06.12.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich habe einen Notfallplan“

Der Finanzmagnat und Medienunternehmer Alexander Lebedew über die Geheimdienstattacke gegen seine Holding und seine Expansion auf dem britischen Zeitungsmarkt
SPIEGEL: Herr Lebedew, warum wurden Sie Anfang November in Ihrer Bank zum unfreiwilligen Helden einer sogenannten Maskenshow, einer Razzia von Männern mit schwarzen Gesichtsmasken und Maschinenpistolen?
Lebedew: Weltweit tragen zwei Gruppen solche Masken. Spezialeinheiten beim
Einsatz gegen Terroristen oder aber Terroristen und Verbrecher bei ihren kriminellen Handlungen. In Russland hat man noch eine dritte Variante erfunden: Jemand wollte mich einschüchtern.
SPIEGEL: Wer verbarg sich hinter den Masken?
Lebedew: Die Herren stellten sich nicht vor, obwohl sie neun Stunden unsere Büros durchsuchten. Inzwischen wissen wir, dass es die Wirtschaftssondereinheit "K" des Inlandsgeheimdienstes FSB war, die zuvor schon den Vize-Finanzminister festgenommen und Großunternehmer ins Exil gedrängt hat. Offenkundig hat sich jemand sehr geärgert und mir ein Signal geschickt, damit ich Russland verlasse.
SPIEGEL: Wer steckt hinter der Aktion?
Lebedew: Wir werden sehen. Man kann mich schwerlich dafür abstrafen, dass ich in Russland die größte Kartoffelfabrik Europas gebaut habe, erschwingliche Wohnungen anbiete oder meine Fluglinie Red Wings als einzige Flieger aus russischer Produktion kauft. Meine Bank ist absolut transparent. Nennen Sie mir also einen Grund für diese Attacke außer der Tatsache, dass ich auch Verleger und Journalist bin.
SPIEGEL: Wie wäre es damit? Seit Monaten liegt der Verkauf Ihrer Anteile an der staatlichen Fluglinie Aeroflot auf Eis. Vielleicht wollte man Sie zwingen, günstiger zu verkaufen?
Lebedew: Quatsch. Ich bin seit langem bereit, die Aeroflot-Beteiligung mit einem Discount abzugeben, also zu einer friedlichen Scheidung. Premier Wladimir Putin hat das alles abgesegnet, ein Minister mauert.
SPIEGEL: Eines Ihrer Blätter hat im April 2008 über eine angebliche Liebesaffäre Putins mit einer Spitzenturnerin berichtet. Wollte sich der Premierminister an Ihnen rächen?
Lebedew: Ich habe mehrfach gesagt, dass ich mit dieser Sache nichts zu tun hatte. Warum hätte Putin zweieinhalb Jahre warten sollen?
SPIEGEL: Er hat ein gutes Gedächtnis.
Lebedew: So bösartig ist er nicht.
SPIEGEL: Ein Reporter des Enthüllungsblatts "Nowaja gaseta", das Sie mit Michail Gorbatschow zusammen betreiben, hat den Gründer von WikiLeaks in Skandinavien getroffen. Hatten die Moskauer Sicherheitsdienste Befürchtungen, Sie könnten kompromittierende Dokumente aus Russland verbreiten?
Lebedew: Weil wir investigativen Journalismus betreiben, treffen wir viele Leute. Von der Initiative der "Nowaja gaseta" habe ich aber nichts gewusst. Zudem halte ich die Veröffentlichung militärischer Dokumente aus Afghanistan für bedenklich. Sie kommt einer Parteinahme für die Taliban nahe. Wir kooperieren aber gern mit allen, die uns Unterlagen zur weltweiten Korruption zur Verfügung stellen. Über Korruption in Russland jedoch haben wir selbst weit mehr Material als WikiLeaks.
SPIEGEL: Eben, und die Regierung fürchtet, dass Sie das über WikiLeaks verbreiten.
Lebedew: Ich zweifle daran, dass die Marke WikiLeaks meine Medien nennenswert voranbringen würde.
SPIEGEL: Sie verstehen sich als Journalist. Recherchieren Sie auch selbst?
Lebedew: Ja, einige meiner Recherchen laufen Jahre. Manchmal stelle ich Detekteien an. Demnächst wird es in Spanien eine Veröffentlichung geben. Da stecken elf Jahre Arbeit drin. Es geht um Geldwäsche in Europa, ein früherer spanischer Polizeichef kam ins Gefängnis, seine rechte Hand tauchte mit Geld unter. Wir haben ihn nun unter anderer Identität aufgespürt, nachdem er in Thailand seinen eigenen Tod vorgetäuscht hatte.
