13.12.2010

AUSSTELLUNGEN„Der Schmerz einer ganzen Generation“

Die Kuratorin Bénédicte Savoy, 38, über die Ausstellung „Napoleon und Europa. Traum und Trauma“, die am Freitag in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn eröffnet wird und im März 2012 ins Musée de l'Armée in Paris wandert
SPIEGEL: Warum gerade jetzt eine große Ausstellung über Napoleon?
Savoy: An seine Krönung 1804 wurde in Frankreich 2004 offiziell nicht erinnert. Auch das 200. Jubiläum der legendären Schlacht bei Austerlitz 2005 überging man mit hallendem Stillschweigen - während die Briten Trafalgar heftig feierten. Das Verhältnis der Franzosen zu Napoleon ist sehr kompliziert, es reicht von Abscheu bis Faszination.
SPIEGEL: Also ist eine deutsche Ausstellung, von einer Französin kuratiert, ein patriotischer Kompromiss?
Savoy: Für Frankreich ist das, was wir in Bonn machen, eine "exposition impossible", aber als Import wiederum sehr willkommen. Eine kritische Auseinandersetzung ist überfällig.
SPIEGEL: Was hat die napoleonische Epoche hinterlassen?
Savoy: Napoleon wollte aus dem buntscheckigen alten Europa "einen einzigen nationalen Körper" machen nach dem römischen Modell - ein Straßennetz, eine Armee, eine Sprache und ein einheitliches Recht. Bisher kaum erforscht allerdings ist ein Hauptthema unserer Ausstellung, das Trauma des Krieges.
SPIEGEL: Wie viele Soldaten waren betroffen?
Savoy: Am Ende zählen wir etwa fünf Millionen Tote und zehn Millionen Verwundete. Zum ersten Mal seit dem Dreißigjährigen Krieg prägte die physische Erfahrung von Schmerz und Angst eine ganze Generation. Das Paradox der Verletzung, die eine kollektive Erfahrung war und zugleich die persönlichste, die sich denken lässt, spricht aus unzähligen Exponaten, aus Briefen und Bildern. Und natürlich entstand aus dieser Not ein Entwicklungsschub der europäischen Medizin.
SPIEGEL: Die Ausstellung zeigt mehr als 300 künstlerische Arbeiten aus 16 Ländern. Wie endete Napoleons Herrschaft kulturell?
Savoy: Mit einem Schock. Seit den ersten Jahren der Revolutionskriege hatte Frankreich Kunst- und Büchersammlungen der besetzten Gebiete in die Hauptstadt gebracht. Gelehrtenkommissionen beschlagnahmten überall, was für das Imperium wertvoll schien. Napoleon setzte diese Aneignung systematisch fort. Das naturwissenschaftliche, das industrielle und das kulturelle Vermögen, ja selbst das Gedächtnis der unterworfenen Staaten sollte zentral verwaltet werden. Mit dem Zusammenbruch des Napoleonischen Reiches kamen dann die Forderungen nach Rückgabe der geplünderten Güter auf - und erstmals die Diskussionen über Kunstraub und nationales Erbe, so wie wir sie heute noch führen. Im Winter 1815 war der Pariser Louvre, damals das größte Museum des Universums, praktisch leer.

DER SPIEGEL 50/2010
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AUSSTELLUNGEN:
„Der Schmerz einer ganzen Generation“

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