06.12.2010

KINOUnter Genieverdacht

Kein deutscher Regisseur wurde von Hollywood so heftig umworben wie Florian Henckel von Donnersmarck, der 2007 für sein Spielfilmdebüt „Das Leben der Anderen“ einen Oscar gewann. Nun drehte er mit Angelina Jolie und Johnny Depp den romantischen Thriller „The Tourist“.
Auf dem Parkplatz vor dem Kreuzfahrtterminal in Venedig springen die Laternen an und verbreiten fahles Licht. Johnny Depp öffnet seine Tabakdose und dreht sich eine Zigarette. Angelina Jolie hält ein Plastikglas mit Champagner in die Höhe und sagt: "Auf dich, Florian!"
Es ist der 45. Drehtag des Films "The Tourist", der 30. April 2010. Florian Henckel von Donnersmarck hat in zwei Tagen Geburtstag, er wird 37. Das Team stößt schon heute mit ihm an, direkt am Drehort, gerade haben sie Szene 114 abgeschlossen. Nirgendwo sieht Venedig weniger nach Venedig aus als an diesem Terminal.
Jolie steht neben Donnersmarck, sie trägt ein grünes Kleid ohne Ärmel, ihre Arme sind sehr zart, sie wirkt fragil neben dem hünenhaft großen Regisseur. Von weitem sieht es aus, als redete ein Vater mit seiner Tochter.
Depp erzählt, dass er sich die Picassos im Guggenheim-Museum von Venedig angesehen habe. "Großartiger Maler", sagt Depp, "aber wahrscheinlich ein recht unangenehmer Kerl." Erfolg tue dem Charakter wohl nicht immer gut.
Donnersmarck streckt sich, er ist jetzt noch größer als seine 2,05 Meter. Seine Künstlerlocken wippen ein wenig. Er beginnt einen kleinen Vortrag über das Geheimnis großer Kunst und großer Künstler wie Thomas Mann und Richard Wagner. Donnersmarcks Mutter hat ihm zu seinem zwölften Geburtstag die Erstausgabe von Wagners Autobiografie geschenkt. Seitdem ist Wagner irgendwie sein Thema.
Große Kunst, sagt Donnersmarck, sei meist erfolgreich. Wagner habe immer gern in großen Palästen gewohnt, auch wenn er knapp bei Kasse gewesen sei. Donnersmarck braucht keine Kanzel und kein Podest, er überragt alle weit und breit. "Wagner sagte sich einfach: Irgendwo wird das Geld schon herkommen." Alle lauschen gebannt.
"Mach ich genauso", sagt Depp in die Stille hinein und ruft über den Parkplatz: "Disney, wo seid ihr?" Donnersmarck lacht. Die Stars, die Produzenten, das Team, sie alle umringen ihn wie den Geschichtenerzähler am Kamin eines Herrenhauses, und er lässt sie eintauchen in die Geschichten aus der alten Welt, Geschichten von großen deutschen Künstlern.
Er hat es geschafft, Hollywood hat sich um ihn versammelt.
Vor über drei Jahren bekam Donnersmarck für sein Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" den Oscar für den besten ausländischen Film. 1,6 Millionen Euro hat der Film gekostet, er spielte fast 60 Millionen Euro ein. Keine deutsche Produktion dürfte so viele Preise gewonnen haben. Es war Donnersmarcks erster Spielfilm, ein grandios inszeniertes Kammerspiel über Liebe und Verrat in der DDR und die Frage, ob ein Spitzel nicht trotzdem ein guter Mensch sein kann.
Seitdem steht nicht nur Donnersmarcks Frisur unter Genieverdacht. Und die Frage, ob Erfolg den Charakter verändert, ist im Fall Donnersmarck ziemlich einfach zu beantworten: Nein, wahrscheinlich war er schon immer so.
Nun kommt eine Woche vor Weihnachten sein zweiter Film in die Kinos, eine Großproduktion, rund hundert Millionen Dollar Budget, gedreht an Originalschauplätzen in Venedig, in den Hauptrollen Hollywoods wohl derzeit größte Stars: Angelina Jolie und Johnny Depp. Noch nie zuvor war ein deutscher Regisseur so heftig von Hollywood umworben worden. Nun also das ganz große Geld, die ganz großen Stars, der ganz große Druck, aber nur ganz wenig Zeit.
