13.12.2010

„Die Unterstützung ist so groß wie nie“

Hendrik Fulda von der Wau-Holland-Stiftung über die Spenden für WikiLeaks
Fulda, 39, ist Vorstandsmitglied der Wau-Holland-Stiftung, die seit dem Herbst 2009 in Europa die Spenden für WikiLeaks verwaltet.
SPIEGEL: PayPal, Mastercard und Visa haben die Geldflüsse an WikiLeaks gestoppt. Sind Sie nun handlungsunfähig?
Fulda: Nein. Uns ist eine Möglichkeit weggefallen, Spenden entgegenzunehmen. Natürlich war die Variante, über PayPal zu spenden, sehr populär, weil es so einfach ist. Man braucht viel weniger Aufwand, als uns Geld bei einer Bank zu überweisen, ein paar Mausklicks reichen. Wir hatten etwa doppelt so viele Spenden über PayPal wie über Banken, aber der herkömmliche Weg des Überweisens funktioniert natürlich immer noch. Das Gerücht, auch unser Bankkonto sei gesperrt, ist falsch. Visa und Mastercard laufen nicht über unsere Stiftung.
SPIEGEL: Die Ebay-Tochter PayPal hat den Spendenstopp mit dem Vorwurf begründet, WikiLeaks unterstütze illegale Handlungen.
Fulda: Das ist an den Haaren herbeigezogen, und wir sind dagegen anwaltlich vorgegangen. PayPal hat schnell reagiert und die eingefrorenen Spenden freigegeben. Die Kritik lautet jetzt, dass WikiLeaks möglicherweise zu Straftaten aufrufe. PayPal nennt das ausdrücklich eine Meinung, beruft sich aber noch immer auf ihre Geschäftsbedingungen. Für uns ist dieses Konto weiter für neue Spenden gesperrt. Wenn PayPal aber nicht mehr mit uns zusammenarbeiten möchte, dann wird sie immer einen Grund dafür finden. Wir betrachten das Kapitel als abgeschlossen. Das war's.
SPIEGEL: Als Reaktion haben Hacker die Seiten von Mastercard und Visa zeitweilig lahmgelegt. Wie beurteilen Sie solche Angriffe?
Fulda: Dazu können wir nichts sagen. Wir rufen dazu nicht auf und haben damit nichts zu tun.
SPIEGEL: Gab es politischen Druck auf die Stiftung, nicht mehr mit WikiLeaks zusammenzuarbeiten?
Fulda: Für uns sind das Regierungspräsidium Kassel und das Finanzamt zuständig. Ich weiß nicht, was hinter den Kulissen gelaufen ist und ob die amerikanische Regierung Druck auf die Bundesregierung ausübt. Auf uns direkt gab es keinen Druck.
SPIEGEL: Wie viele Spenden haben Sie bislang für WikiLeaks gesammelt?
Fulda: Seit Oktober 2009 sind bei uns etwas mehr als 900 000 Euro eingegangen.
SPIEGEL: Welche Beträge werden gespendet?
Fulda: Das sind überwiegend Kleinbeträge, das Mittel liegt bei 25 Euro. Aber wir hatten auch schon die Spende einer Einzelperson über 50 000 Euro.
SPIEGEL: Wie viel Geld ist an WikiLeaks ausgeschüttet worden?
Fulda: Bislang haben wir etwas mehr als 370 000 Euro ausgezahlt.
SPIEGEL: Einer der Vorwürfe gegen WikiLeaks lautet, es gebe in Bezug auf die Finanzen keine Transparenz. Wie kontrollieren Sie die Verwendung der Spenden?
Fulda: Wir zahlen prinzipiell nur gegen Belege aus. Dazu gehören Reisekosten ebenso wie Ausgaben für Hardware, also neue Computer zum Beispiel, oder Infrastrukturkosten wie die Erreichbarkeit im Internet. Relativ neu sind Personalkosten. WikiLeaks zahlt einigen Mitarbeitern mittlerweile Gehalt, die Mitarbeiter stellen der Organisation eine Rechnung, und WikiLeaks reicht sie bei uns ein. Schließlich finanzieren wir auch Aktionen und juristischen Beistand, also Anwaltskosten. Ohne Belege geht nichts.
SPIEGEL: Stimmen die Vorwürfe, dass WikiLeaks-Gründer Julian Assange Business-Class fliegt und in teuren Hotels übernachtet?
Fulda: Ich habe nicht jedes einzelne Hotel überprüft, aber nach den eingereichten Belegen, die ich überblicken kann, ist das Quatsch. Assange fliegt Economy und kommt oft privat unter, bei Bekannten.
SPIEGEL: Wie haben sich die Spenden seit der Veröffentlichung der Botschaftsberichte entwickelt?
Fulda: Jede WikiLeaks-Veröffentlichung hat eine Spendenwelle erzeugt, und die Unterstützung war noch nie so groß wie derzeit. Allein über PayPal kamen in einer Woche über 80 000 Euro zusammen. Wir müssen sehen, wie sich der Wegfall von PayPal auf den Spendenfluss auswirkt.
SPIEGEL: Wird aus den von Ihnen verwalteten Geldern auch die juristische Verteidigung von Assange gegen die Vorwürfe der Vergewaltigung finanziert?
Fulda: Nein, das entspräche nicht dem Stiftungszweck. Wir zahlen Geld für die Arbeit von WikiLeaks aus, nicht für die Privatangelegenheiten einzelner Mitarbeiter.
Von Holger Stark

DER SPIEGEL 50/2010
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