03.01.2011

AFFÄRENSeltsame Armut

Haus, Auto, Bargelddepots - die Staatsanwaltschaft wirft Ludwig-Holger Pfahls vor, er habe jahrelang den Mittellosen vorgegeben und sei dabei ein reicher Mann.
Der Blick von der Terrasse der Villa Mas Rayo über die Côte d'Azur ist unvergleichlich. An schönen Tagen reicht er von Monaco im Osten bis zu den Îles de Lérins im Westen. Unten, hundert Meter tiefer, in Golfe-Juan, landete Napoleon 1815, von Elba kommend, zu seinem letzten, kurzen Siegeszug.
Wann Ludwig-Holger Pfahls zum letzten Mal über die 120 Jahre alten Fliesen der 320-Quadratmeter-Villa ging, um im Garten zwischen Palmen und alten Olivenbäumen die Aussicht zu genießen, ist nicht bekannt. Sicher ist hingegen, dass die Villa Mas Rayo ihm ein Weihnachtsfest an einem ungleich unwirtlicheren Ort bescherte - als Untersuchungshäftling in der Justizvollzugsanstalt im schwäbischen Kaisheim.
Zwei Tage vor Heiligabend durchsuchte die Staatsanwaltschaft Augsburg 20 Büros und Wohnungen. Sie verhaftete Dr. jur. Ludwig-Holger Pfahls - einst CSU-Politiker, Präsident des Verfassungsschutzes, Staatssekretär im Verteidigungsministerium und DaimlerChrysler-Manager.
Heute ist Pfahls 68 Jahre alt, nach eigener Auskunft vermögenslos und Rentner mit einem Einkommen an der Pfändungsgrenze von rund 900 Euro.
Die Staatsanwälte allerdings glauben, dass er in Wahrheit ein reicher Mann ist. Einer, der im Ausland über mehr als vier Millionen Euro verfügt und sie Gläubigern im Inland verheimlicht haben soll. Um sich und seiner jüngeren Ehefrau, wie es im Haftbefehl heißt, einen hohen Lebensstil zu gönnen - mit Firmenbeteiligung und Immobilienbesitz, mit schicken Autos und teurem Schmuck.
Mit Pfahls wurden sechs weitere Beschuldigte verhaftet, die ihm beim Bankrott geholfen haben sollen. Darunter auch Dieter Holzer, Geschäftsmann, Lobbyist und Vermittler aus dem Saarland im schattigen Grenzbereich von staatlichen und privaten Interessen.
Ausgerechnet Holzer und Pfahls. Sie standen mit dem Rüstungslobbyisten Karlheinz Schreiber im Zentrum der Affären der Ära Kohl. Ihre Namen fielen, wenn von Schmiergeldern für die Lieferung von "Fuchs"-Panzern nach Saudi-Arabien, dem Verkauf der Raffinerie Leuna an den französischen Elf-Konzern oder die CDU-Spendenaffäre die Rede war.
Nach fünf Jahren auf der Flucht verurteilte das Landgericht Augsburg Pfahls zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Er gab zu, von Schreiber bei Rüstungsgeschäften als Staatssekretär 3,8 Millionen Mark versprochen bekommen und 900 000 tatsächlich unversteuert erhalten zu haben.
Im September 2005 wurde Pfahls vorzeitig aus der Haft entlassen und bekam Bewährungsauflagen: Er sollte 100 Stunden in einem Krankenhaus arbeiten und seine Steuerschuld von 1,5 Millionen Euro begleichen.
Den Sozialdienst leistete Pfahls, doch beim zweiten Teil haperte es. Zwar soll Pfahls über 400 000 Euro an den Fiskus zurückgezahlt haben. Doch im September 2007 erklärte er sich für vermögenslos und gab eine eidesstattliche Versicherung ab.
In ihren Unterlagen listen die Ermittler auf, dass Pfahls der Staatsanwaltschaft Augsburg noch über 91 000 Euro schuldet und dem Finanzamt Nürnberg-Nord rund 1,8 Millionen Euro inklusive Säumniszuschlägen. Allerdings geht er seit Jahren gegen den Steuerbescheid gerichtlich vor.
Die Ermittler sind überzeugt, dass Pfahls 2007, als er den Offenbarungseid leistete, über Bar- und Buchgeld in Höhe von mindestens 500 000 Euro verfügt haben soll, auch soll er wirtschaftlich Berechtigter von Geschäftsanteilen im Wert von einer Million Euro sowie der Villa Mas Rayo in Vallauris im Wert von etwa 2,7 Millionen Euro gewesen sein.
Bei ihren Ermittlungen setzten die Fahnder dem prominenten Verdächtigen hart nach: Sie arbeiteten mit Observationen, hörten Telefone ab und kontrollierten die Post. Mit den Ergebnissen bekamen sie die Haftbefehle.
