13.12.2010

TSCHECHIENNackte Männer

Prager Behörden führten schwulen Asylbewerbern Pornofilme vor und vermaßen ihren Penis - nur so sei nachzuweisen, dass sie in ihrer Heimat verfolgt werden.
Maskierte Polizisten schubsen den Verurteilten unter den Baukran, am Haken hängt eine Galgenschlinge. "Gott ist groß!", ruft die Menge, als der Kranführer die Hydraulik hochfährt. Das Verbrechen des Todgeweihten? Er ist schwul.
Lesben und Schwulen droht in Iran der Tod durch den Strang. Annähernd 4000 von ihnen hat das Mullah-Regime seit 1979 hinrichten lassen, meist wegen angeblicher Vergewaltigungsdelikte.
Das war auch der Grund, warum Rahim und Karim(*) im Frühjahr 2008 nach Europa flohen - sie wollten so schnell wie möglich raus aus dem Reich der Mullahs und ihrer Sittenpolizei. Der erste Flug, den sie bekamen, ging nach Prag; noch auf dem Flughafen Ruzyné beantragten sie Asyl. In ihrer Heimatstadt Sahedan war die Polizei hinter ihnen her gewesen und hatte sie bereits wegen "unmoralischen Verhaltens" vorgeladen. Das Schreiben hatten sie dabei.
Doch der Brief aus dem Orient reichte den tschechischen Beamten nicht als Beweis dafür, dass Rahim und Karim wirklich schwul und in Gefahr sind. Hatten sich in kommunistischen Zeiten nicht Tausende Tschechen um den Militärdienst gedrückt, indem sie vorgaben, homosexuell zu sein?
Also schickte das Innenministerium Rahim und Karim zum Arzt. Dr. Ondrej Trojan, Mediziner und Sexualtherapeut mit Praxis in der Prager Altstadt, sollte das Paar untersuchen.
Trojan stellte viele Fragen und kam zum Schluss: Harte Beweise bringt nur ein Test am Phallometrie-Gerät. Die beiden Iraner willigten ein, was hätten sie auch tun sollen? Erektionsmessung oder Abschiebung, das war die Alternative.
So wurden sie einer Methode unterzogen, die der Prager Psychiater Kurt Freund seit den fünfziger Jahren entwickelt hatte - in der Absicht übrigens,
Schwule und Lesben von ihrer Neigung "zu heilen". Erst nach Jahren der Forschung hatte Freund eingesehen: Homosexualität ist keine Krankheit. 1961 wurde, auch auf Grundlage von Freunds Arbeiten, der Schwulenparagraf in der Tschechoslowakei aufgehoben.
Was blieb, war Freunds Erfindung: der "Penis-Plethysmograf", eine Art erotischer Lügendetektor, der die Blutzufuhr im Penis misst. Mit neuen Geräten lassen sich sogar die Reaktionen weiblicher Geschlechtsorgane testen. Eine Frau aus Kamerun, die ebenfalls in Prag Asyl beantragt hatte, weil sie in ihrer Heimat wegen Homosexualität verfolgt wird, musste diese Prozedur über sich ergehen lassen.
Rahim und Karim nahmen also nacheinander auf einem Sofa im Behandlungszimmer des Dr. Trojan Platz. Der Mediziner wies sie an, sich eine Metallmanschette anzulegen. Die Elektrode ist über ein Kabel mit einem Computer verbunden, der die Dehnung anzeigen und auswerten kann. Bei Frauen wird ein tampongroßes Messgerät verwendet.
Trojan zeigte den beiden Iranern Filme, schöne mit nackten Männern und - wie Rahim und Karim fanden - langweilige mit nackten Frauen. Dann stand das Ergebnis fest: Rahims und Karims Penisse hatten zur Zufriedenheit des Doktors reagiert. Die beiden wurden für schwul erklärt und dürfen in Tschechien bleiben. Hätte die Natur sie im falschen Moment im Stich gelassen, wären sie möglicherweise abgeschoben worden.
In acht bis zehn Fällen, so das Innenministerium, habe es die Erektionsvermessung angeordnet, um die Vortäuschung eines Asylgrunds zu verhindern. Seit Anfang 2010 jedoch werde niemand mehr an den Phallografen geschnallt, beeilte sich die Behörde hinzuzufügen: In der vergangenen Woche waren die tschechischen Penis-Vermesser europaweit zum Gespött geworden. Die EU-Agentur für Grundrechte in Wien hatte von der Methode gehört und die Regierung in Prag angeprangert.
Ein weiterer iranischer Asylbewerber war nämlich von Tschechien nach Deutschland geflohen, nachdem er an der Moldau zu der hochnotpeinlichen Untersuchung gebeten worden war. Auch in Deutschland scheiterte er mit seinem Asylantrag und stand schließlich in Schleswig vor Gericht. Ihm drohte die Abschiebung nach Prag, Tschechien gilt im Asylverfahren schließlich als "sicheres Drittland". Doch als die Richter am Verwaltungsgericht vom Phallustest hörten, setzten sie die Rückführung aus. Es drohe ihm dort "unmenschliche Behandlung".
Auch in Deutschland und den USA wird die Erektionsmessung mit dem Phallografen eingesetzt, etwa um Pädophilen ihre Neigung nachzuweisen. Doch gegen diese Praxis gibt es nicht nur wissenschaftliche, sondern auch schwere juristische Bedenken. Die Methode offenbare unter Umständen "verborgene Wünsche und innere Vorgänge" und verletze damit die Freiheit der Willensentscheidung, hatte das Oberlandesgericht Köln 2004 festgestellt. Dieses Urteil fiel im Prozess gegen einen der Vergewaltigung Beschuldigten. Der Mann war gegen die Untersuchung sogar vor das Bundesverfassungsgericht gezogen - und hatte Erfolg mit seiner Klage.
Der Prager Mediziner Ondrej Trojan ist unterdessen bereits in einen weiteren Skandal verwickelt. Eine ehemalige Patientin behauptet, er habe ihr während einer Behandlung angeboten, vor ihr zu masturbieren. Sie will Videoaufnahmen als Beleg vorführen. Trojan sagt, es habe sich um eine - wie er zugebe - "kontroverse" Methode gehandelt: "die Vorführ-Therapie". Strafbar ist diese Methode nicht, die Ärztekammer verhängte trotzdem eine Geldstrafe von 20 000 Kronen.
(*) Namen von der Redaktion geändert.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 50/2010
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