20.12.2010

KOSOVOBlutspuren im gelben Haus

Hashim Thaçi, soeben Sieger bei der Parlamentswahl, soll in den Handel mit Organen Ermordeter verwickelt gewesen sein. Er ist ein Günstling Washingtons.
Die Todgeweihten bekamen genug zu essen und durften schlafen, so lange sie wollten, berichten die Zeugen. Auch sollen sich ihre Bewacher von der Kosovo-Befreiungsarmee (UÇK) mit Prügeln zurückgehalten haben. Doch eines Tages sei ein Arzt in das gelbgestrichene Haus am Ende der Hauptstraße von Rribe, einem Dorf in den Hügeln Nordalbaniens, gekommen. Er habe die Gefangenen untersucht und Blutproben genommen.
"Zeugenaussagen belegen glaubwürdig und übereinstimmend, dass die Gefangenen getötet wurden, üblicherweise durch einen Kopfschuss, bevor man sie zur Entnahme eines oder mehrerer Organe operierte", heißt es in einem nun vorgelegten Bericht des Schweizer Europaratsabgeordneten Dick Marty über die angeblichen Machenschaften der UÇK. "Wir stellten fest, dass es um einen Handel mit ,Kadaver-Nieren' ging, das heißt: Die Nieren wurden postum entnommen."
Zusammengefasst lauten Martys Vorwürfe: Die Befreiungsarmee hat nach dem Ende des Nato-Bombardements 1999 rund 500 Menschen aus dem Kosovo entführt, die meisten waren Serben. Sie wurden eingesperrt, misshandelt und viele von ihnen ermordet. Und einige Gefangene wurden getötet, um ihre Organe zu verkaufen.
Der Westen habe von diesen Ungeheuerlichkeiten gewusst, doch nichts dagegen unternommen, behauptet Marty. "Die internationalen Akteure haben sich entschieden, die Augen vor den Kriegsverbrechen der Kosovo-Befreiungsarmee zu verschließen." Nur so sei es der UÇK gelungen, das Uno-Protektorat Kosovo in eine Drehscheibe für den Drogen-, Waffen- und Menschenhandel zu verwandeln.
Pate des kriminellen Imperiums soll der von den USA protegierte ehemalige UÇK-Führer Hashim Thaçi gewesen sein, der Martys Vorwürfe zurückweist und nun mit Verleumdungsklage droht. Vorvergangenes Wochenende siegte der 42-Jährige bei einer umstrittenen Wahl. Er wird wohl erneut Ministerpräsident des Kosovo werden. Thaçi, so der Bericht, sei der Kopf der "Drenica-Gruppe", einer "kleinen, aber unglaublich mächtigen kriminellen Organisation", die aus der UÇK hervorgegangen sei. Kosovos amtierender Ministerpräsident schloss sich in den neunziger Jahren als Student dem radikalen Flügel der Unabhängigkeitsbewegung für das Kosovo an. 1995 ging er ins Schweizer Exil, hielt aber stets Kontakt zur Heimat, wo er half, die UÇK mit aufzubauen.
Im Februar 1999 zwangen Amerikaner und Europäer Serben und Kosovo-Albaner im französischen Rambouillet an den Verhandlungstisch. Auf keinen Fall sollte sich in der mehrheitlich von Albanern bewohnten Provinz ein ethnisches Massaker wie in Bosnien wiederholen. Thaçis politisches Gewicht war inzwischen so gewachsen, dass er bei den Gesprächen in Rambouillet Ibrahim Rugova, die Symbolfigur des gewaltlosen Widerstands der Kosovo-Albaner gegen die Serben, ausstechen konnte.
Den Amerikanern passte das. Rugova, der sanfte Intellektuelle mit dem weißen Seidenschal, sei ihr immer wie "ein exzentrischer Akademiker" vorgekommen, so die damalige US-Außenministerin Madeleine Albright. Viel lieber traf sie sich zu Vier-Augen-Gesprächen mit Thaçi, dem
sie ein "brillantes Potential" zuschrieb. Rugova, so sahen es die Amerikaner, hatte viel von seinem Rückhalt bei der Bevölkerung eingebüßt. Die UÇK, deren Führer sich bis heute damit brüsten, die "wahren Bodentruppen" der Nato im Kosovo-Krieg gewesen zu sein, schien ihnen besser geeignet, für stabile Verhältnisse zu sorgen. UÇK-Mann Thaçi galt ihnen, das ist den nun veröffentlichten Botschaftsberichten zu entnehmen, als respektabler Politiker, dem sie einen Beitrag zur "Konsolidierung der Demokratie" zutrauten. Als Veteran des Befreiungskampfes würde es ihm viel leichter fallen, irgendwann auf die im Kosovo verbliebenen Serben zuzugehen, heißt es in einer Depesche vom 11. September 2001.
Thaçis UÇK war von Anfang an Widerstandsbewegung und Mafia-Organisation zugleich. Ein geheimer Bericht des Bundesnachrichtendienstes wies schon 2005 ehemaligen UÇK-Größen in der Provinz Mafia-Kontakte nach und beschrieb Thaçi als "Key-Player". Doch das ignorierten Washington und die EU: Zu groß war die Angst, die internationale Schutztruppe könnte in Kämpfe mit der Mafia gezogen werden, wenn sie gegen die Gangster vorgehen würde. Dem US-Kongress war ohnehin schwer zu erklären, warum Amerikas Soldaten in der winzigen Balkanprovinz im Einsatz waren, und auch die europäische Öffentlichkeit sah das Engagement im Kosovo kritisch. Denn die Nato-Jets hatten ihre Bomben ohne Erlaubnis der Uno abgeworfen.
Die Erste, die über die Gräueltaten von Rribe schrieb und auch auf die fahrlässige Kosovo-Politik des Westens hinwies, war Carla Del Ponte, die frühere Chefanklägerin des Uno-Kriegsverbrecher-Tribunals für Ex-Jugoslawien. Sie sei "betroffen und schockiert", viele der Details nun im Bericht von Marty wiederzufinden, sagte sie.
Tatsächlich hatte bereits 2004 eine Gruppe von Ermittlern das Grundstück hinter dem "gelben Haus" von Rribe besucht und dort Spritzen und anderes medizinisches Material gefunden. Auf dem Fußboden im Erdgeschoss entdeckten sie Blutspuren.
Das habe nichts zu bedeuten, sagte damals ein Bewohner des "gelben Hauses". "Wir haben nur Tiere geschlachtet."
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 51/2010
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