03.01.2011

ITALIENVon den Alpen zu den Anden

Nach den Briefbomben von Rom gehen Ermittler nun internationalen Verbindungen in der anarchistischen Szene nach. Vieles spricht für eine koordinierte Aktion.
Sie waren gründlicher als der Weihnachtsmann. Sie schauten in jeden Postsack, öffneten in Geschenkpapier gewickelte Pakete, prüften Neujahrskarten, durchleuchteten Präsentkörbe mit Spumante und Weihnachtskuchen.
Seit am Tag vor Heiligabend in den Botschaften der Schweiz und Chiles in Rom Briefbomben explodierten und zwei Botschaftsmitarbeiter verletzten, lebt Italien in Angst. Und vieles deutet darauf hin, dass die Angst anhalten wird.
Die Weihnachtstage waren gerade vor-über, da rückten erneut Bombenexperten in Schutzanzügen in diplomatischen Vertretungen an. Die Botschaften hatten sie gerufen, verdächtige Pakete lägen in ihren Poststellen, wer solle die jetzt öffnen? Die Sendungen in rund 15 Vertretungen entpuppten sich als harmlos, ebenso das Päckchen, das am Mittwoch in der US-Botschaft beim Vatikan einging.
In der Via S. Mercadante 36 jedoch, in einer Villa im vornehmen Viertel Parioli, wurden die Ermittler fündig. Dort, in der griechischen Botschaft, war bereits Heiligabend ein verdächtiges Paket eingegangen: ein gelber Umschlag mit einer CD-Hülle, durch Kabel mit Sprengstoffpulver verbunden. Nur der Umsicht des Pförtners ist es zu verdanken, dass es nicht in die Luft ging, der Zünder soll scharf gewesen sein.
Es war die dritte Bombe innerhalb weniger Tage, gleiche Bauart, gleicher Absender auf dem Bekennerschreiben: FAI, "Federazione Anarchica Informale", ein italienisches Anarchisten-Bündnis. Seit diesem dritten Fund gehen die Ermittler von einer koordinierten Aktion zwischen griechischen und italienischen Anarchisten aus.
Schweiz, Chile, jetzt auch Griechenland - "das ist kein Zufall", sagt Staatssekretär Alfredo Mantovano, 52. Er düst im Dienstwagen von einer Konferenz über organisierte Kriminalität zurück nach Rom zu den Ermittlungsteams. Mantovano ist ein stiller, gefasster Mann, die Nummer zwei nach Innenminister Roberto Maroni. Die Briefbomben aber beunruhigen ihn, die FAI hält er für chaotisch, ohne Führer, ohne Ideologie sei sie und gerade deshalb gefährlich: "Sie sind nicht die Roten Brigaden und nicht al-Qaida, sie sind irgendetwas dazwischen, aber wir müssen sie ernst nehmen."
Er habe eine Anschlagsserie befürchtet, sagt er, wie auch die Schweizer und die Griechen, mit denen er seit den Paketbomben aus Athen im November und Verhaftungen bei Zürich im Frühjahr zusammenarbeitet. Seit Monaten vermuten die Ermittler eine internationale Kooperation der Anarcho-Gruppen. Das Bekennerschreiben aus der chilenischen Botschaft bestätigt nun ihren Verdacht.
"Von den Alpen zu den Anden über Rom", stand da, es war eine erste Spur, und sie führte nach Santiago de Chile. Dorthin, wo im März 2009 der Anarchist Mauricio Morales starb, als selbstgebastelter Sprengstoff ihn zerriss.
Die zweite Spur führt ins Alpenland Schweiz, dort sitzen seit über einem halben Jahr ein Italiener, eine Italienerin und ein Schweizer im Gefängnis, die sich Ökoterroristen nennen. Angeblich planten sie ein Attentat auf ein Forschungszentrum des Computerunternehmens IBM bei Zürich. Kurz vor Weihnachten traten zwei der Gefangenen in den Hungerstreik. "Wir handeln, weil unsere Erde stirbt", verkündeten sie, "wir sind unbezwingbar, bis zum letzten Atemzug."
Die Verbindung zu Griechenland, zu der sogenannten Verschwörung der Feuerzellen liegt nahe, seit im November aus Athen Briefbomben verschickt wurden: an Angela Merkel ins Bundeskanzleramt, an Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi. Die jüngsten Bekennerschreiben der FAI sind unterzeichnet mit "Revolutionäre Zelle Lambros Fountas". Das ist der Name des Sohnes eines griechischen Militärarztes, aufgewachsen in der Athener Oberschicht. Der 35-jährige Fountas gilt als Ikone des anarchistischen Widerstands, seit er im März bei einem Feuergefecht mit der Polizei starb.
Zum ersten Mal tauchte der Name FAI im Dezember 2003 auf, zu der Zeit noch mit dem Zusatz "Handwerker-Kooperative Feuerwerkskörper und Ähnliches". Dem damaligen Präsidenten der EU-Kommission, Romano Prodi, stellten die Anarchisten zwei Kochtöpfe mit Brandsätzen vors Haus. Der Staatsschutz beobachtet die Gruppe seit 2008, allein 2009 verübte sie 24 Anschläge auf Kasernen, Abschiebelager und Ministerien.
"Eine Methode, neue Mitglieder zu rekrutieren", sagt Staatssekretär Mantovano, "vor allem aber wollen sie nicht vergessen werden", das sei ihre Botschaft an Italien und die Welt. Der Staatsschutz geht davon aus, dass eine akute Gefahr mindestens noch bis Mitte Januar besteht, dann beginnt in Griechenland ein Prozess gegen zwei Autonome.
Nach mehreren Kontaktversuchen über ihre Homepage meldet sich die FAI eine Woche nach Weihnachten im SPIEGEL-Büro in Rom. Am Handy ein junger Mann aus Palermo, der sich als FAI-Kämpfer ausgibt, im Hintergrund brüllen Demonstranten. Er sagt, die FAI würde die Bombenattentate in Rom verurteilen, "das waren nicht wir, sondern Untergruppen, sie missbrauchen unseren Namen, um uns zu schaden."
Die FAI sei gut vernetzt in Europa, aber sie verschicke keine Bomben, auch nicht in einem Land, in dem gerade der soziale Frieden und die Zukunft der Studenten auf dem Spiel stünden. Seit Monaten lebe er auf der Straße, vermummt, bewaffnet mit Farbbeuteln und Schlagstöcken. Sein Kampf habe gerade erst begonnen. Wie auch die Suche nach den wahren Absendern der Weihnachtspost von Rom.
Von Fiona Ehlers

DER SPIEGEL 1/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2011
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ITALIEN:
Von den Alpen zu den Anden