29.11.2010

IRLANDAnsichten einer Insel

Wie aus dem verträumtesten Land Europas eine Krisenregion wurde. Von Markus Feldenkirchen
Gut, dass Heinrich Böll das Trauerspiel nicht mehr mitbekommt. Würde er heute nach Irland reisen, hätte er sich vermutlich nicht in dieses Land verliebt, diese sympathische Insel mit ihren gut vier Millionen Einwohnern, dieses Idyll der Armut, diesen Sehnsuchtsort einer menschlicheren Welt. Ausgerechnet dieses Irland hatte sich den Turbokapitalismus an seine Küsten geholt. Und war ihm nicht gewachsen. Böll hätte die Welt nicht mehr verstanden.
"Hier schon nahm Europas soziale Ordnung andere Formen an", schrieb er in den fünfziger Jahren auf einer Fähre nach Dublin. Die irische Reisegesellschaft um ihn herum bezauberte ihn, er romantisierte, dass es quietschte. "Armut war nicht nur ,keine Schande' mehr, sondern weder Ehre noch Schande: sie war - als Moment gesellschaftlichen Selbstbewusstseins - so belanglos wie Reichtum; die Bügelfalten hatten ihre schneidende Schärfe verloren."
Der Text floss später in sein berühmtes "Irisches Tagebuch" von 1957 ein, in die Beschreibung einer rechtschaffenen Gesellschaft, bescheiden, genügsam und irgendwie glücklich. Es war eine bittersüße Liebeserklärung an die Insel und ihre Bewohner. Die Iren seien Weltrekordhalter beim Teeverbrauch, Kinobesuch und im Erzeugen von Priesternachwuchs, vermutlich auch beim Whiskeytrinken und Zigarettenrauchen, schrieb Böll voller Begeisterung. Er hatte einen Bericht über eine arme, aber intakte Welt verfasst, ein Land, in dem sich das Traurige mit dem Schönen verbündete, das Gebet mit dem Fluch, in dem die Poesie so wild wucherte wie die Resignation, und das sich trotz Hunger und Auswanderung und der Strenge der katholischen Kirche die Menschlichkeit bewahrt hatte.
Damals, Mitte der Fünfziger, war das "Irische Tagebuch" auch als Gegenentwurf zum rauen Nachkriegsdeutschland gedacht, zur Wirtschaftswunderzeit mit ihren neuen Götzen: Konsum, Wachstum, Kapital. Böll, der gute Mensch von Köln, und Irland, die gute Insel aus dem Norden, das passte zusammen. Schön war die Zeit. Bölls Insel war damals arm, aber nicht pleite. Heute ist es umgekehrt.
Mit der irischen Finanzblase platzt in diesen Wochen auch ein alter Traum der Deutschen. Wie kaum eine zweite Nation hatten sie die Insel und ihre Bewohner in ihr Herz geschlossen. Böll und seinem Tagebuch waren viele Bundesbürger in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren nach Irland gefolgt und hatten die Insel zu ihrem Sehnsuchtsort erkoren - zumindest jene Deutschen, die sich nicht für Goa oder Ibiza interessierten. Irland kam ihnen reiner und ehrlicher vor als die Heimat, hier waren die Wiesen noch saftig, Konzerne nicht vorhanden und die Menschen noch nicht vom Wohlstand verdorben. Sie hüteten Schafe, schrieben Gedichte und zapften Bier. Schöner, dachten die Deutschen, könne es nicht sein. Sie sangen das Lob auf die Rückständigkeit.
Dass die Iren selbst ihre Armut beklagten, verdrängten sie erfolgreich. Es galt den Traum von einem anderen Leben zu verteidigen, wenn es sein musste, auch gegen die Wirklichkeit. Noch heute weist die Statistik des irischen Tourismusbüros die Deutschen als treueste Besucher aus.
"Europas soziale Ordnung", um mit Bölls Worten zu sprechen, hat in Irland erneut "andere Formen" angenommen - wenn auch ganz andere als jene, von denen der Literat einst schwärmte. Seit Wochen hält die Insel nun den Kontinent in Atem, bringt den Euro ins Wanken und mit ihm das Fundament der Gemeinschaft. Dabei verband man mit Irland bislang anderes, dachte an Schafe und schwarzes Bier, an leicht verschrobene, aber gütige Menschen in dicken Wollpullovern, deren Hang zur Zockerei allenfalls beim Pferdewetten aufblitzte. Wie konnte aus dem verschlafensten Land Europas in kürzester Zeit diese Spielhölle werden, ein Paradies für Immobilienhaie, Investmentbanker und andere Finanzunwesen?
