03.01.2011

IRAKSo nah am Tod

Nach Monaten der Selbstblockade gibt es in Bagdad endlich eine Regierung. Doch das Feilschen um die Macht hat das Ansehen der Politik schwer beschädigt. Die Iraker haben sich ins Private zurückgezogen und hoffen, dass es nicht zu einem Bürgerkrieg kommt. Von Alexander Smoltczyk
Die Lage mag sich normalisiert haben. Nur dass man bei der Anmeldung im Hotel um ein persönliches Geheimwort gebeten wird, irritiert - "für den Fall, dass wir mit deinen Kidnappern verhandeln müssen". Das sagt der Mann mit dem unwahrscheinlichen Namen Tex Dallas. Ein ehemaliges Mitglied der britischen SAS-Spezialeinheiten. Heute betreibt er im Zentrum Bagdads ein Gästehaus für Journalisten.
73 Touristen sind nach Angaben des irakischen Ministers für Fremdenverkehr 2009 nach Bagdad gekommen. Nicht gerechnet natürlich die Pilger aus Iran. Im vergangenen Jahr sollen es noch weniger gewesen sein. Sieben, heißt es. "Besser übrigens, wenn du nicht länger als 30 Minuten an einem Platz bleibst", sagt Tex Dallas, der Herbergsvater. Jeder aus dem Westen habe ein Preisschild auf der Stirn: "ein sechsstelliges". Sicherheitsleute reden so. Es wird noch etwas dauern, bis Bagdad von Terrorismus auf Tourismus umgestellt hat.
Mehr als neun Monate vergingen nach der Wahl vom 7. März, bis der Irak seine neue Regierung bekam - mit dem alten Premier an der Spitze, dem Schiiten Nuri al-Maliki. Vor vier Monaten haben die "US-geführten Koalitionskräfte" ihren Kampfeinsatz offiziell beendet. Und jeden Tag wächst die Ahnung, dass es sehr unheimlich ist, so ganz allein zu Haus.
Es waren quälend lange Monate des Stillstands. Und auch die Wochen seit dem ersten Zusammentreffen des Parlaments hatten nichts von lehrbuchhafter Suche nach dem politischen Ausgleich. Es gab Ultimaten, demonstratives Verlassen des Saals, es gab ebenso groteske wie realistische Verdächtigungen und pathetisches Kofferpacken.
Maliki hat sich jetzt eine Mehrheit zusammengepuzzelt, mit Hilfe der Kurden und des schiitischen Predigers Muktada al-Sadr. Das Mammutkabinett zählt 42 Minister, vereidigt sind bislang nur 29. Auch das Regierungsprogramm verheißt keinen Aufbruch, die 43 Punkte, die Maliki im Parlament verlas, erinnerten in vielem an seine Erklärung aus dem Jahr 2006.
Auch die sunnitische Minderheit musste er an der Regierung beteiligen. Die Sunniten hatten großteils für die säkulare Liste des früheren Regierungschefs Ijad Alawi gestimmt. Jetzt gibt es eine Reihe sunnitischer Minister und einen neuen Sicherheitsrat, dem Alawi vorstehen soll.
Die lange Selbstblockade des Parlaments hat das Ansehen der Politik im neuen Irak vollends ruiniert. Es war ein 289 Tage währender Tanz der Machthungrigen und Eitlen, der Selbstdarsteller und der Marionetten.
Der Sender al-Baghdadija am Stadtrand gehört einem irakischen Geschäftsmann, der in Griechenland lebt. Das Sendezentrum ist in Kairo, in Bagdad werden gerade die Studios erweitert. Hier ist die erste Reality-Show nach dem Abzug der Amerikaner produziert worden. Sie heißt "Steckt ihn nach Bucca".