Sommer 2009 in Los Angeles, das Filmprojekt mit Jolie und Depp gibt es nicht mal als Idee. Donnersmarck ist ein paar Monate zuvor mit seiner Familie in eine Villa am Amalfi Drive im Stadtteil Pacific Palisades gezogen. Whoopi Goldberg und Steven Spielberg wohnen ein paar Häuser weiter. Allein das Grundstück soll sechs Millionen Dollar wert sein. Vom Garten aus sieht man über das Tal, ein grandioses Panorama. Erfolg und Freiheit, so sieht das aus in Hollywood.
Der Oscar und die anderen Preise, die er gewonnen hat, stehen in Hängeschränken in einem Raum direkt neben der Küche. Die Regisseurin Kathryn Bigelow, die Anfang 2010 den Oscar gewinnen wird, ist in der Villa regelmäßig zu Gast. Die beiden gehen auch zusammen wandern. Das wollte Donnersmarck schon immer: bedeutenden Künstlern gegenübertreten, nicht als Emporkömmling, sondern als Ebenbürtiger.
Jetzt ist er einer von ihnen, doch "die totale Lebensveränderung in kürzester Zeit" muss er erst verkraften. "In diesem Taifun an guten Dingen, der über dich hereinbricht, musst du wieder die Ruhe und das Gleichgewicht finden, um zu glauben, dass das, was du machst, Hand und Fuß hat."
Hollywood wollte ihn. Die Oscar-Preisträger Anthony Minghella ("Der englische Patient") und Sydney Pollack ("Jenseits von Afrika") haben die Rechte an "Das Leben der Anderen" gekauft, für eine amerikanische Neuverfilmung. Fast alle großen Studios nahmen Kontakt mit ihm auf und boten ihm Projekte an. Über hundert Drehbücher hat er seitdem gelesen. Ein paar Unterschriften, und er hätte Millionen verdient. Doch er lehnte alles ab.
"Ich habe noch nie nach einem Drehbuch gearbeitet, das ich nicht selber geschrieben habe", sagt er. "Es hat sich in der Vergangenheit bewährt, und deshalb nehme ich mir die Zeit, es selber zu entwickeln. Es ist eine innere Reise, auf der ich hier bin. Eine Selbstentdeckung. Nicht ein kalkulierter Karriere-Move."
Die anderen deutschen Regisseure, die heute in Hollywood arbeiten, Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen, mussten sich hochdienen. Sie gelten als sparsam, präzise, fleißig, als gute Handwerker, die ein Drehbuch effizient umsetzen können. Doch Donnersmarck sieht sich nicht als jemanden, der etwas umsetzt. Als ihm das Festspielhaus Baden-Baden 2008 die Inszenierung der "Ring"-Tetralogie anbietet, erwidert er, "sogar Wagner selber würde mir raten, besser meinen eigenen 'Ring' zu schreiben und zu inszenieren, als seinen neu zu interpretieren".
Damals hatte er schon längst für das Drehbuch zu einem neuen Film recherchiert, einem düsteren Thriller, natürlich eine Großproduktion. "Du gehst nicht nach Hollywood, um einen Film zu drehen, den du auch in Deutschland machen könntest."
Das Drehbuch schließlich schreibt er im Kloster Heiligenkreuz bei Wien. Dort war auch das Skript für "Das Leben der Anderen" entstanden. Der Abt in Heiligenkreuz ist sein Onkel Gregor, einst ein erfolgreicher Manager des Logistikkonzerns Schenker, bevor er sich 1977 entschied, "sein Leben in den Dienst des Glaubens zu stellen". Nach 34 Tagen war das Drehbuch, 133 Seiten lang, fertig. Eigentlich hätte jetzt die Suche nach Geldgebern und Schauspielern beginnen können.
Stattdessen bekommt er einen Anruf von Angelina Jolie. Die beiden kennen sich, Donnersmarck arbeitet mit Brad Pitts Produktionsfirma zusammen. Jolie und Pitt hatten "Das Leben der Anderen" schon 2006 gesehen, zu Hause auf dem Fernseher, bevor er den Oscar gewann.
