03.01.2011

Vorsicht mit Urgroßmutter!

Literaturkritik: Pierre Assoulines historischer Roman über Baronin Betty de Rothschild
Die Frau war noch keine vierzig, als der große Maler ihr Porträt begann, das er erst vier Jahre später vollendete. Der Meister war bekannt dafür, dass er sich nicht an Absprachen und Fristen hielt. Dennoch verfolgten ihn Bittsteller, so klagte er, wie Schuldeneintreiber. Das Porträt als Genre schien ihm seines Genies unwürdig. Ausnahmen machte er nur für besondere Persönlichkeiten.
"J. Ingres pinxit 1848" steht als Signatur auf dem Gemälde. Zeitgenössische Kritiker meinten, Jean-Auguste-Dominique Ingres sei mit dem Porträt der Baronin Betty de Rothschild eines seiner schönsten Bildnisse gelungen. Vielleicht ist es wegen der Namensträgerin angemessen, den Schätzwert zu nennen, der für die monumentale Ingres-Retrospektive des Pariser Louvre im Frühjahr 2006 ermittelt wurde: 46 Millionen Euro.
Ein Meisterwerk ist geschaffen, um zu dauern, und so bleibt Betty de Rothschild, die Mutter des französischen Zweigs der legendären Bankiersfamilie, dieselbe bis in alle Ewigkeit - ein wenig Melancholie im Blick, eine anmutige Zurückhaltung im Lächeln.
Die Beine sind unter dem prachtvollen Ballkleid (Farbton "afrikanische Rose", wie ein Modejournal vermerkte) übereinandergeschlagen, was für eine Dame ihres Standes seinerzeit ziemlich gewagt war.
Nach diesem Bildnis von Ingres hat der Schriftsteller, Kritiker und Biograf Pierre Assouline, 57, animiert durch die Ausstellung im Louvre, das literarische Porträt der Baronin geschaffen.
Er lässt das Gemälde sprechen, Bettys Seele ist in ihr Bild gewandert, von der Leinwand herab erzählt sie, sich an die Vergangenheit ihres erfüllten Lebens nachsichtig erinnernd und das Treiben der Gegenwart scharfsinnig beobachtend. Gut anderthalb Jahrhunderte ziehen vorbei, in einer Art imaginärer, jedoch keineswegs erfundener Memoiren, denn der
Autor macht aus seiner stolzen Heldin eine Geschichtszeugin, die sieht und hört, was um sie vorgeht, aber nicht allwissend ist, da ihre Wahrnehmung stets auf den Raum beschränkt bleibt, in dem sie als Bild in altersloser Schönheit hängt.
Die Baronin ist gerade gestorben, am 1. September 1886, als der Roman einsetzt. Ihr Geist lebt und spinnt seinen inneren Monolog. "Ein Bild schaut, genauso wie es geschaut wird", erklärt Assouline seinen Kunstgriff, und so ist Betty die ganze Zeit nur als Porträt anwesend, "eine mit großer Symbolkraft ausgestattete Ikone der Rothschilds".
Eine Enkelin des Gründervaters Mayer Amschel, wuchs die 1805 geborene Betty im Frankfurter Judenviertel auf, bevor ihr Vater Salomon sich 1818 in Wien niederließ. Seine jüngeren Brüder Nathan, Karl und Jakob, der sich später in James umbenannte, zogen jeweils nach London, Neapel und Paris. Nur der älteste der fünf Brüder blieb in Frankfurt; die Familie hatte sich schon in der zweiten Generation zu einer multinationalen Finanzdynastie entwickelt.
Vertrauen und Verschwiegenheit waren die Grundlagen des Kapitalgeschäfts, und diese Prinzipien ließen sich am besten befolgen, wenn man tunlichst unter sich blieb. Also heiratete Betty ihren Onkel James, den jüngsten Bruder ihres Vaters, setzte ihrerseits vier Söhne und eine Tochter in die Welt und wurde an der Seite des reichen Bankiers in Frankreich eine mondäne Gastgeberin und Mäzenin, die alle Verwerfungen ihrer Zeit erlebte, von der Juli-Revolution 1830 bis zur Dritten Republik nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen 1870/71.
Bismarck quartierte sich damals im Schloss Ferrières der Rothschilds außerhalb von Paris ein und begann von dort die Friedensverhandlungen. Das Bankhaus finanzierte die beträchtlichen Reparationszahlungen, die das geschlagene Frankreich an die Sieger leisten musste.
Betty, wie alle Rothschild-Frauen für das Geschäftliche nicht zuständig, führte ein großes Haus. Drei Soireen in der Woche, Bälle mit Hunderten Gästen waren die Regel. Die Baronin verkehrte von gleich zu gleich mit der aristokratischen Hautevolee und überhörte antisemitische Spitzen; sie knüpfte Freundschaften mit Künstlern wie Rossini und Chopin, dem flegelhaften Balzac, der grundsätzlich jedes Darlehen als Schenkung betrachtete und James als "König der Juden" schmähte, oder dem geistreichen Heine, der befand, im Haus seiner Vertrauten gehe es ganz "famillionär" zu.
Die Nazis plünderten die Kunstschätze der Rothschilds im besetzten Paris, das Bildnis der Baronin wurde auf das Märchenschloss Neuschwanstein verschleppt. Aber es kam heil zurück, mit einem Hakenkreuz auf der Rückseite gebrandmarkt.
"Vorsicht mit Urgroßmutter!", mahnte Guy de Rothschild seitdem, wenn ein Betrachter ihr zu nahe kam. Mit Guys Tod im Juni 2007, so lässt Assouline die Baronin sagen, "ist etwas endgültig zu Ende gegangen, das spüre ich".
Die Macht der Rothschilds ist dahin, auch wenn der älteste lebende Sohn, David, noch heute als Familienoberhaupt und Kopf des Bankhauses waltet. Die schönen Anwesen sind aufgelöst, zahllose Kunstwerke in Staatsbesitz übergeben. Bettys Porträt aber gehört immer noch zur Familie.
Pierre Assouline: "Das Bildnis der Baronin". Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff. Blessing Verlag, München; 320 Seiten; 19,95 Euro.
Von Romain Leick

DER SPIEGEL 1/2011
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