06.12.2010

AUTORENKafka in Tekirdag

Nach 19 Jahren im deutschen Exil reist Dogan Akhanli nach Istanbul, sein Vater liegt im Sterben. Doch der Schriftsteller wird festgenommen, der Staat hat noch eine Rechnung mit ihm offen.
Das Gefängnis von Tekirdag steht wie eine Festung in der kargen, menschenleeren Hügellandschaft Thrakiens. Die Strafanstalt zwei Autostunden westlich von Istanbul gehört zu den modernsten und bestgesicherten Gefängnissen des Landes. Wer hier einsitzt, ist in der Regel ein Mitglied der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK oder wird dem organisierten Verbrechen zugeschrieben. Tekirdag ist ein Knast für Staatsfeinde.
Auch der Mann, der zurzeit im Block A, Einzelzelle AIT 77, sitzt, gilt der türkischen Staatsanwaltschaft als Schwerverbrecher. Der deutsch-türkische Schriftsteller Dogan Akhanli, 53, soll versucht haben, die "verfassungsmäßige Ordnung mit Gewalt auszuheben" und darüber hinaus für einen Mord und einen versuchten Raubüberfall verantwortlich sein. Behalten die Ankläger recht, droht dem Kölner Autor "lebenslänglich".
In Wahrheit aber ist der Fall Akhanli ein Justizskandal. Selbst für türkische Verhältnisse waren die Beweise gegen einen prominenten Häftling selten so dünn und die politischen Motive für seine Verhaftung so offensichtlich wie bei Akhanli. Freunde des Schriftstellers, Günter Grass etwa, Günter Wallraff und Claudia Roth, sprechen von einer "Rache bestimmter türkischer Justizkreise".
Wallraff, der als Autor des Gastarbeiter-Buchs "Ganz unten" in der Türkei hohes Ansehen genießt, will sich den Prozess, der an diesem Mittwoch vor dem Schwurgericht Beşiktaş in Istanbul beginnt, selbst ansehen: "Ich fühle mich da sehr gefordert, auch persönlich. Ich hoffe, dass das Gericht erkennt, dass es keinerlei Grundlage für eine Verurteilung gibt."
Am 10. August war Akhanli nach 19 Jahren im deutschen Exil in die Türkei zurückgekehrt. Sein Vater lag im Sterben. Akhanli kannte das Risiko, er wusste, dass er in der Türkei als Vaterlandsverräter gilt. Noch am Flughafen wurde er festgenommen. "Damit habe ich gerechnet", sagt er. "Aber auch, nach kurzer Zeit wieder freigelassen und nicht womöglich ein Leben lang weggesperrt zu werden. Ich dachte, mein Land sei heute freier, demokratischer."
Akhanlis Geschichte beginnt in den unruhigen achtziger Jahren. Als linker Polit-Aktivist schließt er sich nach dem Militärputsch von 1980 der illegalen "Revolutionären Kommunistischen Partei der Türkei" TDKP an und kämpft aus dem Untergrund gegen die Junta. 1985 wird er verhaftet, wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation verurteilt und im berüchtigten Militärgefängnis von Istanbul gefoltert.
Nach drei Jahren entlässt ihn das Regime, bespitzelt ihn jedoch weiterhin aufmerksam als potentiellen Staatsfeind. 1991 flieht er mit seiner Frau und den zwei Kindern nach Deutschland, wo er als politischer Flüchtling anerkannt wird. In Köln fängt er an zu schreiben, hier entsteht seine Trilogie "Die verschwundenen Meere", in der er schonungslos mit der Geschichte seines Landes abrechnet.
Ausführlich beschäftigt sich Akhanli darin mit der Frage, warum Gewalt, Folter und Willkür bis heute Realität in der Türkei sind. Für den Autor steht fest: Der Ursprung liegt in der Leugnung und Verdrängung des Völkermordes an den Armeniern. Im dritten und bislang einzigen ins Deutsche übersetzten Band der Trilogie - "Die Richter des jüngsten Gerichts" - beschreibt Akhanli den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts und begeht damit einen unerhörten Tabubruch.
So ist der Regimekritiker nicht wirklich erstaunt, als er von Freunden aus der Heimat erfährt, dass er auf einer türkischen Fahndungsliste steht. Akhanli wird verdächtigt, an einem Raubüberfall mit Todesfolge beteiligt gewesen zu sein.
Dabei geht es um den Überfall auf eine Istanbuler Wechselstube im Oktober 1989. Ein Mann kam damals ums Leben, doch die flüchtenden Täter wurden nie gefasst und der Fall schon nach drei Wochen zu den Akten gelegt.