Kein Land im Westen Europas hat in den vergangenen 20 Jahren einen ähnlich dramatischen Wandel vollzogen - von der DDR einmal abgesehen. Das Schicksal der Insel zeigt, was geschieht, wenn alte Autoritäten bröckeln und ganz neue Kräfte auf eine Gesellschaft einwirken. Bis in die neunziger Jahre hinein stand Irland fest unter der Obhut der katholischen Kirche. Der Klerus bestimmte die Politik, das Schulwesen, das Eheleben. Er sprach mit, wenn Kneipenlizenzen vergeben oder Polizeistunden festgelegt wurden. Abtreibung war streng verboten, Kondome durften nur an Verheiratete verkauft werden, sich scheiden zu lassen war nicht möglich. Homosexualität stand sowieso unter Strafe.
Bis Ende der Achtziger hatte das Mittelalter in Irland seine letzte Nische gefunden, fernab vom Rest des aufgeklärten Kontinents. Jahrzehntelang hatte die katholische Kirche ihre keltische Festung gegen den Ansturm der Moderne verteidigen können. Dass das Land auch wirtschaftlich weit hinter dem Rest Europas herhinkte, lag nicht an spärlichen Bodenschätzen. Es lag vor allem am geistigen Klima.
Mit Beginn der Neunziger aber, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und mit Einsetzen der Globalisierung, musste die Kirche sich auch in Irland dem Wachwechsel fügen. Wie in allen geschlossenen Systemen hatten die Vertreter der Kirche ihre Macht schändlich missbraucht und so deren Verfall beschleunigt. Ein Untersuchungsbericht listete 15 000 Missbrauchsfälle durch geistliche Würdenträger für den Zeitraum von 1936 bis 1999 auf.
Auf den Katholizismus folgte der Kapitalismus. Im Moment einsetzender Orientierungslosigkeit bot er sich als neuer Leitstern an. Es dauerte nicht lange, bis Konsum und Gier ihren Kreuzzug auch in Irland vollendet hatten. Bald schon hatte die Kultur der Effizienz die Verschrobenheit verdrängt und die Wollpullover durch maßgeschneiderte Sakkos ersetzt.
Ende der Achtziger senkte die Regierung in Dublin den Steuersatz für Unternehmen auf zehn Prozent, und diese Zahl wirkte wie ein Magnet auf Unternehmer in aller Welt. Ähnlich wie die Iren hatten wenige Jahre zuvor auch die Chinesen gehandelt. Die Kommunistische Partei hatte kleine Kapitalismusparadiese geschaffen, in denen alles möglich war, was Unternehmern Spaß macht, und das ganze "Sonderwirtschaftszone" genannt.
In Dublin wurde in wenigen Jahren eine Art Nebenstadt errichtet, die Docklands, Irlands neue Finanzwelt. Neubaufassaden schossen am Ufer des Liffey-Flusses empor, zwischen den Backsteinbauten, die einst als Lagerhallen gedient hatten. Damals wurden in diesen Hallen echte Werte gelagert, Kaffee, Getreide, Wolle oder Schnaps. Später jonglierte man hier mit Finanzprodukten, die nicht mal ihre Erfinder erklären konnten.
Der Einladung in die "Sonderwirtschaftszone Docklands" war vor allem die internationale Finanzwelt gefolgt. Irland zog sie an, wie es einst die Hippies und Träumer und Heinrich Böll angezogen hatte. Viele Banken gründeten Zweckgesellschaften in Irland, um die riskantesten Geschäfte aus ihren heimischen Bilanzen auszulagern. Um es ihnen noch angenehmer zu machen, schaute kaum jemand in den Docklands vorbei, erst recht nicht der Staat. Auf einmal hatte das züchtige Irland etwas von einem Bordell, einem Ort, zu dem man geht, um die schmutzigen Sachen zu machen, die man sich zu Hause nicht traut.
Dennoch schien die neue Entwicklung ein Segen für das Land zu sein. Eine Aufbruchstimmung entstand, die Jugend erkannte plötzlich Möglichkeiten, die ihr lange verwehrt geblieben waren, sie gierte nach Bildung, ein kreativer Geist erwachte. Überall auf der Insel entstanden Start-up-Unternehmen, Irland importierte nicht nur Callcenter und Produktionsstätten, es entwickelte plötzlich eigene Ideen, vor allem in Bereichen der Elektronik und der Software-Entwicklung.