Bereits 2006 soll Pfahls beschlossen haben, eine Million Euro seines Auslandsvermögens verdeckt in Deutschland zu investieren, und zwar in die Horn Liegenschaften GmbH eines Bauunternehmers im Nürnberger Raum. Als Sicherheit seien am 24. Oktober 2006 vor einem Notar im österreichischen Kufstein 50 Prozent der Geschäftsanteile an die Ehefrau von Pfahls abgetreten worden, eine Moldauerin, die Pfahls auf seiner Flucht kennengelernt hatte.
Im Gegenzug habe der Bauunternehmer, der ebenfalls Beschuldigter ist, von Ende 2006 bis Mitte 2008 über eine Firma seiner Unternehmensgruppe Grundsteuern, Strom- und Wasserkosten für die Villa Mas Rayo übernommen - insgesamt über 24 000 Euro.
Ein bemerkenswerter Vorgang, denn zu diesem Zeitpunkt war Pfahls offiziell längst nicht mehr Besitzer des Anwesens. 1994 hatte Pfahls das Haus in Südfrankreich für fünf Millionen Francs gekauft.
Als Pfahls 1999 in Asien untertauchte, wurde die Villa für 5,7 Millionen Francs an einen ehemaligen Generaldirektor im südafrikanischen Außenministerium verkauft. Die Ermittler glauben an ein Scheingeschäft. Sie sind überzeugt, dass Pfahls immer der faktische Eigentümer blieb. Als Beleg gilt ihnen ein Brief aus dem April 2009, in dem der Südafrikaner schriftlich bestätigen soll, dass Pfahls der wirtschaftlich Berechtigte war und er selbst keinerlei Verfügungsmacht über das Anwesen hatte. Vom örtlichen Katasteramt wollen sie erfahren haben, dass die Villa mittlerweile für etwa 2,7 Millionen Euro an einen Russen verkauft worden sein soll. Wo oder bei wem das Geld ist, wissen die Fahnder nicht.
Im heimatlichen Nürnberg soll Pfahls derweil nach den Erkenntnissen der Ermittler zeitweise Leasing-Fahrzeuge der gehobenen Klasse einer Baufirma gefahren haben, darunter einen VW Phaeton.
Am 18. März 2009 kaufte seine Frau für 195 000 Euro ein Haus in Sengenthal in der Oberpfalz. Glaubt man den Staatsanwälten, hat Pfahls die Gattin als Käuferin nur vorgeschoben. 100 000 Euro finanzierte die Moldauerin über den Kredit einer Raiffeisenbank. 97 000 Euro des Kaufpreises sollen aus ausländischen Gelddepots stammen, von denen die Ermittler glauben, dass Pfahls sie in Moldau und andernorts besitzt. Denn auf dem Konto der Pfahls-Gattin fanden die Ermittler von 2007 an immer wieder Überweisungen aus ihrer Heimat. Einer Erklärung der Ehefrau vom Dezember 2009, dass sie von Verwandten mit Bargeld und Überweisungen unterstützt werde, glauben die Ermittler nicht. Auf dem Konto fanden sie auch Überweisungen von Domizilgesellschaften aus dem Ausland - mal 19 000 Euro, mal 15 000 Euro. Hinter den Briefkastenfirmen mit Namen wie Higlex Limited 69 vermuten sie Pfahls.
Ein Teil des pfahlschen Vermögens soll schließlich Dieter Holzer verwahren; bar in einem Schließfach in Liechtenstein, Österreich oder der Schweiz, glauben die Ermittler. Wann immer Pfahls Geld benötige, so ihre Theorie, wende er sich an Holzer, der ihm dann die entsprechende Summe aus dem Depot übergebe.
So soll Pfahls ihn am 27. oder 28. Juli 2010 im Ausland getroffen und dabei 50 000 Euro erhalten haben. Die Summe folgern die Ermittler augenscheinlich aus Bareinkäufen, die der Rentner in den folgenden Wochen gemacht haben soll. Im August soll er Schmuck für seine Frau, Heizöl für das Heim und einen Audi Q7 für 34 000 Euro gekauft haben.
Das Verfahren gegen Pfahls und seine mutmaßlichen Helfer wird für die Staatsanwaltschaft kein Spaziergang. Der Tatverdacht fußt auf einem Puzzle von Indizien und Annahmen. Denn die Frage ist: Reichen beispielsweise ein Telefongespräch, in dem sich Pfahls nach dem Preis eines Porsche Carrera erkundigt, und eine Reise ins Saarland aus für die Annahme, dass dort 80 000 Euro übergeben wurden?
Die Firma des Bauunternehmers nimmt keine Stellung. Der Anwalt von Pfahls lehnt einen Kommentar ab. Ein Verteidiger seiner Frau war nicht zu erreichen. Holzers Anwalt weist alle Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zurück.
Von Markus Dettmer und Conny Neumann

DER SPIEGEL 1/2011
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