Sie fragt Donnersmarck, ob er daran interessiert sei, den Thriller "The Tourist" zu machen. Sie selbst will die weibliche Hauptrolle übernehmen. "The Tourist" beruht auf dem französischen Film "Fluchtpunkt Nizza" aus dem Jahr 2005. Sophie Marceau spielte darin die Geliebte eines Kriminellen, die von Polizisten und Gangstern von Paris bis zur Côte d'Azur verfolgt wird und sich dabei in einen Mitreisenden verliebt.
Das Projekt hat eine unheilvolle Vorgeschichte. Fünf Autoren haben an dem Drehbuch herumgedoktert, doch immer noch gibt es niemanden, dem es gefällt. "Development hell", Entwicklungshölle, nennt man das in Hollywood.
Als Jolie ihm anbietet, "The Tourist" neu zu schreiben und zu inszenieren, erzählt Donnersmarck ihr von seinem eigenen Drehbuch. "Wenn du jetzt wieder so einen schweren, ernsten Film machst", sagt Jolie, "dann kommst du aus der Ecke nie wieder raus."
Donnersmarck sieht sich als Künstler, der seine Filme prägt wie Maler, Literaten und Komponisten ihre Werke. Er will Autorenfilme machen, auch mit 100-Millionen-Dollar-Budgets. Das Remake eines französischen Thrillers, das ist eigentlich kein Donnersmarck-Stoff. Es ist eher eine Wanderhure, an der schon viel zu viele in Hollywood rumgefingert haben. Aber wer immer nur nein sagt, gerät irgendwann in Verdacht, gar nicht wirklich zu wollen, vielleicht sogar Angst zu haben.
Dann sagt Johnny Depp zu, er hat Lust, mit Jolie und Donnersmarck zu arbeiten. "Man stellt sich Hollywood sehr systematisch und rational vor", sagt Donnersmarck. "Tatsächlich ist es oft sehr schwer zu erklären, warum ein Projekt plötzlich eine unglaubliche Dynamik entwickelt."
Einige Wochen später macht Donnersmarck in Berlin Station, bevor er nach Venedig reist, um Schauplätze für "The Tourist" zu suchen. Die Uhr tickt, denn Johnny Depp hat wenig Zeit, weil er ab Juni 2010 für den vierten "Fluch der Karibik"-Film vor der Kamera stehen wird.
Donnersmarck hält einen Vortrag in der Neuen Nationalgalerie: Was ist deutsch am deutschen Film? Er wirkt fahrig, verliert den Faden, verheddert sich in Rechenspielen. Im Vergleich zu deutschen Filmen hätten Hollywood-Produktionen ein Vielfaches an Einstellungen, seien weit schneller geschnitten, sagt er, das mache den Unterschied aus.
Hinter ihm hängen Fotos des deutschen Künstlers Thomas Demand, die beiden sind befreundet, natürlich. Es ist die erste ganz große Einzelausstellung des Fotokünstlers, die plakatgroßen Abzüge zeigen unter anderem die Stasi-Zentrale nach der Erstürmung durch die Berliner Bevölkerung. Demand hat die Räume bis ins kleinste Detail nachbauen lassen und dann fotografiert.
Demand ist der Herr über die Bilder, die er erschafft. Ein Künstler. In Hollywood ist es fast unmöglich, der Herr über seinen Film zu sein. Das System beruht auf Arbeitsteilung. Die Stars bestimmen, von welcher Seite sie gefilmt werden. Produzenten nehmen ihren Regisseuren den Schnitt aus der Hand.
In der Nationalgalerie spricht Donnersmarck nicht von seinem neuen Projekt "The Tourist", aber das Ziel hat er schon im Kopf: "kompromisslos die Art von Schönheit hervorzuzaubern, die mich am Hollywood-Kino immer interessiert hat". Er will ein Kino machen, wie es Hollywood früher gemacht hat, ein Kino des Glamours, der eleganten Geste, der prachtvollen Ausschweifung, ein Kino, das in den zwanziger und dreißiger Jahren von österreichischen Regisseuren wie Erich von Stroheim oder Josef von Sternberg geprägt wurde, die sich ihre Adelstitel nur angemaßt hatten, um in Hollywood Eindruck zu schinden.
