20.12.2010

RELIGIONDinos an Bord

Christliche Fundamentalisten in den USA wollen die Arche Noah nachbauen. Sie glauben, dass es Schiff und Sintflut wirklich gab.
Die Bauanleitung ist übersichtlich: "Mache dir einen Kasten von Tannenholz und verpiche ihn mit Pech. Dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. Ein Fenster sollst du daran machen. Und er soll drei Stockwerke haben."
So heißt es - verkürzt - im ersten Buch Mose, Kapitel 6. Und Noah tat wie ihm geheißen und schipperte alsbald mit seiner Familie, dem Vieh und "allem Gewürm" auf dem "Wasser der Sintflut".
Die Geschichte ist schaurig-schön. Doch muss man das alles wörtlich nehmen? Christliche Fundamentalisten in den USA sind davon überzeugt. Ihnen reichen die kargen Zeilen für ein obskures Vorhaben: Sie wollen die Arche Noah nachbauen - als Teil eines Vergnügungsparks für jährlich 1,6 Millionen Besucher.
"Ark Encounter" heißt das 150 Millionen Dollar teure biblische Disneyland der Organisation "Answers in Genesis", einer geschäftstüchtigen Kreationisten-Gruppe aus Kentucky. "Die Leute fragen sich doch: Wie groß war die Arche, wie kamen die Tiere an Bord, wie wurden sie versorgt", sagt Vorstand Mike Zovath. Er glaubt allen Ernstes, dass es den antiken Tiertransporter wirklich gab. Sogar Dinos seien an Bord gewesen.
Die Arche ist nicht das erste Projekt von "Answers in Genesis". Die Organisation betreibt in Kentucky auch das Creation Museum. Dioramen künden dort vom friedlichen Zusammenleben von Mensch und Dinosaurier. Die Evolution halten die Kreationisten für Teufelszeug. Das Alter der Erde wird mit 6000 Jahren angegeben.
Auch für die Sintflut haben die bibelfesten Amerikaner ein Datum ermittelt. Demnach hatte Gott um 2348 vor Christus die Nase voll von der verdorbenen Menschheit. Noahs Rettungsaktion soll nun detailgetreu rekonstruiert werden.
Mehr als zehn Jahre lang fahndeten die Extrem-Christen in historischen Schriften nach "plausiblen Konzepten" für den Arche-Bau, berichtet Zovath. 137 Meter lang, 23 Meter breit und 14 Meter hoch soll das Schiff werden. Was bei Noah 100 Jahre dauerte, soll traditionellen Handwerkern nun in 3 Jahren gelingen.
Allerlei Getier wird dann an Bord der Arche zu sehen sein. Schautafeln sollen zudem verkünden, wie Noah selbst mit den Kreaturen verfuhr. Eine Art himmlischer Leitstrahl führte demnach die Tiere zur Arche. Anschließend seien sie in einen "übernatürlichen" Winterschlaf gefallen, berichtet "Answers in Genesis"-Chef Kenneth Ham. Noah habe vor allem Jungtiere verladen. Dadurch seien auch Elefanten, Giraffen sowie "zwei Sauropoden" transportfähig geworden.
Ohnehin gehen die Kreationisten besonders kreativ mit dem begrenzten Raumangebot um. "Von allem Fleisch je ein Paar, Männchen und Weibchen", wollte Gott an Bord sehen. "Answers in Genesis" rechnet diesen allumfassenden Auftrag auf handliche 4000 Arten herunter.
"Die Bibel redet nicht von Arten, sondern von Sorten", erläutert Zovath. Ein einziges Katzenpaar an Bord - und schon seien Tiger, Jaguar und Löwe gleich mitgerettet. Woher denn dann die Millionen Arten heutiger Zeit kommen? Zovath hat eine verblüffende Antwort: Sie seien nach der Sintflut durch "natürliche Selektion" entstanden. Mit Evolution indes habe das nichts zu tun. Gott habe den "Tiersorten" die notwendige "genetische Variabilität" vielmehr am sechsten Schöpfungstag komplett ins Erbgut diktiert.
Kentuckys Gouverneur Steven Beshear hat für derlei Mumpitz sogar generöse Steuererleichterungen zugesagt. Juristen allerdings halten das für verfassungswidrig. Die kruden Thesen würden von der Regierung indirekt gefördert. Die Trennung von Staat und Kirche sei gefährdet.
Doch die biblischen Bauherren lassen sich nicht beirren. Ohnehin scheinen sie für alle Fälle gewappnet. Weitsichtig haben sie eine schwimmfähige Arche geplant. Man kann ja nie wissen.
"Der menschliche Intellekt hat unter 6000 Jahren Sünde und Verfall gelitten", klagt Ham. Die nächste Sintflut kommt bestimmt.
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 51/2010
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