt ist das Musical "Der König der Löwen", das ist Kultur im Sinne des Singapur-Modells, Kultur, die sich rechnet - für Privatinvestoren. Und wenn Bürgermeister Ahlhaus über Kultur spricht, dann redet er von der "belebenden Wirkung für das Hotel- und Gaststättengewerbe".
Der Aderlass in den vergangenen zehn Jahren ist erschütternd: Zwei erfolgreiche Theaterintendanten, Frank Baumbauer und Ulrich Khuon, der Opern-Chef Ingo Metzmacher - alle weg. Regisseure wie Andreas Kriegenburg, Michael Thalheimer, Christoph Marthaler - arbeiten nicht mehr in Hamburg. Schauspieler wie Sven-Eric Bechtolf, Fritzi Haberlandt, Judith Rosmair, die Plattenfirmen Universal und Deutsche Grammophon - nicht mehr da. MTV, "Bild", die Deutsche Presse-Agentur - umgezogen nach Berlin. Subkultur-Institutionen wie der Mojo Club - abgerissen für ein neues Hochhaus. Blumfeld und Tocotronic, zwei der wichtigsten Popbands Deutschlands und Vertreter der Hamburger Schule - leben zur Hälfte in Berlin. Die Absolventen der Hochschule für Bildende Künste, immer noch eine der besten des Landes - ziehen überwiegend nach Berlin. Zuletzt verließ der Malerstar Daniel Richter, ein Kind der besetzten Hafenstraße, die Stadt, angeblich aus Protest gegen die Hamburger Kulturpolitik. Sogar der Weggang eines Musikers wie Marius Müller-Westernhagen wird beklagt. Fehlt nur noch Udo Lindenberg - aber auch der droht schon.
Das alles hat mit diesen roten und blauen Blasen zu tun, die bei Roland Berger im Hanseatic Trade Center auf dem Tisch liegen - also damit, dass Menschen, für die Bergers Wert "Thrill & Entertainment" wichtig ist, Hamburg verlassen haben.
Der Theatermann Ulrich Khuon ist seit vergangenem Jahr in Berlin. Neun Jahre führte er das Thalia Theater, das er zweimal zum "Theater des Jahres" machte, nun leitet er in der Hauptstadt das Deutsche Theater: "In Berlin sendet Klaus Wowereit das Signal: Kultur steht unter meinem Schutz. In Hamburg muss man jetzt mit einem Kultursenator diskutieren, als käme da jemand aus Kasachstan und sehe zum ersten Mal das Stadttheater-System."
Es sei eine hirnrissige Diskussion, sagt Khuon, wenn man einem Bürgermeister erklären muss, warum ein Stadttheater wirtschaftlich nicht wie "Der König der Löwen" funktioniere. "Wenn man träumen dürfte", sagt Khuon, "hätte man sich eine charismatische Figur gewünscht, die sagt: Hamburg ist eine Kulturstadt. Das infiziert dann die anderen Politiker. Es hat mit Leitfiguren zu tun. Die gibt es in Berlin. Herrn Ahlhaus interessiert das offensichtlich noch weniger als Ole von Beust."
Geht es also nur darum, dass charismatische Politiker den Kulturetat beschützen? Und umgekehrt, wenn sie das nicht tun, wenn die Zuschüsse gekappt werden, versinkt eine Stadt dann im kulturellen Nichts? Erscheint Berlin aufregend, weil die Theater dort mehr Subventionen bekommen (was im Übrigen nicht der Fall ist)? In Hamburg wird jede Eintrittskarte für das Schauspielhaus mit 85 Euro vom Steuerzahler bezuschusst. Im Altonaer Museum, das der Senat schließen wollte, sind es 300 Euro. Pro erwachsenen Besucher. Das ist ein ziemlicher Wahnsinn.
Geht es also um das Geld? Oder geht es darum, wie dieses weniger werdende Geld an die richtigen Menschen gelangt?