Erst drei Jahre später, 1992, rollen Ermittler den Fall wieder auf. Obwohl der Überfall zuvor nie mit einer politischen Aktion in Zusammenhang gebracht worden war, ermitteln jetzt Angehörige der türkischen Anti-Terror-Polizei. Die Beamten laden zwei Hauptbelastungszeugen vor: Einer von ihnen, ein Links-Aktivist namens Hamza Kopal, sagt aus, die Tat gemeinsam mit Dogan Akhanli geplant und begangen zu haben.
Kopal kennt Akhanli, er weiß, dass dieser im sicheren Exil in Deutschland sitzt. Nur deshalb, sagt er später, habe er den Namen seines Freundes angegeben. Doch dieses Geständnis zieht Kopal nach wenigen Monaten zurück, weil es, wie er sagt, unter Folter von der Polizei erpresst worden sei. 1994 werden Kopal und der andere Hauptbelastungszeuge von allen Vorwürfen freigesprochen. Nur Akhanli ist jetzt noch verdächtig.
Für die türkische Anti-Terror-Polizei ist der Raubüberfall keine kriminelle, sondern eine politisch motivierte Straftat. Akhanli, so behaupten die Ermittler, habe den Überfall als führendes Mitglied einer obskuren Terrorgruppe namens THKP-YKB-HKG begangen, um einen revolutionären Umsturz zu finanzieren. Dass diese Organisation laut Angaben des türkischen Innenministeriums erst 1991, also zwei Jahre nach dem Überfall, gegründet wurde, nehmen die Beamten gar nicht zur Kenntnis.
Für Akhanlis Anwalt Haydar Erol ist die Inszenierung des Falls dafür umso offensichtlicher: "Leider hat unsere Polizei ein Talent, ungelöste Straftaten vor allem Linken in die Schuhe zu schieben. Das ist praktisch: So kann man sich gleichzeitig eine liegengebliebene Akte und einen politischen Feind vom Hals schaffen."
Doch im Fall Akhanli haben nicht nur die beiden Hauptbelastungszeugen ihre Aussagen zurückgezogen. Auch die Söhne des Opfers, die zur Tatzeit in der Wechselstube waren, erklärten später, sie hätten die Täter nicht identifiziert. Akhanli, sagte einer der beiden kurz nach der Festnahme des Autors im August, sei es jedenfalls nicht. Man möge, so der Mann, doch bitte endlich "die wahren Mörder" seines Vaters finden.
Nur ein einziges Indiz gegen seinen Mandanten, so Erol, tauche heute noch in der Anklage der Staatsanwaltschaft auf: die unter Folter erpresste Aussage des Zeugen Kopal.
Eine Beweislage, so dürftig, dass es wohl in keinem Land der Europäischen Union, der die Türkei beitreten will, auch nur zu einem Prozess kommen würde. Anders in Istanbul. "Leider", sagt der Anwalt, "geht es hier nicht um die Aufklärung eines Verbrechens. Es geht um eine Machtdemonstration revanchistischer Kreise in der Türkei."
Was der Anwalt damit meint, zeigt ein Blick auf die am Prozess beteiligten Juristen. Zu ihnen gehören die Richter Şeref Akçay und Oktay Açar, von einem Prozessbeobachter als "knallharte Stahlhelmkemalisten" bezeichnet. Beide machten Anfang des Jahres auf sich aufmerksam, als sie Dutzende türkische Offiziere freisprachen, die in einen Putschplan gegen die Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan beteiligt gewesen sein sollen.
Auch Staatsanwalt Hüseyin Ayar nimmt die entlastenden Aussagen der Zeugen nicht zur Kenntnis. "Damit wollen die Putschisten und ihre Anhänger demonstrieren, dass sie immer noch die juristische Macht besitzen und Menschen nach Belieben verurteilen können", sagt Halil Ibrahim Özcan von der türkischen Sektion des Schriftstellerverbandes PEN.
"Ich komme mir vor wie Franz Kafkas Romanfigur Josef K.", schrieb Akhanli dem SPIEGEL Anfang Oktober aus seiner Zelle in Tekirdag. "Wäre ich nicht von einer lebenslangen Haftstrafe bedroht, wäre diese Anklage eigentlich ein amüsantes Stück Literatur."
Zwei Monate später ist jedoch auch der letzte Rest von Akhanlis Humor verflogen. Er verspüre im Moment nur noch Wut und Trauer, sagt er seinem Anwalt Erol. Am 27. November überbrachte er seinem Mandanten eine niederschmetternde Nachricht: Sein Vater, den zu besuchen er gekommen war, ist gestorben.
Zur Beerdigung konnte Akhanli nicht erscheinen. Ein Antrag auf Hafturlaub wurde abgelehnt.
Von Volker Hage und Daniel Steinvorth

DER SPIEGEL 49/2010
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