29.11.2010

AIDS„Der Schutzeffekt ist viel zu niedrig“

Armin Schafberger, 47, Medizinreferent der Deutschen Aids-Hilfe, über eine neue Studie, die den Nutzen eines Medikaments zur HIV-Infektionsprophylaxe untersucht hat
SPIEGEL: Welche Botschaft geht von der Studie aus?
Schafberger: Die Prävention mit dem Mittel namens Truvada scheint prinzipiell zu funktionieren. Allerdings sind die Ergebnisse bei weitem nicht so gut wie erhofft, das geben die Forscher selbst zu.
SPIEGEL: Auf Kondome wird man also auch künftig nicht verzichten können?
Schafberger: Ein Verzicht wäre sogar fatal. Derzeit ist völlig ungewiss, ob man die Methode je wird empfehlen können. Noch ist der Schutzeffekt mit knapp 44 Prozent viel zu niedrig.
SPIEGEL: Gibt es Situationen, in denen die prophylaktische Einnahme des Mittels sinnvoll wäre?
Schafberger: Man könnte sich beispielsweise überlegen, ob man es 15- bis 21-jährigen Mädchen aus Südafrika gibt. Sie haben in diesem Alter ein sehr hohes Risiko, sich mit HIV zu infizieren. Vielleicht könnte man mit dem Präparat die Zeit überbrücken, in der sie besonders gefährdet sind. Allerdings ist es sehr fraglich, ob sie wirklich über Jahre hinweg täglich eine solche Tablette nehmen würden. Die Studie hat ja auch gezeigt, dass auf die Angaben der Teilnehmer oft kein Verlass war. Ein Teil der Medikamente ist sicher nicht geschluckt, sondern verkauft worden.
SPIEGEL: Würde das Medikament männlichen Sexarbeitern helfen, deren Freier auf Sex ohne Kondom bestehen?
Schafberger: Der Verzicht auf das Kondom wäre für sie sehr problematisch. Nicht nur wegen HIV, sondern auch wegen anderer sexuell übertragbarer Krankheiten.
SPIEGEL: Wie viel dürfte eine Prophylaxe-Pille denn kosten?
Schafberger: Das Mittel, um das es geht, ist sehr teuer. Zumindest in armen Ländern ist es dann schon zynisch, wenn das Medikament in einem Dorf für die Prävention bei Gesunden eingesetzt wird und im Dorf daneben das Geld für die Behandlung von HIV-Positiven fehlt.

DER SPIEGEL 48/2010
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