03.01.2011

Carl Gustafs Freunde

Ortstermin: Wie die Polyamorie-Bewegung in Hamburg für die Mehrfachliebe kämpft
Eichhörnchen, so nennt er die Neuen in seiner Bewegung, und Hauke sagt, er könne zufrieden sein. Die Zahl der Eichhörnchen nehme zu. Hauke trägt einen Wollpullover und trinkt Spezi und sitzt an einem Holztisch im Café Variable, er redet über Monogamie, die großer Mist sei, und über den letzten Polyamorie-Kongress in England und dass sich "das alles langsam entwickelt". Die Leute werden neugierig. Sie kommen zu diesem Stammtisch im Hamburger Karolinenviertel und wollen wissen, was das ist: Polyamorie.
Hauke, selbständiger Berater, ist seit vier Jahren mit Constanze zusammen, der rundlichen IT-Trainerin am anderen Ende des Tischs. Und mit Axel, dem ernsten Airbus-Angestellten schräg gegenüber. Hauke, Constanze und Axel sind polyamor. Polyamorie bedeutet Liebesbeziehungen zu mehr als einem Menschen zur gleichen Zeit, mit dem Wissen und Einverständnis aller beteiligten Partner. Es ist das Gegenmodell zur Zweierbeziehung.
Bert Brecht, Rainer Langhans, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir: Mal hieß es "Harem", mal "offene Beziehung", mal "freie Liebe", mal "Polygamie". Die Mehrfachliebe gab es schon immer. Nur dass man jetzt anders damit umgeht, sagt Hauke. Gleichberechtigt, und dass Polyamorie nicht als Versagen gilt, sondern als Prinzip.
Keine Heimlichkeit, keine Scheidung. Ein dritter Weg.
Das Bewusstsein, eine Bewegung zu sein, stammt aus den USA der neunziger Jahre, nach Europa kam es später. Mittlerweile gibt es weltweit Fachtreffen und Kongresse und Stammtische und Partys, es gibt Prominente, auf die man sich beziehen kann, wie Dieter Wedel, Carla Bruni, Paul Bocuse. Es gibt eine Polyamorie-Flagge, Ratgeberbücher und Internetdebatten: Wie löse ich Organisationsprobleme? Darf ein Polyamorist eifersüchtig sein?
Tom Tykwer hat jetzt einen Film darüber gemacht, über die Liebe zwischen mehr Menschen als zwei. Tykwer zeigt, worüber der Stammtisch redet: Anders leben, anders lieben. "Drei" heißt der Film.
Hauke findet die Aufregung um den Film übertrieben. Aber vielleicht treibt Tykwers Film die Polyamorie-Bewegung voran wie Jonathan Safran Foers Buch den Vegetarismus. Vielleicht benötigen die Deutschen erst einen Film, um sich in der Realität umzuschauen, in der polyamoren Realität.
"Die ist im Menschen drin", sagt Marie, eine schwarzhaarige Mittvierzigerin, die neben Hauke sitzt und schon mal mit Axel auf einer Sadomaso-Party war. Aber das wusste Constanze. "Natürlich", sagt Hauke. Marie war mal verheiratet und hat einen 23-jährigen Sohn. Sie sagt, sie habe den Glauben an die Monogamie verloren. Ihr Mann habe sie jahrelang betrogen und sie ihren Mann. Irgendwann seien sie sich fremd gewesen, sagt Marie. Sie ließ sich scheiden. Jetzt ist sie Single und hat ein Modell, wie es demnächst besser klappt mit der Liebe, und dieses Modell heißt Mehrfachliebe mit Respekt. Ehrlicher sei das, sagt Marie. Die monogame Ehe vergleicht sie mit einer Jacke, die ihr drei Nummern zu klein sei. Marie möchte eine Jacke, die ihr passt.
Man diskutiert über Fetische, das bedingungslose Grundeinkommen, den neuen "Harry Potter"-Film und Quantenphysik. Die meisten Anwesenden sind Akademiker: Soziologen, Informatiker, Lehrer, Heilpraktiker. "Komischerweise kommen nie Handwerker", sagt Constanze. Eine aschblonde Frau ist zum ersten Mal da. Sie ist etwas verlegen. Man gibt ihr Buchtipps: "Kennst du 'Wege der Liebe' von Alexandra Kollontai?" Die junge Frau schüttelt den Kopf. Sie sagt aber, dass sie Polyamorie für ein Zukunftsmodell halte. Sie wolle Karriere machen und habe einen Freund in Berlin und einen in Frankfurt. Sie redet von Urbanität, globalisierter Liebe und Gentrifizierung.
Einer fragt, ob jemand zufällig die Carl-XVI.-Gustaf-Biografie gelesen habe. Der Schwedenkönig geriet zuletzt durch Seitensprünge und Besuche in Stripclubs in die Kritik. In der Biografie geht es um die Untreue des Monarchen. Einige Stammtischleute glauben, dass der König ein Doppelleben geführt habe, weil ihm sein Hang zur Mehrfachliebe peinlich war. Das Problem sei hier, sagt Hauke und haut sich auf die Stirn. Im Kopf. "Gustaf und Silvia hätten miteinander reden müssen", sagt Marie. Es klingt nach einer einfachen Lösung.
Wenn sich in ihrer festen Dreierbeziehung einer unwohl fühle, sagt Hauke, dann rede man. Es gibt zwei Wohnungen und einen Google-Kalender, in den tragen Axel, Hauke und Constanze ein, wer wann bei wem schläft. Weihnachten waren sie alle bei Constanzes Mutter in Braunschweig. "Das muss man managen", sagt Constanze. Alles soll gerecht sein.
"Poly ist fairer", sagt Axel. Marie nickt. Viele nicken. Sie halten zu Carl Gustaf. Nur noch 51 Prozent der Schweden wollen Carl Gustaf weiter auf dem Thron sehen, wie eine Umfrage im Auftrag der Stockholmer Zeitung "Dagens Nyheter" ergab. Je weniger die Schweden ihren König mögen, desto mehr mag ihn der Stammtisch.
Am Stammtisch herrscht die Hoffnung, dass Polyamorie die Menschen sexuell befreien könne, auch die Königshäuser. "Noch sind wir eine alternative Randgruppe", sagt Hauke. Noch, sagt er.
Constanze steht auf, läuft rüber zu Hauke und krault ihm den Nacken. Heute war ein guter Abend. Es waren Eichhörnchen da. Es geht voran.
Von Nora Gantenbrink

DER SPIEGEL 1/2011
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