03.01.2011

MEDIZINAuf Krücken ins Weiße Haus

Ein Frauenschwarm, braungebrannt, mit sportlicher Figur - so kennt man John F. Kennedy. "Vitalität, Ausdauer und Widerstandsfähigkeit" bescheinigten Mediziner offiziell dem frisch gewählten US-Präsidenten: "Ihr Gesundheitszustand ist exzellent." Dass Kennedy in Wahrheit Schmerzmittel, Antibiotika, Schlafmittel und Antidepressiva schluckte, nach einer Rückenoperation im Jahr 1953 ins Koma fiel und insgesamt dreimal in seinem Leben die Letzte Ölung erhielt, konnte seine Familie erfolgreich geheim halten. Erst rund 40 Jahre nach dem Attentat von Dallas gewährte sie dem Historiker Robert Dallek teilweise Einblick in die ausufernden Krankenakten. Ein vierstündiger SPIEGEL-TV-Film zum 50. Jahrestag von Kennedys Amtseinführung (8. Januar, 20.15 Uhr, Vox) zeigt in wenig bekannten Bilddokumenten, wie janusköpfig sich der junge Senator aus Massachusetts auf dem Weg zur politischen Macht verhielt. Mal sieht man ihn strahlend vor der Fontäne des Weißen Hauses, in dem seine Kinder planschen. Dann wieder legt er eilig die Krücken weg, um vors Wahlvolk zu treten. Nach drei schweren Rückenoperationen trug Kennedy ein Stützkorsett, seine Amtsgeschäfte betrieb er zuweilen vom schmerzlindernden Schaukelstuhl aus. Wegen der Matratzen schlief er in Hotels auf dem Fußboden. Schlimmer als das Rückenleiden, berichtet nun Dallek den SPIEGEL-TV-Rechercheuren, sei die massive Fehlbehandlung von Kennedys Reizdarm gewesen. Schon als Kind laborierte der Junge ständig an Verstopfungen, Durchfall, Mattigkeit und Gewichtsverlust. Als 18-Jähriger, nach einer Odyssee durch verschiedene Hospitäler und Genesungszentren, fürchtete er, die Ärzte würden bereits seine "Sarggröße ausmessen". Um die Folgen seiner "spastischen Colitis" zu lindern, besorgte ihm der Vater ein Steroidhormon, das damals erstmals als Arznei verfügbar war. Kennedy nahm es allerdings in viel zu hohen Dosen ein. Ergebnis: Seine Nebennierenrinde versagte, zugleich wurden seine Lendenwirbel brüchig, es bildete sich Osteoporose, was seine Rückenprobleme noch steigerte. Zeitweise habe er acht Mediziner gleichzeitig beschäftigt, "die alle nichts voneinander wussten", so Dallek. Während des Wahlkampfs 1960 geriet Kennedy auch an den berüchtigten deutschstämmigen Arzt Max Jacobson ("Dr. Feelgood"), der ihm einen Wundertrank aus Amphetaminen und Schafsplazenta verabreichte. Sein Kommentar: "Und wenn es Pferdepisse ist, Hauptsache, es hilft." Über den Geschlechtskrankheiten des Politikers dagegen liegt immer noch ein Geheimnis. Bereits in der Hochschule steckte er sich offenbar mit Tripper an, in den fünfziger Jahren erhielt er dann mehrfach Antibiotika gegen Harninfektionen. Dass er seine Frau Jackie auch mit Chlamydien infizierte (die schwere Schwangerschaftsprobleme auslösen können), ist wahrscheinlich, aber nicht beweisbar. Jackie erlitt insgesamt vier Früh-, Fehl- oder Totgeburten. Die urologischen Krankenunterlagen ihres Mannes sind jedoch bis heute verschwunden.

DER SPIEGEL 1/2011
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