Camp Bucca war eines der härteren US-Gefängnisse im Irak und wurde nach diversen Skandalen 2009 geschlossen. "Steckt ihn nach Bucca" ist eine Art versteckte Kamera. Nur dass den Opfern falsche Bomben ins Auto geschmuggelt werden und es echte, aber eingeweihte Posten sind, die sie in Panik und Todesangst versetzen. "Alles ist natürlich. Das ist Comedy", sagt Nadschim al-Rubai, Produzent der Sendung. "Wir wollen, dass die Zuschauer über al-Qaida lachen." Er trägt eine auffällige, vielleicht sogar echte Golduhr am Handgelenk und lässt gern seine Fingergelenke zu den Sätzen knacken. "Wir haben dafür gesorgt, dass während des Ramadan alle über Haftbomben und die Checkpoints gesprochen haben."
"Bucca" ist eine der populärsten TV-Shows derzeit. So nah am Tod, so nah am Leben.
Rubai hasst die Amerikaner. Die Besatzer hätten Bagdad zerstört und das Land den Iranern vor die Füße gelegt, sagt er, sie hätten Kulturschätze gestohlen, eine Million Märtyrer produziert und unfähige Politiker ins Land gebracht.
Wer Rubai zuhört, merkt, dass die US-Streitkräfte zumindest eine wichtige Aufgabe hatten und sie auch erfüllten: Sie waren der Sündenbock. Da hat der Abzug eine Lücke hinterlassen. Rubai hat noch eine Sendung, "Aus dem Herzen Bagdads". Er fährt mit einem Übertragungswagen auf die Plätze der Stadt und lässt die Leute reden. Da erzählt ein Mann unter Tränen, dass sein Sohn für 15 Jahre ins Gefängnis soll, weil er eine Tüte Chips gestohlen hat und kein Geld besitzt, um die Polizei zu bestechen. "Es ist gefährlich, die Sendung zu machen. Aber wer den Leuten nicht zuhören will, hat hier nichts verloren. Die Stadt träumt vom richtigen Leben."
Er knackt mit den Fingern. "Die haben die Nase voll von den Sekten. Wir sind eine Nation", sagt Rubai. "Es sind doch nur Teenager und schwache Menschen, die infiziert sind." Wovon? "Vom Virus der Politiker."
Bagdad ist immer noch eine Stadt im Ausnahmezustand. Gerade ist die erste Straßenkehrmaschine in Dienst genommen worden. Und zugleich liegen ausgebrannte Autowracks herum, hocken alle 50 Meter schwerbewaffnete Posten auf alten Bürostühlen, in Panzern oder selbstgebastelten Unterständen. Im Reichenviertel Mansur werden die Trümmer einer Autobombe zusammengeschoben, zur selben Zeit wird ein paar Ecken weiter die Vitrine des neuen "Dodge - Jeep - Chrysler"-Autohauses geputzt.
Während sich in den christlichen Vierteln der Exodus fortsetzt, stapeln sich auf den Gehwegen Kartons mit Kühlschränken, Ventilatoren, Boilern, Flachbildschirmen. Und weil es der gestiegenen Nachfrage wegen nicht genügend Strom gibt im Netz, dieseln nebenan private Generatoren. Die Betreiber dieser ohrenbetäubenden Anlagen sind reich geworden. Von den Sicherungskästen führen Hunderte Kabel in die umliegenden Fenster, an Palmen und Laternen festgedrahtet, in sich versponnen und so unentwirrbar wie die irakische Politik. Aber es funktioniert, besser als das öffentliche Netz. Bagdad, eine Zwei-Strom-Stadt.
Niemand lässt sein Auto unbewacht stehen. Das ist die Angst vor den "sticky bombs": Die Qaida ist dazu übergegangen, magnetische Sprengsätze an geparkten Autos zu befestigen und sie später, vor einem Checkpoint, per Mobilfunk zu zünden. Das spart Selbstmordattentäter.