Der Mann, der darüber entscheidet, sitzt im Senatorenbüro jener Kulturbehörde, die ihn vor anderthalb Jahren als Staatsrat noch entlassen hatte, und trägt wie immer eine Fliege um den Hals. Reinhard Stuth, 54, dem entgegengehalten wurde, er verstünde nichts von Kultur, hat sich erst einmal Kunst ins Büro hängen lassen. Und er kann die Werke eines "befreundeten chinesischen Künstlers" sofort erklären. Damit ist er weiter als sein Bürgermeister Ahlhaus, der an seinem Schreibtisch neben einem Ölgemälde sitzt, aber nicht zu sagen weiß, von wem das Bild eigentlich ist.
Stuths Vorbild ist Bernd Neumann, der Kulturstaatsminister. Auch kein Kulturfachmann, aber trotzdem erfolgreicher als seine Vorgänger, sagt Stuth. Weil er weiß, wie er Gelder besorgt. Und wie man sie sinnvoll verteilt.
Mit seinen Kürzungen hat Stuth ein kleines Stuttgart 21 ausgelöst, 50 000 Unterschriften sammelten die Hamburger gegen seine Sparbeschlüsse und bildeten eine Menschenkette von der Finanzbehörde bis zur Elbphilharmonie. Er hat - zu spät - versucht, mit den Theaterleuten und den Museumsdirektoren zu reden, doch überall haben sie nur seine Kompetenz in Frage gestellt. Es ist schwer, in der Presse auch nur einen Artikel zu finden, der Stuths Arbeit verteidigt. Sogar Bürgermeister Ahlhaus sagt: "Die quälende Diskussion der letzten Wochen, das würde ich selbstkritisch einräumen, hat Hamburg geschadet."
Doch Stuth fällt nicht ein, was er hätte besser machen können. Er sagt, er habe die "wesentlichen Eckdaten der Sparbeschlüsse so vorgefunden". Also habe er in ein paar Tagen entscheiden müssen, wie er die geforderten 7 Millionen einspart. Da ist ihm das Schauspielhaus eingefallen, ein großer Etat, 20 Millionen, außerdem finden es ja eh alle schlecht: also minus 1,2 Millionen. Das Altonaer Museum? Verstaubt, an manchen Wochenenden nur sechs zahlende Besucher: also schließen. Außerdem die Büchereien: Muss es an jeder zweiten Ecke eine geben? Minus eine Million.
Es gibt für diese Beschlüsse Argumente, es gibt auch viele Gegenargumente, und Stuth hätte das sicher besser vorbereiten müssen. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Zerrissenheit der Stadt, zwischen ihren ehrgeizigen Ambitionen - den Leitbildern, dem Singapur-Modell, den 400 Millionen für die Elbphilharmonie - und den Niederungen der Kulturpolitik, wo plötzlich eine einzige fehlende Million die ganze Stadt erschüttert.
Ahlhaus und sein Kultursenator Stuth sind nur ein Symptom der Hamburger Misere. Es besteht traditionell eine ureigene Fremdheit zwischen der Kunst und der Politik. In Hamburg hat sie bloß ein bisher unbekanntes Maß erreicht. Kann man deswegen sagen, dass es früher besser war, als Bildungsbürger wie Klaus von Dohnanyi, später verheiratet mit einer Schriftstellerin, Bruder eines Dirigenten, die Stadt führte?
Man kann dazu in den Memoiren von Peter Zadek nachlesen. Zadek hat das Schauspielhaus von 1985 bis 1989 als Intendant geleitet, bis er darüber krank wurde und das Theater über Nacht im Stich ließ. Schon bevor er nach Hamburg kam, hatte Zadek als Regisseur einige Inszenierungen auf die Bühne gebracht, die das deutsche Theater verändert haben. Er war eine Starbesetzung für Hamburg, wie sie heute undenkbar wäre. Vor ein paar Jahren bekam man schon nicht mehr Matthias Hartmann, den heutigen Direktor des Wiener Burgtheaters, der damals von Bochum aus lieber in die Schweiz nach Zürich ging. Doch auch Zadek schreibt in seinen Erinnerungen von den "hoffnungslosen Todeskämpfen mit den Politikern, die sich für alles interessieren, nur nicht für Kultur, mit den furchtbaren Snobs und den furchtbaren Pelzmänteln, grauenhaft".