SPIEGEL: Führen die Spuren nach Russland, oder warum befassen Sie sich damit?
Lebedew: Ja. Die Welt der Korruption ist sehr klein. Dem amerikanischen Milliardär Allen Stanford wird vorgeworfen, er habe sich 7 Milliarden Dollar unter den Nagel gerissen, Bernard Madoff 20 Milliarden. Vorwürfe gibt es auch gegen den Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow mit seiner Frau und den russisch-ukrainischen Gashändler RosUkrEnergo. Die leugnen das natürlich. Aber wir sprechen über eine Billionensumme weltweit.
SPIEGEL: Können Journalisten die Korruption besiegen?
Lebedew: Sie leisten einen wichtigen Beitrag. Weil die Korruption ein weltweites Phänomen ist, muss sie auch weltweit bekämpft werden. Ich werde deshalb am 9. Dezember in Berlin die Gründung einer globalen Stiftung für investigativen Journalismus verkünden, die nach Michail Gorbatschows Glasnost benannt werden soll, länderübergreifende Recherchen organisiert und jährlich einen Preis vergibt.
SPIEGEL: Fürchten Sie, dass Sie nach der Maskenshow krimineller Machenschaften beschuldigt werden?
Lebedew: Ich brenne darauf. Vielleicht wollen die mir am Ende noch Drogen oder Waffen unterschieben. Dazu braucht man eine reiche Phantasie.
SPIEGEL: Mitnichten. Oligarchen, die dem Kreml in die Quere kommen, landen entweder in sibirischer Lagerhaft wie der ehemalige Ölmagnat Michail Chodorkowski oder im Exil im Ausland. Denken Sie daran, Russland zu verlassen?
Lebedew: Ich habe einen Notfallplan, weil ich Familie und ein kleines Kind habe. Ich bin aber Druck gewohnt. Ende der neunziger Jahre hat man mich schon einmal in die Mangel genommen. 25 000 Stunden wurden meine Mitarbeiter verhört, mein Schwiegervater war so verängstigt, dass er einen Herzinfarkt bekam. Aber ich plane keine Flucht. Russland ist nicht Nordkorea. Wer mich ins Gefängnis werfen will, soll wissen, dass einige der führenden Medien der Welt eine CD mit interessanten Dingen öffnen können.
SPIEGEL: Kaufen Sie deshalb Medien in England wie das Traditionsblatt Evening Standard" oder den "Independent", obwohl die Zeitungsbranche dort nicht gerade boomt?
Lebedew: Nein. Ich glaube an die Zukunft des gedruckten Wortes. Mit dem "Evening Standard" werden wir bald Gewinn machen. Wir haben die Auflage auf 800 000 mehr als verdreifacht, indem wir das Blatt gratis vertreiben.
SPIEGEL: Konkurrenzblätter sehen Sie als Mann Putins, der im Kreml-Auftrag Meinungsmacht in England aufkauft.
Lebedew: Das ist so wenig richtig wie schmeichelnde Berichte, die mich zu einem zweiten Michail Chodorkowski oder gar Andrej Sacharow stilisieren, unseren Dissidenten und Friedensnobelpreisträger.
SPIEGEL: Auch Ihr verlegerisches Engagement bei der "Nowaja gaseta" gibt Rätsel auf. Halten Sie sich das Blatt, um Ihre Geschäftsinteressen zu befördern?
Lebedew: Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Meine Medien schaden meinen Geschäftsinteressen. Ich verärgere Minister, Gouverneure, die Staatsbürokratie. Auch dieses Gespräch mit dem SPIEGEL wird mich hier in Russland nicht schützen, sondern für Irritationen sorgen. Ich hätte mir jede Menge Kopfschmerzen, die 50 Millionen Euro für britische Zeitungen und die 35 Millionen für die "Nowaja gaseta" auch sparen können.
SPIEGEL: Warum also finanzieren Sie dieses regierungskritische Blatt, das seit seiner Gründung fünf ermordete Mitarbeiter zu beklagen hat, darunter Anna Politkowskaja?
Lebedew: Sie starben, weil sie ihre Arbeit machten und Dinge aufdeckten. Mein Engagement halte ich für meine Bürgerpflicht. Die Korruption ist das größte Hindernis für die Entwicklung der Demokratie in Russland. Sie bedroht aber auch Deutschland.