Die Gefahr ist diskreter geworden und damit noch tückischer. Und es ist wieder zur Gewohnheit geworden, jede Stunde SMS nach Hause zu schicken: "Alles ok. Ich esse gerade. Bin gleich zurück."
Die Stadt ist immer noch eingesperrt in ein Gitter aus bis zu fünf Meter hohen Explosionsschutzwällen, jeder Bezirk ist eine Festung mit Checkpoints am Ein- und Ausgang. Die Mauern zwingen der Stadt eigene Regeln auf. Wer sich einem Ministerium, einer Behörde, einer Kaserne nähert, wird mit Misstrauen taxiert und auf Distanz gehalten, als wäre er selbst hochexplosiv. Söldner, oft aus Lateinamerika oder dem Kaukasus angeworben, dirigieren die Besucher an halbmeterdicken Betonwällen vorbei, durch Schleusen und Detektoren.
Der Polizeigeneral Faisal Malik Muhsin verbindet mit den Magnetbomben eine Hoffnung: "Den Aufständischen gehen die Selbstmörder aus." Er ist zuständig für den Raschid-Bezirk im Westen Bagdads, gerade hat er eine Autobombenwerkstatt ausgehoben. Sein Händedruck ist fest, seine Fingernägel sind fast völlig heruntergekaut. "Wir haben die Dinge im Griff", sagt der General.
Muhsin sieht müde aus und macht keine Anstrengung, das zu verstecken. Er sagt, es sei inzwischen kaum mehr zu trennen zwischen Aufständischen und Gangstern. Ehemalige Geheimdienstoffiziere der Baath-Partei sollen heute führende Kriminelle sein. Die Qaida finanziere sich großteils über Schutzgelderpressung. Die Einnahmen seien allerdings stark zurückgegangen. Auf derzeit 300 000 Dollar. Im Monat.
Das Drogengeschäft wird von Aufständischen kontrolliert. Eine Bank in Bagdad ist im Sommer mit der Brutalität eines Qaida-Kommandos überfallen worden. Jeder Kunde wurde hingerichtet.
General Muhsin sagt, die Amerikaner hätten seine Leute gut ausgebildet. Er brauche die ausländischen Soldaten nicht mehr. "Wir haben genügend Waffen und Leute. Wir brauchen nur Informationen. Da helfen uns die Amerikaner weiter." Er bietet an, die sichergestellten Waffen einer Razzia zu präsentieren, samt der Beute eines Juwelendiebstahls. Aber die sind dann doch nicht aufzufinden.
Eines der auffälligsten Instrumente zur Terrorbekämpfung in Bagdad ist das "ADE 651", das "Advanced Detection Equipment". Es sieht aus wie eine Pistole mit aufgesetzter, beweglicher Radioantenne. Jeder Checkpoint-Wachmann ist damit ausgestattet. Und läuft jedes zu kontrollierende Auto damit entlang. Laut Hersteller ist ADE 651 in der Lage, "durch elektromagnetische Anziehung" Drogen und Sprengstoff auf größere Distanzen zu erschnüffeln. In Bagdad wird das Gerät auch "Parfum-" oder "Plombendetektor" genannt, weil es auch auf Zahnfüllungen, Shampoo und am Rückspiegel baumelnde "Wunderbäume" anschlägt.
Das irakische Innenministerium hat einige tausend ADE 651 gekauft, für 85 Millionen Dollar. Die Wirksamkeit des Apparats ist von der BBC widerlegt worden. Die angeblich auf Sprengstoff programmierten Karten seien frei von jeder Information. ADE 651 hat die Verlässlichkeit einer Wünschelrute, aber in Bagdad ist es das Kernstück der Bombenbekämpfung. "ADE 651 funktioniert", sagt General Muhsin. Jede Sicherheitspolitik hat etwas von magischem Glauben.