Am folgenden Tag, kurz vor dem Abflug nach Venedig, nimmt Donnersmarck in Potsdam noch einen Preis entgegen, den Bambi, zusammen mit den deutschen Hollywood-Regisseuren Roland Emmerich und Oliver Hirschbiegel, dem Kameramann Michael Ballhaus und der Oscar-Gewinnerin Caroline Link.
Alle fünf werden gleichzeitig auf die Bühne geschickt, der Kameramann der TV-Übertragung versucht, die fünf möglichst nah zusammen ins Bild zu bekommen, aber Donnersmarck überragt alle, es sieht aus wie ein Gruppenbild mit Riese, hektisch schneidet der Regisseur in die Totale zurück. Deutschland ist zu klein für Donnersmarck.
Im Februar beginnt der Dreh in Venedig. Donnersmarck hat zusammen mit seiner Familie den Palazzo Polignac bezogen. Der Salon ist etwa zwanzig Meter lang und sieben Meter breit, vom Balkon schaut man auf den Canal Grande. An den Wänden stehen sehr flache Sofas, man sitzt fast auf dem Boden. "Die heißen Wagner-Sofas", sagt Donnersmarck. "Ob das wirklich etwas mit Wagner zu tun hat, weiß ich nicht."
Der Palazzo Polignac stammt aus dem 15. Jahrhundert, er ist mit Fresken Tiepolos verziert, im Erdgeschoss steht noch der Flügel, an dem einst Strawinski und Rubinstein spielten.
Die Vorbereitungszeit ist knapp, sie reicht nicht für aufwendige Nachbauten im Studio. Also muss der Film komplett an Realschauplätzen gedreht werden. Das letzte Mal, dass Hollywood einen Film nahezu vollständig in Venedig drehte, ist mehr als fünfzig Jahre her. Er hieß "Summertime", ein Melodram mit Katharine Hepburn, inszeniert vom Briten David Lean, dem großen Perfektionisten.
Es bedeutet hohen Aufwand, Crew und Technik auf kleinen Booten durch die Stadt zu transportieren. Momentan ist ständig Hochwasser, viele Kanäle sind gesperrt. "Natürlich wäre es viel einfacher und billiger, im Studio zu drehen", sagt Donnersmarck. "Aber schaut euch mal um", er zeigt in den Salon. "Hier muss jedes Detail stimmen. Niemals hätten wir in dieser kurzen Zeit venezianische Innenräume nachbauen können, nicht in der Präzision, die ich mir vorstelle. Und ich kenne mich mit venezianischen Innenräumen aus, ich habe schon als Kind viel Zeit hier verbracht." Bei seinem Onkel, dem Fürsten von Clary und Aldringen, im Palazzo Clary, wenn ihn die Eltern nach Italien schickten, um die Sprache zu lernen oder Tizian zu studieren.
In der Nacht zuvor hat er mit "Angie" telefoniert, sie hat die ersten 50 Drehbuchseiten gelesen, sie war zufrieden. Tagsüber bereitet Donnersmarck den Dreh vor, nachts schreibt er das Buch um. Er hat alle Fassungen vor sich, wählt aus, kompiliert, schreibt das Buch großteils neu. Einer der Autoren, sagt Donnersmarck, habe 300 000 Dollar für eine Woche Arbeit bekommen. "Ich kann kaum etwas davon verwenden."
Alles muss schnell gehen, für Hollywood-Verhältnisse ist es ein Supersprint, Drehbeginn Ende Februar, dann Schnitt, und Ende November soll der Film fertig sein, damit er vor Weihnachten in die Kinos kommt. "In zehn Tagen muss ich die restlichen Drehbuchseiten fertig haben, knapp 40 noch, 4 pro Tag", sagt er. "Schaffe ich."
