06.12.2010

ZEITGESCHICHTEUnkenntnis und Ignoranz

Der Bericht einer Historikerkommission sollte den Streit um die Nazi-Vergangenheit des Auswärtigen Amts befrieden. Das Gegenteil ist der Fall: Historiker laufen Sturm gegen den Bestseller.
Der Auftritt von Außenminister Guido Westerwelle in der Bibliothek seines Amtes war sorgfältig vorbereitet. Mitarbeiter räumten rechtzeitig die Bücher aus den Regalen, die vor 1945 erschienen waren.
Schließlich wollte FDP-Mann Westerwelle an jenem Donnerstag Ende Oktober das Buch einer Historikerkommission entgegennehmen, in dem die Geschichte des Auswärtigen Amtes in der Nazi-Zeit und den Nachkriegsjahrzehnten aufgearbeitet werden sollte. Nicht auszudenken, wenn der Chef bei der feierlichen Übergabe ausgerechnet vor NS-Literatur fotografiert worden wäre.
Was die vier Wissenschaftler herausgefunden hatten, klang ungeheuerlich. Das Außenamt habe an den Verbrechen des Hitler-Regimes an zentraler Stelle mitgewirkt, fast alle Diplomaten seien Täter gewesen. Der Marburger Historiker Eckart Conze hatte als Kommissionssprecher im SPIEGEL (43/2010) sogar kurz vor der Veröffentlichung des Berichts ("Das Amt") das gesamte Auswärtige Amt kurzerhand zur "verbrecherischen Organisation" erklärt.
Die spektakulären Thesen Conzes und seiner Kollegen Norbert Frei aus Jena, des US-Historikers Peter Hayes und des Israeli Moshe Zimmermann katapultierten den Geschichtswälzer umgehend auf die Bestsellerlisten. So groß war die öffentliche Zustimmung zu den scheinbar sensationellen Erkenntnissen, dass auch der Außenminister alle Zurückhaltung fahrenließ.
Er stelle sich hinter die "eindrücklichen und schockierenden" Ergebnisse des Kommissionsberichts, verkündete Westerwelle vor den gereinigten Regalen. Eine Arbeitsgruppe unter Leitung eines Staatssekretärs bekam den Auftrag, "aus den Ergebnissen dieser Studie die richtigen Konsequenzen zu ziehen". Alle Broschüren und Internetseiten des Amtes und der Auslandsvertretungen, die sich mit der eigenen Geschichte im "Dritten Reich" beschäftigen, stehen seitdem auf dem Prüfstand.
Westerwelles Vorvorgänger, der Grüne Joschka Fischer, hatte Conze und dessen Mitstreiter im Jahr 2005 beauftragt. Ihr Bericht sollte den erbittert geführten Streit um die Vergangenheit des Amts endlich befrieden. Doch davon ist sechs Wochen nach seiner Veröffentlichung keine Rede mehr.
Denn inzwischen haben alle möglichen Experten damit begonnen, die 880 Seiten mit den mehr als 2000 Fußnoten zu überprüfen. Was sie nun fast täglich in Interviews, Beiträgen und Leserbriefen vorbringen, ist durchweg kritisch, zum Teil vernichtend.
Hans Mommsen, der deutsche Altmeister unter den NS-Forschern, erklärte vergangene Woche, das Buch löse bei ihm "Entsetzen" aus, es sei voller "massiver Fehler". Fachleute wie Johannes Hürter vom renommierten Institut für Zeitgeschichte in München finden Passagen des Werks "bodenlos". Sein Mainzer Kollege Sönke Neitzel wirft Kommissionssprecher Conze sogar "Geschichtspornografie" vor, weil er das Amt als "verbrecherische Organisation" bezeichnet hatte. Conze sei es offenbar nur darum gegangen, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.
Andere Wissenschaftler sprechen von "Oberflächlichkeit" (Henning Köhler), "Unkenntnis oder Ignoranz der Aktenlage" (Gregor Schöllgen), "Einseitigkeit" (Christian Hacke) oder sehen in Teilen "schlichtweg Unsinn" (Daniel Koerfer).
Die Kritik richtet sich gegen zentrale Thesen, bemängelt wird aber auch, dass wissenschaftliche Standards nicht eingehalten worden seien.
So wirft Schöllgen der Kommission vor, häufig Dokumente aus dem Archiv des Ministeriums zu zitieren, die seit langem ediert vorliegen. Damit werde der Eindruck erweckt, sie präsentiere Unbekanntes. Zudem erscheine es so, als hätte das Amt die eigene Geschichte nicht ausreichend dokumentiert. Kritiker Mommsen riet seinen Professorenkollegen daraufhin vergangene Woche öffentlich zum Besuch eines "historischen Proseminars", das normalerweise Studienanfängern vorbehalten ist.
Der Zorn des Emeritus ist verständlich, denn "Das Amt" enthält eine Reihe merkwürdiger Thesen, vor allem in dem Teil über den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust, für den Zimmermann verantwortlich zeichnet. Der Professor aus Jerusalem ist nicht nur für differenzierte Urteile bekannt. So erklärte er vor kurzem mutig, die gesamte "deutsche Gesellschaft zwischen 1933 und 1945" sei eine "verbrecherische Organisation oder eine verbrecherische Gesellschaft" gewesen.
In dem Bericht heißt es nun, schon Anfang 1939, also wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, habe den deutschen Diplomaten "klar sein müssen", dass ihre Behörde die "physische Vernichtung" der Juden anstrebe. Wo doch Hitler in einer Rede für den Fall eines Weltkriegs mit der "Vernichtung der jüdischen Rasse" gedroht habe.