Terror oder nicht - unter Jugendlichen in Bagdad scheint es angesagt zu sein, sich zum Chat im Netz zu treffen, im "Hunting Club" oder freitags im Zoo. Sie versuchen auszusehen wie spanische Fußballer oder tragen enge schwarze T-Shirts mit dem Bild des türkischen Fernsehstars Murat Alan. Der verteidigt sein Land gegen böse Mächte.
Stars and Stripes sind aus der Mode ebenso verschwunden wie aus dem Straßenbild. Auch das Autohaus Dodge hütet sich, die US-Flagge zu hissen. Es ist, als wären die Amerikaner nie da gewesen. Man spürt ihre Präsenz nur noch an den Checkpoints. Die Sicherheitskräfte dort sind allgegenwärtig. Sie haben neue Uniformen und mächtige "Super Duty"-Ford-Pick-ups. Die Amerikaner haben ihre Humvees und Helikopter, ihr Labyrinth aus Anti-Explosions-Schutzmauern und ihre Tischkicker in den Kasernen zurückgelassen. Die Posten an den Checkpoints imitieren ihre Ausbilder. Sie posieren mit der gleichen Lässigkeit, Kaugummi kauend, mit Piratenkopftuch und Sonnenbrille.
"Die Posten sehen besser aus als früher. Aber ich traue ihnen nicht."
Das sagt Nabil al-Dschiburi. Er hat Erfahrung im Umgang mit Gefahr: "Du darfst deine Furcht nicht zeigen. Sonst wirst du angegriffen." Dschiburi ist Löwenwärter im Zoo von Bagdad. Er ist 33 Jahre alt und verbringt den Tag vor allem damit, die Leute daran zu hindern, den Löwen Baschar zu piesacken. Denn der gehörte einmal Udai, dem sadistischen Sohn von Saddam Hussein. "Die Leute glauben, er wäre mit Menschenfleisch gefüttert worden. Aber das stimmt nicht."
Dschiburi gehört zu denen, die den Amerikanern hinterhertrauern, und das sind nicht wenige. Er sagt: "Bei denen wusste ich, woran ich war. Heute macht jeder am Checkpoint, was er will. Wir sind noch nicht so weit. Man kann nicht die Käfigtür offenstehen lassen und einfach gehen." Der Löwenwärter ist überzeugt, dass es einen Bürgerkrieg geben wird. Die Wut auf die Besatzer ist der Angst vor der eigenen Willkür gewichen.
Es ist das Gefühl, zu Hause allein gelassen worden zu sein. Eigentlich genau das, was kleine Jungs sich wünschen. Aber wenn die Eltern dann tatsächlich die Tür hinter sich zugezogen haben, gibt es sonderbare Geräusche, und vielleicht ist man doch nicht sicher vor Geistern und Dämonen. Und seien es die eigenen.
An der Abu-Nuwas-Straße am Tigris-Ufer sehen die Hotelhochhäuser, das "Palestine" und das "Mansur", aus wie frisch zerbombt. Aber es sind nur Renovierungsarbeiten. Die alte Regierung hat 300 Millionen Dollar eingeplant, um Bagdads Hotels in die Fünf-Sterne-Liga zu hieven. Im März 2011 will sich die Arabische Liga hier treffen, zum ersten Mal seit dem Sommer vor dem irakischen Einmarsch in Kuwait vor 20 Jahren.
Einige Nachtclubs haben aufgemacht. "Um den Leuten die Kopfschmerzen zu vertreiben", wie es Chalid al-Basri ausdrückt. Er ist Besitzer des größten Clubs "al-Wafri" und sitzt im roten Licht auf dem Gehsteig. Gegenüber in den Ufer-restaurants hocken junge Männer bei Wasserpfeife und Grillkarpfen.
Er geht nach oben in einen niedrigen Raum, wo eine Handvoll Übergewichtiger mit Keyboards und Sound-Software infernalischen Lärm produzieren. Drei Tänzerinnen aus Basra schaukeln grinsend mit den Hüften und werden ab und zu mit Dinarnoten beregnet, die zwei Geschäftsleute über sie werfen.