Hamburg ist eine Kaufmannsstadt. Das war sie schon immer. Eine Stadt, die 1720 Johann Sebastian Bach nicht als Organisten wollte. Die ihren Dom 1806 lieber abriss, als ihn zu renovieren. Und die erst 1919 ihre Universität gründete.
Wenn man Zadeks Erinnerungen an seine Hamburger Zeit liest, erkennt man viele der heutigen Frontverläufe, und doch wird da eine ferne, eine andere Zeit beschrieben, in der es in Hamburg tatsächlich mal brodelte; eine Zeit, in der junge Leute, die nach Blochings Schema "Thrill & Entertainment" suchten, nach Hamburg kamen.
Es war eine Stadt in einem anderen Land. Die alte Bundesrepublik war noch dezentral organisiert, Köln, die Stadt der Bildenden Kunst, München, die Stadt der Hochkultur, West-Berlin für die Aussteiger, und es gab Hamburg, die vielleicht wildeste Stadt, wo ein Häuserkampf um die Hafenstraße tobte, wo die Künstler hinkamen, Albert Oehlen, Martin Kippenberger; wo die Musikindustrie ihr Zentrum hatte und die wichtigste deutsche Popmusik entstand, die sogenannte Hamburger Schule.
Köln war die erste Stadt, die nach der Wiedervereinigung ihre Bedeutung verlor. Die Art Cologne, einst führende Kunstmesse der Welt, wurde eine nichtssagende Veranstaltung, die Galerien verließen die Stadt, die Künstler sowieso, nur das Privatfernsehen blieb. In Hamburg setzte der Verfall etwas später ein, um die Jahrtausendwende. Natürlich lag es an dem Sog nach Berlin, aber es lag auch daran, dass in dieser Zeit Hamburg begann, sich neu auszurichten.
Im Jahr 2001 löste die CDU zusammen mit den Rechtspopulisten der Schill-Partei die SPD ab. Sie begann, städtische Grundstücke meistbietend an Investoren zu verkaufen, oft aus dem Ausland, egal was die damit vorhatten. Die Stadt entglitt ihren Bürgern. Auch die Grünen, die inzwischen mit der CDU eine Koalition bilden, formulierten in ihrem Leitbild "Kreative Stadt" etwas ungelenk den neuen Zweck von Kultur: "Förderung von Kreativität, das ist die erste Herausforderung in einer Welt mit ständigem Wandel. Weil das so ist, haben die Künste eine ganz neue Bedeutung gewonnen. Die Entfaltung der Künste wird deshalb immer erkennbarer zum Schlüssel auch für den wirtschaftlichen Erfolg großer Städte."
Kultur in Hamburg ist ein Mittel für einen höheren Zweck. Der heißt Tourismus und damit Wirtschaftswachstum. Kultur ist sinnvoll, wenn sie sich eins zu eins in Tourismus übersetzen lässt. Das heißt nicht, dass dabei zwangsläufig schlechte Kultur herauskommen muss, es gab auch Ausstellungen wie die zu Mark Rothko oder Caspar David Friedrich.
Aber am Ende droht Singapur. Ein prachtvolles Konzerthaus, Musicals für die Touristen und ein Kulturleben, das sich Politiker am Reißbrett erdacht haben. Was es dort kaum gibt, ist eine Kultur für die Bürger, die in dieser Stadt leben. Sie ist der Treibstoff des öffentlichen Lebens, sie führt die Menschen in einer Stadt zusammen, sie schafft eine gemeinsame Öffentlichkeit, an den Sonntagnachmittagen in den Museen, abends in den Foyers der Theater und Opernhäuser oder in den Restaurants, wo es nicht ums Essen geht, sondern um die, die auch noch gekommen sind, nachts in den Bars, in denen sich Schriftsteller und Schauspieler betrinken. Das gibt es nicht in Singapur und in Hamburg auch kaum noch.