Die Wachstumsraten erreichten asiatische Ausmaße, weshalb die Insel bald "Keltischer Tiger" hieß. Mit dem Wohlstand wuchsen die Begehrlichkeiten. Dublin war bald umzingelt von neuen Eigenheimsiedlungen. An den Küsten wimmelte es auf einmal von bunten Häusern, die aussahen, als stammten sie aus amerikanischen Vorabendserien. Der Trend ging zum Zweithaus. Dass kaum eine der Immobilien finanziert, dass der neue Wohlstand zu großen Teilen geliehen war, wollten die Iren lange nicht wahrhaben. Es war wie so oft, wenn die Euphorie über die Vernunft triumphiert.
Die Insel war aus ihrem Jahrhundertschlaf erwacht, sie brummte nun, und obendrein nährte die EU mit ihren Fördermilliarden die schöne Illusion, die harten Zeiten seien für immer vorbei. Eine irische Großfamilie hatte fortan nicht mehr acht, sondern allenfalls zwei Kinder, Nachkommen waren nicht länger nötig, um ein Überleben im Alter zu sichern. Zum ersten Mal in der Geschichte kamen Fremde nach Irland, um am Reichtum teilzuhaben. Bis dahin waren Millionen Iren vor der Armut in die Fremde geflüchtet. So wurde aus dem Armenhaus in kürzester Zeit eines der teuersten Länder Europas. Touristen, die im Supermarkt Lebensmittel einkauften, fragten sich bisweilen, ob sie gerade einen Kleinwagen erworben hatten.
Trotz der Preise kam eine Erhebung der nationalen "Taskforce gegen Fettleibigkeit" vor kurzem zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der irischen Frauen und fast die Hälfte der Männer übergewichtig seien. Noch in den achtziger Jahren hatten die Iren zu den dünnsten Völkern Europas gezählt, nun stießen sie in Sachen Bauchumfang in deutsche Sphären vor. Ihr Wachstum hatte etwas Maßloses. Die Iren hatten sich nicht für die gemäßigte Variante des Kapitalismus entschieden, sondern für seine radikalste. Sie handelten aus dem Gefühl, dass sie nach Jahrhunderten der Entbehrung und Unterdrückung nun auch mal an der Reihe seien. Der Aufstieg Irlands folgte einem zutiefst menschlichen Impuls. Es war der ebenso simple wie nachvollziehbare Wunsch, endlich zu den Gewinnern zu gehören.
Wie überall auf der Welt, wo versucht wurde, natürliche Entwicklungen aufzuhalten, wo Dämme gegen die neue Zeit errichtet worden waren, brach sich auch in Irland die Moderne umso ungestümer Bahn. Es wirkte, als wolle ein Volk in Kürze nachholen, was ihm ewig verwehrt geblieben war. Dabei ist nichts so kompliziert wie der Umgang mit der Freiheit. Die Neufreien sind da den Neureichen sehr ähnlich. Es ist kein Wunder, dass in Irland ähnliche Kapitalismusexzesse stattfanden wie bei den lange unterdrückten Völkern Osteuropas.
Obwohl auf der Insel auch solide neue Unternehmen entstanden, setzten die politischen Eliten viel zu sehr auf ihre neue Finanzindustrie, das vermeintliche Geheimnis ihres Erfolgs. Auf jene Zauberbranche, die ihnen das erste Mal in ihrer Geschichte Wohlstand beschert hatte. Nur so lässt sich erklären, dass die Dubliner Regierung zu Beginn der Finanzkrise jene Blankochecks an die heimischen Banken ausstellte, die nun den ganzen Staat und mit ihm den Euro ins Wanken bringen. Das kleine Irland wollte seine Banken retten, obwohl es ihrer Größe nicht gewachsen war.
Der keltische Tiger liegt nun da wie ein entkräftetes Kätzchen, zerzaust, geschlagen. Die Deutschen sollten es gütig behandeln, so wie man junge Katzen behandelt, die toben wollten und über die Stränge schlugen, die etwas ausprobieren wollten, was sie bislang nicht kannten. Man haut ihnen auf die Pfoten, stellt neue, strengere Spielregeln auf, gibt ihnen Milch und hofft auf Läuterung.
Und dann sollte man das Sorgenkind weiter besuchen. "Es gibt dieses Irland", hatte Heinrich Böll seinem Tagebuch vorangestellt. "Wer aber hinfährt und es nicht findet, hat keine Ersatzansprüche an den Autor." ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 48/2010
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