"Er hat das Ministerium bezahlt. Aber jeder Polizist kann jederzeit seinen Club schließen. Wollen wir Whisky?", schreibt der Dolmetscher auf einen Zettel. Es ist zu laut fürs Interview. Der Clubbesitzer winkt nach Arak und Obsttellern. Dann lässt er schreiben, sein Bruder sei von den Amerikanern beim Angeln ins Bein geschossen worden. Ihn selbst hätten sie 16 Monate lang ins Gefängnis gesperrt, einer Denunziation wegen. "Er sagt trotzdem, die USA haben eine Lücke hinterlassen", steht jetzt auf dem Zettel. "Die können die Iraker nicht füllen. Für das Land ist es NICHT GUT."
Als die USA aus Saigon abzogen, ließen sie Zigtausende Helfer, Verbündete, Kollaborateure zurück. Viele kamen ihnen später als Boatpeople hinterher. Der Abzug aus Bagdad ist weit weniger chaotisch, die politische Konstellation nicht zu vergleichen. Aber es gibt auch hier Männer, die ihr Leben für die Besatzer riskierten und weiter riskieren, heute als Zielscheiben für Racheaktionen.
Der Scheich, dem US-General David Petraeus seinen Erfolg nicht unwesentlich verdankt, wohnt in einer zur Festung umgebauten Villa in der Nähe der Grünen Zone. Ali Hatim ist Anführer der "Söhne des Irak", einer Miliz von gut 100 000 Männern, die im Jahr 2006 die Seiten wechselte und mit der irakischen Armee und US-Kräften die Qaida bekämpfte - mit erheblichem Erfolg. "Wir haben die Qaida in Stücke geschlagen", sagt der Scheich. "Wir sind die Einzigen, die jeden Qaida-Gefangenen sofort hinrichten. Das macht keiner außer uns."
Er sitzt in seiner weißen, gestärkten Dischdascha auf dem Sessel, sportlich, mit Kinnbart und Koteletten und sieht, eine Zigarette nach der anderen rauchend, unverschämt gut aus. "Al-Qaida versprach unseren Jungs einen ehrenhaften Kampf. Aber es war ein Kampf gegen unsere Traditionen. Sie versuchten, die Stämme zu entzweien." Deswegen mussten die Sunniten-Scheichs die Seite wechseln. "Ich habe Obama eine Stunde lang gesprochen, als er kurz vor seiner Wahl in Bagdad war", erzählt der Scheich. "Ich sagte ihm, mit wem er reden sollte. Zuerst mit religiösen Führern, dann mit den Politikern. Dummerweise habe ich die Nummer drei vergessen, das Wichtigste: die Stammesführer."
In den letzten Jahren war sein Motto: "Die Amerikaner sind ein Bus. Mir ist egal, wie schnell er fährt, Hauptsache, es geht vorwärts, und ich sitze drin." Aber jetzt ist der Bus fortgefahren. Und zurückgeblieben sind Scheich Ali Hatim und die "Söhne Iraks." Jeden Tag nehmen die Aufständischen Rache, erschießen einige mit Schalldämpferpistolen oder entführen ihre Kinder. Nur ein Teil der Söhne, etwa 40 000 Mann, sind in die reguläre Armee eingegliedert. Nur 9000 haben Jobs an den Checkpoints bekommen. Viele mussten ihre Waffen abgeben und ihre Ränge. Laut "New York Times" vermuten die USA, dass bereits einige hundert "Söhne Iraks" sich von der Qaida haben kaufen lassen und den Widerstand mit Informationen versorgen. Grund sei die Enttäuschung über die neue, alte Regierung.