Donnersmarck hat ein Selbstbewusstsein, das man auch Größenwahn nennen kann. Der Stammbaum seiner Familie reicht zurück bis ins 14. Jahrhundert, schlesischer Adel, die Familie war Anfang des vergangenen Jahrhunderts die zweitreichste in ganz Preußen, hinter den Krupps. Sein Vater arbeitete drei Jahrzehnte lang als Manager bei der Lufthansa und hatte von 1975 bis 1981 die New Yorker Vertretung des Unternehmens geleitet. Der Sohn wuchs auf Roosevelt Island auf, mit Blick auf die Skyline von Manhattan. Später zog die Familie mit dem Vater nach Brüssel, Frankfurt am Main und Berlin. Der Vater machte ihn zum Weltbürger, seine Mutter sorgte für die Bildung. Er studierte in St. Petersburg und Oxford, er spricht sechs Sprachen fließend. Nichts, hat ihm seine Mutter beigebracht, mache einen Mann für Frauen so begehrenswert wie Bildung.
Donnersmarck hat 58 Drehtage. Das Team ist gespickt mit Oscar-Preisträgern, allein die Kostümbildnerin Colleen Atwood wurde achtmal für einen Oscar nominiert, zweimal gewann sie ihn. Und dann will Donnersmarck auch noch seine beiden Stars neu erfinden: Johnny Depp als romantischen Helden und Action-Heldin Angelina Jolie als Vollweib.
Ende April 2010, der 45. Drehtag. Es ist der Tag, an dem die große Kussszene gedreht werden soll. Carabinieri sind bereits alarmiert, sie sollen die Paparazzi draußen auf dem Wasser davon abhalten, den Kuss zu fotografieren. Wer den Kuss sehen will, soll dafür im Kino bezahlen. Die Frage ist nur, ob Angie heute in Kussstimmung ist.
Donnersmarck hat den Kuss auf das Ende des Drehtages gelegt, Jolie kann sich vorher in einer anderen Szene warmspielen. Die Szene spielt auf einem Boot, Jolie setzt Depp am Flughafen ab.
Donnersmarck beugt sich nach vorn, wenn er mit den beiden Schauspielern spricht, er macht sich klein, niemand soll den Eindruck haben, dass er auf sie hinabschaut. Er geht mit ihnen den Dialog durch, bespricht die Betonung, Satz für Satz, während er das Drehbuch die ganze Zeit hinter seinem Rücken durchknetet.
Depp und Jolie spielen den Dialog durch, sie steht am Ruder. Immer wieder fahren Schiffe durchs Bild, die mit Öltanks oder Müllsäcken beladen sind. Alle 15 Minuten kommt ein Ausflugsdampfer mit jubelnden Touristen vorbei. Hitchcock hat Außendrehs gehasst, weil die Wirklichkeit ihm ins Werk pfuschte.
Bei der dritten Wiederholung der Einstellung legt das Boot nicht rechtzeitig wieder ab, Depp guckt irritiert. "Es hätte schon längst losfahren müssen", sagt Jolie. "Brechen wir ab?", fragt er Jolie. "Wir machen weiter", sagt sie.
Wer als Regisseur einen Film mit Jolie dreht, sollte immer die Hand am Ruder haben, sonst übernimmt sie es. Nach sechs Stunden ist die Szene, die im Film etwa 80 Sekunden dauert, abgedreht.
Der Kuss jedoch fehlt. "Für den Kuss hätten wir drei Stunden gebraucht, und ich habe gespürt, dass sie heute nicht wirklich will", sagt Donnersmarck, während er im Boot vom Drehort nach Hause fährt, den Canal Grande entlang. "Da drüben ist übrigens Wagner gestorben!" Er lässt sich von seinem Fahrer Marino eine Zigarette geben und stößt den Rauch dann langsam, wie in Zeitlupe, in die Luft.
Los Angeles, ein Augusttag, die Dreharbeiten liegen fast drei Monate zurück. Donnersmarck fährt von seinem Haus am Amalfi Drive zum Schneideraum, er hat es eilig, in vier Tagen möchte sich Amy Pascal, die Studiochefin von Sony-Columbia, seine Fassung ansehen.
"Moment", ruft Donnersmarck, "wir müssen noch mal umdrehen." Er wendet, fährt ein Stück zurück und hält dann vor einem Haus. "Das ist das erste Haus, in dem Thomas Mann in Los Angeles gewohnt hat. So viel Zeit muss sein."