SPIEGEL: Was konkret meinen Sie?
Lebedew: Ich wundere mich schon, dass Parlament und Bundeskanzlerin sich wenig dafür interessierten, woher das russische Geld zur angeblichen Rettung der Wadan-Werften in Mecklenburg-Vorpommern kam. Da war offenbar Geldwäsche im Spiel.
SPIEGEL: Sie haben 2003 für das Bürgermeisteramt in Moskau kandidiert und wollten vor knapp zwei Jahren Bürgermeister der Olympiastadt Sotschi werden. Haben Sie heute noch politischen Ehrgeiz?
Lebedew: Ich bin kein Tagträumer. Um solche Ambitionen zu haben, braucht es ein offeneres politisches System. Unsere Parteien aber sind nicht mehr als Attrappen. Das Parlament erfüllt seine ureigenste Pflicht nicht, die Regierung zu kontrollieren. Und die Justiz ist nicht unabhängig. Natürlich sind selbst solche Zustände noch weit besser als zu Sowjetzeiten. Aber dennoch: Russland hat Besseres verdient, freie Wahlen, freie Parteien, freie Informationen.
SPIEGEL: Sehen Sie denn Fortschritte unter Präsident Dmitrij Medwedew, der liberale Reden hält und der "Nowaja gaseta" ein Interview gegeben hat?
Lebedew: Weitere Rückschritte jedenfalls kann sich Russland nicht leisten. Sonst sinken wir irgendwann auf den Status von Papua-Neuguinea.
SPIEGEL: Russland ist immerhin eine Atom- und Energieweltmacht.
Lebedew: Ja, ein zweifelhafter Vorteil. Was produzieren wir außer Öl und Gas? Kleider, Möbel, alles kommt aus dem Ausland. Präsident Medwedew hatte den kalifornischen Gouverneur Arnold Schwarzenegger und US-Unternehmer in Moskau, um über die Entwicklung der russischen Hightech-Industrie zu sprechen. Bis vor kurzem hieß es noch, dass Iran, Venezuela und Simbabwe unsere Freunde sind. Unsere wirklichen Freunde aber sind Demokratien, Europa und Amerika. Die Teilnahme Medwedews am Nato-Gipfel ist deshalb äußerst positiv, Maskenshows wie in meinem Büro aber sind eine Katastrophe für das Investitionsklima.
SPIEGEL: Wie hoch war der Schaden für Sie?
Lebedew: Unsere Bank hat das rund 60 Millionen Dollar gekostet, weil verängstigte Kunden ihre Guthaben abzogen. Ich finde es gut, wenn Putin sich für Tiger einsetzt, wie kürzlich mit Naomi Campbell und Leonardo DiCaprio. Wie aber wäre es, wenn er eine Minute findet, um bedrohten Investoren wie mir zu helfen? Die Zahl unabhängiger Unternehmer in Russland sinkt schneller als die der Tiger.
SPIEGEL: Herr Lebedew, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Alexander Lebedew wertete einst als KGB-Spion in London die britische Presse aus. Heute kauft der Magnat einfach jene Zeitungen, die er damals fleddern musste: Dem Aeroflot-Aktionär gehört der "Independent" ebenso wie der "Evening Standard". 2006 stieg der Magnat bei der Kreml-kritischen Moskauer Zeitung "Nowaja gaseta" ein, zusammen mit Michail Gorbatschow. Sein Vermögen wird auf zwei Milliarden Dollar geschätzt. Lebedew, 50, gehören Nobelhotels in Frankreich und der Schweiz ebenso wie Russlands größter Kartoffelproduzent. Herzstück von Lebedews Konzerns aber ist die National Reserve Bank, die am 2. November von bewaffneten Geheimdienstlern durchsucht wurde.
(*) Beim Anlegen eines GPS-Senders bei einer betäubten Tigerin am Fluss Ussuri im Osten Russlands.
Das Gespräch führten die Redakteure Benjamin Bidder, Mathias Müller von Blumencron und Matthias Schepp.
Von Benjamin Bidder, Mathias Müller von Blumencron und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 49/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 49/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPIEGEL-GESPRÄCH:
„Ich habe einen Notfallplan“

  • Brexit-Angst auf Rügen: Kein Deal, kein Fisch
  • Hightech-Mode für Gehörlose: Musik fühlen statt hören
  • Umstrittenes Staudammprojekt: Historische Stadt in der Türkei versinkt
  • Wir drehen eine Runde: Elektrisch surfen