"Ich verstehe die Politik der Amerikaner nicht", sagt der Scheich. "Die Generäle haben uns unterstützt. Aber die Politiker in Washington haben uns verkauft." Der Irak werde, sagt Hatim, "iranischen Banden" ausgesetzt: "Wir sind einen Gangster losgeworden, Saddam, und haben tausend andere dafür bekommen. Die Amerikaner sind zu früh gegangen. Sie haben unser Land entbeint, zerstückelt und Iran auf dem Teller präsentiert."
Für seine "Söhne Iraks" sieht er keine Zukunft. "Es wird keine Renten geben, keine Posten, keine Gelder." Der Scheich wird sich von der Politik fernhalten. Er sagt, als Stammesführer sei er unkündbar und außerdem: "Jeder, der im Irak mächtig ist, wird eines Tages an der Laterne hängen. Ich bestelle mein Haus."
Jeder zieht sich zurück. Nicht nur die Amerikaner. Die Jugendlichen ziehen sich in ihre Chatrooms zurück, die Geschäftsleute in ihre Firmen, die Professoren kümmern sich um ihre Institute. Jeder kümmert sich um das Nächstliegende und erwartet nichts von der Regierung, hofft aber, dass der Bürgerkrieg ausbleibt.
Der Garten von Safia Talib al-Suhail liegt in einem von Betonschutzmauern umgebenen Compound. Sie pflegt ihn und hat sich einen Diwan, einen Versammlungsraum aus Schilf, darauf binden lassen. Suhail betreibt einen der neuen Literatursalons in Bagdad, den ersten, zu dem Frauen eingeladen sind. Sie organisiert Ausstellungen, Dichterdialoge, Lesungen. Sie sagt, es dürfe über alles geredet werden, was die Stadt zusammenbringen könnte: "Also nicht über Politik."
Suhail ist Politikerin. Sie gehört zur Liste von Premier Maliki. Safia Talib al-Suhail war die Frau, die George W. Bush im Jahr 2005 zu seiner "State of the Union"-Rede nach Washington eingeladen hatte. Als Beispiel für den geglückten "Regime Change" im Irak saß sie auf der Galerie, die Abgeordneten im Kongress applaudierten ihr. Heute sagt sie: "Ich kann niemandem mehr erklären, was mit uns Politikern los ist. Wir haben, glaube ich, einen neuen Rekord in Regierungslosigkeit aufgestellt, oder? Eine Schande."
Am Abend zuvor ist ihr Cousin vor seinem Haus hingerichtet worden, mit einer schallgeschützten Waffe. "Wir wissen nicht, ob es Kriminelle waren oder eine politische Botschaft. Wir sind wieder so weit." Die Familie gehört zum Tamim-Stamm der Abu-Ghuraib-Region. Suhails Vater wurde im Exil ermordet, vermutlich von Saddams Geheimdienstlern.
Das politische Spektakel im Parlament sei kein Abbild ihres Landes. "Vielleicht glauben sie sogar an ihre Agenda. Aber sie spielen schlecht." Die Bildung der neuen Regierung habe sich so grotesk verzögert, weil "von außen ständig dazwischengefunkt" wurde. Von Iran vor allem, aber auch von Saudi-Arabien, auch von der amerikanischen Botschaft.
Die Bevölkerung, sagt Suhail, sei längst weiter als ihre Repräsentanten. Es komme darauf an, sich unterhalb der Politik durchzuschlängeln. "Wir sind jetzt allein zu Haus. Das stimmt, auch wenn wir keine kleinen Kinder sind. Wir müssen nur allein mit unseren Problemen klarkommen." Und dann erzählt sie von ihrem achtjährigen Sohn Miro. Der hatte neulich beschlossen, allein in seinem Zimmer zu schlafen, bei geschlossener Tür. "Er hat ein Holzschild gemalt und an sein Zimmer gehängt: Bitte vor dem Eintreten klopfen. Er will ernst genommen werden. Auch wenn manchmal etwas schiefgeht. ◆
Von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 1/2011
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