03.01.2011

WINTERSPORTServolenkung im Tiefschnee

Die Entwicklung des Freeski beschert dem Skisport einen unerwarteten Boom. Es scheint, als hätten Snowboarder als Trendsetter ausgedient.
Was Benedikt Mayr einen "perfekten Lauf" nennt, wirkt von außen betrachtet wie die Aufhebung der Schwerkraft: eine atemraubende Abfolge von Flugeinlagen in einem künstlich angelegten Schneepark, bei denen Mayr bis zu 30 Meter weit durch die Luft segelt, mal im doppelten Salto rückwärts, mal mehrfach um die eigene Achse rotierend. Meist kreuzt er dabei seine zwei Skier bis unmittelbar vor der Landung.
Bereits unten im Ziel fehlt dem jungen Akrobaten oftmals die Erinnerung an das, was er soeben vollführt hat. "Es ist ziemlich lustig", sagt er, "die Tricks und Sprünge, die ich gerade gemacht habe, sind wie aus meinem Kopf gelöscht." Selbstvergessenheit gilt als typische Eigenschaft von Extremsportlern, die in ihren Bewegungen aufgehen - und für die Begriffe wie Grenzen und Gefahren ziemlich dehnbar sind.
Der Münchner Benedikt Mayr, 21, ist einer der besten Freeski-Profis Europas, seine Spezialität ist die spektakuläre Variante: der sogenannte Slopestyle. Bis vor kurzem waren Snowboarder noch die Könige auf den Pisten, ihre Kunststücke auf dem Brett galten als ultimative Herausforderung im Schnee.
Durch Cracks wie Mayr erlebt nun der vermeintlich altmodische Skisport mit dem Freeski eine Wiederauferstehung. Dahinter verbirgt sich alles, was nichts mit der klassischen Pistenabfahrt zu tun hat - das leichtgängige Fahren im Tiefschnee und auf Buckelpisten, im Hinterland, über Schanzen und Klippen, künstliche Hindernisse und eingeschneite Hüttendächer.
Es geht um Mut, Körperbeherrschung und Kreativität. Echte Könner rutschen mit ihren Freeski sogar seitlich auf Treppengeländern herunter und drehen sich dabei mehrmals um 180 Grad. "Früher war Skifahren konservativ", sagt Mayr, "jetzt ist es anarchisch. Wir machen, worauf wir Lust haben."
Befeuert wird der Trend zum Freeski durch die spezielle Bauart der Bretter: Sie sind tailliert wie Carvingski, nicht kürzer, aber breiter, was für mehr Auftrieb im Gelände sorgt. Der Rockerski, ein Allround-Modell, kommt auch den Tiefschneefahrern zupass, da er an den Schaufeln vorn etwas mehr nach oben gebogen ist. Die Trickser im Schneepark fahren Twintips, die nicht nur an den Spitzen eine starke Aufbiegung haben, sondern auch an den Enden - was das Rückwärtsfahren ermöglicht.
Sogar für Anfänger gibt es geeignete Modelle. "Freeski lassen sich leichter drehen, und sie verzeihen mehr Fahrfehler", erklärt Udo Stenzel, einer der Geschäftsführer des Skiproduzenten Völkl. "Es ist wie Autofahren mit einer Servolenkung." Rund 50 000 Fahrer weltweit, so schätzt der Internationale Ski Verband (FIS), sollen bereits mit den neuartigen Brettern in den Parks und Halfpipes unterwegs sein.
Für manche Hersteller machen die Freeski-Modelle bereits einen erheblichen Anteil am Gesamtumsatz aus. "Unser ganzer Warenbestand in diesem Segment steht schon im Handel", sagt Völkl-Mann Stenzel. "Die Lager sind leer, wir können in dieser Saison nicht mehr nachliefern." Bei dem bayerischen Unternehmen ist schon jetzt jedes vierte verkaufte Modell ein Freeski, Stenzel schätzt, dass diese Sorte Ski in zwei Jahren "50 Prozent des Verkaufs beherrschen" wird.
Bei der Firma Head, die führend auf dem deutschen Markt ist, sind die Prognosen noch etwas verhaltener. "Der Trend beschränkt sich auf die junge Zielgruppe", sagt Verkaufschef Michael Epple. Dennoch geht auch er von "Wachstumsraten in den kommenden Jahren" aus.
Die neue Art des Skifahrens prägt auch die Pistenreviere. Bedeutende Wintersportorte in den Alpen wie Kitzbühel, Davos oder Laax wären ohne ihre Funparks nicht mehr konkurrenzfähig. Die Areale der Freeski-Fahrer liegen meist mitten in den Skigebieten, an guten Tagen gibt es in den großen Anlagen bis zu 8000 Durchfahrten, wie der Schneeparkhersteller Schneestern errechnet hat - Tendenz steigend.
Vom Erfolg des Freeskiing will auch der organisierte Sport profitieren. Obwohl Trendsportarten von ihrer Regelfreiheit leben und es schon immer schwierig war, sie in Verbandssysteme einzugliedern, organisiert die FIS im Februar die erste Weltmeisterschaft im Ski-Slopestyle. In der kommenden Saison soll es einen Weltcup geben.
Sogar der Start bei Olympia ist bereits ein Thema. "Die Zukunft liegt in den Schneeparks", sagt Christophe Dubi, Sportdirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), "weil wir mit der Zeit gehen wollen, haben diese Sportarten extrem gute Chancen, ins Programm aufgenommen zu werden." Ob Ski-Slopestyle und Ski-Halfpipe tatsächlich olympisch werden, hängt von IOC-Präsident Jacques Rogge ab. Im April wird er voraussichtlich über die Disziplinen entscheiden - alleinverantwortlich.
Der amerikanische Sport-sender ESPN zeigt die großen Slopestyle-Wettbewerbe live. "Olympische Spiele wären eine riesige Chance für uns, weiter zu wachsen und im Mainstream zu landen", sagt Freeski-Profi Mayr. Mit zwei Skiern an den Füßen seien deutlich mehr und bessere Tricks möglich als mit einem Brett.
Dreimal, sagt Mayr, habe er in seinem Leben auf einem Snowboard gestanden: "Es hat einfach nicht funktioniert."
Von Lukas Eberle

DER SPIEGEL 1/2011
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