Schon vor Jahren hat der asiatische Stadtstaat ein gigantisches Konzert- und Theaterhaus am Singapore River gebaut. Jetzt soll eine National Art Gallery eröffnet werden, ein internationaler Architekturwettbewerb ist ausgeschrieben, Headhunter fahnden weltweit nach einem Museumsdirektor. Zwei Luxuscasinos sind errichtet worden, eine Louis-Vuitton-Insel und ein Park des Unterhaltungskonzerns Universal. Tatsächlich sind die Besucherzahlen allein in diesem Jahr bislang um 30 Prozent gestiegen, die Einnahmen aus dem Tourismus um 50 Prozent. Allerdings kostet das alles zusammen fast fünf Milliarden Euro.
Dieses Geld hat Hamburg nicht. Die Schulden der Stadt belaufen sich für das Jahr 2010 auf fast 22 Milliarden Euro. Rund 165 Millionen Euro stellt Hamburgs Kulturbehörde für ihre Kultureinrichtungen zur Verfügung, für Theater, Museen, Orchester. Und noch einmal fast genauso viel wie für alles andere zusammen für die Elbphilharmonie, 147 Millionen. Ohne sie bleiben für die Kultur nicht einmal zwei Prozent des Gesamthaushalts. Andere Städte, zum Beispiel Leipzig oder Dresden, investieren acht Prozent. Außerdem hat Hamburg als Stadtstaat kein Bundesland im Rücken, das, wie der Freistaat Bayern in München zum Beispiel, die Staatsoper weitgehend finanziert; es kann sich auch nicht auf 434 Millionen Euro Bundeszuschüsse verlassen wie Berlin.
In einem toten Winkel der Hafencity, dort, wo zwischen Lagerhallen, abgestellten Lkw-Anhängern und Graffiti Hamburg noch aussieht wie in einem "Tatort"-Krimi aus den achtziger Jahren, steht Egbert Rühl in einer Lagerhalle.
Er ist der Chef der Hamburger Kreativgesellschaft. Die Stadt hat sie vor einem halben Jahr gegründet, sie soll ein Bindeglied sein zwischen den Künstlern, die sich ja sonst nicht kontrollieren lassen, und der Stadt, die möchte, dass die Künstler etwas für das Image Hamburgs tun. Rühl ist aus Mannheim gekommen, wo er ein Jazzfestival geleitet hat. In der Lagerhalle hat er ein paar Luftballons aufhängen und stimmungsvolle Fotos an die Ziegelsteinwand pro-jizieren lassen. Seinen Vortrag hält er jetzt fast jeden Tag, gestern vor Literaten, davor vor Künstlern und heute vor Musikern.
Immer wieder muss Rühl erklären, warum Hamburg eine Kreativgesellschaft braucht. Kunst müsse wirtschaftlich erfolgreicher sein. Kunst nur für die Kunst, dafür kann sich keiner etwas kaufen in Hamburg. Er ist schon jetzt, nach nur einem halben Jahr, ein richtiger Hamburger geworden.
Die Lagerhallen am Oberhafen, am Rande der Hafencity, sollen bald an Künstler übergeben werden. Es ist ein Überflutungsgebiet, das nicht mit Büros bebaut werden kann. Kultureller Glanz soll die blutarme Hafencity bestrahlen.
Dort im Hanseatic Trade Center hat Björn Bloching seine Blasendiagramme nicht nur für Hamburg erstellt, sondern auch für Berlin und München. Das Berliner Profil ist geprägt von Geringverdienern, das Münchner ein maximalistisches Profil, wie Bloching sagt. Münchner wollen viel Unterhaltung, viel Geld ausgeben und wenig allein zu Hause herumsitzen.
"Hamburg hat ein eher rationales Profil", sagt er. "Der Hamburger hat ein überdurchschnittliches Bedürfnis nach Erlebnissen in der Gemeinschaft mit Freunden und Familie und eine überproportional hohe Wertschätzung für die Natur."
Classic, Clanning, Quality. Alles schön gemütlich. Herrje! Björn Bloching findet, dass sich daraus ein gutes Image bauen lässt. Doch es muss sich schärfen, "progressiver und cooler werden", wie er sagt. Er hat sich gerade ein Haus an der Rothenbaumchaussee umgebaut, er fährt gern Fahrrad.
Man kann aber auch am Hauptbahnhof den ICE nach Berlin nehmen. Er braucht 96 Minuten.
Von Philipp Oehmke und Martin Wolf

DER SPIEGEL 47/2010
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