Was plausibel klingt, entspricht in Wahrheit nicht dem Stand der Forschung. Denn damals setzte Hitler noch auf die Vertreibung der Juden aus Deutschland und wollte diese offenbar befördern. Es gibt keinen Beleg für die These, dass Hitler oder sein Außenminister Joachim von Ribbentrop - an deren Gewaltbereitschaft niemand zweifelt - zu diesem Zeitpunkt den Holocaust konkret geplant hätten. Er wisse gar nicht, ätzt Mommsen, "wie man zu einer solche Fehlinterpretation gelangen kann".
An anderer Stelle schreiben die Autoren, das Außenministerium habe sogar "die Initiative zur Lösung der ,Judenfrage' auf europäischer Ebene" ergriffen und sei an der Entscheidung für den Judenmord "direkt beteiligt" gewesen. Sie verweisen auf ein Treffen zwischen Hitler und Ribbentrop am 17. September 1941. Schönheitsfehler dieser Deutung: Bis heute ist nicht bekannt, was die beiden miteinander besprochen haben.
In diesen Passagen wird das Bemühen der Historikerkommission deutlich, dem Auswärtigen Amt eine Schlüsselrolle im Holocaust zuzuweisen. Dabei bestreiten auch die Kritiker nicht, dass Diplomaten zu Komplizen wurden, doch das ist seit Jahrzehnten bekannt. Immer wieder fragte das Reichssicherheitshauptamt - die Terrorzentrale der SS - im Auswärtigen Amt an, ob das Ministerium aus außenpolitischen Gründen gegen die Deportation von Juden etwa aus Frankreich oder Belgien Einwände erhebe.
Doch der Großteil der Holocaust-Opfer stammte aus Polen und der Sowjetunion. Bei ihrer Ermordung spielte das Ministerium keine Rolle. Und in den anderen Teilen Europas gab "die SS und nicht das Auswärtige Amt Tempo und Umfang des Mordens vor", sagt Experte Hürter. Selbst Kommissionssprecher Conze räumt ein, dass der Holocaust auch ohne das Auswärtige Amt erfolgt wäre.
Umstritten ist zudem, in welchem Ausmaß sich die zeitweise über 6000 Angehörigen des Außenamts an den Verbrechen beteiligten und welche individuelle Verantwortung der Einzelne trug. Neitzel wirft der Kommission vor, sie habe "der Versuchung nicht widerstehen können, die Gesamtheit des diplomatischen Dienstes abzuqualifizieren".
Die Kommission hat sich ihr Urteil in der Tat oft leichtgemacht. Etwa im Fall des Diplomaten Franz Krapf, der zwar sowohl der NSDAP als auch der SS angehörte, allerdings von 1940 an in Tokio eingesetzt war, also weitab vom Geschehen. Obwohl die Kommission ausdrücklich festhält, sie wisse nicht, was er dort genau getrieben habe, schreibt sie, es sei "aber klar", dass auch im fernen Ostasien deutsche Diplomaten mit dem Holocaust beschäftigt gewesen seien.
Manchmal wird das Bild auch schief, weil wichtige Informationen fehlen. Der Berliner Historiker Koerfer hat auf den Diplomaten Karl Klingenfuß verwiesen, der 1942 zum sogenannten Judenreferat des Auswärtigen Amts versetzt wurde und nach wenigen Monaten um seine Entlassung aus dem Referat bat, als ihm klar wurde, was den deportierten Juden bevorstand. Er kam schließlich nach Bern. Im Kommissionsbericht ist dieser Teil der Geschichte nicht zu finden.
Oder Manfred Klaiber, nach dem Krieg Botschafter Bonns in Rom und Paris. Er wird in "Das Amt" als Mitglied einer Gruppe aufgeführt, gegen die Staatsanwaltschaften in den sechziger Jahren "(Vor-)Ermittlungen" eingeleitet hatten. Da in diesem Zusammenhang viele schwerbelastete Diplomaten genannt werden, entsteht der Eindruck, auch Klaiber habe Dreck am Stecken.
Klaiber war ins Visier der Strafverfolger geraten, weil er 1942 an der Versenkung eines bulgarischen Schiffs mit jüdischen Flüchtlingen im Schwarzen Meer beteiligt gewesen sein soll. Das Verfahren wurde mangels Tatverdacht eingestellt. Inzwischen weiß man, dass die Sowjets das Schiff versenkten, die offenbar nicht wussten, wen es transportierte. Im Kommissionsbericht steht davon kein Wort.
Auftraggeber Fischer sagt heute, er habe 2005, als er die Kommission einsetzte, erfahrene Experten im Team haben wollen. Den Großteil des Manuskripts haben allerdings Mitarbeiter der vier Kommissionsmitglieder erstellt.
In der Historiker-Szene wird inzwischen genüsslich kolportiert, dass Conze, Frei, Hayes und Zimmermann den Lesesaal des Ministeriumsarchivs entweder gar nicht oder für gerade einmal einen Tag betreten hätten.
Conze verteidigt sich, man habe die Dokumente eben in einer Datenbank zusammengetragen. Darunter auch angeblich unbekannte Papiere wie ein Schreiben vom 6. Mai 1936 des damaligen Gesandten in Bern, Ernst von Weizsäcker, Vater des späteren Bundespräsidenten Richard. Der Diplomat erklärte darin, er habe "keine Bedenken", den Schriftsteller Thomas Mann auszubürgern.
Das Dokument findet sich in den Ausbürgerungsakten Manns, und die zählen zu jenen Archivalien, die man im Archiv des Auswärtigen Amts bereits seit Jahren gern zeigt - vor allem Besuchergruppen.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 49/2010
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