03.01.2011

Gott in Sibirien

Global Village: Um die Taiga zu bevölkern, holt Moskau auch einst verfolgte Sektierer aus dem Exil zurück.
Mit seinem weißen Vollbart und der Filzjoppe wirkt Fjodor Kilin, als wäre er einem Ölgemälde eines alten russischen Meisters entsprungen. Der 70-Jährige steht vor einer schlichten Muttergottesikone. Seine sonore Stimme füllt die Bauernkate: weiches Kirchenslawisch, das kaum ein Russe noch spricht, mit spanischem Akzent.
Vor einem Jahr packten Fjodor und seine Frau Tatjana ihre Habseligkeiten und die Reisepässe - in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays - und machten sich auf in das Land ihrer Väter, das sie nie zuvor gesehen hatten. Von den subtropischen Gefilden an der Grenze zu Argentinien zog es sie ins fernöstliche Sibirien.
Starthilfe leistete die Regierung in Moskau. Im Juni 2007 legte sie ein Programm auf, das Exilrussen aus aller Welt in die alte Heimat locken soll - vor allem nach Sibirien, das sich langsam entvölkert.
Gebraucht werden dort alle, auch Menschen wie Fjodor und Tatjana. Die beiden sind sogenannte Altgläubige, orthodoxe Sektierer, die einst in Russland verfolgt wurden. Mit 300 000 Heimkehrern rechnet die Regierung bis 2012 insgesamt, es kamen bislang nur 20 000.
Die strenggläubigen Eltern von Fjodor und Tatjana waren in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts aus der Taiga vor den Kommunisten geflohen. Erst gingen sie nach Nordchina, dann nach Hongkong, dann nach Südamerika, immer weiter weg von der Moderne mit ihren lärmenden Städten.
Das Dorf Dersu ist für Fjodor deshalb Start und Ziel einer globalen Flucht. Zwölf Kinder hat das Paar, dazu 59 Enkel und 43 Urenkel. Knapp zwei Dutzend davon sind Fjodor aus Uruguay gefolgt, einige davon nach Dersu. Das Dorf hatte nur noch zehn Einwohner, bevor sie kamen, nun sind es gut doppelt so viele. Sie zelebrieren hier ihr wahres Russentum, jetzt noch weiter weg von der Zivilisation, aber nahe bei Gott. "Je weniger Menschen, desto fester der Glaube", sagt Fjodor.
China liegt von Dersu aus westwärts, nur 150 Kilometer entfernt. Moskau aber ist fünf Auto-, sieben Zug- und dann noch einmal acht Flugstunden entfernt. Durch die Kiefernwälder streifen die letzten ussurischen Tiger. Schneeflocken tanzen vor den Fensterscheiben, bald wird das Thermometer auf minus 40 Grad fallen.
Dumpf klopft es an der Holztür. Alexander stapft in die Stube, ein Nachbar. Was halt ein Nachbar ist in dieser Region, die so groß ist wie Hessen, in der aber gerade einmal 20 000 Menschen wohnen. Zwei Stunden saß Alexander bis Dersu am Steuer. Durch den ersten Fluss preschte er mit seinem Jeep, den zweiten überquerte er auf einem wackligen Kahn.
"Ich bin Atheist, doch ich bewundere ihren reinen Glauben", sagt Alexander über Fjodor und Tatjana. "Vielleicht sind sie nach dem Exil noch russischer als wir, die wir in der Heimat blieben." In Dersu tragen Mädchen die Haare zum Zopf geflochten, verheiratete Frauen bedecken das Haupt mit Haube oder Kopftuch. "Fotografieren", sagt Fjodor, "ist eine Sünde."
Als der Patriarch Nikon von 1653 an die orthodoxe Kirche reformierte, hielten viele Gläubige das für Teufelszeug. Sie spalteten sich ab, befolgten weiter die alten Riten - auch als später ihre Priester aufgehängt und ihre Kirchen niedergebrannt wurden. Ein paar hunderttausend Altgläubige gibt es heute noch weltweit.
Das klare Weltbild und strenge Sitten machen sie jetzt wieder attraktiv für ein Land, das fast 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion noch immer nach seiner Identität sucht. Vor allem scheuen die Altgläubigen nicht wie moderne Russen die Einsamkeit Sibiriens. Sie suchen die Einöde. Die Frau des Gouverneurs hat sie empfangen, der Sprecher des Bezirksparlaments lobende Worte gefunden.
Tatjana, die Hausherrin, tischt selbstgemachte Smetana auf, eine Art Sauerrahm, und eingelegte Gurken. Im vorigen Winter bohrten sie Löcher ins Eis, sie angelten und lebten ansonsten von Kohl und Kartoffeln. "Mütterchen Russland sorgt gut für uns", sagt Tatjana.
Fjodor hat ein Gummiband um den Kopf geschlungen, damit die wacklige Brille nicht von der Nase rutscht. Vor dem Essen liest er aus dem "Buch der Märtyrer" ein Kapitel über den heiligen Georg.
All die Jahrzehnte in Uruguay, sagt Fjodor, habe er an Russland gedacht. Lange schon wollte er heim, und als die Regierung dann Hilfe anbot, war die Zeit gekommen.
Hinter dem Schilf am Dorfrand von Dersu ruhen Fjodors Vorfahren. "Belowodje" - weißes Gewässer - nennen diese Altgläubigen das verheißene Land. Und Dersu kommt diesem Garten Eden am nächsten. Findet Fjodor. Es gibt nur Plumpsklos in diesem Paradies und keine Fernseher. Der Dieselgenerator liefert nur für wenige Stunden Strom. Er ist das einzige Hightech-Gerät neben der "motosierra", der Motorsäge, wie Fjodor auf Spanisch sagt, weil ihm das russische Wort nicht einfällt.
Die Gläubigen leben nach eigenen Regeln und in einer eigenen Zeit: Sie folgen dem julianischen, in Russland 1918 abgeschafften Kalender. Sie bedecken ihr Geschirr mit Tüchern, "damit das Böse nicht kleben bleibt".
Fjodor schenkt "Braschka" aus, das alkoholische Hirsegebräu. Er schlägt ein Kreuzzeichen als Schutz "vor dem Teufel, der jeden Tag um unsere Häuser streift". Dann leert er das Glas in einem Zug. Das Zeug rötet die Wangen und löst die Zunge. Fjodor erzählt vom Leid mit Petro, einem seiner Schwiegersöhne. Kürzlich hatte Petro zu viel vom Braschka gekostet. Dann hob er im Zorn die Hand gegen Fjodor. Er packte ihn so fest am Kragen, dass des Alten Hemd zerriss.
Es gibt Geister in Russland, gegen die selbst Fjodors Gebete machtlos sind.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 1/2011
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