Donnersmarck besitzt ein weißes Rolls-Royce-Cabrio, einen Corniche aus den achtziger Jahren, "das letzte Modell, das handgefertigt wurde". Seine Frau und Kinder würden ihn erden, hat er mal gesagt, ohne sie liefe er vermutlich im weißen Nerz herum. Den weißen Rolls haben sie ihm nicht ausreden können.
Er fährt auf das Gelände des Lantana Center am Olympic Boulevard. Hier werden viele Hollywood-Filme geschnitten. Auf dem Parkplatzschild steht "Florian". "Der Nachname war zu lang."
Das "Tourist"-Team arbeitet in acht Räumen gleichzeitig. Patricia Rommel, die auch schon "Das Leben der Anderen" geschnitten hat, und Oliver Stones langjähriger Cutter Joe Hutshing bearbeiten parallel Sequenzen von "The Tourist". Hutshing ist nervös. "Eigentlich", sagt er, "mag ich es überhaupt nicht, etwas Halbfertiges vorzuführen." Dann zeigt er eine Szene, die in einem Restaurant spielt, nachts unter freiem Himmel, direkt an einem Kanal. Depp ist von Jolies Schönheit gebannt, ihre Lippen sind noch nicht farbkorrigiert, sie leuchten so rot, dass sie fast blenden. Depp küsst sie nicht, noch nicht.
"Noch einen Americano?", fragt der Kellner in der Szene. Jolie lässt ihren Blick über Depp gleiten, über diesen schönen Americano, schließlich sagt sie: "Ich weiß nicht, vielleicht."
Es ist, als ob sie jedes Wort sehr lange und sehr genau kostet, bevor sie es ausspricht.
Der Drink, die Lippen, die Frau, Donnersmarck will eine Welt erschaffen, die es nicht mehr gibt. Nicht in der Wirklichkeit und auch nicht mehr im Kino, eine Welt der Grandezza.
Das Studio hat inzwischen die ersten Entwürfe für die Plakate fertig. "Verstehe ich nicht", sagt Donnersmarck. "Johnny erkennt man kaum, Angie haben sie den Hals abgeschnitten, und Venedig ist auch nicht drauf." Auch die sogenannte Tagline, der zentrale Werbespruch, ist ihm ein Rätsel: "Es fing alles an, als er eine Frau traf."
Er interveniert, nun heißt die Tagline: "The perfect trip - The perfect trap", die perfekte Reise, die perfekte Falle. "Damit kann ich leben. Wenn du in einem solchen Tempo einen Film machst, bezahlst du einen Preis dafür. Du kannst dich nicht in alles einschalten, das ist alles Politik, und dafür hast du kaum Zeit."
An diesem Montag wird nun in New York die Premiere stattfinden. Es ist ein Genrefilm geworden, eine Stilübung mit Hollywood-Stars, die Kritiker werden nicht jubeln wie damals bei "Das Leben der Anderen", die Erwartungen sind zu groß. Jetzt geht es vor allem darum, 200 Millionen Dollar weltweit einzuspielen. Mindestens.
Vier Jahre hatte Donnersmarck für "Das Leben der Anderen" gebraucht, nun hat er in weniger als zwölf Monaten einen Film aus dem Boden gestemmt. Donnersmarck sagt, er sei sehr zufrieden mit dem Film und mit seiner Entscheidung, diesmal "in den helleren Farben" gemalt zu haben. "Eigentlich besteht der Spaß ja darin, völlig unterschiedliche Dinge zu machen."
Plötzlich ist Donnersmarck wieder bei Thomas Mann. Der habe nach den "Buddenbrooks", dem wuchtigen ersten Wurf, "Königliche Hoheit" geschrieben.
Kritikern galt Manns zweiter Roman über einen jungen Prinzen und dessen Entwicklung zum preußischen Obertan als zu seicht. Sie schrieben von einem "Abstieg ins Flachland des Optimismus", und erst recht missfiel ihnen das romantische Happy End des Buchs.
"Natürlich", sagt Donnersmarck, "will ich mich nicht mit Thomas Mann vergleichen, aber ich kann mir schon vorstellen, warum er das gemacht hat."
Von Lars-Olav Beier

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