27.12.2010

GEDENKENGiftige Schriftsätze

In Berlin wird ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma gebaut. Doch Künstler und Auftraggeber streiten erbittert über Qualität und Kosten.
Am Nikolaustag fand der Kulturstaatsminister im Kanzleramt, Bernd Neumann, in seiner Post eine unangenehme Überraschung vor. Es war ein Schreiben aus Israel, und es geizte nicht mit Worten der Empörung wie "Schande", "Glaubwürdigkeit" oder "Scheideweg".
Die Protestnote galt Neumann, 68, in seiner Funktion als Gedenkwart der Nation. Wird ein Mahnmal für Opfer der Nazi-Diktatur errichtet, ist der Unionsmann als Bauherr am Zug. Ein Job, bei dem eine sensible Hand vonnöten ist: Schließlich geht es um den Platz der Opfer in der Geschichte und den Stellenwert der Opferverbände in der Gegenwart. Fast immer wird hart und hochemotional gekämpft, mitunter bis zum Tag der Einweihung.
Diesmal geht es um das Denkmal für die etwa 500 000 in Europa ermordeten Sinti und Roma, das unweit des Reichstages errichtet wird. Der israelische Künstler Dani Karavan, 80, und der Auftraggeber streiten seit Monaten, anfangs um Baustoffe und Spesen, inzwischen aber ums Grundsätzliche. Der Künstler fürchtet um die "Heiligkeit" seines Werkes und droht mit seinem Ausstieg. Das Projekt steht auf der Kippe.
Ein kompliziertes Unterfangen war es von Beginn an. 1992 versprach die Bundesregierung den Sinti und Roma eine eigene Gedenkstätte, weil das Holocaust-Mahnmal an die Vernichtung der Juden erinnern sollte und anderen Opfergruppen weitere Erinnerungsstätten in Aussicht gestellt wurden.
Ansprechpartner für die Regierung ist in diesem Fall der Sinti-und-Roma-Zentralrat. Der Vorsitzende, Romani Rose, brachte den Israeli Karavan ins Spiel, einen eigenwilligen, aber durchaus geschätzten Künstler. Dessen Entwurf für ein Denkmal, eine Wasserschale mit einer Stele, Durchmesser zwölf Meter, wurde ohne Ausschreibung akzeptiert. Sinti, Roma, Historiker und Regierung diskutierten allerdings heftig, wie eine Inschrift zu Ehren der Opfer lauten soll. Während der Bundesrat 2009 der Verfolgung gedachte, registrierte die Polizei Handgreiflichkeiten zwischen verschiedenen Opfergruppen auf der Bundesratstoilette.
Mittlerweile wird gebaut. Rund zwei Millionen Euro will der Bund ausgeben, und wer das übersichtliche Brunnen-Arrangement betrachtet, könnte das für eine solide finanzielle Ausstattung halten.
Doch weit gefehlt: Der Anwalt Peter Raue, ein einflussreicher Kunstkenner und Freund langer Schriftsätze, hat die juristische Vertretung Karavans übernom-
men. "Wie viel Abweichung vom Perfekten muss der Künstler eigentlich dulden?", fragt Raue und wirft den Berliner Behörden vor, sie seien "bürokratisch und misstrauisch". So könnten keine Kunstwerke entstehen. Das hat er den Behörden schriftlich mitgeteilt.
Gestritten wird, als würde ein zweiter Eiffelturm errichtet. Ist der verbaute Stahl wirklich rostfrei, und "kann die Rostfreiheit garantiert" werden? Erscheint das Wasser in der Schale so dunkel, wie es der Künstler wünscht? Und wer überwacht die beauftragte Firma?
Anwalt Raue klagte über "Geheimaktionen" der Stadt, weil es Beamte gewagt hatten, ohne Karavan oder dessen Vertreter die Baustelle zu besichtigen. Selbst um Schweißnähte wurde gefeilscht oder darum, wann frisch angelieferte Segmente ausgepackt werden dürfen und wer daran schuld ist, wenn sie danach Rost ansetzen. "Unakzeptable Unebenheiten", monierte Karavan einmal an der Schale. Um ein Haar hätte er den Bau schon gerichtlich stoppen lassen.
In giftigen Schriftsätzen schieben sich beide Seiten nun die Verantwortung für Verzögerungen zu. Karavans Sonderwünsche, so Berlins Verwaltung, hätten das Vorhaben um zwei Jahre in die Länge gezogen, "mindestens". Raue hält den städtischen Bürokraten dagegen vor, "unhöflich und destruktiv" zu sein, und schließt ein "Scheitern des Projekts" nicht aus: "Der Künstler wird seinen Namen zurückziehen, wenn die Arbeit seinen Vorgaben nicht entsprechend ausgeführt wird."
Im Kanzleramt ist man derweil die ganze Sache leid. Zudem vermuten die Beamten hinter den "permanenten Änderungswünschen des Künstlers" inzwischen System - einen Weg, um am Ende womöglich mehr Honorar fordern und höhere Spesen abrechnen zu können. Vereinbart waren mit Karavan pauschale Reisekostenvergütungen, zehnmal sollte der Israeli zu Besprechungen und Ortsterminen einfliegen. Doch dann machte er höhere Kosten geltend, für einzelne Flugtickets nach Berlin oder einmal für den Besuch der Philharmonie samt Bewirtung von Gästen. "Keinesfalls erstattungsfähig", urteilten die Beamten.
Aber wie kommt man überhaupt preiswert in die deutsche Hauptstadt? Mit El Al oder doch Lufthansa? Und darf der alte Herr Business fliegen? Anwalt Raue und die Berliner Verwaltung tauschen nunmehr in herzlicher Abneigung Noten aus, erst über Lötpunkte und Messprotokolle, inzwischen auch über die günstigsten Flugtickets. Niemals habe sein Mandant falsch abgerechnet. Weil alles so lange dauert, will Raue aber tatsächlich ein höheres Honorar für den Künstler aus Israel durchsetzen.
Staatsminister Neumann ist um Ruhe bemüht, diskret versucht er, die erregten Gemüter zu besänftigen. Er will das Werk zu Ende bringen, natürlich "möglichst im Einverständnis mit dem Künstler", wie er betont. Neumann sieht sich als Schlichter herausgefordert.
Der geplante Einweihungstermin, der 28. Oktober, ist ohnehin längst verstrichen, natürlich nicht ohne Zank über einen neuen Termin. Nun wird der kommende Mai vage angepeilt. Ob das klappen wird?
Vorerst ruht die Bautätigkeit. Beide Seiten warten auf Tauwetter.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 52/2010
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